Fondaco dei Tedeschi

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Fondaco dei Tedeschi

Der Fondaco dei Tedeschi (Fondaco (nach arabisch Funduk, Warenbörse) der Deutschen) war die Niederlassung deutscher Händler in Venedig am Canal Grande direkt neben der Rialtobrücke.

Geschichte[Bearbeiten]

Im Bezirk San Bartolomeo der Lagunenstadt Venedig gibt es schon früh deutsche Kaufleute und arbeitssuchende Handwerker. Ein Schriftstück im venezianischen Archiv nennt im Dezember 1213 bspw. einen Goldschmied „Bernardus Teotonicus”.[1][2] Anhand des Verkaufsvertrags an den venezianischen Rat für den Grundboden datieren einige Historiker die Anfänge des Fondaco auf das Jahr 1222, andere gehen eher von 1225, die meisten jedoch vom Jahr 1228 aus: Am 5. Dezember 1228 wird das Gebäude zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Die Bezeichnung „Fondaco dei Tedeschi“ wurde allerdings erstmals 1268 verwendet. Eine Einrichtung mit ähnlicher Funktion gab es in Venedig aber wahrscheinlich schon vor 1200, wenn auch nicht in einem einzigen Gebäude vereint.[3] Nach einem Brand in der Nacht vom 27. auf den 28. Januar 1505[4] bezahlte Venedig den Wiederaufbau (1508) nach einem Entwurf von Frà Giovanni Giocondo unter der Bauleitung von Antonio Abbondi und ließ die Fassade von Tizian und Giorgione mit Fresken bemalen, die heute nicht mehr zu sehen sind. Die deutschen Kaufleute zu Venedig im „Fondaco dei Tedeschi“ bestellten von Albrecht Dürer für die Bartholomäuskirche ein großes Bild, das Rosenkranzfest.

Durch die offenen Arkaden im Erdgeschoss wurden Waren ein- und ausgeladen. Die Bewohner standen unter venezianischer Aufsicht. Wie viele andere Ideen hatten die Venezianer auch das Konzept eines Handelshauses und sogar die Benennung aus dem Orient übernommen, in dem sie sich gut auskannten und wo sie selbst gezwungen wurden, in „Fondaci“ zu leben und Handel zu treiben. Im Fondaco dei Tedeschi mussten die fremden Kaufleute aus Nord- und Mitteleuropa leben und ihr Kontor einrichten, also das eigene Warenlager. Nach ihrer Ankunft in der Lagunenstadt war es den Barkenführern strengstens verboten, die Kaufleute an einen anderen Ort zu fahren – auf eine Brücke zwischen Festland und Lagunenstadt musste man bis ins 19. Jahrhundert warten. Auch war den Bewohnern Venedigs untersagt worden, Kaufleute bei sich aufzunehmen; sie hielten sich aber nicht immer so streng daran: Andere Besucher, die keine Kaufleute waren, waren frei, sich in der Stadt eine Unterkunft auszusuchen. Bis den Deutschen die alleinige Nutzung des Fondaco zugesprochen wurde, wohnten hier auch Ungarn, Österreicher und Flamen. Für die Mahlzeiten gab es im Fondaco zwei Tafeln, die ein wenig die Rangfolge widerspiegelten: Die Regensburger Tafel war die zweite Liga und zu ihr gehörten Regensburger, Augsburger, Ulmer, Biberacher, Ravensburger, Konstanzer, Wiener, Ennser, Linzer, Gmunder, Salzburger und Laibacher. Zur ersten Liga, der Nürnberger Tafel, gehörten die Bewohner Nürnbergs, Kölns, Basels, Straßburgs, Speyers, Worms, Mainz, Frankfurts und Lübecks.[3] Bekannte Händlerfamilien, die im Fondaco dei Tedeschi Handel trieben, waren u.a. die Nürnberger Imhoff, Koler, Kreß, Mendel und Paumgartner, die Augsburger Fugger[5] und Höchstetter.

Aus Venedig importierten die Kaufleute vor allem Gewürze: Safran, Pfeffer, Ingwer, Muskat, Nelken, Zimt und Zucker. Auch Lebensmittel, die im Mittelmeerraum bekannt und beliebt waren, fanden den Weg von der Adria an die Pegnitz, wie Olivenöl, Mandeln, Feigen, Zitronen und Orangen, Konfitüren und Weine wie Malvasier und Chierchel. Hinzu kamen weitere wertvolle Produkte wie Korallen, Perlen, Edelsteine, Erzeugnisse der Glasfabrikation in Murano und der Textilindustrie, wie zum Beispiel Seidenstoffe, Baumwoll- und Damasttücher, Samt, Brokat, Goldfäden, Kamelotte und Boccasin. Papier und Bücher rundeten das Sortiment auf geistiger Seite ab.[3]

Im 19. Jahrhundert war die führende Persönlichkeit unter diesen Kaufleuten Vittorio Tedeschi, der gute Verbindungen zu dem Transsylvanischen (Siebenbürger) Adel und dem Österreich-Ungarischen Kaiserreich unterhielt.

Von 1870 bis 2011 beherbergte das Gebäude das Hauptpostamt von Venedig. Bereits 2008 war es an die Benetton Group verkauft worden. Der neue Eigentümer will den Komplex durch den niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas in ein Einkaufs- und Ausstellungszentrum umbauen lassen.[6] Diese Pläne stießen auf Widerstand in der Bevölkerung Venedigs [7] und wurden Ende Mai 2012 vom Nationalausschuss für Architektur endgültig verworfen. Er folgte damit den Empfehlungen des wissenschaftlichen Ausschusses für Architektur und Landschaft des Nationalen Ministeriums für Kultur sowie den venezianischen Denkmalbehörden in vollem Umfang. Der Nationalausschuss sah in den geplanten, massiven Veränderungen der Bausubstanz (u.a. der Bau eines zusätzliches Obergeschosses durch Teilabriss des Daches, zusätzliche Installation von Rolltreppen im Innenhof sowie die Installation eines Schwimmdocks am Canal Grande) einen stark „anti-historischen Charakter“, der der „historische Bedeutung eines solchen Gebäudes“ nicht angemessen sei. [8]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Fondaco dei Tedeschi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bernardus Teotonicus S.479 Jahrbuch der Münchener Geschichte, Bd. 2 1888.
  2. Bernardus Teotonicus e i rapporti commerciali tra la Germania Meridionale e Venezia prima della istituzione del Fondaco dei Tedeschi (= Centro Tedesco di Studi Veneziani. Quaderni. Bd. 8). Centro Tedesco di Studi Veneziani, Venezia 1978.
  3. a b c Daniela Crescenzio: Italienische Spaziergänge in Nürnberg – Band I: Nürnberg, Venedig des Nordens, 1. Aufl. 2011, Verlag IT-INERARIO, Unterhaching, ISBN 978-3-9813046-3-3
  4. Gunter Schweikhart: Die Kunst der Renaissance, Seite 52, ISBN 978-3-412-16300-6, abgefragt am 27. Januar 2011
  5. ISBN 978-3-17-018472-52006, S. 52
  6. http://www.venicepost.it/news/a-giugno-nel-fondaco-dei-tedeschi-la-mostra-dellamerican-folk-art-museum.html
  7. http://www.art-magazin.de/kunst/42235/american_folk_art_museum_new_york
  8. http://blog.arthistoricum.net/der-fondaco-und-die-united-colors-of-benetton-koolhaas-projekt-gescheitert/

45.438112.336663888889Koordinaten: 45° 26′ 17″ N, 12° 20′ 12″ O