Harnstein

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Blasenstein ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Weitere Bedeutungen sind unter Blasenstein (Begriffsklärung) aufgeführt.
Klassifikation nach ICD-10
N20 Nieren- und Ureterstein
N21 Stein in den unteren Harnwegen
ICD-10 online (WHO-Version 2013)
Röntgenbild eines Blasensteins

Harnsteine (lat.: Urolithe) sind kristalline Ablagerungen (Konkremente) der ableitenden Harnwege unterschiedlicher Zusammensetzung und Größe . Abzugrenzen hiervon sind Verkalkungen des Nierenfunktionsgewebes z.B. bei Nephrokalzinose, die außerhalb des Hohlsystems liegen. Je nach Fundort unterscheidet man Nierensteine (Lage im Nierenbecken oder den Nierenkelchen), Harnleitersteine (Lage im oberen, mittleren oder unteren Harnleiter), Blasensteine ( Lage in der Harnblase) oder Harnröhrensteine der Harnröhre.

Entstehung[Bearbeiten]

Ursachen[Bearbeiten]

Harnsteine können aus unterschiedlichen Gründen entstehen, so zum Beispiel infolge einer Entzündung der Nieren oder der ableitenden Harnwege, aufgrund einer zu engen Harnröhre, als Folge von Gicht und Zuckerkrankheit oder durch Genuss von übermäßig viel Oxalsäure in bestimmten Lebensmitteln. Ferner können angeborene Stoffwechselstörungen wie eine Cystinurie oder ein Morbus Crohn zur Steinbildung führen.

Entwicklung[Bearbeiten]

Harnsteine können entstehen, wenn Mineralsalze ausgefällt werden, die normalerweise im Urin gelöst sind, beispielsweise Calciumcarbonat, Calciumphosphat und Calciumoxalat. Bei einem hinreichend großen Säuregehalt des Urins können sich zunächst kleine Kristalle („Blasengrieß“) bilden, die sich allmählich zu größeren Gebilden zusammenfügen. Im Extremfall kann das gesamte Nierenbecken durch diese harten Einlagerungen ausgefüllt werden („Ausgussstein“).

Chemische Zusammensetzung und Benennung[Bearbeiten]

Da in der Vergangenheit zur Analyse von Harnsteinen häufig Mineralogen hinzugezogen wurden, hat sich bei vielen Steinarten bis heute die mineralogische gegenüber der chemischen Bezeichnung durchgesetzt. Es werden folgende Harnsteine unterschieden[1]:

Klinisches Bild[Bearbeiten]

Harnsteine bleiben häufig lange Zeit unbemerkt und werden erst auffällig, wenn sie sich (meist unter extrem starken, krampfartigen Schmerzen (Kolik)) im Nierenbecken oder im Harnleiter verklemmen.

Harnsteine aus Calciumsalzen können per Röntgenbild, Harnsteine aus Harnsäure („Uratsteine“) per Ultraschall nachgewiesen werden.

Behandlung[Bearbeiten]

Als Therapie der Kolik werden schmerzlindernde Medikamente gegeben, was in den meisten Fällen (etwa 80 %) für einen Abgang des oder der Steine ausreicht. Falls nicht, müssen die Steine entweder operativ entfernt oder durch Stoßwellen-Zertrümmerung (Extrakorporale Stoßwellenlithotripsie) so zerkleinert werden, dass sie selbständig abgehen. Die Stoßwellen werden von außerhalb des Körpers so auf den Stein fokussiert, dass er in kleine Bruchstücke zerspringt.

Das alleinige Trinken großer Mengen zur „Austreibung“ der Steine ohne zusätzliche medikamentöse Behandlung ist nicht erfolgversprechend. Der Spontanabgang kleiner Harnleitersteine kann durch Medikamente wie Alphablocker (z. B. Tamsulosin) oder Nifedipin erleichtert werden. Allerdings handelt es sich hierbei um einen Off-Label-Use. Das Entfernen von Blasensteinen war bis ins 19. Jahrhundert ein eigenständiger Beruf, der des Lithotomus.

Vorbeugung[Bearbeiten]

Als Vorbeugung gegen neuerlich auftretende Beschwerden (Metaphylaxe) wird das Trinken genügend großer Flüssigkeitsmengen (mindestens zwei Liter pro Tag) empfohlen und der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel: Bei calciumhaltigen Steinen auf Milchprodukte, bei Oxalatsteinen zum Beispiel auf Rhabarber und bei Harnsäuresteinen auf purinreiche Nahrungsmittel wie z. B. Innereien, Leber- und Blutwurst.

Weiterhin senkt Citrat (Citronensäure) das Risiko der Bildung von Harnsteinen. Das im Urin ausgeschiedene Citrat stammt einerseits aus dem Stoffwechsel, insbesondere dem Citratzyklus, andererseits wird es mit der Nahrung aufgenommen.

Harnsteine bei Haushunden[Bearbeiten]

Bei Haushunden dominieren Struvitsteine, sie machen etwa 50 % aller Harnsteine aus, wobei ihr Anteil durch diätetische Maßnahmen in den letzten 20 Jahren leicht gesunken ist. Seit Anfang der 1980er Jahre steigt der Anteil an Calciumoxalat-Steinen kontinuierlich an, ihr Anteil liegt in aktuellen Studien bei etwa 30 %. Ammoniumurat-Steine machen etwa 10 % aus, sie kommen aufgrund eines genetischen Defekts gehäuft bei Dalmatinern vor. Cystin-Steine haben einen Anteil von etwa 5 %.[2]

Literatur[Bearbeiten]

  • Albrecht Hesse, Dietmar Bach: Harnsteine – Pathobiochemie und klinisch-chemische Diagnostik. aus der Reihe: Klinische Chemie in Einzeldarstellungen. Band 5, Thieme, Stuttgart 1982, ISBN 3-13-488701-0
  • Albrecht Hesse, Jörg Joost: Ratgeber für Harnsteinpatienten. Hippokrates, Stuttgart 1985/1992, ISBN 3-89373-181-4
  • Albrecht Hesse, Andrea Jahnen, Klaus Klocke: Nachsorge bei Harnstein-Patienten. Ein Leitfaden für die ärztliche Praxis. Urban&Fischer, 2002, ISBN 3-3346-0832-8
  • Stefan C. Müller, Rainer Hofmann, Kai-Uwe Köhrmann, Albrecht Hesse: Epidemiologie, instrumentelle Therapie und Metaphylaxe des Harnsteinleidens (Version vom 3. Dezember 2013 im Internet Archive) aus: Deutsches Ärzteblatt 101, Heft 19, S. A1331–1336, 2004
  • C. Schmaderer,M. Straub, K. Stock, U. Heemann Harnsteinerkrankungen, Behandlung und Metaphylaxe Nephrologe 2010 5:425–438

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. A. Hesse: Urolithiasis bei Kaninchen. Die Herkunft der Namen. Animal Stone Letter 7:1/2013
  2. A. Hesse: Animal Stone Letter 1/2009. Harnsteinanalysezentrum Bonn
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