Multikulturalismus

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Multikulturalismus (zumeist abwertend[1] auch Multi-Kulti oder Multikulti) ist der Oberbegriff für eine Reihe sozialphilosophischer Theorieansätze mit Handlungsimplikationen für die Kulturpolitik eines Landes. Multikulturalisten treten für den Schutz und die Anerkennung kultureller Unterschiede durch den Staat ein. Multikulturalismus steht dem Gedanken einer dominanten Nationalkultur ebenso entgegen wie dem in den USA weit verbreiteten Gedanken des Melting Pot, der von einer Angleichung der verschiedenen Kulturen ausgeht.

Das Ziel der multikulturellen Gesellschaft[Bearbeiten]

Ziel des Multikulturalismus ist die multikulturelle Gesellschaft, in der es keinen staatlichen oder auch nichtstaatlichen Anreiz oder „Druck“ zur Assimilation geben soll. Die ethnischen und kulturellen Gruppen sollen hingegen einzeln existieren. Dabei beruht dieses Modell auf der Annahme, dass die (Angehörigen der) jeweiligen Ethnien sich gegenseitig Verständnis, Respekt, Toleranz entgegenbringen und einander als gleichberechtigt ansehen können.

Zielgruppen[Bearbeiten]

Meist werden Ethnien, wie etwa die französischsprachige Bevölkerung Kanadas, oder Religionsgruppen als Zielgruppen multikultureller Politik gesehen, selten auch andere Gruppen wie zum Beispiel Geschlechter[2] oder Gruppen, die durch die sexuelle Orientierung ihrer Mitglieder abgegrenzt sind. Allgemein geht es jedoch schlicht um kulturell unterschiedliche Gruppen jeder Art.

Gegenpositionen[Bearbeiten]

Kritik am Multikulturalismus wird von unterschiedlichen Kreisen ausgeübt, darunter auch von Anhängern des Konzepts der Transkulturalität. Schon Daniel Cohn-Bendit hatte als Gründer und erster Leiter des Frankfurter Amtes für multikulturelle Angelegenheiten auf die erheblichen Konfliktpotenziale der multikulturellen Gesellschaft hingewiesen, wenn diesen nicht vorbeugend begegnet wird: „Die multikulturelle Gesellschaft ist hart, schnell, grausam und wenig solidarisch, sie ist von beträchtlichen sozialen Ungleichgewichten geprägt (…)“[3] Dies wurde von konservativer Seite schon bald – etwa vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber in seiner Regierungserklärung am 8. Dezember 1994 – aufgegriffen.[4] Viele Gegner des Multikulturalismus sehen diesen als gescheitert an.[5]

Auch der britische Premierminister David Cameron vertritt diese Position. In seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 5. Februar 2011 stellte er Segregation und Separatismus als Schlüsselthemen hinter der Bedrohung des islamistischen Extremismus dar und setzte sich für eine „gemeinsame nationale Identität“ ein, um „die Doktrin des staatlichen Multikulturalismus“ zu ersetzen. Als Konsequenz forderte er einen „aktiven und starken Liberalismus“ und kündigte die Einstellung der staatlichen Förderung islamistischer, terrorismusfördernder Organisationen an.[6][7][8]

Nach vergleichbaren Positionierungen durch Bundeskanzlerin Angela Merkel, den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy und die ehemaligen Premierminister von Australien und Spanien, John Howard und José María Aznar, die am Multikulturalismus kritisieren, dass er Erfolgen bei der Integration von Einwanderern im Wege stünde,[9] schaltete sich am 11. Februar 2011 auch der Vatikan in die Debatte ein: Als Präsident des Päpstlichen Kulturrats erklärte Kurienkardinal Gianfranco Ravasi das Modell des Multikulturalismus ebenfalls für gescheitert, sprach sich stattdessen für Interkulturalität aus und kündigte ein offizielles Vatikandokument hierzu an.[10]

Am Konzept des Multikulturalismus hat der Rostocker Althistoriker Egon Flaig in einem Gespräch mit dem Blog der Wochenzeitung Die Zeit schon vor einigen Jahren pointiert Kritik geübt: „Der Multikulturalismus wird nur von der so genannten Linken in den liberalen Gesellschaften vertreten. Außerhalb dieser Gesellschaften gibt es keinen Multikulturalismus und hat es nie einen gegeben“.[11] Dort, wo der Multikulturalismus die „Gleichheit“ und das „Eigenrecht“ aller Kulturen erklärt und keinen kulturübergreifenden Werte-Konsens anerkennt – etwa den Maßstab der universellen Menschenrechte –, sieht Flaig den „linken“ Multikulturalismus überdies in der Nähe „rechter“ ethnopolitischer Vorstellungen von der „Apartheid“ unantastbarer kultureller Entitäten mit ihren jeweiligen Werte- und Moralkategorien: „Wenn jede Kultur das absolute Recht hätte, zu bestimmen, was ein Verbrechen ist und was nicht, ohne Rücksicht auf universale Werte, dann wäre Auschwitz kein Verbrechen mehr“.[12] Ähnlich argumentiert auch der deutsch-syrische Politologe Bassam Tibi in Bezug auf die muslimische Einwanderung nach Europa: „Beispielsweise neigen Kulturrelativisten dazu, die fundamentalistische Forderung nach einer Geltung der Scharia für die in Europa lebenden Muslime im Sinne von multikultureller Toleranz als ‘Präsentation‘ einer anderen Kultur zuzulassen“. Der „innere Frieden in Gesellschaften, in die Migrationsschübe erfolgen“, hinge jedoch „von der Bejahung einer Ordnung ab, die auf einer Werte-Verbindlichkeit basiert“.[13]

Begriff „Multikulti“[Bearbeiten]

Das politische Schlagwort Multikulti wird in Debatten teilweise auch verwendet, um eine angenommene oder tatsächliche multikulturalistische Ideologie des Gegenübers abwertend zu kommentieren.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bielefeldt, H. (2007). Menschenrechte in der Einwanderungsgesellschaft: Plädoyer für einen aufgeklärten Multikulturalismus. Bielefeld: Transcript, S. 20.
  2. Audre Lorde: Age, Race, Class and Sex: Women Redefining Difference. In: Audre Lorde: Sister Outsider. The Crossing Press, Freedom, California 1984, S. 114–123.
  3. In einem Artikel in der Zeit, zusammen mit Thomas Schmid, 22. November 1991 [1]
  4. Vgl. Harald Ermisch: Minderheitenschutz ins Grundgesetz? Die politische Diskussion über den Schutz ethnischer Minderheiten in der BRD im Rahmen der Beratungen der gemeinsamen Verfassungskommission von Bundestag und Bundesrat. LIT, Berlin, Hamburg, Münster 2000, S. 37 (Google books)
  5. So etwa der Bremer Politologe Stefan Luft in seinem Buch Abschied von Multikulti. Resch, Gräfelfing 2006
  6. Nach Merkel sagt auch Cameron, dass der Multikulturalismus gescheitert sei
  7. Cameron: Multikulturalismus ist eine Ursache für Extremismus
  8. PM’s speech at Munich Security Conference
  9. AFP: Multiculturalism has failed, says French president
  10. Interkulturelles Duett: Vatikan erklärt „Multikulti“ für gescheitert
  11. „Multikulturalismus führt in den Bürgerkrieg” – Gespräch mit Prof. Flaig III, DIE ZEIT, 9. Juni 2008
  12. Flaig, ebd.
  13. Bassam Tibi: „Europa ohne Identität? Leitkultur oder Wertebeliebigkeit“, Bertelsmann 1998/Goldmann 2001, S. 159 ff

Literatur[Bearbeiten]

  • Imke Leicht: Multikulturalismus auf dem Prüfstand. Kultur, Identität und Differenz in modernen Einwanderungsgesellschaften Metropol-Verlag, Berlin 2009, ISBN 3940938432
  • Heiner Bielefeldt: Menschenrechte in der Einwanderungsgesellschaft. Plädoyer für einen aufgeklärten Multikulturalismus. Transcript, Bielefeld 2007, ISBN 978-3-89942-720-2.
  • Andrew Cardozo, Louis Musto (Hrsg.): The Battle over Multiculturalism. Band 1. PSI, Ottawa 1997, ISBN 0-9681458-0-9.
  • Will Kymlicka: Multikulturalismus und Demokratie. Über Minderheiten in Staaten und Nationen- Hrsg. Otto Kallscheuer. Rotbuch, Hamburg 1999, ISBN 3-434-53046-0.
  • Stefan Luft: Abschied von Multikulti: Wege aus der Integrationskrise. Gräfelfing 2007, ISBN 978-3-935197-46-5
  • Stefan Luft/Peter Schirmany: Integration von Zuwanderern. Erfahrungen, Konzepte, Perspektiven, Transcript Verlag; Bielefeld 2010 ISBN 978-3-8376-1438-1
  • Alf Mintzel: Multikulturelle Gesellschaften in Europa und Nordamerika: Konzepte, Streitfragen, Analysen, Befunde. Rothe, Passau 1997.
  • Bhikhu Parekh: The Future of Multi-Ethnic Britain: Report of the Commission on the Future of Multi-Ethnic Britain. Profile Books 2000, ISBN 1-86197-227-X.
  • Uli Sanwald, Stefan Stautner-Bhuruth: Am deutschen Multikulturalismus soll die Welt genesen. In: Spiel ohne Grenzen. Verbrecher, Berlin 2004, ISBN 3-935843-39-9.
  • Axel Schulte: Multikulturelle Gesellschaft: Chance, Ideologie oder Bedrohung?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 23–24/1990.
  • Friedhelm Steffens: Integrations- und Segregationsmuster von türkischen Migranten. Menschen im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Die Ford-Mitarbeiter in Köln. Kovac, Hamburg 2008, ISBN 978-3-8300-3736-1.
  • Charles Taylor: Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung. Mit Kommentaren von Amy Gutmann, Steven C. Rockefeller, Michael Walzer und Susan Wolf. Mit einem Beitrag von Jürgen Habermas. Fischer, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-10-076704-7.
  • Bassam Tibi: Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft. Bertelsmann, München 1998, ISBN 3-570-00169-5. (Neuausgaben 2000/2002 mit dem Untertitel Leitkultur oder Wertebeliebigkeit)

Weblinks[Bearbeiten]