Ottokar Kernstock

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Ottokar Kernstock, 1914
Statue von Ottokar Kernstock im Ortskern von Vorau.
Kernstocks Grab mit dem aus 1929 stammenden Grabmal, Bergfriedhof Schloss Festenburg
Kriegerdenkmal 1920 in Hernals
Gedenktafel zur Eröffnung der Bahnlinie nach Pinkafeld im Bahnhof Friedberg, mit von Ottokar Kernstock verfasstem Gedicht

Ottokar Kernstock, eigentlich Otto Kernstock (* 25. Juli 1848 in Marburg an der Drau, Untersteiermark; † 5. November 1928 auf dem Schloss Festenburg, Steiermark) war ein österreichischer Dichter, Priester und Augustiner-Chorherr.

Leben[Bearbeiten]

Otto Kernstock wurde in Marburg an der Drau, der Heimatstadt seiner Mutter, geboren, wo er mit seinen zwei jüngeren Geschwistern seine ersten Lebensjahre verbrachte. Sein Vater, der Kernstock seine Erzählergabe vermachte, stammte aus Prachatitz im Böhmerwald. 1855 übersiedelte die Familie, da Kernstocks Vater, k. k. Finanzbeamter, nach Graz versetzt wurde. Nach seiner Matura am heutigen Akademischen Gymnasium in Graz, damals k.k. Realschule, studierte er zunächst Rechtswissenschaften und wurde Mitglied der Akademischen Sängerschaft „Gothia“.

1867 trat er in das Chorherrenstift Vorau ein, wo er den Ordensnamen Ottokar erhielt. 1871 wurde er zum römisch-katholischen Priester geweiht. Kernstock war zunächst Archivar und Bibliothekar des Stiftes und wirkte ab 1873 als Kaplan in Waldbach, Sankt Lorenzen am Wechsel und Dechantskirchen. Von 1889 bis zu seinem Lebensende war er Pfarrer von Festenburg in der Oststeiermark. Im Schloss Festenburg ist heute ein Kernstock-Museum eingerichtet.

1916 wurde ihm angeboten, Dozent für Poetik, Rhetorik und Stilistik an der Lehrerakademie des Wiener Pädagogiums zu werden. Karl Kraus kritisierte dies in seiner Zeitschrift Die Fackel heftig.[1] Kernstock verzichtete schließlich auf das Angebot.

Ottokar Kernstocks Grab befindet sich auf dem Bergfriedhof unterhalb von Schloss Festenburg. Das Grabmal, von einem Kernstock-Grabmal-Ausschuß initiiert, wurde 1929 von den steirischen Architekten Rudolf Hofer (1894–1956) sowie Hans Hönel (1884–1964) geschaffen.[2]

Künstlerisches Schaffen[Bearbeiten]

Von 1875 an veröffentlichte Kernstock historische und belletristische Werke. Seine Gedichte erschienen ab 1878 in der Münchner Zeitschrift Fliegende Blätter. Nachdem er 1889 sein Amt als Pfarrer in Festenburg angetreten hatte, begann er Lyrik in der Tradition der Spätromantik zu verfassen.

Im Sinn des Volkstumskampfs, den aktive Exponenten der Deutschnationalen im Herzogtum Steiermark gegen das Slawentum (zu dem die in der Untersteiermark lebende slowenische Minderheit gehörte) führen zu müssen glaubten, schrieb er über die Herkunft seiner Eltern:

[…]
Im Böhmerwald, bewehrt mit Wall und Toren,
In dem mein lieber Vater ward geboren.
Deutsch war der Mann, kerndeutsch sein Heimatland,
Eh’ Slawenlist es Stück für Stück entwandt!

Seine deutschnationale Gesinnung zeigen unter anderem Gedichte wie Civis Germanus sum! oder Ein Fund. In Die deutsche Eiche formulierte er:

[…]
Slawenlinden steh’n in dichten
Reih’n mit Pinien welscher Art
Und mit Böhmerwalder Fichten
Dort freundnachbarlich gepaart.
Aber mitten im Bereiche
Dieser grünen Herrlichkeit
Ragt die deutsche Donnereiche
Wie ein Held der Hünenzeit.
[…]

An anderer Stelle dichtete er:

[…]
Bleib, edles Wien, der Himmel walt’s,
Des Deutschtums Zitadelle!'
[…]

Anlässlich der Abtrennung der Untersteiermark von der Steiermark nach dem Ersten Weltkrieg ohne Volksabstimmung sprach er Gemeinsamkeiten von Deutschen und Wenden (Slawen) an:

Aber das Große, das Deutsche und Wenden
einmal geschaffen mit rüstigen Händen,
heimatbegeistert und brüderlich,
kann kein Wandel der Zeiten zerbrechen.
Dankbar wollen wir’s künden und sprechen:
Steirischer Süden, Gott segne Dich!

Für Peter Roseggers Geburtshaus dichtete er folgende Verse:

Zieh’, Wand’rer, den Hut und bleib andächtig stehn!
Denn hier ist voreinst ein Mirakel geschehn.
Im achtzehnhundertundvierzigsten Jahr
und darnach im dritten, im Heumond, gebar,
von Fichten umrauscht und vom Almenwind,
eine sterbliche Mutter ein unsterblich Kind.

Hier ist Rosegger zur Welt gekommen.
Alle die wahrhaft der Menschheit frommen,
ihre Edelsten, Größten und Besten
kommen aus Hütten, nicht aus Palästen.


Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er 1901 mit dem Gedichtband Aus dem Zwingergärtlein bekannt und erreichte so bald ähnliche Popularität wie sein Freund, der Schriftsteller Peter Rosegger. Seine Religiosität brachte er beispielsweise im Gedicht Zwei Kreuze, seine Heimatverbundenheit im Wechselgau zum Ausdruck.

Wechselgau, auf deinen Lehnen reifen karge Ernten bloß,
Zugeteilt ward deinen Söhnen nur ein dürftiges Erdenlos.

Schmale Kost, ein Kleid von Loden, harte Arbeit immerzu –
Wechselgau, Waldheitmatboden, o wie arm, wie arm bist du!

Doch so mancher, der vom bösen Weltgift elend ward und krank,
Ist auf immerdar genesen wenn er deine Quellen trank.

Mancher Bettler ward hier König; denn im Waldesfrieden lehrt
Ihn ein fröhlich Volk, wie wenig Glück zum Glücklichsein gehört.

Nicht mit allen Reichskleinoden tauscht er deine Bergesruh’ ...
Wechselgau, Waldheimatboden, o wie reich, wie reich bist du!

Während des Ersten Weltkriegs trat er 1916 im zusammen mit Peter Rosegger verfassten Gedichtband Steirischer Waffensegen mit chauvinistisch-blutrünstiger Kriegslyrik, wie sie in Kriegszeiten nicht selten war, hervor.

Steirische Holzer holzt mir gut
mit Büchsenkolben die Serbenbrut!
Steirische Jäger trefft mir glatt
Den russischen Zottelbären aufs Blatt!
Steirische Winzer presst mir fein
Aus Welschlandfrüchten blutroten Wein!

1920 schuf Kernstock den Text der offiziellen österreichischen Bundeshymne von 1930 bis 1938 (zur Melodie von Gott erhalte, Gott beschütze, Hymne bis 1918, und von Deutschland, Deutschland über alles). Ursprünglich als Deutschösterreichische Volkshymne betitelt und Teil des Gedichtbands Der redende Born (1922), wurde Sei gesegnet ohne Ende per Ministerratsbeschluss der konservativen Bundesregierung Schober III am 13. Dezember 1929 zur Bundeshymne erklärt.

Im Jahr 1923 verfasste er das „Hakenkreuzlied“ für die Fürstenfelder Ortsgruppe der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (DNSAP). Das Lied wurde im Wahlkampf in den sudetendeutschen Gebieten der Tschechoslowakei eingesetzt und löste Proteste der Christlich-Sozialen Partei und der katholischen Kirche aus. Kernstock verwahrte sich dagegen, ein „Hakenkreuzler“ zu sein und verteidigte sich damit, dass er ein Gedicht geschrieben habe, das den idealen Zielen galt, die ursprünglich den Hakenkreuzlern vorschwebten und mit denen sich jeder brave Deutsche einverstanden erklären musste.

Nachwirken[Bearbeiten]

Als chauvinistisch-blutrünstiger Lyriker erscheint er, mit Originalzitaten seiner Kriegsgedichte, in Karl Kraus’ Drama Die letzten Tage der Menschheit.

Kernstock-Schutzhütte (1914), am 30. Juli 1911 eröffnet und von Kernstock selbst eingeweiht,[3] (nach einem brandbedingten Neubau 1950) seit 2008 Hildegard-von-Bingen-Naturhaus
Kernstockwarte, errichtet 1928/29

In Österreich wurden nach seinem Tod zahlreiche Straßen und Plätze nach Kernstock benannt. Nach dem Anschluss 1938 wurde vor allem das Hakenkreuzlied von den Nationalsozialisten zur Propaganda verwendet. Nach 1945 geriet er zunehmend in Vergessenheit. Teilweise wurde die Benennung von Straßen und Plätzen – oft erst nach längeren Debatten – rückgängig gemacht.

An einem Haus in Wien Hietzing (13. Gemeindebezirk), Münichreiterstraße 9, war bis in die 1980er Jahre zu lesen: In diesem deutschen Haus wohnte einst der deutsche Dichter Ottokar Kernstock. Die Gedenktafel wurde später vom Hausinhaber entfernt.

Am 24. Mai 1914 wurde im Beisein von Kernstock sowie Hans Wagner-Schönkirch im Hotel Neue Welt, Gloggnitz, ein Kernstockstüberl eröffnet[4] – das bis heute besteht (Hotel Loibl).

Ottokar Kernstock führte die Bezeichnung Wechselgau für den Raum zwischen Hartberg und dem Wechsel ein. Der Begriff hat sich zwar nicht durchgesetzt (vermutlich zur Distanzierung zu den Reichsgauen des nationalsozialistischen Deutschlands), lebt jedoch im Namen der regionalen Genossenschaft Lagerhaus Wechselgau reg. GenmbH der RWA Raiffeisen Ware Austria weiter, welche aus der 1929 von 130 Bauern gegründeten Molkerei Wechselgau hervorging.[5]

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

  • Verloren und Wiedergefunden, Märchen, 1894
  • Die wehrhafte Nachtigall, 1900
  • Aus dem Zwingergärtlein, 1901
  • Unter der Linde, 1905
  • Turmschwalben, 1908
  • Aus der Festenburg, 1911
  • Tageweisen. Gedichte, 1912, Volltext online
  • Schwertlilien aus dem Zwingergärtlein, 1915
  • Peter Rosegger, —: Steirischer Waffensegen, 1916, Volltext online
  • Der redende Born, 1922

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ottokar Kernstock – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Karl Kraus: Kernstock der Jugend! In: textlog.de, abgerufen am 11. August 2014.
  2. Tagesbericht. (…) Ein Grabmal für Ottokar Kernstock. In: Reichspost, Nr. 186/1929 (XXXVI. Jahrgang), 8. Juli 1929, S. 4 Mitte. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/rpt.
  3. Verschiedenes. Weg- und Hüttenbauten. (…) Das Ottokar-Kernstock-Haus auf dem Rennfeld (1630 m) (…). In: Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Nr. 17/1911, Band 37/1911, S. 198.
  4. (Bildunterschrift:) Eröffnung des Kernstockstüberls in Gloggnitz (…). In: Wiener Bilder, Nr. 22/1914 (XIX. Jahrgang), 31. Mai 1914, S. 5, unten links. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/wrb,
    Ein Kernstockstüberl in Gloggnitz. In: Deutsche Schutzvereinszeitung, Nr. 349/1914, 31. Mai 1914, S. 31, Mitte links. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/dvb.
  5. Firmenchronik Lagerhaus Wechselgau