Joseph Lister, 1. Baron Lister

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Joseph Lister, 1. Baron Lister

Joseph Lister, 1. Baron Lister, OM (* 5. April 1827 in Upton, Essex; † 10. Februar 1912 in Walmer, Kent) war ein britischer Mediziner. Er machte sich einen Namen als „Vater der antiseptischen Chirurgie“.

Leben[Bearbeiten]

Joseph Lister stammte aus einer wohlhabenden Quäkerfamilie in Upton, Essex. Sein Vater war Joseph Jackson Lister, ein Wegbereiter der optischen Mikroskopie. Lister studierte von 1846 bis 1852 in London zunächst Kunst, wechselte dann aber schnell zur Medizin (angeregt durch seine Anwesenheit bei der öffentlichen Vorführung von Narkose durch Robert Liston) und erhielt 1852, 25-jährig, den Bachelor of Medicine. 1855 wurde er Mitglied („Fellow“) des Royal College of Surgeons in Edinburgh sowie Hauschirurg (House Surgeon) an der Royal Infirmary und Assistent des Regius Professors für Chirurgie James Syme (sein Schwiegervater). Ab 1860 war er Regius Professor für Chirurgie in Glasgow, ab 1869 Regius Professor der klinischen Chirurgie an der Universität Edinburgh und 1877 Professor für Klinische Chirurgie am King’s College London.

Listers Grabstein

Gleichzeitig mit seiner Ernennung zum Regius Professor in Edinburgh wurde er Surgeon to the Queen in Scotland und behandelte Königin Victoria auch erfolgreich gegen einen Abszess während ihres Aufenthaltes in Balmoral Castle.

1856 heiratete Joseph Lister die Tochter des Chirurgen James Syme, Agnes Syme.

Nach dem Tod seiner Frau 1892, auf einem Urlaub in Italien, zog er sich aus der Praxis zurück, beriet aber noch hin und wieder, zum Beispiel bei der Blinddarmoperation von König Edward VII. kurz vor dessen Krönung 1901.

Er liegt auf dem Friedhof von West Hampstead (Hampstead Cemetery) begraben.

Werk[Bearbeiten]

Ein Großteil seiner Pionierarbeit in Antiseptischer Medizin entstand in Glasgow in den 1860er Jahren, wo er neben seiner Professur Chirurg an der Royal Infirmary war. Dabei wurde er von den Schriften von Louis Pasteur über Keime als Ursache von Fermentations- und Fäulnisprozessen beeinflusst, auf die ihn der Professor für Chemie in Glasgow Thomas Anderson 1865 aufmerksam machte. Der Einsatz von Phenol (damals „Karbolsäure“ genannt) zur Geruchsbekämpfung in Abwässern in der Stadt Carlisle und seine Verwendung im Rahmen der Neuanlage der Kanalisation in Paris durch Georges-Eugène Haussmann brachte Lister auf die Idee, in der Chirurgie und der Wundmedizin mit Phenol zu experimentieren. Zunächst wurde eine Phenollösung bei und nach Operationen über dem Operationsfeld vernebelt, so dass die Hände der Ärzte, die Instrumente und auch die Operationswunde mit einem bakterizidem Film benetzt wurden. Um 1867 versorgte er als erster Wunden mit in Phenol getränkten Verbänden (Listerscher Verband). Auch führte er, eben von Glasgow nach London berufen, 1877 die erste Operation einer frischen Kniescheibenfraktur unter antiseptischen Kautelen durch und begann damit die antiseptische Knochenchirurgie zusammen mit seinem früheren Glasgower Kollegen Sir Hector C. Cameron.

Durch das Phenol wurden die noch im Verband und auf Wundoberfläche vorhandenen Bakterien wirkungsvoll abgetötet, neue Keime kamen nicht mehr an die Wundoberfläche; die Wundheilung verlief daher komplikationslos und schnell. Lister entwickelte aus dem zunächst punktuellen Einsatz von Phenol die systematische Krankenhaushygiene. Häufiges Händewaschen der Ärzte und des Pflegepersonals mit Phenollösung und der Einsatz von Gummihandschuhen zeigten nachhaltige Wirkung. Mit der Einführung der Desinfektion von Instrumenten und Verbänden verloren unfallbedingte bzw. mit chirurgischen Eingriffen verbundene Krankenhausaufenthalte ihren Schrecken. Die Patientensterblichkeit sank rapide. Nach den Erkenntnissen von Ignaz Semmelweis führten die Lister’schen Forschungsergebnisse zu den bahnbrechenden Grundsätzen von Asepsis und Antisepsis im Gesundheitswesen. Zudem entdeckte Lister die die Milchgerinnung bewirkenden Streptokokken. Nach mikroskopischen Studien erkannte er die Unzulänglichkeit von Seide und Faden als Nahtmaterial; er führte die auch noch heute übliche chirurgische Verwendung von Catgutfaden ein.

Ehrungen[Bearbeiten]

Lister erhielt 1878 von der Universität Edinburgh den Ehrengrad eines Doktors der Medizin, 1879 und 1880 von Oxford und Cambridge den Doktorgrad der Rechte. 1897 wurde er mit dem Titel Baron Lister, of Lyme Regis in den erblichen Adelsstand erhoben. Von der Royal Society wurde er 1880 mit der Royal Medal und 1902 mit der Copley Medal ausgezeichnet und war als erster Chirurg deren Präsident (1895–1900). Darüber hinaus verlieh ihm die britische Krone den Order of Merit als einer der 12 Mitglieder bei der ersten Verleihung. Er war Ehrenbürger (Freeman) von Edinburgh, Glasgow und London. 1905 wurde er Ehren Fellow des Royal College of Surgeons of Edinburgh.

Ihm zu Ehren wird vom Royal College of Surgeons of England seit 1924 die Lister-Medaille für Leistungen in der Chirurgie verliehen. Eine Statue am Portland Place in London und in Kelvingrove Park in Glasgow erinnert an ihn. Nach ihm ist eine pathogene Bakterie (Listeria, durch J. H. H. Pirie 1940) und ein Gebäude in der Royal Infirmary in Glasgow benannt. Im Januar 1902 ehrte ihn Robert Falcon Scott im Rahmen seiner Discovery-Expedition mit der Benennung eines Berges („Mount Lister“) im Royal-Society-Gebirge (Antarktis).[1]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Minute structure of the involuntary muscular fibre, Royal Society of Edinburgh, Band 21, 1857, S. 549–557
  • On the early stages of inflammation, Philosophical Transactions of the Royal Society (London), Band 8, 1858, S. 581
  • Observations on Ligature of arteries on the antiseptic system, Churchill and Sons 1870 (Reprint aus The Lancet, Band 1, 3. April 1869, S. 451).
  • A Contribution to the Germ Theory of Putrefaction and Other Fermentative Changes, and to the Natural History of Torulae and Bacteria, Transactions of the Royal Society of Edinburgh, Band 27, 1875, S. 313–344
  • On the Nature of Fermentation, Quarterly Journal of Microscopical Science, New Series, Band 18, 1878, S. 177–194
  • On the Lactic Fermentation, and Its Bearings on Pathology, Transactions of the Pathological Society of London, Band 29, 1878, S. 425–467
  • Joseph Lister's erste Veröffentlichungen über antiseptische Wundbehandlung: (1867, 1868, 1869), J. Barth, Leipzig 1912 (Sudhoffs Klassiker der Medizin, Herausgeber Friedrich Trendelenburg). Insbesondere sind dort nachgedruckt:
    • On a New Method of Treating Compound Fracture, Abscess, etc., With Observations on the Conditions of Suppuration, The Lancet, 1867, 1, S. 326–329, 357–359, 387–389, 507–509, sowie 1867, 2, S. 95–96
    • On the Antiseptic Principle in the Practice of Surgery, The Lancet, 1867, 2, S. 353–356, Online bei Harvard Classics
    • On the Antiseptic Treatment in Surgery, British Medical Journal, 1868, 2, S. 53–56, 101–102, 461–463, 515–517, and 1869, 1, S. 301–304
  • Scientific Papers, New York, P. F. Collier, 1910

Literatur[Bearbeiten]

  • Claude E. Dolman: Lister, Joseph. In: Complete Dictionary of Scientific Biography. 2008. Encyclopedia.com. (mit umfangreicher Bibliographie)
  • The Collected Papers of Joseph Baron Lister. 2 Bände, Classics of Medicine Library, Birmingham 1979.
  • Frederick F Cartwright: Joseph Lister: The Man Who Made Surgery Safe. Weidenfeld & Nicolson, London 1963.
  • Richard B. Fisher: Joseph Lister, 1827–1912. Stein and Day, New York 1977, ISBN 0-8128-2156-4.
  • Douglas McTavish: Joseph Lister. Hodder Wayland, 1991, ISBN 0-7502-0168-1.
  • René Zey (Hrsg.): Lexikon der Forscher und Erfinder, Rowohlt, Reinbek, 1997, ISBN 3-499-16516-3.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Joseph Lister, 1. Baron Lister – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bertrand und Alberts: Geographic Names of Antartica., U.S. Govt. Print. Off., Washington 1956, S. 194, abgerufen am 13. September 2011.