Jean Anouilh
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Jean Marie Lucien Pierre Anouilh (* 23. Juni 1910 in Bordeaux; † 3. Oktober 1987 in Lausanne) war ein französischer Dramatiker, Drehbuchautor und Filmregisseur. Er gilt als einer der bedeutendsten Theaterautoren des 20. Jahrhunderts. Von den französischen Dramatikern wurde dieser begabte Bühnenschriftsteller „der skeptischste Mann des Jahrhunderts“ genannt.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Biografie
Anouilh ist das Kind eines Schneiders und einer Musikerin. Früh erhält er Kontakt zur Theaterwelt. Nach dem Umzug nach Paris studiert er einige Jahre Rechtswissenschaften und arbeitet in einem Verlagshaus. Später arbeitet Anouilh als Texter und Assistent des Schauspielers und Regisseurs Louis Jouvet in Paris.
Ab 1932 arbeitet er als freier Schriftsteller und veröffentlicht noch im selben Jahr das Drama Das Weib Jesebel. Weiters hat er in diesem Jahr sein Theater-Debüt mit dem Stück Der Hermelin.
In den Jahren 1942 bis 1946 veröffentlicht Anouilh vor allem die griechischen Werke Eurydike, Antigone, Orest und Medea. Antigone kann als Inbegriff des Widerstandes gegen die deutsche Besatzungsmacht gesehen werden. Als das Stück jedoch 1944 auf die Spielpläne kam, wurde es in der offiziellen Presse des Widerstands zum Teil abgelehnt - das "nein" der Antigone sei zu persönlich und nihilistisch. Trotz dieser Ambivalenzen um Antigones Verhalten wurde das Stück bald nach dem Krieg zum Schulklassiker in Deutschland und Frankreich und wird dabei vielfach unkritisch als Widerstandsstück behandelt, ohne die komplexeren historischen Zusammenhänge zu berücksichtigen. Le Chêne et le Roseau, ein Gedicht, das Jean Anouilh in Anlehnung an Jean de La Fontaine während eines Urlaubsaufenthalts schrieb, richtet sich gegen "Le pli de l'humaine nature" (Die Unterwerfung der menschlichen Natur).
In seinen Stücken hat er die Perspektiven der Dummheit, des Misstrauens und vor allem Enttäuschung durch die Liebe immer wieder abgewandelt.
Banale Handlungen kann Anouilh durch kluge Einfälle, elegante Rhetorik, poetische Passagen und realistische Effekte zu hinreißenden Wirkungen steigern.
In den nächsten Jahren veröffentlicht er noch zahlreiche weitere Werke und wird 1970 mit dem Grand Prix mondial Cino del Duca-Preis ausgezeichnet. 1987 veröffentlicht er mit Das Leben ist unerhört sein letztes Werk, eine Ansammlung von Jugenderinnerungen.
Jean Anouilh stirbt im selben Jahr in Lausanne.
[Bearbeiten] Werke
- Das Weib Jesebel (1932)
- Der Hermelin (1932)
- Der Reisende ohne Gepäck (1936)
- Euridike (1942)
- Antigone (1944)
- Orest (1945)
- Medea (1946)
- Einladung ins Schloß oder Die Kunst, das Spiel zu spielen (1947)
- Ardèle oder das Gänseblümchen (1948)
- Die Probe oder die bestrafte Liebe (1950)
- Die Taube (1950)
- Colombe, die weiße Taube (1951)
- Der Walzer des Toreros (1952)
- Jeanne oder Die Lerche (1953)
- Der Herr Ornifle (1955)
- Armer Bitos oder das Diner der Köpfe (1956)
- Das Orchester (1957)
- Mademoiselle Molière (1959)
- Becket oder die Ehre Gottes (1959)
- Die Goldfische (1970)
- La Culotte oder Die befreiten Frauen (1978)
- Das Leben ist unerhört (1987)
- Der Ball der Diebe
[Bearbeiten] Verfilmungen eigener Werke
- 1939 - Das Schloß der Liebe (Cavalcade d’amour) - Regie: Raymond Bernard
- 1947 - Monsieur Vincent - Regie: Maurice Cloche, Léon Carré – Drehbuchmitarbeit von Anouilh
- 1948 - Tödliche Leidenschaft (Pattes blanches) - Regie: Jean Grémillon
- 1952 – Monsun (Monsoon) - Regie: Rodney Amateau - Vorlage: Bühnenstück "Romeo und Jeanette"
- 1961 - Walzer der Toreros (Waltz of the toreadors) - Regie: John Guillermin
- 1963 - Becket - Regie: Peter Glenville
- 1971 - Das Pariser Appartement (A time for loving) - Regie: Christopher Miles
[Bearbeiten] Drehbücher nach Vorlagen anderer Autoren
- 1947 - Anna Karenina - Regie: Julien Duvivier – Drehbuchmitarbeit von Anouilh nach dem gleichnamigen Roman von Leo Tolstoi
- 1950 - Im Anfang war nur Liebe (Caroline Chérie) - Regie: Richard Pottier – nach einem Roman von Cécil Saint-Laurent
- 1952 - Mein Leben für die Liebe ´(Une caprice de Caroline Chérie) - Regie: Jean Devaivre – nach einem Roman von Cécil Saint-Laurent
- 1960 - Die Nacht hat dunkle Schatten (La mort de Belle) - Regie: Edouard Molinaro – nach einem Roman von Georges Simenon
- 1964 - Der Reigen (La ronde) - Regie: Roger Vadim – nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Arthur Schnitzler
- 1965 - Lebenshungrig (Piège pour cendrillon) - Regie: André Cayatte – Drehbuchmitarbeit von Anouilh nach einem Roman von Sébastien Japrisot
[Bearbeiten] Literatur
- Jean Firges: Jean Anouilh. Antigone oder: Verlangen nach dem Absoluten Sonnenberg, Annweiler 2003 ISBN 978-3-933264-30-5 (Exemplarische Reihe Literatur und Philosophie, Bd. 14, 122 Seiten).
- Martin Flügge, Verweigerung oder neue Ordnung. Jean Anouilhs Antigone im Kontext der Besatzungszeit (Rheinfelden, 1982).
- Frausing, Frauke: Jean Anouilh: Antigone Königs Erläuterungen und Materialien (Bd. 388). Hollfeld: Bange Verlag 2003. ISBN 978-3-8044-1706-9
[Bearbeiten] Weblinks
- Literatur von und über Jean Anouilh im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Dorlis Blume/Irmgard Zündorf: Tabellarischer Lebenslauf von Jean Anouilh im LeMO (DHM und HdG)
- Biblioweb: Biografie, Bibliografie, Inhalt, Analyse (Französisch)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Anouilh, Jean Marie Lucien Pierre |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Schriftsteller und Filmregisseur |
| GEBURTSDATUM | 23. Juni 1910 |
| GEBURTSORT | Bordeaux |
| STERBEDATUM | 3. Oktober 1987 |
| STERBEORT | Lausanne |

