Jean-Baptiste le Rond d’Alembert

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Jean le Rond d’Alembert)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Jean Baptiste le Rond d’Alembert, Porträt von Maurice Quentin de La Tour, 1753 Unterschrift d’Alemberts

Jean-Baptiste le Rond ['ʒɑ̃ ba'tist lə ʁɔ̃ dalɑ̃'bɛːʁ], genannt D’Alembert, (* 16. November 1717 in Paris; † 29. Oktober 1783 in Paris) war einer der bedeutendsten Mathematiker und Physiker des 18. Jahrhunderts und ein Philosoph der Aufklärung. Gemeinsam mit Diderot war der Aufklärer Herausgeber der Encyclopédie. Er selbst beschäftigte sich jedoch vor allem mit dem mathematischen Teil.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

D’Alembert wurde als außerehelicher Sohn des Generals Louis Camus Destouches (1668–1726) und der späteren Salonnière der Marquise de Tencin (1682–1749) geboren. Seine Mutter setzte ihn an der Kirche St-Jean-le-Rond de Paris aus. Pierre Guérin de Tencin war ein Onkel mütterlicherseits und römisch-katholischer Kardinal sowie zugleich Erzbischof von Embrun (1724–1740) und von Lyon (1740–1758).

D’Alembert wurde von Madame Rousseau, geborene Etiennette Gabrielle Ponthieux (ca. 1683–1775), der Frau des Glasermeisters Alexandre Nicolas Rousseau,[1] als Findelkind aufgenommen und blieb dort bis zum Alter von 48 Jahren. Der leibliche Vater ermöglichte ihm jedoch eine umfassende Erziehung und Ausbildung.

Seine leibliche Mutter Claudine Guérin de Tencin

Mit zwölf Jahren trat er in das Collège des Quatre Nations ein und schloss es 1735 mit dem baccalauréat en arts ab. Später studierte er an der École de Droit erst Rechtswissenschaft, dann Medizin, ehe er sich endgültig autodidaktisch der Mathematik und Physik zuwandte. Sein mathematisches Hauptwerk waren seine Opuscules mathématiques in neun Bänden. D’Alembert interessierte sich unter anderem auch für Musik. Er veröffentlichte 1752 die Éléments de la musique théorique et pratique (Elemente der theoretischen und praktischen Musik) und zwei Jahre später Réflexions sur la musique en général et sur la musique française en particulier (Überlegungen zur Musik im Allgemeinen und zur französischen Musik im Besonderen).

Seine Bekanntheit verschaffte ihm Zugang zu den Pariser „Salons“. Er war Stammgast bei Madame de Deffand und Julie de Lespinasse, mit der er von 1764 an zusammen lebte. Dort lernte er Condorcet und David Hume kennen.

D’Alembert war gemeinsam mit Denis Diderot Herausgeber der Encyclopédie, dem monumentalen Werk im Zeitalter der Aufklärung. Der Buchhändler André Le Breton beauftragte ihn und Diderot, die Cyclopaedia von Ephraim Chambers zu übersetzen. Daraus entwickelte sich das Projekt der Encyclopédie, das sehr aktiv von Voltaire unterstützt wurde. Mit ihm schloss er eine enge Freundschaft, die durch eine rege Korrespondenz unterhalten wurde.

Seine Beiträge zur Encyclopédie, die zwischen 1751 und 1780 erschien, waren vielfältig. Er schrieb den Discours préliminaire im ersten Band, eine Art „Manifest der Aufklärung“, und verfasste über 1570 signierte sowie rund 210 weitere unsignierte Beiträge, die überwiegend aus dem Umfeld der Naturwissenschaften stammen. Er war es auch, der durch polemische Vorworte und wichtige Artikel wie Dictionnaire oder Genève (Genf) die ideologische Richtung des Werkes steuerte.

D’Alembert führte Briefverkehr auch mit „aufgeklärten Herrschern“ wie Friedrich II. von Preußen und der russischen Zarin Katharina der Großen. Doch sein Misstrauen gegenüber den Herrschenden war immer wach. In seinem Essai sur les gens des lettres et sur les grands (Versuch eines Aufsatzes über die schreibenden Leute und die großen Schriftsteller) verglich er 1759 die Weltanschauung des Adels mit der der Denkenden. D’Alembert war auch ein glänzender Tacitus-Übersetzer. Er war sowohl Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften,[2] der American Academy of Arts and Sciences (1781), der Académie des sciences als auch der Académie française, deren Generalsekretär auf Lebenszeit er 1772 wurde. Zuletzt lebte er als Pensionär von Friedrich II. von Preußen.

Er war Mitglied der Pariser Freimaurerloge Les Neuf Sœurs.[3]

D’Alembert starb am 29. Oktober 1783 im Alter von 65 Jahren an den Folgen einer Harnblasenkrankheit.

Begründer der mathematischen Kontinuumsphysik[Bearbeiten]

Nach ihm ist das D’Alembertsche Prinzip der Mechanik benannt. Das d’Alembertsche Prinzip der klassischen Mechanik erlaubt die Aufstellung der Bewegungsgleichungen eines mechanischen Systems mit Zwangsbedingungen.[4]

Er arbeitete auf dem Gebiet der Funktionentheorie, löste 1747 die heute nach ihm benannte (eindimensionale) Wellengleichung der schwingenden Saite und wurde so der Begründer der mathematischen Kontinuumsphysik. Ebenso geht der D’Alembertsche Operator für die Klein-Gordon-Gleichung der Quantenmechanik auf ihn zurück. D’Alembert arbeitete auch auf dem Gebiet der Konvergenz von Reihen und fand das Quotientenkriterium, das nach ihm auch D’Alembert-Kriterium genannt wird. Wichtig ist hierbei das Reduktionsverfahren von d’Alembert. Weitere Arbeiten galten der Wahrscheinlichkeitsrechnung; ein populäres, freilich unbrauchbares Spielsystem für das Roulette-Spiel, die Progression d’Alembert, wird ihm zugeschrieben.[5][6]

D’Alembert und Friedrich II.[Bearbeiten]

Mit Friedrich II. von Preußen stand er seit dem Jahre 1746 in Briefkontakt, dabei war die Initiative zum postalischen Gedankenaustausch von d’Alembert ausgegangen.[7] Anlass hierzu gab das von der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften ausgesetzte Preisausschreiben zu welchem d’Alembert eine Schrift verfasste Réflexions sur la cause générale des vents. Mit ihr war er auch bestrebt, in der Berliner Akademie als Mitglied aufgenommen zu werden. Pierre-Louis Moreau de Maupertuis beriet ihn bei seinem Vorhaben und so verfasste er zu seiner Schrift in lateinischer Sprache ein Widmungsgedicht an den preußischen König.[8]Doch blieb die direkte Antwort Friedrichs II. aus, vielmehr antwortete an seiner statt Jean-Baptiste de Boyer, Marquis d’Argens. Als d’Alembert dann im Jahre 1751 seinen Discours préliminaire de l'Encyclopédie[9] publiziert hatte, trat Friedrich II. nunmehr in Kontakt zu dem Autor und überließ ihm von nun an eine Pension von 1200 Livres auf Lebzeiten. Im Sommer des Jahres 1763 reiste d'Alembert zu einem dreimonatigen Aufenthalt auf Schloss Sanssouci. Während seines Potsdamaufenthaltes besuchte er Leonhard Euler in Berlin. Euler war 1741 von Friedrich II. an die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften berufen worden die er 1766 verließ und zurück nach St. Petersburg ging, wo Katharina die Große seit 1762 als Kaiserin von Russland residierte. Der preußische König bot d’Alembert eine Position als Präsident in Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften an und obgleich d’Alembert zeitweise unschlüssig war, ob er seinen Lebensmittelpunkt nach Preußen verlegen sollte, nahm er von dem Angebot abstand.[10] In seinem Verhältnis zu Friedrich II. von Preußen unterschied sich d’Alembert von Diderot, der spätestens ab dem Siebenjährigen Krieg (aus preußischer Sicht auch als Dritter Schlesischer Krieg bezeichnet) eine Antipathie gegenüber dem friderizianischen Staat und seinem ersten Repräsentanten hegte.

D’Alembert und Denis Diderot[Bearbeiten]

Zum Ende des Jahres 1757 und Anfang 1758 erlebte die Encyclopédie unter der Herausgabe von Denis Diderot und d’Alembert eine schwere Krise. Ursache hierfür waren die von d’Alembert nach Anregung von Voltaire verfassten Artikel über die Stadt Genf. Ein Eintrag der umfangreiche Diskussionen und zahlreiche Protestbriefe nach sich zog und die zum Teil schon angestrengte Beziehung beider Herausgeber schließlich entzweite.[11]

Siehe auch[Bearbeiten]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Sur la destruction des Jésuites en France, par un auteur désintéressé, Edinburgh 1765 (Digitalisat)
  • Oeuvres, Paris 1821– (Digitalisat: Bd. 1, Bd. 2, Bd. 4)
  • Condorcet: Oeuvres de d’Alembert. Sa vie - ses oeuvres - sa philosophie. Didier, Paris 1853 (Digitalisat)
  • Einleitung zur Enzyklopädie. Hrsg. von Günther Mensching. (= Philosophische Bibliothek, Band 473). Meiner, Hamburg 1997. ISBN 978-3-7873-1188-0
  • Mémoire sur le calcul intégral. (1739)
  • Traité de dynamique. (1743 oder 1758)
  • Traité de l’équilibre et du mouvement des fluides : pour servir de suite au Traité de dynamique. (1744)
  • Réflexions sur la cause générale des vents. (1747, Paris, David l'aîné)
  • Recherches sur les cordes vibrantes. (1747)
  • Recherches sur la précession des équinoxes et sur la nutation de l’axe de la terre. (1749)
  • Éléments de musique. (1752)
  • Mélanges de littérature et de philosophie. (2. Teil 1753, 5. Teil 1759-1767)
  • Essai sur les éléments de philosophie. (1759)
  • Éloges lus dans les séances publiques de l’Académie française. (1779)
  • Opuscules mathématiques. (8 Teile, 1761-1780)
  • Œuvres complètes. Éditions CNRS, 2002 (ISBN 2-271060133)
  • Correspondance avec Frédéric le Grand. Éd. Preuss, Berlin, Duncker 1854, et al.
  • Inventaire analytique de la correspondance 1741-1783 Éd. de Irène Passeron, CNRS éditions, 2009

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Jean le Rond d’Alembert – Quellen und Volltexte (französisch)
 Commons: Jean le Rond d’Alembert – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Launay, Françoise: D’Alembert et la femme du vitrier Rousseau, Etiennette Gabrielle Ponthieux (ca. 1683-1775) online
  2. Mitglieder der Vorgängerakademien. Jean le Rond d'Alembert. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 14. Februar 2015.
  3. Alexander Giese: Die Freimaurer. Böhlau Verlag, Wien 1997, ISBN 3-205-98598-2.
  4. J. W. Warren: Verständnisprobleme beim Kraftbegriff. Nach der englischen Originalausgabe Understanding Force erschienen 1979 bei John Murray, London. S. 16–17, Online (PDF; 395 kB)
  5. Istvan Szabo: Geschichte der mechanischen Prinzipien und ihrer wichtigsten Anwendungen. Birkhäuser Verlag, Basel 1987, ISBN 3-7643-1735-3 S. 31 f.
  6. Jean-le-Rond D'Alembert (1717 - 1783) aus W. W. Rouse Ball: A Short Account of the History of Mathematics. (4th edition, 1908), online
  7. Brunhilde Wehinger (Hrsg.): Geist und Macht Friedrich der Große im Kontext der europäischen Kulturgeschichte. Akademie Verlag, Berlin 2005, ISBN 9-7830-5004-069-1, S. 250 f.
  8. Joseph Jurt: Sprache, Literatur und nationale Identität: Die Debatten über das Universelle und das Partikuläre in Frankreich und Deutschland. Walter de Gruyter, Berlin 2014, ISBN 3-1103-4037-2, S. 64
  9. Discours préliminaire de l'Encyclopédie (1751)
  10. Iwan-Michelangelo D'Aprile: Friedrich und die Netzwerke der Wissenschaften. Friedrich300 - Politik und Kulturtransfer im europäischen Kontext
  11. Struve: Stadt-Wissen: Überlegungen zu Stadkonstruktionenin der Encyclopédie ou Dictionnaire Raisonné desSciences, des Arts et des Métiers (1750-1772). Dossier