Jared Diamond

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Jared Diamond (2007)

Jared Mason Diamond (* 10. September 1937 in Boston, Massachusetts) ist ein US-amerikanischer Evolutionsbiologe, Physiologe und Biogeograf.

Leben[Bearbeiten]

Diamond erreichte im Jahre 1958 einen Bachelor-Abschluss an der Harvard University und promovierte 1961 an der University of Cambridge. Er war viele Jahrzehnte lang in der Feldforschung tätig und leitete zahlreiche anthropologische und evolutionsbiologische Expeditionen nach Neuguinea. Seit Juni 2004 ist er Professor für Geografie an der University of California, Los Angeles. Vorher war er dort Professor für Physiologie an der medizinischen Fakultät. Jared Diamond ist dem breiten Publikum durch seine populärwissenschaftlichen Bücher, in denen er neueste Erkenntnisse aus Anthropologie, Biologie und Geschichte zusammenhängend darstellt, bekannt geworden. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Preise und Ehrungen, darunter 2006 den Dickson Prize in Science und 2013 den Wolf-Preis für Agrarwissenschaft. Diamonds Arbeit ist ausgesprochen breit interdisziplinär angelegt.

1985 war er MacArthur Fellow.

Werk[Bearbeiten]

Das Hauptmotiv für seine anthropologischen und historischen Arbeiten sieht Diamond darin, nicht-rassistische Erklärungen für wesentliche Merkmale der menschlichen Geschichte zu finden. Denn solange nachvollziehbare und plausible nicht-rassistische Deutungsalternativen fehlten, würden viele Menschen auf rassistische Erklärungsangebote zurückgreifen.

In Der dritte Schimpanse greift er auf Erkenntnisse der Evolutionsbiologie, Linguistik, Geschichte, Archäologie und weiterer Disziplinen zurück, um die Frage zu beantworten, wie die entscheidenden Besonderheiten der Menschen zu erklären sind: Lebenszyklus und Sexualverhalten, Sprache, Kunst, Landwirtschaft, Völkermord und Umweltzerstörung. In diesem Werk sind bereits die Themen angelegt, die er in den folgenden drei Büchern vertieft.

Für sein Buch Arm und Reich, in dem er drastische Unterschiede in der naturräumlichen Ausstattung der Kontinente als Faktoren für die weltweite Dominanz westlicher und asiatischer (d. h. „eurasischer“) Kulturen feststellt, wurde er 1998 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Kernaussage dieses Werkes ist, dass nicht rassische Unterschiede, sondern höchst unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen die Grundlage für die verschiedenartigen Entwicklungswege menschlicher Kulturen bildeten. In schroffer Ablehnung rassistischer Erklärungsmuster geht Diamond von einer gleichzeitig strengen und vielschichtigen Umweltdeterminanz aus, die die Entwicklung der Kontinente in gewisser Form vorherbestimmt habe. So führt er an, dass die überlegene Entwicklung und weltweite Durchsetzung der eurasischen Kulturen auch auf ihre geografische Verbindung untereinander zurückzuführen sei, die einen jahrhundertelangen Austausch von Errungenschaften und resistenzbegründenden Infektionskrankheiten über Verkehrswege möglich gemacht habe, während hohe Gebirge, Wüsten und tropische Urwälder von endloser Weite als wirksame Innovationsbarrieren etwa das Südamerika der Inka vom Mesoamerika der Maya und Azteken getrennt hätten. Der für ihn für die menschliche Entwicklung entscheidende Übergang zu landwirtschaftlichen Gesellschaften ist seiner Darstellung folgend – neben klimatischen Unterschieden – v. a. durch die unterschiedliche Verfügbarkeit domestizierbarer Pflanzen- und Tierarten auf den verschiedenen Kontinenten geprägt, unter denen Eurasien auch hier von Anfang an eine vorteilhafte Sonderstellung hatte.

In seinem Werk Warum macht Sex Spaß? geht es um das in der Natur höchst ungewöhnliche menschliche Sexualverhalten und unsere Besonderheiten im Lebenszyklus, die für die Menschwerdung zentral waren.

In Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen betrachtet er beispielhaft einige Kulturen, die sich durch Übernutzung der Umwelt bzw. durch falsche Reaktion auf allgemeine Umweltveränderungen selbst zugrunde richteten und dann in sehr kurzer Zeit einen vollkommenen gesellschaftlichen Zusammenbruch erlebten. So analysiert er beispielsweise die Wikinger in Grönland, die Anasazi in Nordamerika, die Polynesier auf der Osterinsel oder die Maya in Mittelamerika. Er behandelt aber auch positive Beispiele von Kulturen, die trotz ungünstiger Voraussetzungen durch Anpassung überleben konnten. Er nennt hier die Isländer, die Inuit in Grönland, Japan unter dem Tokugawa-Shogunat und Populationen einiger polynesischer Inseln. Zudem leitet er aus diesen Erkenntnissen Handlungsempfehlungen für die heutigen Gesellschaften ab, die er weltweit in einer ähnlich gefährlichen Gesamtsituation sieht.

Diamonds neuestes Buch, Vermächtnis: Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können (2012) vertritt die These, dass die sozialen Strukturen indigener Gesellschaften weitgehend den Strukturen vormoderner Gesellschaften entsprächen und anthropologische Forschung daher Rückschlüsse auf die Menschheitsgeschichte erlaube.

Kritik[Bearbeiten]

Neben Anerkennung[1] haben Diamonds Thesen auch heftigen Widerspruch von Anthropologen[2] und Vertretern indigener Gesellschaften Papuas[3] hervorgerufen. So wird etwa bemängelt, dass Diamond indigene Gesellschaft pauschalisierend als kriegerisch darstelle und dass er sie als Relikte „unserer“ Vorfahren beschreibt, obwohl sich indigene Gesellschaften, wie jede andere, im Laufe der Zeit haben anpassen müssen und nicht so leben, wie es die Menschen vor Hunderttausenden von Jahren getan haben.[4]

Werke[Bearbeiten]

Online-Artikel[Bearbeiten]

Interviews

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jared Diamond – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Abby O'Reilly: Review: The World Until Yesterday: What Can We Learn from Traditional Societies?. In: The Independent, 20. Januar 2013. Abgerufen am 7. Februar 2013. 
  2. Why Does Jared Diamond Make Anthropologists So Mad?
  3. Survival und Indigene kritisieren Jared Diamonds neues Buch "Vermächtnis"
  4. Ein "Selbsthilfe-Handbuch" für "moderne" Menschen