Irminsul

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Nachbildung einer Irminsul in der Kirche St.Petrus und Paulus Obermarsberg

Die Irminsul war ein frühmittelalterliches Heiligtum der Sachsen, das nach den Einträgen fränkischer Annalen zum Jahr 772 auf Veranlassung Karls des Großen von den Franken zerstört wurde. Der Name kann etymologisch auf irmin- = groß und sul = Säule zurückgeführt werden, bezeichnet also eine Große Säule. Die Existenz weiterer „Irminsäulen“ ist wissenschaftlich nicht belegt.

Standorte und Funktion[Bearbeiten]

Irminsul-Nachbildung auf der Bornhöhe in Harbarnsen-Irmenseul
Die Irminsul als Weltenbaum mit neun Ästen. Zeichnung: Marianne Klement

Die Irminsul der fränkischen Annalenwerke zum Jahr 772 befand sich bei oder in einiger Entfernung von der Eresburg nahe dem heutigen Obermarsberg. Das jedenfalls ist den Formulierungen in den Reichsannalen zu entnehmen.[1] Die dort als Ermensul bezeichnete Säule wurde von den Franken auf Veranlassung Karls des Großen zum Auftakt der Sachsenkriege im Verlauf des Sommerfeldzuges 772 zerstört.[2] Auch den Handschriften der Annales Einhardi, den Annales Petaviani und dem Chronicon Moissiacense lassen sich keine Hinweise zu Aussehen und Funktion der Irminsul entnehmen.

Erst der Mönch Rudolf von Fulda schrieb dazu 863 in De miraculis sancti Alexandri (Kap. 3):[3]

„Truncum quoque ligni non parvae magnitudinis in altum erectum sub divo colebant, patria eum lingua Irminsul appellantes, quod Latine dicitur universalis columna, quasi sustinens omnia.“

„Sie verehrten auch unter freiem Himmel einen senkrecht aufgerichteten Baumstamm von nicht geringer Größe, den sie in ihrer Muttersprache ,Irminsul‘ nannten, was auf Lateinisch ,columna universalis‘ (dtsch. All-Säule) bedeutet, welche gewissermaßen das All trägt.“[4]

Der Standort der Irminsul ist immer wieder auch an anderen Stellen vermutet worden. Wilhelm Teudt, Mitglied zahlreicher völkischer Organisationen und ab 1. Mai 1933 der NSDAP, glaubte Mitte der 1920er-Jahre in den Externsteinen den Standort der Irminsul entdeckt zu haben. Hans Reinerth verbreitete dann in den 1930er Jahren die von Hermann Diekmann begründete These vom Standort auf dem Tönsberg bei Oerlinghausen. Auch das Dorf Irmenseul, der Desenberg bei Warburg, die Iburg bei Bad Driburg, die Gertrudenkammer (Drudenhöhle) in den Teutoniaklippen bei der Karlsschanze im Eggegebirge zwischen Willebadessen und Borlinghausen, und die Velmerstot am Nordende des Eggegebirges sollen Standorte der Irminsul gewesen sein.

Die religiöse Funktion der Irminsul ist aufgrund der Quellenarmut nicht aufklärbar. Nach der ihr von Rudolf von Fulda beigemessenen Aufgabe, das ganze All zu tragen, wird sie bei einer angenommenen Vorstellung der Sachsen vom Himmel als einem Gewölbe häufig als Weltenbaum interpretiert und mit der Donareiche, dem heiligen Baum von Geismar (heute Stadtteil von Fritzlar) in Nordhessen, von dem Adam von Bremen im 11. Jahrhundert berichtet, oder Yggdrasil in Verbindung gebracht.

Spätmittelalter und Frühe Neuzeit[Bearbeiten]

Die Irminsul nach Sebastian Münster. Holzschnitt aus Cosmographey, um 1590.

Schon früh begann man sich Gedanken darüber zu machen, was es mit dieser Säule wohl auf sich gehabt haben könnte. So schreibt Sebastian Münster gegen 1550 in seiner „Cosmographia“: Dann zu Merspurg auff dem Berg Eresberg hetten die Sachsen ein auffgerichte Abgöttische Seul / die man Irmenseul nannt / da Hermes ward geehrt: das ist / Mercurius/ oder wie die andern sagen Mars / und ward die Statt auch darvon Martinopolis un Merspurg genennt. Etliche sprechen Irmenseul sey darumb also genennet worden/ daß es gleich als jedermans Seul und eine gemeine Zuflucht sey gewesen.[5] Münster gibt auch ein Phantasiebild der Irminsul, das er allerdings in völlig gleicher Art auch für andere Säulen verwendet. Schwert und Waage gibt er ihm in die Rechte, eine Fahne mit der lippischen Rose in die Linke. Münster glaubte, dass Hermes (Mercurius) oder Mars an der Säule angebetet worden wäre.

Heinrich Meibom, Professor an der Universität Helmstedt, der seine Schrift über die Irminsul 1612 dem Hildesheimer Domkapitel gewidmet hat,[6] veröffentlichte auf dem Abschlussblatt ein Ektypon Irminsulae, das wie ein großer Leuchter aussieht und wahrscheinlich die angeblich nach Hildesheim verbrachte Säule – nicht die Bernwards-Säule – zeigt. Meiboms Säule trägt keine Gestalt sondern nur einen spitzen Stachel, wie ihn Kerzenleuchter tragen. Der Schmuck der Säule entspricht ganz und gar der vergangenen Renaissance, spiegelt also sicher kein Gebilde der vorchristlichen Ära wider.

Irminsul nach Heinrich Meibom. 1612.

Der Rest der Irminsul soll sich nach einer seit dem 16. Jahrhundert dokumentierten Überlieferung[7] im Hildesheimer Dom unter einer Mariensäule im Boden befinden. Walther Matthes schreibt dazu: „Es heißt dort, daß bei der Anlage des Klosters Corvey (ab 822), die in der Zeit Ludwigs des Frommen erfolgte, im Erdboden eine alte Steinsäule gefunden worden und daß es die von Karl dem Großen eroberte Irminsul gewesen sei, die man nach der Zerstörung an diese Stelle gebracht und dort vergraben habe. Weiterhin wird geschildert wie man die freigelegte Heidensäule von diesem Fundort unter dramatischen Umständen nach Hildesheim schaffte, um sie dort im Dom als Kerzenträger aufzustellen“.[8] Matthes merkt an, dass die Erzählung die wachsende Bedeutung des Hildesheimer Bistums gegenüber dem Corveyer Kloster widerspiegelt, das im 9. und 10. Jahrhundert dominant war.

Irmensula als Gott ohne Säule. Nach Schedius, De diis Germanis, 1728

In dem Werk von Elias Schedius bildet ein Künstler 1728 den bewaffneten Kriegsmann, der auf der Säule gestanden haben soll, schon ohne Säule ab. Die Personifikation tritt nun ganz in den Vordergrund. Bemerkenswert ist der Bär, den er oben auf dem Brustschild platziert. Hundertfünfzig Jahre nach Sebastian Münster hatten sich die vorsichtigen Erwägungen in vermeintlich sichere Erkenntnisse verwandelt. 1731 konnte ein Gelehrter schon schreiben:

„Die Sachsen hielten ungemein hoch die sogenannte Irmen oder Ermen-Saul. Man meinte, es habe dieser Götz angedeutet den Mercurium, welcher Hermes in griechischer Sprache genannt wird. Das Bild, das auf dieser Säule gestanden, soll ein bewaffneter Kriegs-Mann gewesen sein, der in der rechten Hand eine Kriegs-Fahne, worin eine Rose, gehalten. In der Linken hielt er eine Waage. Seine Brust war offen und bloß, mit einem Bären bezeichnet. Im Schild führte er einen Löwen, worüber eine Waage hing. Auf dem Helm stund ein Wetter-Hahn. Wenn man zu Felde ging, wurde der Götz von der Säule weggenommen und mit ins Feld geführt, woran sie nachgehends die Gefangenen banden und sie töteten, oder auch wohl die Ihrigen selbst, die sich nicht gut hielten, wie solches auch den Königen öfters widerfahren. Diese Säule stunde im Stift Paderborn, oder wie einige sagen, bei Merseburg in Meißen. Sie wurde nach der Bekehrung Sachsens nach Hildesheim gebracht, wo sie noch heutigen Tags in der Mitte vor dem Chor stehen soll und an Fest-Tagen anstatt eines Leuchters dient. Sie hat die Eigenschaft, daß sie bei den heißesten Sommer-Tagen kalt ist und beim Aufschlagen einen recht schönen Klang von sich gibt.“[9]

Alfred Rethel: Sturz der Irminsul (1839); Fresko im Krönungssaal des Aachener Rathauses

Von diesem Bild des Irmin konnten sich die künstlerische und die gelehrte Welt, die mit der Französischen Revolution in eine stärker weltlich orientierte Forschung überging, nur langsam lösen. Ein Reallexikon der deutschen Altertümer schrieb noch 1881:

„Irmin war ein germanischer, kriegerisch dargestellter Gott, hoch von Wuchs und auf jeden Fall ein lichtes Himmelswesen, der sich wahrscheinlich mit Thurnarr und Ziu berührte. Darstellungen von ihm waren die dem Gotte Hirmin geweihten Säulen zu Scheidungen in Thüringen, zu Eresburg in Sachsen, und die Irminsul, Hirminsul oder Ermensul im Waldgebirge Osning bei Detmold. Ein heiliger Hain und ein heiliges Gehege umgab dieses 'berühmte Idol', und reiche Gold- und Silberschätze waren dabei niedergelegt. Es war ein hoher Baumstumpf, unter freiem Himmel errichtet. Karl der Große begab sich nach der Eroberung von Eresburg zu diesem Heiligtum und zerstörte es. Der Name Irm, Irmin wird durch got. airman, ahd. irmin, ags. eormen, irmen erklärt, welches als verstärkender Vorsatz in der Bedeutung allgemein verwandt wird; Irmingod ist der allgemeine Gott, der Gott des ganzen Volkes. Mannhardt, Götter.“[10]

Völkisches und neuheidnisches Symbol[Bearbeiten]

Irminsul als Emblem der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe

1929 hatte Wilhelm Teudt in seinem Buch Germanische Heiligtümer die These aufgestellt, das Kreuzabnahmerelief an den Externsteinen zeige mit dem gebogenen Gegenstand, auf dem die Figur eines Mannes steht, die – zum Zeichen für den Sieg des Christentums gebeugte – Kultsäule der Sachsen.[11] Dass Teudt für seine These keinen positiven Beweis antreten konnte, hinderte die erneute Popularität des alten Symbols im Volk nicht. Von der Fachwissenschaft wird seine Interpretation nicht geteilt. Teudt selbst gründete in Detmold die Vereinigung der Freunde germanischer Vorgeschichte, welche eine – wieder aufgerichtete – „Irminsul“ als Abzeichen führte.

Dem Zug der Zeit folgend wurde die Irminsul auch von anderen Gruppen wie der Nordischen Glaubensgemeinschaft und der Nordisch-Religiösen Arbeitsgemeinschaft verwendet. Die Irminsul spielte eine bedeutende Rolle als Symbol neuheidnischer Gruppen innerhalb und außerhalb des Nationalsozialismus.

Als 1936 die Vereinigung Teudts in die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe übernommen wurde, bemächtigte man sich dort auch des Emblems der Gemeinschaft. Im Vordergrund stand dort die Vorstellung, mit der Irminsul ein Gegensymbol zum christlichen Kreuz und einen sinnfälligen Ausdruck für die Idee des Ahnenerbes zu haben.

Die völkische Bedeutung lebte nach 1945 fort. So beschmierten Altnazis 1955 das Kreuzabnahmerelief an den Externsteinen mit schwarzer Farbe, überstrichen die „gebeugte Irminsul“ mit Silber und schrieben die Parole „Deutschland erwache“ daneben.[12] Irminsul heißt auch die Zeitschrift des 1976 gegründeten ariosophischen Armanenordens.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Irminsul – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Johannes Fried:Karl der Große.Gewalt und Glaube., Beck, München 2013, ISBN 978 3 406 65289 9, S. 131 Anm. 25
  2. Annales regni Francorum 772: Et inde perrexit partibus Saxoniae prima vice, Eresburgum castrum coepit, ad Ermensul usque pervenit et ipsum fanum destruxit et aurum vel argentum, quod ibi repperit, abstulit. Et fuit siccitas magna, ita ut aqua deficeret in supradicto loco, ubi Ermensul stabat. Quelle: Regesta Imperii, Karl der Grosse - RI I n. 149d
  3. MGH SS 2 S. 676 weblink
  4. F. R. Schröder: Quellenbuch zur germanischen Religionsgeschichte. Berlin/Leipzig 1933, § 63, S. 103
  5. Sebastian Münster: Cosmographey. Kap. Von dem Teutschen Landt, darin Abschnitt CCCCVVVI: Wie die Sachsen des Glaubens halb bestritten sind worden/durch die König von Franckreich. Um 1590, S. dccccxciii
  6. Heinrich Meibom: Irminsula Saxonica, hoc est ejus Nominis Idoli, sive Numinis tutelaris, apud antiquissimos Saxones paganos culti,… Helmstädt 1612. weblink
  7. Johannes Letzner: Corbeische Chronik. Hamburg 1590
  8. Walther Matthes: Corvey und die Externsteine. Schicksal eines vorchristlichen Heiligtums in karolingischer Zeit. Stuttgart 1982, ISBN 3-87838-369-X, S. 13
  9. Güldener Denck-Ring Göttlicher Allmacht und menschlicher Thaten von 1731, Elfter Teil, 6. Jahrhundert, aus dem Jahre 504 n.d.Ztw
  10. Artikel Irmin. In: Ernst Götzinger: Reallexikon der deutschen Altertümer. Ein Hand- und Nachschlagebuch für studierende und Laien. Leipzig 1881. S. 325 f
  11. Wilhelm Teudt: Germanische Heiligtümer. Beiträge zur Aufdeckung der Vorgeschichte, ausgehend von den Externsteinen, den Lippequellen und der Teutoburg. 1. Auflage. Eugen Diederichs Verlag, Jena 1929, S. 27 f
  12. Uta Halle: „Treibereien wie in der NS-Zeit“. Kontinuitäten des Externsteine-Mythos nach 1945. In: Uwe Puschner, Georg Ulrich Großmann (Hrsg.): Völkisch und national. Zur Aktualität alter Denkmuster im 21. Jahrhundert. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, ISBN 3-534-20040-3, S. 198