Gesar

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Tibetische Bezeichnung
Tibetische Schrift:
གླིང་གེ་སར་སྒྲུང
Wylie-Transliteration:
gling ge sar sgrung
Aussprache in IPA:
[liŋ kʰesaː ʈʂuŋ]
Offizielle Transkription der VRCh:
Ling Kêsar Zhung
THDL-Transkription:
Ling Gesar Drung
Andere Schreibweisen:
Ling Gesser Drung
Chinesische Bezeichnung
Traditionell:
《格薩爾王傳》
Vereinfacht:
《格萨尔王传》
Pinyin:
Gésà’ěr Wáng chuán

Gesar, nach einer über 170 Jahre alten Schreibung auch Gesser Chan,[1] ist ein epischer tibetischer König, dessen Heldentaten in von Barden vorgetragenen Gesängen, in ihrer Gesamtheit Gesar-Epos genannt, beschrieben werden. Dieses Epos gilt als der größte zentralasiatische Epenzyklus.

Dieser Korpus von Erzählungen enthält das Grundmotiv vom Kampf des guten tibetischen Herrschers Gesar, auch Kesar bzw. Geser (Gesser-Chan), der als Mensch geboren wird, jedoch viele göttliche Fähigkeiten hat, gegen das Böse in der Welt. Gesers kriegerische und listenreiche Taten werden in ganz Zentralasien von Ladakh bis in die Mongolei, besonders aber in Osttibet, in Form von Gesängen tradiert, daher wird es meist Gesar-Epos genannt. Es existiert unter anderem in tibetischer, mongolischer und türkischer Sprache. Die Vortragenden waren und sind z. T. noch spezielle Gesar-Barden, die teilweise Texte im Umfang dicker Bücher memorieren können.

Das Epos ist sehr umfangreich und nimmt seinen Anfang mit der Entstehung der Welt. Es wurde wahrscheinlich für eine Aufführung über mehrere Tage hinweg konzipiert.

Inhalt[Bearbeiten]

Wandmalerei von Gesar

Die Gesar-Sage, das große Nationalepos Zentralasiens, besonders der Mongolen und der Tibeter, verherrlicht die Kämpfe Gesar Chans, des (nach einer der zahlreichen Überlieferungen) zweitgeborenen Sohns Indras, der im Auftrag Buddhas auf die Erde gesandt wird, um Ruhe und Recht zu schaffen. Eine vertriebene Königstochter von Tibet wird als Mutter des Göttersohns ausersehen, der als ein Kind von abschreckender Hässlichkeit aufwächst, bald als geistesschwach, bald als Teufelsbrut betrachtet wird, aber sich Ansehen zu verschaffen weiß. Mit 13 Jahren gewinnt er sich durch List ein Mädchen von seltener Schönheit namens Aralgo zur Frau. Als zweite Gattin erringt er im Kampf eine Königstochter, der er sich auf dem Lager in seiner übernatürlichen Gestalt offenbart. Hiermit schließt das erste Buch.

Die drei folgenden Bücher besingen die Überwindung eines Drachen und die Kämpfe um eine dritte Gemahlin, Tochter eines fremden Fürsten, an dessen Hof Gesar drei Jahre lang weilt. Dann auf magische Weise durch Aralgo, seine erste Gemahlin, benachrichtigt, dass sein böser Oheim Tschotong sie zu vernichten strebe, besteigt Gesar seinen wunderbaren Braunen, der in einer Minute die ganze Erde umsaust, und befreit seine Gemahlin, die ihm nun, um ihn an sich zu fesseln, den Trank der Vergessenheit eingibt.

Das fünfte und bedeutendste Buch der Sage füllt die Erzählung vom Schiraigolschen Krieg, dem wirkliche Begebenheiten zur geschichtlichen Unterlage gedient haben mögen. Anlass zum Kriege gab der Fürst von Schiraigol, welcher Rogmo, Gesars zweite Gemahlin, rauben will und zu diesem Behuf nach Tibet einen Einfall macht, während Gesar, wegen des Trankes der Aralgo den Vorgang nicht ahnend, bei dieser fern von Tibet in einem Zauberschloss weilt. Die Tibeter stehen zu Rogmo und sind anfangs siegreich; als aber der beste der tibetischen Helden erschlagen ist, bemächtigt sich ihrer allgemeine Verwirrung. Tschotong, das böse Prinzip in der Sage, liefert Rogmo aus und besteigt selbst den Thron, während er die Eltern Gesars zu den niedrigsten Diensten verurteilt. Durch ungewöhnliche Zeichen erschreckt, ermannt sich endlich Gesar und zieht gegen Tibet. Zorn entflammt ihn, als er der Mutter ansichtig wird mit von Laststricken durchgeriebener Schulter; durch sie erfährt er alles. Mit List macht er zunächst seinen Oheim Tschotong zum Gefangenen; dann sucht er seine Gemahlin Rogmo dem Fürsten von Schiraigol zu entringen, die aber diesem inzwischen ihre Liebe geschenkt hat. Als endlich auch sie wieder in Gesars Besitz ist, muss sie zur Strafe für ihre Untreue das Herz ihres Buhlen als Abendkost verzehren; dann tritt Gesar mit ihr den Rückweg nach Tibet an und lebt dort ruhig in Götterfreude.

Rezeption in Tibet[Bearbeiten]

Dieses Epos geht zurück auf vorbuddhistische Zeit (bzw. handelt von einer vorbuddhistischen Zeit), und so ist auch der Inhalt nicht (oder nur oberflächlich) vom Buddhismus geprägt. Für Ordinierte gilt die Lektüre des Epos (zumindest offiziell) als unnützer weltlicher Zeitvertreib. Bei tibetischen Laien hingegen ist es nach wie vor in allen Landesteilen sehr beliebt und wird beispielsweise als Hörbuch auf Kassetten in lokalen Dialekten angeboten, da kein einzelner Dialekt (wie der von Lhasa) von allen Tibetern verstanden wird.

Etymologie des Namens 'Gesar'[Bearbeiten]

Gesar, König von Ling (tib. <gling>), wird in einigen tibetischen Quellen als Herrscher von <khrom> oder <phrom> bezeichnet, das ist phonetisch in etwa [pʰɽom] bzw. [ʈʰɽom] (je nach Dialekt). Dies hat Ähnlichkeit mit dem Ostpersischen *frôm, hrôm, das „Rom“ (Römisches Reich, Byzanz) bedeutete. Ebenso erinnert der Name „Gesar“ an „Caesar“ in altlateinischer Aussprache ([kaesar], vlat. allerdings [tʃeːsare]), v. a. aber griechisch-byzantinisch [kaisar] – nur typisch tibetisch mit Monophthongierung und Nichtaspiration des Anlauts: [ke̲ːsa(ɽ)]. Es ist daher weithin anerkannt, dass der Held dieses Epos seinen Namen von Caius Iulius Caesar ableitet.[2] Damit endet allerdings die Ähnlichkeit mit dem historischen Original.

Geser[Bearbeiten]

Geser ist in dem Roman „Wächter der Nacht“ von Sergej Lukjanenko[3] der Anführer der Nachtwache und der Sprecher für die Kräfte des Lichts. Der Romancharakter soll aber der mythische Geser aus den Tibetischen Sagen sein, da seine asiatische Herkunft immer wieder angedeutet wird.

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. J. Schmidt 1839, Neudruck 1966
  2. Vgl. Stephan V. Beyer: The classical Tibetan language. SUNI, New York 1992, S. 140
  3. ISBN 3-453-53080-2

Literatur[Bearbeiten]

  • Alexandra David-Néel; Lama Yongden: La vie surhumaine de Guésar de Ling le héros tibétain racontée par les bardes de son pays. Paris 1995 (Reprint).
  • Matthias Hermanns: Das Nationalepos der Tibeter Gling König Ge sar, 1836, Neudruck Regensburg 1965.
  • Isaak Jakob Schmidt (Übers.): Die Thaten Bogda Gesser Chan's, des Vertilgers der Wurzel der zehn Übel in den zehn Gegenden. Eine ostasiatische Heldensage, Osnabrück 1966.
  • Tanma Jamyang Tsultrim: "Cultural Relics of the Tana Monastery in Yushu and Gesar", in: Tibet Studies, 1991, No.1, S. 184–190.
  • August Hermann Francke (Tibetologe): A Lower Ladakhi Version of the Kesar Saga. (Bibliotheca India Work No. 168) Calcutta 1905–1941.
  • August Hermann Francke: Der Frühlings- und Wintermythus der Kesarsage. Beiträge zur Kenntnis der vorbuddhistischen Religion Tibets und Ladakhs. (Mémoires de la Société Finno-Ougrienne XV) Osnabrück 1968 (Reprint; Originalausgabe 1902).
  • Andreas Gruschke: Mythen und Legenden der Tibeter, München 1996, ISBN 3-424-01309-9
  • "King Gesar Palace and relics", in: Andreas Gruschke: The Cultural Monuments of Tibet’s Outer Provinces: Kham – vol. 2. The Qinghai Part of Kham, Bangkok 2004, S. 153–154.
  • Walther Heissig: Geser Redzia-wu. Dominik Schröders nachgelassene Monguor(Tujen)-Version des Geser-Epos aus Amdo. (Asiatische Forschungen, Band 70) Wiesbaden 1980.
  • Walther Heissig: Geser-Studien. Untersuchungen zu den Erzählstoffen in den „neuen“ Kapiteln des mongolischen Geser-Zyklus. (Abhandlungen der rheinisch-westfälischen Akademie der Wissenschaften, Band 69) Opladen 1983.
  • Walther Heissig: Geser Khan, in: Enzyklopädie des Märchens, Band 5, hrsg. von R. W. Brednich. Berlin, New York 1987.
  • Silke Herrmann: Kesar-Versionen aus Ladakh. (Asiatische Forschungen, Band 109) Wiesbaden 1991.
  • S. Ju. Nekljudov; Z. Tömörceren: Mongolische Erzählungen über Geser. Neue Aufzeichnungen. (Asiatische Forschungen, Band 92) Wiesbaden.
  • Bruno J. Richtsfeld: Geser-Khan-Sagen aus dem Tsaidam-Gebiet (VR China, Provinz Qinghai), in: Münchner Beiträge zur Völkerkunde. Jahrbuch des Staatlichen Museums für Völkerkunde. München 7, 2002, S. 187–246.
  • Bruno J. Richtsfeld: Gesar-Überlieferungen der Monguor (Tu), in Tribus. Jahrbuch des Linden-Museums Stuttgart, 53, 2004, S. 99–117.
  • Bruno J. Richtsfeld: Gesar-Erzählungen der Yuguren (VR China), in: Central Asiatic Journal 49, 2005, S. 213–283.
  • Bruno J. Richtsfeld: Geburt und Jugend des Helden im Gesar-Epos der Monguor (VR China, Provinz Qinghai), in: Anthropos 101, 2006, S. 473–497.
  • Bruno J. Richtsfeld: Geburt und Jugend des Helden im Gesar-Epos der Monguor (VR China, Provinz Qinghai) (Fortsetzung), in: Anthropos 102, 2007, S. 115–134.
  • Geoffrey Samuel: „Ge sar of Ling. The Origins and Meaning of the East Tibetan Epic.“ In: Ihara Shōren 伊原 照蓮, Yamaguchi Zuihō 山口 瑞鳳 (Hg.): Tibetan Studies. Proceedings of the 5th Seminar of the International Association for Tibetan Studies. Naritasan Shinshoji 成田山新勝寺, Narita 1992, S. 711–722.
  • Rolf A. Stein: L'épopée tibétaine de Gesar dans sa version lamaique de Ling. (Annales du Musée Guimet, Bibliothèque d'Etudes, Tome 61) Paris 1956.
  • Rolf A. Stein: Recherches sur l'épopée et le barde au Tibet. (Bibliothèque de l'Institut des Hautes Etudes Chinoises, Vol. XIII) Paris 1959.

Weblinks[Bearbeiten]