Kloster Wessobrunn

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Wessobrunn. Stich von 1640.
Torhaus, Pfarrkirche St. Johann Baptist und Grauer Herzog.
Prachtvoller Stuck im Prälatentrakt.
Skulpturen und Architekturfragmente des Klosters Wessobrunn im Bayerischen Nationalmuseum München.

Das ehemalige Kloster Wessobrunn war die Keimzelle des heutigen Ortes Wessobrunn im Landkreis Weilheim-Schongau in Oberbayern.

Die Klostergründungslegende[Bearbeiten]

Nach einer St. Emmeramer Legende des 11. Jahrhunderts wurde das Kloster durch den bairischen Herzog Tassilo III. gestiftet, der im Jahr 753 auf der Jagd eine Nacht im Rotwald, dem Rotter Wald, verbringen musste. Im Traum sah er eine Quelle, deren Wasser in vier Richtungen floss, und von der aus eine Leiter zum Himmel führte, an der Engel auf- und niederstiegen. Am oberen Ende der Leiter stand Petrus und sang ein Offizium. Anderntags ließ Tassilo nach der Quelle suchen, bis sein Jagdgefährte Wezzo Quellen in Kreuzesform fand. Der Herzog verstand seinen Traum als himmlische Weisung und ließ an der Stelle der Quellen das Kloster zu Ehren von Petrus errichten.

Das erste Benediktinerkloster (8. Jh. bis 955)[Bearbeiten]

Als wahrscheinlicher gilt, dass das Kloster in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts von einer Adelsfamilie aus Rott als Eigenkloster gegründet wurde.[1] Nach einer Tradition des Klosters Benediktbeuern stammten die ersten fünfundzwanzig Mönche aus Benediktbeuern. Das Benediktinerkloster diente dazu, das umliegende Waldgebiet urbar zu machen. Der Ortsname Wessobrunn (885 Uuezinesprunnin „Quelle des Wetsin“) war ursprünglich wohl ein Flurname, den das Kloster übernahm.[2]

Mit der Absetzung Tassilos III. durch Karl den Großen wurde Wessobrunn 788 karolingisches Reichskloster. 817 galt es noch als so mittellos, dass es dem Kaiser keine Abgaben für einen Kriegszug zu entrichten hatte, sondern nur Gebete. Etwa um 900 fiel es dem Bistum Augsburg zu. Schließlich ging das Kloster 955 unter. Laut einer Legende brannten die Ungarn die Anlage nieder und ermordeten Abt Thiento und sechs seiner Mönche.

Säkularkanonikerstift (955–1064)[Bearbeiten]

Nach der Niederlage der Ungarn auf dem Lechfeld wurde das geistliche Leben in Wessobrunn in Form eines Säkularkanonikerstifts fortgeführt. Über diese Zeit ist nicht viel bekannt. Lediglich eine Liste der Propstnamen ist überliefert. Man vermutet, dass Wessobrunn in dieser Periode einen Großteil seiner Güter verlor.

Das zweite Benediktinerkloster (1064–1803)[Bearbeiten]

Erst 1064 wurde erneut ein Benediktinerkloster gegründet. Der letzte Propst Adelbero war zugleich der erste Abt. Von etwa 1100 bis 1220 bestand neben dem Männer- auch ein Frauenkonvent. 1141 befreite sich Wessobrunn von der Obrigkeit des Bischofs von Augsburg und unterstand wieder unmittelbar dem Landesfürsten. 1220 brannten große Teile des Klosters ab. Es folgten umfangreiche Neubauten.

Die insgesamt glückliche Entwicklung des Klosters erlaubte eine intensive Kunstpflege. So wurde die Klosterkirche 1655 innen modernisiert. 1680 startete Abt Leonhard Weiß den Neubau der Klosteranlage, bei dem klostereigene Untertanen beschäftigt werden. Die ehrgeizigen Pläne wurden aber wegen Geldmangels nicht in voller Gänze umgesetzt. Aus den Werkstätten des Klosters, welche hervorragende Spezialisten anzogen, entstand die heute sogenannte Wessobrunner Schule — ein "barockes Silicon Valley" — wo die Ausbildung zahlreicher hervorragender Künstler erfolgte welche von hier aus den gesamten süddeutschen Raum und darüber hinaus beeinflussten.

Nach der Säkularisation (1803–1913)[Bearbeiten]

Im Zuge der Säkularisation wurde das Kloster 1803 aufgehoben. 1810 riss man die Klosterkirche wegen Baufälligkeit ab. Große Teile der Klostergebäude wurden als Materialreservoir ausgeschlachtet, um die abgebrannte obere Stadt in Weilheim wieder aufzubauen. 1861 rettete der Münchener Historiker Johann Nepomuk Sepp die verbliebenen Bauten, indem er einen Teil der Anlage kaufte.[3] Der freistehende Glockenturm überlebte die Säkularisation nur deshalb, weil die nebenan liegende Wessobrunner Pfarrkirche keine Glocken hat.

Das dritte Benediktinerkloster (1913–2012)[Bearbeiten]

Theodor Freiherr von Cramer-Klett schenkte 1913 den Missions-Benediktinerinnen aus Tutzing die Anlage. Sie zogen in zwei der ehemaligen Klostertrakte ein und bildeten am Ort ein neues Benediktinerkloster. Von 1955 bis 2001 führten die Schwestern hier ein Jugendkurheim. 2012 zogen die letzten Schwestern aus dem Kloster aus. 2014 verkauften sie das Kloster an ein ortsansässiges Naturkosmetik-Unternehmen, das unter anderem den Klostergarten mit Heilkräutern bepflanzen will. Etwa die Hälfte der Gebäude soll für das Unternehmen genutzt werden, in der anderen Hälfte sollen traditionelle Handwerker und ein Seminarbetrieb einziehen.[4] Verhandlungen mit der Käuferin haben sichergestellt, dass die Kirchengemeinde die Pfarrräume im Kloster weiterhin und dauerhaft nutzen kann.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Höppl, S. 110
  2. Höppl, S. 104 f.
  3. Wolf Schmid: Wie Johann Sepp das Kloster rettete. In: Weilheimer Tagblatt vom 9. Februar 2012, Lokales Seite 6
  4. Katholische Nachrichten-Agentur (KNA), 13. Juni 2014.

Literatur[Bearbeiten]

  • Irmtraud von Andrian-Werburg: Die Benediktinerabtei Wessobrunn. Verlag Walter de Gruyter (=Germania sacra NF 39), Berlin/New York, 2001, ISBN 978-3-11-016912-6 (Digitalisat)
  • Gabriele Dischinger und Eva Christina Vollmer: Schnell-Kunstführer Nr. 526: Wessobrunn. Ehemaliges Benediktinerkloster, Pfarrkirche St. Johann Baptist und Kreuzbergkapelle. 16. Auflage. Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2003, ISBN 978-3-795-44312-2.
  • Reinhard Höppl: Die Traditionen des Klosters Wessobrunn. Verlag Beck, München 1984, ISBN 978-3-406-10392-6.
  • Coelestin Leuthner: Geschichte des Klosters Wessobrunn. Mit Hinweisen auf die allgemeine und besondere Geschichte Baierns. Deutsche Übersetzung aus dem lateinischen Original von 1753. Wessofontanum, Wessobrunn 2001.

47.87719411.026179Koordinaten: 47° 52′ 38″ N, 11° 1′ 34″ O

  • Gemeinde Wessobrunn (Hrsg.): 1250 Jahre Wessobrunn. Festschrift. Fink Verlag, Lindenberg 2003, ISBN 978-3-89870-128-0.
  • Wolfgang Winhard: Die Benediktinerabtei Wessobrunn im 18. Jahrhundert. Verlag Schnell und Steiner, München 1988, ISBN 978-3-795-40463-5.