Paul Grüninger

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Paul Grüninger (* 27. Oktober 1891 in St. Gallen; † 22. Februar 1972 ebenda) war ein Schweizer Polizeihauptmann in St. Gallen und ein Fussballspieler.

Fluchthelfer[Bearbeiten]

Grüninger rettete unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg bis zu 3600 Juden das Leben, indem er ihnen durch Vordatierung der Einreisevisa und/oder Fälschung anderer Dokumente die Einreise in die Schweiz ermöglichte. 1939 wurde er deswegen ohne Anspruch auf Rente vom Dienst suspendiert und 1940 wegen Amtspflichtverletzung zu einer geringfügigen Geldstrafe verurteilt. 1972 starb Grüninger verarmt in St. Gallen.[1][2]

Unter anderem durch einen Artikel im Tages-Anzeiger-Magazin 1984, Aktenzeichen Grüninger – ungelöst? von C. L. Sandor, wurde das Schicksal Grüningers einer breiten Öffentlichkeit bekannt.[3][4]

1995, 23 Jahre nach seinem Tod, hob das Bezirksgericht St. Gallen das Urteil gegen Paul Grüninger auf und sprach ihn frei. 1998 bezahlte die Regierung des Kantons St. Gallen an die Nachkommen Grüningers eine Entschädigung. Mit dem Geld wurde die Paul-Grüninger-Stiftung gegründet, die sich unter anderem für heutige Verteidiger von Menschenrechten einsetzt.

1971 wurde Grüninger in die Liste der Gerechten unter den Völkern aufgenommen.[5]

Das Theater St. Gallen brachte 2013 das Jugendtheaterstück Ein Grenzgänger von Elisabeth Gabriel und Nina Stazol auf die Bühne.[6][7]

Fussballkarriere[Bearbeiten]

In der Saison 1914/15 wurde Grüninger, damals als Lehrer arbeitend, mit Brühl St. Gallen als linker Flügelstürmer Schweizer Meister. Bei Brühl amtierte er von 1924 bis 1927 sowie von 1937 bis 1940 als Präsident. 1940 trat er auf Grund seiner Verurteilung zurück. Das Stadion erhielt 2006 zu seinen Ehren den Namen Paul-Grüninger-Stadion.[8][9]

Ehrungen[Bearbeiten]

Strassenschild und Informationstafel am Grüningerplatz in St. Gallen, 2014

In den Städten St. Gallen, Jerusalem, Kirjat Ono und Stuttgart tragen Strassen und Plätze den Namen Paul Grüningers. In Wien wurde 1997 die nach den Plänen der Architekten Gustav Peichl und Rudolf Weber neuerbaute Schule in der Hanreitergasse nach ihm benannt. 2012 wurde ihm die Brücke über den Alten Rhein zwischen Hohenems und Diepoldsau gewidmet.[10][11]

Grüningers damalige Dienststelle, die Kantonspolizei St. Gallen, ehrte ihn 2014 in einer Feier, an der auch seine Tochter Ruth Roduner teilnahm. Am Haupteingang des Polizeigebäudes befindet sich nunmehr eine Gedenktafel, die an Grüninger und seine Zivilcourage erinnert.[12]

Literatur[Bearbeiten]

  • Rolf Hochhuth: Grüninger-Novelle, in dsb. Atlantik-Novelle. Erzählungen. Rowohlt, Reinbek 1985, ISBN 3-498-02867-7
  • Stefan Keller: Grüningers Fall. Geschichten von Flucht und Hilfe. Rotpunkt, Zürich 1993, 5. Aufl. 2013, ISBN 3-8586-9157-7
  • Jörg Krummenacher: Flüchtiges Glück. Die Flüchtlinge im Grenzkanton St. Gallen zur Zeit des Nationalsozialismus. Limmat, Zürich 2005, ISBN 3-85791-480-7[13]
  • Wulff Bickenbach: Gerechtigkeit für Paul Grüninger. Verurteilung und Rehabilitierung eines Schweizer Fluchthelfers (1938–1998). Böhlau, Köln 2009, ISBN 978-3-412-20334-4

Filme[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Paul Grüninger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wer das Leid sah, konnte nicht mittun. Welt Online, 2. Dezember 1995.
  2. Wer war Paul Grüninger?. Kurzportrait bei der Paul-Grüninger-Stiftung.
  3. Anmerkung zu A 425/4 Paul Grüninger: Sammeldossier, 1984–1998, Staatsarchiv St. Gallen.
  4. ... in dem ein Lancelot C. Sandor (nach anderen Quellen C. Lancelot Sandor) für Kalamitäten sorgt
  5. Yad Vashem: Paul Grüninger
  6. Paul Grüninger – Theater für die junge Generation, NZZ, 16. Februar 2013, S. 33
  7. Theater St. Gallen
  8. Paul-Grüninger-Stadion. Beitrag von Daniel Snyder in WOZ Die Wochenzeitung, 9. März 2006.
  9. Paul Grüninger (1891–1972): Ein Brühler mit Herz, Verstand und Hand. Website des SC Brühl St. Gallen.
  10. Eine Grenzbrücke für Grüninger. Bericht im St. Galler Tagblatt vom 16. Februar 2012.
  11. Brückendenkmal für Paul Grüninger Bericht im DerStandard vom 6. Mai 2012.
  12. Jörg Krummenacher: Judenretter, Polizei und Verstand, Neue Zürcher Zeitung vom 22. August 2014.
  13. siehe auch seinen Artikel in der NZZ vom 22. August 2014
  14. Bettina Spoerri: Zivilcourage ist ein seltenes Gewächs, NZZ, 30. Januar 2014, S. 21