Nakam

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Abba Kovner, Leiter der Nakam (hier 1961)
Pascha Reichman, stellvertretender Leiter (späteres Foto)

Nakam (he: Rache; eigentlich Dam Yehudi Nakam, auf Deutsch etwa Das jüdische Blut wird gerächt werden) war eine jüdische Organisation, die sich seit 1945 das Ziel gesetzt hatte, Rache für den Holocaust zu üben und der Welt zu zeigen, dass die Juden in der Lage seien, sich zu wehren und Vergeltung zu üben.[1] Ihr Kern war eine Gruppe ukrainischer jüdischer Partisanen, zu denen auch Pascha Reichman (später Jitzchak Avidov) gehörte. Ihr Anführer wurde der am Kriegsende 27-jährige Abba Kovner, ein Dichter und Widerstandskämpfer, der beim Aufstand im Ghetto von Wilna und als Kommandeur der Fareinikte Partisaner Organisatzije gegen die Deutschen gekämpft hatte.

Die Nakam war bedeutend radikaler als die Jüdische Brigade. Anders als diese richtete die Nakam ihre Racheakte nicht vornehmlich gegen die Kriegsverbrecher, sondern gegen das gesamte deutsche Volk. Die Nakam-Männer gingen von einer Kollektivschuld aller Deutschen am Holocaust aus und planten daher, Rache zu üben und eine gleich große Anzahl Deutscher umzubringen, so wie diese unterschiedslos Männer und Frauen, Kinder, Alte und Säuglinge auf Grund ihres Judentums bestialisch und fabrikmäßig umgebracht hatten. Zwei Pläne wurden verfolgt, Gift erschien dafür die geeignete Waffe:[2] Plan A sah die Vergiftung der Trinkwasserversorgung in Hamburg, Frankfurt am Main, München und Nürnberg vor[1] und Plan B die massenhafte Ermordung von SS-Angehörigen in alliierten Kriegsgefangenenlagern.

Plan A[Bearbeiten]

Plan A scheiterte bereits in der Vorbereitung, obwohl es Reichman gelungen war, Angehörige der Nakam in den Wasserwerken von Nürnberg und Hamburg einzuschleusen.[3] Kovner reiste Ende Juli 1945 zur Besorgung des Gifts für Plan A nach Palästina. Nach seinen eigenen Angaben[4] war ihm Chaim Weizmann, der spätere Präsident Israels, von Beruf Chemiker, bei der Beschaffung behilflich, indem er ihn an Ernst David Bergmann verwies, der das Gift bereitstellte, sowie an einen Geldgeber für die Aktion vermittelte.[3] Kovners später angefertigter Bericht wird vom Historiker Tom Segev bezweifelt (1991), da Weizmann zu dem Zeitpunkt nicht in Palästina war.[5] Es ist auch nicht klar, welche Art Rache Kovner dem Gesprächspartner in Palästina schilderte, laut Sarid war Weizmann nur über Plan B informiert worden.[6] Er sei auch auf Skepsis[7] und Widerstand[8] gestoßen.

Im Dezember 1945 kehrte Kovner, mit Unterstützung der Hagana in der Uniform der Jüdischen Brigade und mit entsprechenden Papieren ausgestattet, auf einem britischen Schiff nach Europa zurück. Er hatte das in 20 Milchkonserven versteckte Gift bei sich und wurde von drei Angehörigen der Hagana begleitet. Kurz vor Einlaufen in den Hafen von Toulon wurde er ausgerufen. Vor seiner anschließenden Festnahme warf er einen Teil des Giftes ins Meer, der Rest wurde von seinem Begleiter von der Hagana in ähnlicher Weise entsorgt. Kovner wurde darauf etwa vier Monate in einem Militärgefängnis in Kairo festgehalten, ohne dass er wegen eines versuchten Terroranschlags angeklagt oder auch nur vernommen worden wäre. Wer für seine Verhaftung verantwortlich war, konnte nicht geklärt werden.[3]

Plan B[Bearbeiten]

Nach Kovners Verhaftung versuchte sein Stellvertreter Reichman mit seinen Männern Plan B zu verwirklichen. In Paris besorgte er 20 kg Arsen.[9] Noch vor dem Anschlag in Nürnberg, dessen Kommandoführer Joseph Harmatz war, musste Reichman eine ähnliche Aktion, die für das Dachauer Gefangenenlager geplant war, zum Unwillen des dortigen Kommandos abblasen.[10] Am 13. April 1946 drangen Angehörige der Gruppe in die Nürnberger Konsum-Großbäckerei am Schleifweg ein, die das Internierungslager in Langwasser (vormals Stalag XIII D) belieferte, in dem sich damals etwa 12.000 bis 15.000 Kriegsgefangene befanden, hauptsächlich SS-Angehörige. 3000 der dort lagernden Graubrotlaibe wurden mit Wasser bestrichen, in das Arsenpulver eingerührt wurde.[11] Das Brot wurde am 14. April 1946 ausgeliefert und zahlreiche Lagerinsassen erkrankten schwer. Amerikanische Zeitungen druckten Agenturmeldungen, in denen die Zahl der Erkrankten in der ersten Meldung 1900 betrug,[12][13] einige Tage darauf in einer zweiten Meldung 2283.[14][15] Die Süddeutsche Zeitung berichtete am 24. April, die Nürnberger Nachrichten am 27. April von Erkrankungen. Die Kommandogruppen in Deutschland flohen nach Prag und gelangten am 18. Juni auf ein Schiff nach Palästina, die Pariser Gruppe schiffte sich am 22. Juni in Marseille ein.[16]

Ob es bei dem Anschlag Todesopfer gegeben hatte und wie schwer die Erkrankungen waren, blieb unklar, Kovner hatte auch später nur vage Informationen, zudem fiel es ihm schwer, den Fehlschlag der Aktion zuzugeben,[3] einzelne Nakam-Aktivisten bedauerten auch Jahrzehnte später noch das Misslingen.[17]

Ermittlungen[Bearbeiten]

Die Staatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht Nürnberg stellte im Mai 2000 ein Ermittlungsverfahren wegen versuchten Mordes gegen zwei Nakam-Aktivisten ein, die sich zu der Tat bekannt hatten. Als Begründung dafür führte die Staatsanwaltschaft „Verjährung aufgrund außergewöhnlicher Umstände“ an.[18]

Erinnerung[Bearbeiten]

Kovner und Avidov gaben in den 80er Jahren Interviews, die in der Hebräischen Universität Jerusalem und im Moretschef-Archiv aufgezeichnet wurden. Die Nakamgeschichte wurde von Kovner vor seinem Tod 1987 an Levi Arieh Sarid weitergegeben, der 1992 ein Manuskript Rache: Geschichte, Erscheinungsform und Umsetzung erstellte, das unveröffentlicht blieb. Sarid hatte dafür auch Reichman/Avidov befragt. Dieses Manuskript konnte in einer Übersetzung von Tobias/Zinke eingesehen werden. Tobias und Zinke führten darüber hinaus Interviews mit den am Anschlag in Nürnberg beteiligten Oleg Hirsch (Pseudonym), Leipke Zinkel und Joseph Harmatz.[19] Es wurden zu dem Anschlag auch kolportagehafte Darstellungen veröffentlicht, in denen ohne Quellenangaben andere Versionen des Giftanschlags verbreitet werden.[20]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Tom Segev: Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung. Rowohlt Verlag, Reinbek 1995, zuerst hebräisch 1991, ISBN 3-498-06244-1, S. 192–208.
  •  Jim G. Tobias, Peter Zinke: Nakam. Jüdische Rache an NS-Tätern. 1. Auflage. Konkret Literaturverlag, Hamburg 1995, ISBN 3-89458-194-8.
  • Joseph Harmatz: From the wings. Lewes : Book Guild, 1998 ISBN 978-1-85776-340-9 (Autobiografie)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Jim G. Tobias, Peter Zinke: Nakam. Hamburg 1995, S. 32.
  2. Jim G. Tobias, Peter Zinke: Nakam. Hamburg 1995, S. 28.
  3. a b c d Tom Segev: Die siebte Million. Reinbek 1995, S. 192–200.
  4. Tom Segev hat Aussagen von Kovner und Avidov, die in der Hebräischen Universität Jerusalem und im Moretschef-Archiv liegen, gesichtet. Siehe Tom Segev: Die siebte Million. Reinbek 1995, S. 703.
  5. Tom Segev: Die siebte Million. Reinbek 1995, S. 197.
  6. Jim G. Tobias, Peter Zinke: Nakam. Hamburg 1995, S. 34.
  7. Jim G. Tobias, Peter Zinke: Nakam. Hamburg 1995, S. 29 f.
  8. Jim G. Tobias, Peter Zinke: Nakam. Hamburg 1995, S. 33.
  9. Jim G. Tobias, Peter Zinke: Nakam. Hamburg 1995, S. 44; Tom Segev: Die siebte Million. Reinbek 1995, S. 199; S. 200; S. 704.
  10. Jim G. Tobias, Peter Zinke: Nakam. Hamburg 1995, S. 40.
  11. Jim G. Tobias, Peter Zinke: Nakam. Hamburg 1995, S. 20. Es werden auch andere Varianten der Brotvergiftung kolportiert. Bei Segev, S. 199, streuten die Einbrecher das Arsen in den Teig. Laut Tobias/Zinke gab es am Sonntag, den 14. April Weißbrot für die Wachmannschaften.
  12.  1900 Prisoners Are Poisoned. In: San Jose News. 19. April 1946, S. 1 (online bei Google-News, abgerufen am 27. Dezember 2012).
  13.  Poison Bread Fells 1,900 German Captives in US Prison Camp Near Nuremberg. In: New York Times. 20. April 1946, S. 6 (Zusammenfassung, abgerufen am 27. Dezember 2012).
  14.  2,283 Poisoned In Plot Against SS Prisoners. In: Miami Daily News. 22. April 1946, S. 1 (online bei Google-News, abgerufen am 27. Dezember 2012).
  15.  Poison Plot Toll of Nazis at 2,283. In: New York Times. 23. April 1946, S. 9 (Zusammenfassung, abgerufen am 27. Dezember 2012).
  16. Jim G. Tobias, Peter Zinke: Nakam. Hamburg 1995, S. 51.
  17. Jim G. Tobias, Peter Zinke: Nakam. Hamburg 1995, S. 55.
  18.  Gericht. Jüdischer Giftanschlag auf Nürnberger Nazi-Lager verjährt. Tausende Laib Brot mit Arsen bestrichen. Richter erkannten das persönliche Schicksal der Täter als Schuld mildernd an. In: WAZ. 9. Mai 2000.
  19. Jim G. Tobias, Peter Zinke: Nakam. Hamburg 1995, S. 144-153.
  20. Tobias/Zinke nennen Michael Elkins und Janusz Piekałkiewicz.