Philippe Pétain

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Philippe Pétain um 1930

Henri Philippe Benoni Omer Joseph Pétain (* 24. April 1856 in Cauchy-à-la-Tour, Département Pas-de-Calais; † 23. Juli 1951 auf der Île d’Yeu) war ein französischer Militärbefehlshaber und Politiker.

Er wurde im Ersten Weltkrieg nach seinen Abwehrerfolgen im Jahre 1916 („Held von Verdun“) Oberbefehlshaber der französischen Armee und prägte nach dem Krieg als Marschall von Frankreich und Generalinspekteur der Armee die Verteidigungsdoktrin Frankreichs. Im Vichy-Regime bekleidete er nach kurzer Tätigkeit als Ministerpräsident das Amt des Chef de l’État (Staatschef).

Leben[Bearbeiten]

Pétain in der Zeit des Ersten Weltkrieges

Philippe Pétain wurde als Sohn des Bauern Omer-Verant Pétain und dessen Gattin Clotilde geboren. Von 1867 bis 1875 erhielt er eine Ausbildung im Kolleg Saint-Bertin in Saint-Omer und begann 1876 mit der Offiziersausbildung in der Militärschule Saint-Cyr.

Militärische Karriere[Bearbeiten]

Pétain absolvierte nach der Militärakademie noch die École Supérieure de Guerre in Paris. Er war, abgesehen von einer kurzen Verwendung in Marokko, im französischen Mutterland eingesetzt und kommandierte als Oberst von 1911 bis 1914 das Infanterieregiment 33 in Arras; zu seinen dortigen Untergebenen zählte auch der junge Charles de Gaulle. Beeindruckt von der Feuerkraft der neuen Maschinengewehre (die neben der Artillerie die wichtigste Waffe des Ersten Weltkriegs werden sollten) wurde Pétain zum Gegner der offensiven Doktrin (Offensive à outrance) des französischen Heeres. Dies hatte zur Folge, dass er bei Ausbruch des Krieges trotz seiner bereits 58 Jahre zwar Brigadekommandeur, aber noch nicht General war. Den Rang eines Brigadegenerals erhielt er Ende August 1914 und führte in der Schlacht an der Marne die 6. Division. Ende des Jahres war er bereits Kommandeur des XXIII. Armeekorps. 1915 bewährte er sich in der Schlacht im Artois und der Herbstschlacht in der Champagne (nun in der Funktion des Oberbefehlshabers der 2. Armee) als einer der besseren Generäle der französischen Armee. Besonders in der Abwehrschlacht von Verdun 1916 konnte Pétain seine taktischen Grundsätze erfolgreich umsetzen, was ihm den Ehrentitel „Held von Verdun“ einbrachte. 1917 stieg er zum Oberbefehlshaber der französischen Armee auf. In dieser Funktion brachte er die nach dem Scheitern der Offensive an der Aisne und in der Champagne aufgeflammten Meutereien unter Kontrolle. Mit Kriegsende wurde er zum Marschall von Frankreich befördert und war nach Ferdinand Foch die führende Persönlichkeit in der Armee. Zudem war er bei Soldaten und Bevölkerung beliebt, da das Vermeiden von Verlusten ein zentrales Element seiner Strategie war. Seit 1922 setzte sich Pétain vehement für die Errichtung der Maginot-Linie ein. 1925 beendete eine massive französische Militärintervention unter Pétains Führung den Aufstand der Rifkabylen.

Politische Karriere[Bearbeiten]

Ab 1930 wurde Pétain politisch aktiv und unterstützte rechte, antiparlamentarische Kräfte. 1934 wurde er Kriegsminister im Kabinett von Gaston Doumergue, 1939 Botschafter im franquistischen Spanien.

Frankreich während der deutschen Besatzungszeit von 1940 bis 1944
Pétain und Adolf Hitler am 24. Oktober 1940, in der Mitte Dolmetscher Paul-Otto Schmidt, rechts Joachim von Ribbentrop
Reichsmarschall Göring (rechts) mit Pétain und Admiral Darlan (links) im Dezember 1941 in St. Florentin-Vergigny

Am 18. Mai 1940 wurde er Vizeministerpräsident. Als sich im Krieg von 1940 die Niederlage gegen Deutschland abzeichnete, drängte Pétain auf einen Waffenstillstand.

Nach dem Waffenstillstand beauftragte die Nationalversammlung den bereits 84-jährigen Pétain mit der Bildung einer Regierung, die in Vichy im unbesetzten Teil Frankreichs ihren Sitz wählte. Ihm und seiner Regierung wurde von der Nationalversammlung die Vollmacht erteilt, eine neue Verfassung auszuarbeiten. Pétain nannte sich daher Chef de l’État und verfügte über nahezu absolute Vollmachten. Das Lied Maréchal, nous voilà wurde in Vichy-Frankreich zu Ehren von „Maréchal Pétain“ während des Zweiten Weltkrieges als inoffizielle Nationalhymne meist direkt nach der Marseillaise gespielt.

Im Prozess von Riom verurteilte seine Regierung einige Vorkriegspolitiker. Seit 1941 verlor das konservativ-autoritäre Vichy-Regime immer mehr seinen Rückhalt in der Bevölkerung, vor allem, weil Pétain sein ursprüngliches Versprechen nicht einhielt, nur sehr eingeschränkt mit Deutschland zu kooperieren.

Im Juli 1942 begannen die französische Polizei und Verwaltung mit der Deportation ausländischer und französischer Juden nach Auschwitz. Am 11. November 1942 besetzten deutsche Truppen den bisher „unbesetzten“ Teil Frankreichs als Reaktion auf die alliierte Landung in Nordafrika. Durch die Unterstützung Hitlers gewann Pierre Laval als Ministerpräsident zunehmend an Einfluss.

Pétain und sein Regime konnten sich nach der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 nicht mehr halten. Am 20. August war er gezwungen, zusammen mit seiner Regierung die Stadt Vichy zu verlassen und nach Belfort überzusiedeln. Nachdem am 25. August Paris von den Alliierten befreit worden war, musste der Marschall am 7. September erneut fliehen. Er wurde interniert und mit seinem Stab im Schloss Sigmaringen untergebracht. Mit der Regierung kamen rund 2000 Vichyfranzosen ins Exil der damals 5600 Einwohner zählenden Stadt Sigmaringen. Aus der süddeutschen Kleinstadt wurde formal bis zum 21. April 1945 die „Hauptstadt des besetzten Frankreichs“.

Nach Kriegsende und Nachleben[Bearbeiten]

Pétain reiste von Sigmaringen zuerst in die Schweiz aus, wo er einige Zeit in Weesen am Walensee verbrachte. Am 26. April stellte er sich dem französischen Obersten Gerichtshof. Am 14. August 1945 wurde Pétain von einem französischen Kriegsgericht wegen Kollaboration mit Nazideutschland zum Tode verurteilt. Die Strafe wurde durch Charles de Gaulle in lebenslange Haft und Verbannung auf die Insel Île d’Yeu umgewandelt. Pétain starb 1951 in der Verbannung.

Er wurde in Port-Joinville auf dem Friedhof der Île d’Yeu beigesetzt. Bis heute existiert ein für Pétain vorgesehenes Grab im Beinhaus von Douaumont (Ossuaire de Douaumont) bei Verdun. Um eine Umbettung dorthin zu erzwingen, wurden die Gebeine Pétains zwei Wochen vor den Wahlen zur Nationalversammlung des Jahres 1973 von Anhängern des Marschalls entwendet, zwei Tage später von der Polizei gefunden und am 22. Februar 1973 auf Anweisung von Staatspräsident Georges Pompidou wieder auf die Île d’Yeu übergeführt.[1][2]

Da Pétain großen Teilen der Bevölkerung sowie vor allem der politischen und militärischen Elite immer noch als Kriegsheld galt, wurde er jahrelang eher als Opfer der deutschen Besatzung gesehen und betont, dass sein Regime bei allen Fehlern auch als „Schutzschild“ gegen Nazi-Deutschland gewirkt habe. Die Verbrechen des Regimes wie etwa die Deportation der französischen Juden wurden entweder verschwiegen oder anderen Vichy-Funktionären zugeschrieben. Der Historiker Henry Rousso bezeichnete dies 1987 als das „Vichy-Syndrom“. Noch François Mitterrand (der erste sozialistische Präsident, 1981–1995) legte 1987 wie alle seine Vorgänger eine Rose zur Erinnerung an Pétain in Douaumont nieder; als dies 1992 publik wurde, löste es einen Skandal aus. Erst Mitterrands Nachfolger Jacques Chirac verurteilte die Verbrechen des Regimes und benannte die Verantwortung des französischen Staates dafür.

In einigen rechtsextremen Kreisen, z. B. beim Front national (FN) gilt Pétain immer noch als Held; allerdings vermeidet die FN-Vorsitzende Marine Le Pen anders als Jean-Marie Le Pen (* 1928, ihr Vater und Parteigründer der FN) das Thema eher.

Buchprojekt mit Charles de Gaulle[Bearbeiten]

Im Februar 2014 wurde die Existenz eines 350-seitigen Manuskripts (darunter 77 Skizzen und Schlachtpläne) mit dem Titel "La guerre mondiale 1914-1918" öffentlich bekannt.[3] Das Manuskript bearbeitete Pétain 1920-1931; einige Jahre mit seinem damaligen Protegé Charles de Gaulle. Nach einem Streit zwischen den beiden wurde es nicht veröffentlicht.[4]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Actes et écrits. Flammarion, Paris 1974 (2 Bde.).
  • La bataille de Verdun. Édition Avalon, Paris 1986, ISBN 2-906316-02-4 (Nachdr. d. Ausg. Paris 1929).
  • Discours aux Francais. 17 juin 1940–20 août 1944. Albin Michel, Paris 1989, ISBN 2-226-03867-1.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ansbert Baumann: Ein Nationalheld vor Gericht. Philippe Pétain wird zum Tod verurteilt. In: DAMALS. Das Magazin für Geschichte und Kultur. Heft 8/2010, S. 10–13.
  • Gérard Boulanger: A mort la Gueuse! Comment Pétain liquida la République à Bordeaux, 15, 16 et 17 juin 1940. Calmann-Lévy, Paris 2006, ISBN 2-7021-3650-8.
  • Pierre Bourget: Der Marschall. Pétain zwischen Kollaboration und Résistance („Un certain Philippe Pétain“). Ullstein Verlag, Frankfurt/M. 1968.
  • Christiane Florin: Philippe Pétain und Pierre Laval. Das Bild zweier Kollaborateure im französischen Gedächtnis; ein Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung in Frankreich zwischen 1945 und 1995. Peter Lang, Frankfurt/M. 1997, ISBN 978-3-631-31882-9 (zugl. Dissertation, Universität Bonn 1996).
  • Günther Fuchs u.a.: Werden und Vergehen einer Demokratie. Frankreichs Dritte Republik in neun Porträts. Léon Gambetta, Jules Ferry, Jean Jaurès, Georges Clemenceau, Aristide Briand, Léon Blum, Édouard Daladier, Phillipe Pétain, Charles de Gaulle. Universitätsverlag, Leipzig 2004, ISBN 3-937209-87-5.
  • Henry d’Humières: Philippe Pétain, Charles de Gaulle et la France. Lettres du Monde, Paris 2007, ISBN 978-2-7301-0212-4.
  • Pierre Pelissier: Philippe Pétain. Hachette, Paris 1980, ISBN 2-01-005746-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Philippe Pétain – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Time Magazine, März 1973.
  2. Grabstätte von Pétain
  3. L'histoire en rafale
  4. Le Monde / Antoine Flandrin: Un manuscrit de Pétain sur 14-18 mis au jour; Le Point: Un manuscrit de Philippe Pétain découvert
Vorgänger Amt Nachfolger
Joseph Paul-Boncour Kriegsminister von Frankreich
9. Februar 19348. November 1934
Louis Maurin