Hans Grimm

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Hans Grimm (Begriffsklärung) aufgeführt.
Hans Grimm (1935)

Hans Emil Wilhelm Grimm (* 22. März 1875 in Wiesbaden; † 27. September 1959 in Lippoldsberg an der Weser) war ein deutscher Schriftsteller und Publizist. Sein Buchtitel „Volk ohne Raum“ wurde das Motto der nationalsozialistischen Expansionspolitik.

Leben[Bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten]

Sein Vater, der Rechtshistoriker und Hochschullehrer Julius Grimm (1821–1911), war Landtagsabgeordneter der Nationalliberalen Partei und 1882 an der Gründung des Deutschen Kolonialvereins beteiligt. Der Jurist und Reichstagsabgeordnete Karl Grimm (1826–1893) war ein Bruder seines Vaters.

Als Kind war Grimm scheu und träumerisch. Er lebte zurückgezogen, da er durch einen Unfall stark sehbehindert war und außerdem unter Allergien litt. Bereits früh zeigte er schriftstellerisches Talent: So verfasste er im Alter von zwölf Jahren ein Drama über Robin Hood. Nach dem Abitur 1894 begann er in Lausanne Literaturwissenschaft zu studieren, brach das Studium jedoch auf Druck seines Vaters bereits nach einem Jahr wieder ab.

Ab 1895 durchlief er in London eine Ausbildung zum Außenhandelskaufmann. Nach deren Abschluss 1897 wurde Grimm von einem deutschen Handelsunternehmen in Port Elizabeth (Südafrika) eingestellt. Ab 1901 war er selbständiger Kaufmann und Hafenagent in East London (Ostkap) und bewirtschaftete zusätzlich eine Farm. 1908 kam er für kurze Zeit nach Deutschland.

Karriere als Publizist und Schriftsteller[Bearbeiten]

1910 kehrte er nach Afrika zurück und verfasste Presseberichte aus der damaligen deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. In seinen Texten aus dieser Zeit taucht erstmals das Schlagwort der „Lebensraumpolitik“ auf, mit dem er später in weiten Kreisen bekannt werden sollte.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland begann er 1911 ein Studium der Staatswissenschaften in München (1914–1915) und in Hamburg. Daneben betätigte er sich als freier Schriftsteller. 1913 erschienen die Südafrikanischen Novellen, in denen er seine Eindrücke aus Deutsch-Südwestafrika verarbeitete und eine rassistische Einstellung gegenüber den afrikanischen Einwohnern artikulierte.

Im Ersten Weltkrieg diente Grimm zunächst als Frontsoldat, später als Dolmetscher. 1917 wurde er vom Reichskolonialamt beauftragt, eine propagandistische Darstellung über die deutschen Kolonisten in Afrika zu verfassen, die 1918 unter dem Titel Der Ölsucher von Duala erschien. Im Anschluss daran diente Grimm als wissenschaftliche Hilfskraft in der Auslandsabteilung der Obersten Heeresleitung.

Nach Kriegsende erwarb Grimm ein Gebäude eines aufgelösten Klosters in Lippoldsberg an der Weser und ließ sich hier als Schriftsteller nieder. Der „Klosterhaus Verlag“ in Lippoldsberg wurde von ihm 1951 gegründet. Der Verlag vertreibt außer den gesammelten Werken von Hans Grimm auch Bücher einschlägiger Autoren wie Hans Venatier, Jürgen Rieger und Erich Glagau.

Wie viele deutschnationale Politiker und Intellektuelle empfand er die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg – und insbesondere den damit verbundenen Verlust der deutschen Kolonien – als nationale Schmach und stand der konstituierten Weimarer Republik ablehnend gegenüber.

Durchbruch mit Volk ohne Raum[Bearbeiten]

Ab 1920 arbeitete Grimm an dem Roman Volk ohne Raum, der ihn bei seinem Erscheinen 1926 schlagartig prominent machte. Darin propagierte er den Erwerb von Lebensraum als Lösungsstrategie für die wirtschaftlichen und politischen Probleme der deutschen Republik. Der Roman war eines der meistverkauften Bücher der Weimarer Republik, sein Titel wurde rasch zu einem geflügelten Wort. Der Slogan Volk ohne Raum bot sich als griffige Formel an, mit der alle sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Republik kausal auf einen vermeintlichen Raummangel zurückgeführt wurden. Grimms Roman wirkte als Resonanzverstärker einer Stimmung, die als „kollektive Klaustrophobie“ bezeichnet werden könnte und wenig später von den Nationalsozialisten in ihren Vorstellungen vom „Lebensraum im Osten“ aufgegriffen und schließlich im sogenannten Generalplan Ost umgesetzt wurde. Grimm war einer der Lieblingsautoren Adolf Hitlers.[1]

Grimm selbst dachte nicht an „Lebensraum im Osten“, sondern, ausgehend vom klassischen Kolonialismus der Kaiserzeit („Der deutsche Mensch [braucht] Raum um sich und Sonne über sich“), an neuen „Lebensraum“ in Übersee.

Grimms Verhältnis zum Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Grimm war bereits seit 1923 ein Sympathisant der Nationalsozialisten.[2] Nach der „Machtergreifung“ 1933 wurde er wie eine Reihe weiterer bei den Nationalsozialisten angesehener Autoren (wie Börries Freiherr von Münchhausen, Ernst Jünger, Erwin Guido Kolbenheyer oder Hans Friedrich Blunck) zum Senator der Deutschen Akademie für Dichtung ernannt.[2] Als einziger lehnte Jünger seine Berufung ab.[3] Grimm gehörte bis 1935 zum Präsidialrat der Reichsschrifttumskammer.[4] 1936 propagierte Grimm in der Zeitschrift Die neue Literatur gemäß der nationalsozialistischen Rassentheorie den nordischen Herrenmenschen mit folgenden Worten: „daß eben wir Nordleute mit unseren verschiedenen Völkern mit unserem zutiefst gleichgearteten Wesen zu Vormännern dieser Erde berufen sind“.[5]

Nachdem ihm Propagandaminister Joseph Goebbels 1938 mit Inhaftierung gedroht hatte, weil Grimm „Auswüchse“ des NS-Staates kritisiert hatte, zog er sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Obwohl er weder der NSDAP beitrat noch vollständig mit der NS-Ideologie übereinstimmte, sah er im „Dritten Reich“ die einzige Möglichkeit, seine kolonialen, sozialen und nationalistischen Ideen zu verwirklichen.[6] In Hitler sah er noch nach 1945 einen „Reformator“.[2]

In der Sowjetischen Besatzungszone wurden seine Schriften Von der bürgerlichen Ehre und bürgerlichen Notwendigkeit (1932), Glaube und Erfahrung (1937), Von der deutschen Not (1937), Englische Rede (1938), Vom deutschen Kampf um den Raum (1940), Der Ölsucher von Duala (1944) und Volk ohne Raum (1944) auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[7]

Seine Differenzen hinderten ihn nicht daran, nach 1945 als Verharmloser des Nationalsozialismus in Erscheinung zu treten. 1950 konnte er Die Erzbischofsschrift, in der er zwischen Hitler und der „nationalsozialistischen Idee“ sublim unterscheidet und den Nationalsozialismus weiter als „revolutionär“ feiert, im Plesse-Verlag veröffentlichen.[8] Das Bundesamt für Verfassungsschutz zählt Die Erzbischofsschrift und das später erschienene Werk Warum – woher – aber wohin (1954) zu den „wichtigsten frühen Schriften zur Entschuldigung und Rechtfertigung des Nationalsozialismus“ in der Bundesrepublik.[9] Zudem publizierte er in der rechtsextremen Monatszeitschrift Nation und Europa.[2]

Bei der Bundestagswahl 1953 kandidierte Grimm auf der Liste der rechtsextremen Deutschen Reichspartei. Für die Vereinigung ehemaliger Internierter und Entnazifizierungsgeschädigter trat er als Redner auf. In seinem Vortrag nutzte Grimm die Parole „Du bist nichts, dein Volk ist alles“.[10] 1955 wurde eine seiner Veranstaltungen für ihn völlig unverständlich verboten.[11]

In der Ära Adenauer gesellschaftlich weitgehend isoliert, starb Grimm 1959 im Alter von 84 Jahren in seinem Haus in Lippoldsberg.

Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach übernahm 2008 die Bibliothek von Hans Grimm. Sie war zunächst in Familienbesitz geblieben und wurde dem Archiv zu Forschungszwecken als Stiftung übergeben.

Lippoldsberger Dichtertage[Bearbeiten]

Die inoffiziellen „Lippoldsberger Dichtertreffen“ – jährliche Lesungen nationalkonservativer Autoren, die Grimm von 1934 an in seinem Haus veranstaltete – musste er 1939 auf Druck von Goebbels hin abbrechen, da sie in Konkurrenz zu den offiziellen nationalsozialistischen Dichtertagen standen. Später nutzte Goebbels allerdings selbst den Begriff „Dichtertreffen“ für seine Veranstaltungen.

Die seit 1949 wieder von Hans Grimm veranstalteten Dichtertreffen wurden nach seinem Tod von seiner Tochter Holle Grimm bis 1981 fortgeführt. An den ersten Treffen nach 1949 nahmen 2.000 bis 3.000 Menschen teil, nach seinem Tod sank die Teilnehmerzahl rapide. Bei den letzten Dichtertagen 1981 waren es noch 200 Teilnehmer.[12]

Es trafen sich seit den 1930ern dort unter anderem:

Zitate[Bearbeiten]

„Hitler und die offizielle nationalsozialistische Parteileitung zogen mit ihren antisemitischen Aussprüchen und quälerischen Methoden ohne Zweifel den menschlich wohl zu erwartenden kriegstreiberischen Abwehrhaß des Weltjudentums auf uns […]“

Rückblick 1950[13]

Werke[Bearbeiten]

Hans Grimm: Volk ohne Raum
  • Südafrikanische Novellen. Langen/Müller, Frankfurt am Main 1913
  • Der Leutnant und der Hottentott und andere afrikanische Erzählungen. Deutsche Hausbücherei, Hamburg 1913
  • Der Ölsucher von Duala. Ein Tagebuch. Ullstein, Berlin 1918
  • Die Olewagen-Saga, Albert Langen, München 1918
  • Volk ohne Raum. Albert Langen, München 1926
  • Die dreizehn Briefe aus Deutsch-Südwest-Afrika. Albert Langen, München 1928
  • Das deutsche Südwester-Buch Albert Langen, München 1929
  • Der Schriftsteller und die Zeit. Bekenntnis. Albert Langen, München 1931
  • Die Geschichte vom alten Blute und von der ungeheueren Verlassenheit. Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin 1931
  • Was wir suchen, ist alles. Drei Novellen. Berlin 1933
  • Lüderitzland. Sieben Begebenheiten. München 1933
  • Englische Rede. Wie ich den Engländer sehe. C. Bertelsmann, Gütersloh 1938
  • Rußlanddeutsche und Donaudeutsche als Volksgruppen unterschiedlicher Fruchtbarkeit. In: DArchLandesVolksforschung 4, 1940
  • Die Erzbischofschrift. Antwort eines Deutschen. Plesse Verlag, Göttingen 1950
  • Leben in Erwartung. Meine Jugend. Klosterhaus-Verlag, Lippoldsberg 1954
  • Warum, woher, aber wohin? Klosterhaus-Verlag, Lippoldsberg 1954
  • Suchen und Hoffen. Klosterhaus-Verlag, Lippoldsberg 1960
  • Die Thomas Mann Schrift. Klosterhaus-Verlag, Lippoldsberg 1972

Literatur[Bearbeiten]

  • Christian Adam: Lesen unter Hitler: Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Galliani, Berlin 2010, ISBN 978-3-86971-027-3, S. 280ff.
  • Gudrun Eiselen: Südafrikanische Lebensform in Hans Grimms Dichtung. o.O. 1951.
  • Manfred Franke: Grimm ohne Glocken. Ambivalenzen im politischen Denken und Handeln des Schriftstellers Hans Grimm. SH-Verlag, Köln 2009, ISBN 978-3-89498-192-1.
  • Dieter Lattmann: Raum als Traum. Hans Grimm und seine Saga von der Volkheit. In: Propheten des Nationalismus, hrsg. v. Karl Schwedhelm. List, München 1969.
  • Wolfgang Monath: Grimm, Hans Emil Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 7, Duncker & Humblot, Berlin 1966, ISBN 3-428-00188-5, S. 83–85 (Digitalisat).
  • Baboucar Ndiaye: Beschreibung Afrikas in der neueren deutschsprachigen Literatur. Am Beispiel von Hans Grimms afrikanischen Dramen und Novellen und Uwe Timms Roman „Morenga“. Magisterarbeit, Universität Konstanz 2006. (Volltext)
  • Hans Sarkowicz: Zwischen Sympathie und Apologie: Der Schriftsteller Hans Grimm und sein Verhältnis zum Nationalsozialismus. In: Karl Corino (Hrsg.): Intellektuelle im Bann des Nationalsozialismus. (= Bücher zur Sache) Hoffmann und Campe, Hamburg 1980, ISBN 3-455-01020-2.
  • Heike Wolter: Volk ohne Raum. Lebensraumvorstellungen im geopolitischen, literarischen und politischen Diskurs der Weimarer Republik. Eine Untersuchung auf der Basis von Fallstudien zu Leben und Werk Karl Haushofers, Hans Grimms und Adolf Hitlers. (= Sozial- und Wirtschaftsgeschichte; 7) LIT, Münster u. a. 2003, ISBN 3-8258-6790-0.
  • Peter Zimmermann: Kampf um den Lebensraum. Ein Mythos der Kolonial- und Blut-und-Boden-Literatur. In: Horst Denkler, Karl Prümm (Hrsg.): Die deutsche Literatur im Dritten Reich. Themen – Traditionen – Wirkungen. Reclam, Stuttgart 1976, ISBN 3-15-010260-X.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tabellarischer Lebenslauf von Hans Grimm im LeMO (DHM und HdG)
  2. a b c d Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 198.
  3. Josef Wulf: Kultur im Dritten Reich. Literatur und Dichtung. Berlin/Frankfurt am Main 1989, S. 36–38
  4. Josef Wulf: Kultur im Dritten Reich. Literatur und Dichtung. Berlin/Frankfurt am Main 1989, S. 197
  5. Zitat bei Ernst Klee, Kulturlexikon, S. 198.
  6. Hermann Weiß (Hrsg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-596-13086-7, S. 164.
  7. polunbi.de 1946; polunbi.de 1948
  8. Katrin Sello: Der abgebrochene Anfang. In: Die Zeit, Nr. 38/1975.
  9. Bundesamt für Verfassungsschutz (2001): Rechtsextremistischer Revisionismus – ein Thema von heute. S. 22 (PDF)
  10. Hirsch: Rechts von der Union. S. 377f.
  11. Hirsch: Rechts von der Union. S. 377
  12. Martin Wellmann, 2004 polunbi.de
  13. Nach: Hirsch: Rechts von der Union. S. 377