Muße

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Mit Muße bezeichnet man die Zeit, welche eine Person nach eigenem Wunsch nutzen kann (z. B. um sich zu erholen). Nicht alle Freizeit ist gleichzeitig auch Muße, da viele Freizeitaktivitäten indirekt von Fremdinteressen bestimmt werden. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes (althochdeutsch „muoza“, mittelhochdeutsch „muoze“) war Gelegenheit, Möglichkeit.[1]

Antike[Bearbeiten]

Im Sinne von schöpferischer Muße tritt sie bereits – im Gegensatz zur Arbeit – in der Antike auf (griech. σχολή – vgl. Schule – gegenüber άσχολΐα oder πόνος, lat. otium gegenüber negotium). Das Bedeutungsspektrum von σχολή reicht hierbei von Muße, Ruhe über Studium und Schule bis hin zu Verzögerung und Langsamkeit, deren Beraubung in der ά-σχολΐα (vgl. Alpha privativum) etwa der Sklavenarbeit zum Ausdruck kommt. Aristoteles schreibt: „ἀσχολούμεθα γὰρ ἵνα σχολάζωμεν, […]“ (Wir arbeiten, um Muße zu haben…)[2]. So prägte beispielsweise Cicero den Begriff otium cum dignitate (mit wissenschaftlicher und philosophischer Betätigung verbrachte „würdevolle Muße“ in Zurückgezogenheit (De Oratore I,1f).

Mittelalter bis heute[Bearbeiten]

Während die Denker der Antike die Muße mit ihren charakterbildenden und kreativen Möglichkeiten für wertvoll hielten – der Lebenskünstler als Gegenbegriff zum Sklaven –, war acedia (zumeist mit „Trägheit“ übersetzt) eines der sieben Hauptlaster im europäischen Mönchtum. Der Protestantismus hat Beruf und Arbeit hoch gehalten und sich gegen jeden Müßiggang gewandt („Müßiggang ist aller Laster Anfang“). Die protestantische Ethik ist so nach Max Weber zu einer wesentlichen Grundlage des Frühkapitalismus geworden. Ihr Einfluss schwand mit der Kommerzialisierung der Freizeit.

Heute wird vorwiegend betont, sich Muße zur Gesundheitsförderung zu gönnen, etwa im Sinne von Erholung (neudeutsch „Chillen“), mittels Meditation, mit zusätzlicher Quality time, im Rahmen der Wellness-Bewegung oder durch Praktizieren eines einfacheren Lebensstils.

Die Muße ist seit einigen Jahrzehnten Gegenstand der Forschung. Die Literaturwissenschafterin Gisela Dischner beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit der „Theorie des Müßiggangs“ („freie bewusste Tätigkeit“); mehrere von ihr verfasste Bücher (u. a. „Wörterbuch des Müßiggängers“ (2009), „Liebe und Müßiggang“ (2011)) sind erschienen.[3] Die Journalistin, Initiatorin des Projekts „Muße-Kunst“, Gerlinde Knaus, untersuchte 2002 in ihrer Diplomarbeit „Muße - ein männliches Vorrecht? Die Theorie des Müßiggangs: Der Traum vom Subversiven in der Pädagogik“ (Erziehungs- und Bildungswissenschaften an der Karl-Franzens-Universität Graz) auf Basis der „Theorie der Müßiggangs“ von Gisela Dischner den „weiblichen Müßiggang“. Knaus entwickelte auf diesen theoretischen Grundlagen ein Seminar mit dem Titel „Muße-Kunst“, das sich speziell an Frauen richtet und im Bildungshaus St. Virgil in Salzburg mehrmals an mehrtägigen Seminaren praktisch und experimentell umgesetzt wurde (2005-2009). Seit 2013 ist an der Universität Freiburg i. Br. ein DFG-geförderter Sonderforschungsbereich zu dem Thema „Muße. Konzepte, Räume, Figuren“ eingerichtet, welcher das Phänomen der Muße aus verschiedenen Perspektiven (beispielsweise der Germanistik, Philosophie, Theologie, Psychologie, Medizin oder Literaturwissenschaft) aufzuarbeiten.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Thorstein Veblen: The Theory Of The Leisure Class, 1899.
  • Liselotte Welskopf: Probleme der Muße im alten Hellas, Berlin 1962.
  • Josef Pieper: Muße und Kult: Mit einer Einführung von Kardinal Karl Lehmann. Kösel 2007. ISBN 3466367735.
  • Ursula Lytton: Killing Time. An Intercultural Survey on Concepts of Leisure. In: Journal of Japanese Studies, 1/1990, Universität Yamagata.
  • Gisela Dischner: Wörterbuch des Müßiggängers. Edition Sirius. Bielefeld und Basel 2009, ISBN 978-3-89528-727-5
  • Ulrich Schnabel: Muße. Vom Glück des Nichtstuns. Blessing, München 2010, ISBN 978-3-89667-434-0.
  • Gisela Dischner: Liebe und Müßiggang. Edition Sirius. Bielefeld und Basel 2011. ISBN 3895288381
  • Eckhard Leuschner: Otium und Virtus. Kontemplation als Tugendübung in der Stanza della Solitudine von Caprarola. In: Leitbild Tugend. Die Virtus-Darstellungen in italienischen Kommunalpalästen und Fürstenresidenzen des 14. bis 16. Jahrhunderts, hg. von Thomas Weigel und Joachim Poeschke, Münster 2013, S. 229-253. ISBN 978-3-86887-005-3

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Elmar Seebold, Friedrich Kluge [Begr.]: Kluge - etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 25. Auflage. De Gruyter, Berlin; Boston, Mass. 2011, 978-3-11-022364-4.
  2. Aristoteles, EN X, 7, 1177 b 5.
  3. "Liebe und Müßiggang" (Blick ins Buch)
  4. http://www.frias.uni-freiburg.de/institute/pressemitteilungen/sfb2