Harper Lee

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Harper Lee während der Überreichung der Presidential Medal of Freedom mit Präsident George W. Bush, 2007

Nelle Harper Lee (* 28. April 1926 in Monroeville, Alabama) ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und Pulitzer-Preisträgerin. Ihr einziges veröffentlichtes Buch Wer die Nachtigall stört (Originaltitel: To Kill a Mockingbird) verkaufte sich über 30 Millionen Mal.[1]

Leben und Werk[Bearbeiten]

Harper Lee ist das jüngste von vier Kindern von Amasa Coleman Lee, einem Rechtsanwalt und Staats-Senator von Alabama der Demokratischen Partei und Frances Cunningham Lee, geborene Finch. Eine Abstammung ihres Vaters von dem Südstaaten-General Robert Edward Lee wird von der Literatur als unwahrscheinlich angesehen.[2]. Ihr Vorname Nelle ist der rückwärts geschriebene Vorname ihrer Großmutter Ellen.

Lee erwarb den Highschool-Abschluss an der Monroe County High School in ihrer Heimatstadt.[2] Bereits als Kind war sie dem Schreiben zugeneigt - ihr Vater war neben der rechtsanwaltlichen und politischen Tätigkeit auch Verleger einer Lokalzeitung gewesen und schon in der frühen Kindheit hatte sie den gleichaltrigen Truman Capote kennengelernt, mit dem sie in den Jahren 1930 bis 1932 die Sommerferien in Monroeville verbracht hatte. Dennoch entschied sich Lee für ein Studium der Rechtswissenschaften. Das Vorbild des Vaters und der deutlich älteren Schwester Alice, die ab 1943 ebenfalls in der väterlichen Kanzlei praktizierte, hatten sie dazu bewegt.[2]. Sie besuchte ab 1944 zunächst das Huntingdon College in Montgomery, an dem auch ihre Schwester studiert hatte, wechselte aber bereits 1945 an die University of Alabama in Tuscaloosa. Dort galt sie - wie zuvor in Montgomery auch - zunächst als isolierte Einzelgängerin, hatte jedoch erste Möglichkeiten kurze Texte zu veröffentlichen und wurde später gar Chefredakteurin der Studentenzeitung Rammer Jammer.[2] 1948 erhielt sie ein Stipendium für eine Studienfahrt zum Sommerkurs „Europäische Zivilisation im 20. Jahrhundert“ in Oxford. Die sechs Wochen in der englischen Universitätsstadt empfand sie rückblickend als „beglückenden Oxforder Sommer“ und „das erste offene Bekenntnis zur Literatur“[3] Nach dieser Erfahrung wandte sie sich immer mehr von der Rechtswissenschaft, an der sie mehr das menschliche Drama als die Fachfragen des Rechts interessierten, ab und der Literatur zu. Ende 1948 entschied sie sich endgültig das Studium aufzugeben und setzte diesen Entschluss im Sommer 1949 in die Tat um.[2] Eine weiterer Grund für die endgültige Zuwendung zur Schriftstellerei soll dabei auch der Erfolg von Truman Capotes Debüt „Andere Stimmen, andere Stuben“ gewesen sein.[4]

Nach Abbruch ihres Studiums zog Lee nach New York City und arbeitete zunächst in einer Buchhandlung und später einige Zeit am Schalter der Fluggesellschaften Eastern Air Lines und BOAC in New York. Über Capote lernte sie Michael und Joy Brown kennen, mit denen sie sich schnell anfreundete. Das Ehepaar Brown entschied sich - um Lees literarische Ambitionen zu fördern - ihr den Lebensunterhalt für das Jahr 1957 zu finanzieren.[2] Bereits im Mai 1957 reichte sie ein Manuskript mit Kurzgeschichten über das Leben in den Südstaaten der USA in den 1930er Jahren, die über die Person der namensgebenden Hauptfigur Atticus verbunden waren, bei dem Verleger J. B. Lippincott ein. Das Manuskript wurde jedoch von Lippincott, der Nelle Lee auch das Pseudonym Harper vorschlug, und der Lektorin Tay Holthoff als noch nicht veröffentlichungswürdig angesehen. Ein Großteil der Hauptfiguren, der Rechtsanwalt Atticus Fink, der deutlich Lees Vater nachgebildet ist, die Ich-Erzählerin Scout, als alter ego der Autorin, deren Bruder Jem und Feriengast Dill, die Züge Truman Capotes tragend, kommen jedoch auch in diesem ersten Entwurf schon vor.[2] Über die nächsten drei Jahre überarbeitete sie unter dem Einfluss Holthoffs den Entwurf und verknüpfte die bisher lose miteinander zusammenhängenden Storys miteinander. Sie nahm dabei Holthoffs Rat an, ein starkes Hauptthema zu nehmen, das die einzelnen Erzählungen zusammenhalten kann. Vorbild für dieses Hauptthema wurde ein Gerichtsfall aus dem Jahre 1933 über die Vergewaltigung einer Weißen durch einen Schwarzen.[2]

Unter dem neuen Titel To Kill a Mockingbird (Wer die Nachtigall stört) erschien Lees bis heute einziger Roman 1960 und erhielt im darauf folgenden Jahr den Pulitzer-Preis. Bereits 1962 wurde er mit Gregory Peck in der Rolle des Atticus Finch verfilmt, wofür Peck einen Oscar erhielt (insgesamt bekam der Film drei). Truman Capote hat gelegentlich angedeutet, dass Teile des Romans To Kill a Mockingbird aus seiner Feder stammen würden. Pearl Kazin Bell, ein Verlagseditor bei Harper’s, hält diese Behauptung für plausibel, weil Harper Lee danach keine Romane mehr veröffentlicht hat – was nach ihrer eigenen Aussage jedoch daran liegt, dass jedes Nachfolgewerk im Schatten des ersten Erfolges stehen würde. Lavizzari hält die Indizien für eine Mitarbeit Capotes an Lees Roman jedoch für eher schwach, meint jedoch, die Widerlegung dieses von Capote gern gestreuten Gerüchts sei ebenso unmöglich wie seine Bestätigung.[5]

Von Ende der 1950er bis in die 1960er Jahre assistierte Harper Lee ihrem Kindheitsfreund und Feriennachbarn Truman Capote bei den Recherchen für dessen Roman Kaltblütig (Originaltitel: In Cold Blood), der ihr gewidmet ist. Im Anschluss an das Erscheinen des Romans scheint eine Entfremdung zwischen Lee und Capote eingetreten zu sein, wohl weil Harper Lee ihre Mitarbeit an dem Roman nicht hinreichend gewürdigt sah.[6]

1961 veröffentlichte Harper Lee zwei Artikel in Zeitschriften: Love – In Other Words in der Vogue und Christmas To Me in McCall’s. Ein weiterer Essay, When Children Discover America, wurde 1965 in McCall’s veröffentlicht. Sie wurde von Präsident Johnson in das National Council of Arts aufgenommen (Juni 1966). 1983 besuchte sie das Alabama History and Heritage Festival in Eufaula, Alabama. Dort präsentierte sie den Essay Romance and High Adventure.

Harper Lee lebt sehr zurückgezogen in New York und Monroeville. Einer ihrer seltenen öffentlichen Auftritte war anlässlich der Entgegennahme des Los Angeles Public Library Literary Award (Literaturpreis der öffentlichen Bibliotheken von Los Angeles) im Mai 2005.

Darstellung in der Kunst[Bearbeiten]

Ehrungen[Bearbeiten]

2007 wurde ihr die Presidential Medal of Freedom überreicht, die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten.

Werke[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Roy Newquist (Hrsg.): Counterpoint. Rand McNally, Chicago 1964
  • William T. Going: Truman Capote. Harper Lee’s Fictional Portrait of the Artist as an Alabama Child. Alabama Review, 42 (1989), S. 136–149
  • Mark Childress: Looking for Harper Lee. In: Southern Living. Ausgabe Mai 1997, S. 148–150
  • Charles J. Shields: Mockingbird – A Portrait of Harper Lee. Holt, New York 2006. ISBN 0-8050-7919-X.
  • Alexandra Lavizzari: Glanz und Schatten. Truman Capote und Harper Lee – eine Freundschaft. Edition Ebersbach, Berlin 2009, ISBN 978-3-938740-90-3.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Harper Lee – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. The Orlando Sentinel on To Kill a Mockingbird: „Thirty million copies of To Kill a Mockingbird have been sold since that coming-of-age novel, about a Southern lawyer who believed that no man should be denied justice because of the color of his skin, was first published in 1960 to critical acclaim.“ (11. Juni 2006) (englischsprachig)
  2. a b c d e f g h Hermann Weber, Juristen als Schriftsteller nichtdeutscher Sprache: (Nelle) Harper Lee, in: Neue Juristische Wochenschrift, Heft 11/2013, S. 743-748.
  3. Zitiert nach Lavizzari, Glanz und Schatten, S. 62, Bibliographische Angaben siehe unter Literatur.
  4. Lavizzari, Glanz und Schatten, S. 63.
  5. Lavizzari, Glanz und Schatten, S. 151.
  6. So jedenfalls Shields, Mockingbird, S. 253, Bibliographische Angaben siehe unter Literatur.