Paul Broca

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Paul Broca

Pierre Paul Broca (* 28. Juni 1824 in Sainte-Foy-la-Grande bei Bergerac; † 9. Juli 1880 in Paris) war ein französischer Arzt, Anatom und Anthropologe. Nach ihm wurde u. a. eine schwere Sprachstörung benannt, die sogenannte Broca-Aphasie (siehe Fall des „Monsieur Tan“), sowie die entsprechende Gehirnregion (Broca-Areal). Er beschrieb 1878 erstmals einen „großen limbischen Lappen“, der heute als limbisches System bezeichnet wird.

Biographie[Bearbeiten]

Pierre Paul Broca wird in eine protestantische Familie geboren. Der Vater Benjamin Broca ist Arzt und Chirurg der Kaiserlichen Armee, die Mutter Annette Thomas ist die Tochter eines protestantischen Pastors, der in der Revolutionszeit Bürgermeister von Bordeaux war.[1]

Hochbegabt, wird er gleichzeitig Baccalaureus in Literatur, Mathematik und Physik. Mit siebzehn inskribiert er an der Medizinischen Fakultät der Pariser Universität und erhält sein Medizin-Diplom mit zwanzig, in einem Alter, in dem seine Altersgenossen mit dem Studium beginnen.

Broca wird Professor für Chirurgische Pathologie an der Pariser Universität (damals: Académie de Paris) und widmet sich der medizinischen Forschung auf mehreren Gebieten. Mit 24 Jahren ist er bereits berühmt, überhäuft mit Auszeichnungen und Preisen.

Er scheint einen bemerkenswerten Charakter gehabt zu haben. Seine Zeitgenossen beschreiben ihn als „großzügig, einfühlsam und liebenswürdig“. 1848 gründet er die Société des libres-penseurs (Freidenker-Gesellschaft), ist Anhänger der Theorie der natürlichen Selektion Darwins und wird angezeigt als subversiver Materialist, der die Jugend verderbe.

In unermüdlicher Arbeit hat er Hunderte Bücher und Artikel geschrieben, davon 53 über das Gehirn. Er suchte die Gesundheitsfürsorge für Mittellose zu verbessern und setzte sich für das öffentliche Gesundheitswesen ein. Unter seinen Studenten sind Paul Topinard und Joseph Deniker zu nennen.

Broca stirbt, nur 56 Jahre alt, am 9. Juli 1880 ganz plötzlich an einer Aneurisma-Ruptur.

Wissenschaftliche Arbeit[Bearbeiten]

Seine ersten wissenschaftlichen Arbeiten sind Beiträge zur Histologie der Knorpel und Knochen, aber er studiert auch den Krebs, die Behandlung des Aneurismas und die Kindersterblichkeit. Seine Arbeiten zur Neuroanatomie haben zu einem besseren Verständnis des limbischen Systems und des olfaktorischen Cortex (Rhinenzephalon) beigetragen.

1859 berichten Broca und sein Kollege Eugène Azam vor der Académie des sciences über einen chirurgischen Eingriff unter hypnotischer Anästhesie.

Der Fall „Monsieur Tan“[Bearbeiten]

Gehirn des Monsieur Tan

Was Broca einen Platz in der Medizingeschichte sichert, ist seine Entdeckung des Sprachzentrums im Gehirn, heute bekannt als Broca-Areal, gelegen im dritten Gyrus (Gehirnwindung) des Frontallappens der linken Gehirnhälfte.

Er studierte um das Jahr 1860 Patienten mit einer Aphasie (Sprachstörung). Sein erster Patient namens Leborgne im Pariser Hôpital Kremlin-Bicêtre konnte nur noch die Silbe ‚Tan‘ aussprechen, weswegen er den Spitznamen „Tan“ erhielt. Das Sprachverständnis dagegen schien nicht beeinträchtigt zu sein: Er war durchaus noch in der Lage, ihm gestellte Fragen zu verstehen. Durch prosodische Artikulation verschiedener Betonungsmuster, Tonhöhen und Aneinanderreihungen dieser einen Silbe versuchte „Monsieur Tan“ die Fragen zu beantworten. Die postmortale Autopsie ergab, dass ein Teil der linken Gehirnhälfte zwischen dem Frontallappen und dem Temporallappen eine neurosyphilitische Läsion aufwies.

Broca folgerte daraus, dass diese Stelle maßgeblich an der Sprachproduktion beteiligt sein müsse. Aus Brocas Befunden entstand die Vorstellung der Lateralisation, also der „asymmetrischen Repräsentation bestimmter Funktionen im Gehirn“.[2]

Er stellte seine Entdeckung 1861 in der Société d’anthropologie de Paris (Anthropologische Gesellschaft von Paris) im Lauf einer heftigen Diskussion mit den Verfechtern der holistischen Gehirntheorie vor.[3]

Das Broca-Areal ist einer von mehreren Bereichen im Gehirn, welche zusammen das Sprachzentrum bilden: Während das Wernicke-Zentrum (benannt nach Carl Wernicke) dem Verstehen von Sprache dient, steuert das Broca-Areal maßgeblich die Erzeugung (Motorik) der Sprache.

Anthropologische Forschung[Bearbeiten]

Broca ist auch ein Pionier der physischen Anthropologie. Er gründet 1859 die Société d’Anthropologie de Paris und 1876 die École d’anthropologie. Er entwickelt neue Messinstrumente und neue numerische Indizes für die Kraniometrie. Der Gebrauch und Missbrauch seiner Messungen und Schlussfolgerungen durch rassistische Ideologien wurde ausführlich von Stephen Jay Gould besprochen.[4] Broca selbst hat rassistischen Deutungen seiner Forschung Vorschub geleistet.[5] Er hatte die Hypothese formuliert, dass „die relative Kleinheit des Gehirns der Frau zugleich von ihrer physischen und intellektuellen Unterlegenheit“ abhinge.[6]

Vergleichende Anatomie[Bearbeiten]

Ein anderer Bereich, in dem Broca geforscht hat, ist die vergleichende Anatomie der Primaten. Er entdeckte zum ersten Mal Heilungsspuren an trepanierten Schädeln aus dem Neolithikum. Er interessierte sich für die Relation zwischen dem menschlichen Schädel und dem Gehirn mit seinen mentalen Eigenschaften und seiner Intelligenz. Dabei bestritt er die These von Friedrich Tiedemann, der behauptete, man könne die schwarze und die weiße Rasse nicht nach ihrer Schädelkapazität unterscheiden, und vermaß menschliche Schädel zur Untermauerung seiner Hypothese, dass die Kleinheit ihres Gehirns eine charakteristische Unterlegenheit primitiver Völker darstelle: « On a vu que la capacité cranienne des nègres de l’Afrique occidentale (1 372,12 cm3) est inférieure d’environ 100 cm3 à celle des races d’Europe. »[7][8]

Schließlich war Broca auch ein Pionier der Gehirnabbildung. Er erfand eine „thermometrische Krone“, mit der er hoffte, die Temperaturänderungen des Schädels zu messen, die von Veränderungen der Gehirnaktivität verursacht werden.[9]

Der von Broca entwickelte Broca-Index dient zur einfachen Bestimmung des Normalgewichts einer Person, ist aber ungenauer als der Body Mass Index (BMI) und wird kaum mehr verwendet.

Ehrungen und Auszeichnungen[Bearbeiten]

Gegen Ende seines Lebens wird Broca zum Sénateur à vie (Senator auf Lebenszeit) gewählt. Er war Mitglied der Académie de médicine und wurde von mehreren französischen und ausländischen Institutionen geehrt. So war er korrespondierendes Mitglied der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Im Jahr 1858 wurde Broca zum Mitglied der Gelehrtenakademie Leopoldina gewählt.

Brocas Name ist auf dem Eiffelturm in einer Liste von 72 Namen genannt. Das Hôpital Broca, ein auf Gerontologie spezialisiertes öffentliches Krankenhaus in Paris, trägt seinen Namen, ebenso eine der drei medizinischen Fakultäten der Université Bordeaux II. Sein Name schmückt das Berufs-Lyzeum in seiner Heimatstadt Ste-Foy la Grande.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen und Quellen[Bearbeiten]

  1. Daniel Frédy: Paul Broca. In: Histoire des sciences médicales, Bd. XXX/2, 1996, S. 199.
  2. Christoph Hermann & Christian Fiebach: Gehirn & Sprache. Verlag Clausen & Bosse, Leck 2004, S. 6.
  3. Bulletin de la société française d’anthropologie. Text n°1: Sitzung am 18. April 1861, Bd. 2, S. 235–238; Text n°2: Sitzung am 16. April 1863, Bd. 4, S. 200–204. [1]
  4. Stephen Jay Gould: The Mismeasure of Man. Norton, New York 1981, ISBN 0-393-03972-2 (= Der falsch vermessene Mensch. Suhrkamp, Frankfurt 1983, ISBN 3518281836).
  5. Paul Broca: Sur le volume et la forme du cerveau suivant les individus et suivant les races. S. 48, Auszug aus Bd. II der Bulletins de la Societé d’anthropologie, Sitzungen vom 21. März und 2. Mai 1861.
  6. Paul Broca: Sur le volume et la forme du cerveau suivant les individus et suivant les races (Über Volumen und Form des Gehirns je nach Individuen und Rassen), S. 15, Auszug aus Bd. II der Bulletins de la Société d’anthropologie, Sitzungen vom 21. März und 2. Mai 1861.
  7. P. Broca: Sur les crânes de la caverne de l ’homme-mort. In: Revue d’Anthropologie, 1873/2, 1–53, zitiert nach Stephen Jay Gould: La Mal-mesure de l’homme. S. 97.
  8. Stephen Jay Gould: The Mismeasure of Man. Norton, New York 1981, ISBN 0-393-03972-2. (= Der falsch vermessene Mensch. Suhrkamp, Frankfurt 1983, ISBN 3518281836.)
  9. L. Cohen, M.J. Smith und V. Lroux-Hugon: Paul Broca’s thermometric Crown.