Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien

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Die Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, kurz Parlamentarismus-Kommission (Abkürzung: KGParl), ist eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung. Sie fördert, erarbeitet und veröffentlicht wissenschaftliche Untersuchungen zur Geschichte der Demokratie, des Parlamentarismus und der Parteien in Deutschland. Die Arbeiten umfassen dabei den Zeitraum vom Vormärz bis in die Gegenwart. Seit 1962 hat die 1951 gegründete, parteipolitisch unabhängige Kommission die Rechtsform eines eingetragenen Vereins. 2006 erfolgte der Umzug von Bonn nach Berlin. Ihr Wirken, vor allem die von ihr veröffentlichten Forschungsarbeiten, gilt als „Grundlagenforschung zur demokratischen Entwicklung in Deutschland“.[1]

Gründung[Bearbeiten]

Die Forschungseinrichtung wurde am 30. November 1951 in Bonn gegründet, Vorarbeiten dazu liefen bereits seit Mitte 1948.[2] Der Impuls dazu kam vor allem aus der Wissenschaft. Zu den Gründern gehörten unter anderem der Historiker Fritz Fischer, die Politikwissenschaftler Theodor Eschenburg und Wolfgang Abendroth sowie Ludwig Bergsträsser, damals Mitglied des Deutschen Bundestags. Alfred Hermann, ehemaliger Reichstagsabgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), und Ludwig Bergsträsser begannen 1950 mit Verhandlungen im politischen Raum. Gespräche mit dem Bundesinnenministerium waren erfolgreich und es gelang die Absicherung im Bundeshaushalt. Alfred Milatz leistete die eigentliche Gründungsarbeit mit der Einrichtung einer Zentralstelle in Bonn, die von ihm als Generalsekretär geleitet wurde. Der Kommission gehörten in der Anfangszeit Max Braubach, Theodor Schieder, Theodor Eschenburg, Wolfgang Abendroth und Walter Hagemann an.[3]

Hintergrund war die in Deutschland traditionell kritische Haltung gegenüber dem Parlamentarismus und den politischen Parteien, die in der Zeit der Weimarer Republik bereits ausgeprägt gewesen war und im Dritten Reich zur Ausschaltung von Volksvertretungen und Parteien geführt hatte. Die Arbeit der Kommission sollte zur „Fundierung der gerade neu geschaffenen parlamentarischen Staats- und Gesellschaftsordnung“ beitragen.[4] Die neue Kommission war methodisch von Anfang an interdisziplinär ausgerichtet. Sie band sowohl Historiker wie auch Politologen, Soziologen und Wissenschaftler anderer Nachbardisziplinen ein. Als Grundlage für künftige Darstellungen sollten wichtige Quellenbestände erschlossen und editiert werden. Außerdem sollten mit Unterstützung des Kommission Einzeldarstellungen zur deutschen Parteien- und Parlamentsgeschichte entstehen.[5]

Die Reaktion der Fachwissenschaft auf die Gründungsvorbereitung und Gründung war unterschiedlich. Während Hans Rothfels und Werner Conze die Gründung begrüßten, wurde sie von Gerhard Ritter abgelehnt. Auch aus Bayern kamen kritische Stimmen, die in der Kommission den Ausdruck eines neuen Bonner wissenschaftlichen Zentralismus sahen und die Ansiedlung der Kommission in Bayern forderten. Die ersten Schriften entstanden bereits 1952 und 1953. Sie beschäftigten sich mit dem Bruch der großen Koalition unter Hermann Müller (1930) und der Entstehung der CDU sowie der Wiedergründung des Zentrums nach 1945.[6]

Arbeitsschwerpunkte seit den 1970er Jahren[Bearbeiten]

Bereits in der Gründungsphase dachten die Initiatoren als Endziel an eine Gesamtdarstellung der deutschen Parteien und Parlamente. Als Vorgriff plante die Kommission zunächst ein Handbuch zum Thema, um den Forschungsstand abzustecken und Laien den Zugang zu ermöglichen. Davon kam die Kommission bald schon wieder ab und startete statt dessen seit den 1970er Jahren ein breit angelegtes Projekt von Einzeldarstellungen, dies lief aber weiterhin unter dem Titel Handbuch der Geschichte des Deutschen Parlamentarismus. Ein Minimalkonsens über allgemeinen Themen und Fragestellungen hielt die Reihe zusammen. In diesem Sinne wurde Parlamentarismus breit definiert und umfasste alle politischen Systeme, in denen Parlamente und ihre Vorformen eine Vermittlungsfunktion zwischen Regierung und Volk übernommen hatten. Die Einzelbände sollten als nach Epochen und Territorien gegliederte Bände nicht nur die Ergebnisse der bisherigen Forschung berücksichtigen, sondern auch weiterführende Quellenstudien betreiben. Dabei sah die Konzeption vor, nicht nur die Entwicklung in Preußen und im späteren Reich, sondern auch die in Süddeutschland gleichwertig zu berücksichtigen. Die Bände sollten nicht von der personell mager ausgestatteten Kommission selbst bearbeitet werden, sondern von universitär oder in anderen Einrichtungen beschäftigten Autoren. Die Leitung des Projekts übernahm Gerhard A. Ritter.

Neben den Einzelbänden entstanden aus den Beratungen der entsprechenden Sektionen der Historikertage 1972, 1982 und 1994 drei grundlegende Sammelbände. Von den ursprünglich geplanten sechzehn Teilbänden liegen allerdings bislang noch nicht alle vor. Die vorliegenden Bände wurden von der Fachwissenschaft fast ausschließlich positiv wahrgenommen. Sieht man von der Arbeit von Manfred Botzenhart über den Parlamentarismus in der Revolution von 1848 ab, haben die übrigen Bände bislang wenig beachtete Forschungsfelder beleuchtet. Dazu zählen die Arbeit von Herbert Obenaus über den preußischen Parlamentarismus im Vormärz, die Arbeit von Günther Grünthal über die 1850er Jahre im selben Territorium, die Untersuchung von Horst Möller über den Parlamentarismus im Preußen der Weimarer Republik, die Studie von Klaus Erich Pollmann über den Norddeutschen Bund und die Arbeit von Hardtwig Brandt über Württemberg bis zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs. Die Bände haben die Kenntnisse über die kontrovers diskutierte politische Geschichte Deutschlands in vielen Bereichen erweitert. Bei aller Differenzierung relativieren diese Arbeiten die These über einen deutschen Sonderweg. Auch heben sie sich ab von einer nur negativen Einschätzung parlamentarischer und demokratischer Chancen.[7]

Gegenwärtig stellt sich die Kommission die Aufgabe, das Verhältnis von Parlamenten, Medien und Öffentlichkeit im 19. und 20. Jahrhundert darzustellen. Außerdem stehen derzeit die Transformation der Volkskammer der DDR in ein frei gewähltes Parlament sowie vergleichende Untersuchungen zur Entwicklung des Parlamentarismus in Europa im Fokus.

Die Ergebnisse der Kommissionsarbeit werden nicht mehr nur in Buchform oder digital vorgelegt. Die Parlamentarismuskomssion verfolgt darüber hinaus auch das Ziel, ihre Aktivitäten und ihre neuen Erkenntnisse durch Fachveranstaltungen vorzustellen. Diese richten sich sowohl an das interessierte Publikum als auch an die internationale Fachöffentlichkeit.[8]

Publikationen[Bearbeiten]

Die anfängliche Konzentration der Arbeit auf den Zeitabschnitt von 1848 bis 1933 ist im Lauf der Jahrzehnte erweitert worden. Mittlerweile sind mehr als 250 Studien veröffentlicht, viele davon gelten als Standardwerke. Die Kommission gliedert dabei ihre Publikationen in unterschiedlichen Schriftenreihen:[9]

  • Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien
  • Quellen zur Geschichte der Rätebewegung in Deutschland 1918/19
  • Dokumente und Texte
  • Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien
  • Handbuch der Geschichte des deutschen Parlamentarismus
  • Photodokumente zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien
  • Bibliographien zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien
  • Handbücher zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien

Innerhalb der Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien werden vier Reihen unterschieden:

  • Erste Reihe: Von der konstitutionellen Monarchie zur parlamentarischen Republik
  • Zweite Reihe: Militär und Politik
  • Dritte Reihe: Die Weimarer Republik
  • Vierte Reihe: Deutschland seit 1945

Einzelne Arbeiten sind überdies außerhalb der genannten Reihen sowie in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen erschienen.

Zu den Bearbeitern, Autoren und Herausgebern der entsprechenden Werke gehören renommierte Wissenschaftler wie beispielsweise Karl Dietrich Bracher, Werner Conze, Eberhard Kolb, Dieter Langewiesche, Susanne Miller, Rudolf Morsey, Gerhard A. Ritter, Reinhard Rürup, Hans-Peter Schwarz, Michael Stürmer oder Hermann Weber.

Vielfach sind die publizierten Werke, die nicht von Mitarbeitern der Kommission selbst stammen, Dissertationen, gelegentlich auch Habilitationsschriften.[10]

Drei der Autoren von Werken, die unter dem Dach der Parlamentarismus-Kommission erschienen sind, machten später Karrieren in der Politik, Helga Timm und Peter von Oertzen in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) sowie Gerhard Stoltenberg in der Christlich Demokratischen Union (CDU).

Finanzierung und Führung[Bearbeiten]

Bis 1976 leistete der Bund die Grundfinanzierung für die Aktivitäten der Kommission.[11] Anschließend übernahm das Land Nordrhein-Westfalen diese Finanzierung. 2003 drohte mit dem sofortigen Auslaufen dieser Unterstützung die Schließung der Forschungseinrichtung.[12] Sie konnte abgewendet werden, weil der Deutsche Bundestag die Sockelfinanzierung übernahm. Die Grundfinanzierung wird ergänzt durch projektgebundene Drittmittel. Zu den Drittmittel-Gebern gehören Einrichtungen wie die VolkswagenStiftung oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Eigenmittel, unter anderem aus dem Verkauf der Veröffentlichungen, kommen hinzu.[13]

Der Kommission gehören derzeit 19 ordentliche und acht korrespondierende Mitglieder an, die ehrenamtlich tätig sind. Den Vorsitz hat der die Frankfurter Historikerin Marie-Luise Recker. Stellvertretender Vorsitzender ist Andreas Wirsching, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte.

Sonstiges[Bearbeiten]

Das Logo der Kommission ist von Celestino Piatti gestaltet worden. Es stellt eine Eule dar, ein von ihm häufig verwendetes Motiv.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kurzbeitrag zur veränderten Finanzierung der Kommission auf der Website des Deutschen Bundestages.
  2. Martin Schumacher: Gründung, S. 1030.
  3. Winfried Schulze: Deutsche Geschichtswissenschaft, S. 253.
  4. Rudolf Morsey: Einführung, S. 1. Siehe dazu auch die staatspolitischen Absichten, die am 25. November 1950 in der Erklärung zur Aufgabe und Arbeit der Kommission ausgedrückt wurden, zitiert bei Schumacher: Gründung, S. 1040.
  5. Thomas Kühne: Parlamentarismusgeschichte, S. 323.
  6. Winfried Schulze: Deutsche Geschichtswissenschaft, S. 253 f.
  7. Thomas Kühne: Parlamentarismusgeschichte, S. 323-327.
  8. Zur aktuellen Aufgabenstellung und Form der Ergebnispräsentation siehe die entsprechende Darstellung auf der Website der KGParl.
  9. Arbeitsgemeinschaft historischer Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V. über die Kommission
  10. Rudolf Morsey: Parlamentarismusforschung, S. 29.
  11. Anfänglich allerdings in nur geringem Umfang. Vgl. dazu Schumacher: Gründung, S. 1049 ff.
  12. Siehe die Pressemitteilung der Kommission vom 15. August 2003 sowie den Beitrag von Volker Ullrich in der Wochenzeitschrift Die Zeit vom 28. August 2003: Auf null gestellt.
  13. Pressemitteilung der Kommission vom 13. Mai 2002.

Literatur[Bearbeiten]

  • Autoren, Bücher, Rezensenten. Annotierte Bibliographie 1953-1998. Die Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Bearbeitet von Martin Schumacher in Verbindung mit Achim Dünnwald und Ralf Gebel, Droste, Düsseldorf 2004, ISBN 3-7700-5216-1.
  • Kommission für Geschichte des Parlamentarismus (Veranstalter): 50 Jahre Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Die Reden zum Festakt am 13. Mai im Paul-Löbe-Haus von Prof. Dr. Klaus Hildebrand, Wolfgang Thierse, Prof. Dr. Lothar Gall. Berlin 2002.
  • Thomas Kühne: Parlamentarismusgeschichte in Deutschland. Probleme, Erträge und Perspektiven einer Gesamtdarstellung. In: Geschichte und Gesellschaft Jg. 24 1998. Heft 2. S.323-338
  • Rudolf Morsey: Einführung durch den Präsidenten der Kommission. In: Weimar als Erfahrung und Argument. Ansprachen und Referate anläßlich der Feier des 25-jährigen Bestehens der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Bonn 1977, S. 1–4.
  • Rudolf Morsey: Parlamentarismusforschung in Deutschland. Die Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, in: Bayerischer Landtag (Hrsg.): Kolloquium. Neue Wege in der Parlamentarismusforschung – EDV im Dienste der Erforschung parlamentarischen Wirkens. 12. Juni 1997 im Maximilianeum. München 1998, S. 25–32.
  • Winfried Schulze: Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945. Dt. Taschenbuch-Verlag, München 1993, ISBN 3-423-4597-3 (formal falsche ISBN).
  • Martin Schumacher: Gründung und Gründer der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. In: Karl Dietrich Bracher u.a. (Hrsg.): Staat und Parteien. Festschrift für Rudolf Morsey zum 65. Geburtstag. Duncker & Humblot, Berlin 1992, S. 1029–1054. ISBN 3-428-07422-X

Weblinks[Bearbeiten]