Paul Grüninger

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Paul Ernst Grüninger (* 27. Oktober 1891 in St. Gallen; † 22. Februar 1972 ebenda) war ein Schweizer Lehrer, Fussballspieler und ab 1919 Polizeihauptmann in St. Gallen.

Leben[Bearbeiten]

Paul Ernst Grüninger wurde als zweites von vier Kindern des katholischen Tapeziermeisters Oskar Grüninger und dessen protestantischer Frau Maria geboren und protestantisch erzogen. Sein Vater übernahm später ein Tabakwarengeschäft in St. Gallen. Von 1907 bis 1911 machte Paul Grüninger eine Ausbildung zum Lehrer am Lehrerseminar Mariaberg Rorschach. Ab 1913 spielte er als Linksaußen beim Fußballclub Brühl, St. Gallen. In der Saison 1914/15 gewann er mit seiner Mannschaft die Schweizer Meisterschaft. Der Wehrdienst unterbrach seine ersten Berufsjahre, nach Abschluss der Rekruten- und Offiziersschule wurde er zum Leutnant der Verpflegungstruppen ernannt. Im September 1919 empfahl ihm ein Kunde im elterlichen Geschäft die Stelle eines Polizeileutnants im Landjägerkorps des Kantons St. Gallen.[1] Er zögerte jedoch und gab schließlich dem Drängen seiner Eltern nach.[2] Grüninger wurde von 78 Bewerbern ausgewählt. Bald darauf heiratete er Alice Federer, die aus einer angesehenen Kaufmannsfamilie aus Au kam. Das Ehepaar bekam zwei Töchter, darunter Ruth Roduner (*1921), die sich bis heute (2014) für die Rehabilitierung ihres Vaters einsetzt.[1] 1925 erhielt er die Stelle eines Landjägerhauptmannes.

Fluchthelfer[Bearbeiten]

Grüninger rettete unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg bis zu 3600 Juden das Leben, indem er ihnen durch Vordatierung der Einreisevisa und/oder Fälschung anderer Dokumente die Einreise in die Schweiz ermöglichte. 1939 wurde er deswegen vom Dienst suspendiert und seine Ansprüche auf Pension wurden ihm aberkannt. 1940 wurde er wegen Amtspflichtverletzung zur Zahlung einer geringen Geldstrafe verurteilt. 1972 starb Grüninger verarmt in St. Gallen.[3] [4]

Das Schicksal Grüningers wurde der Öffentlichkeit u.a. durch einen Artikel von C. L. Sandor bekannt (Tages-Anzeiger-Magazin 1984, Aktenzeichen Grüninger – ungelöst?).[5] [6]

1995, 23 Jahre nach seinem Tod, hob das Bezirksgericht St. Gallen das Urteil in der Sache Paul Grüninger auf und sprach ihn frei. 1998 zahlte die Regierung des Kantons St. Gallen an die Nachkommen Grüningers eine Entschädigung. Mit dem Geld wurde die Paul-Grüninger-Stiftung gegründet, die sich unter anderem für aktive Verteidiger von Menschenrechten einsetzt.

Fussballkarriere[Bearbeiten]

In der Saison 1914/15 wurde Grüninger, damals als Lehrer arbeitend, mit Brühl St. Gallen als linker Flügelstürmer Schweizer Meister. Bei Brühl amtierte er von 1924 bis 1927 sowie von 1937 bis 1940 als Präsident. 1940 trat er auf Grund seiner Verurteilung zurück. Das Stadion erhielt 2006 zu seinen Ehren den Namen Paul-Grüninger-Stadion.[7] [8]

Ehrungen[Bearbeiten]

Strassenschild und Informationstafel am Grüningerplatz in St. Gallen, 2014

1971 wurde Grüninger in die Liste der Gerechten unter den Völkern aufgenommen.[9]

In den Städten St. Gallen, Jerusalem, Kirjat Ono und Stuttgart tragen Strassen und Plätze den Namen Paul Grüningers. In Wien wurde 1997 die nach den Plänen der Architekten Gustav Peichl und Rudolf Weber neuerbaute Schule in der Hanreitergasse nach ihm benannt. 2012 wurde ihm die Brücke über den Alten Rhein zwischen Hohenems und Diepoldsau gewidmet.[10] [11]

Das Theater St. Gallen brachte 2013 das Jugendtheaterstück Ein Grenzgänger von Elisabeth Gabriel und Nina Stazol auf die Bühne.[12] [13]

Grüningers damalige Dienststelle, die Kantonspolizei St. Gallen, ehrte ihn 2014 in einer Feier, an der auch seine Tochter Ruth Roduner teilnahm. Am Haupteingang des Polizeigebäudes befindet sich nunmehr eine Gedenktafel, die an Grüninger und seine Zivilcourage erinnert.[14]

Literatur[Bearbeiten]

  • Rolf Hochhuth: Grüninger-Novelle. In: dsb: Atlantik-Novelle. Erzählungen. Rowohlt, Reinbek 1985, ISBN 3-498-02867-7.
  • Stefan Keller: Grüningers Fall. Geschichten von Flucht und Hilfe. Rotpunkt, Zürich 1993, 5. Aufl. 2013, ISBN 3-8586-9157-7.
  • Jörg Krummenacher: Flüchtiges Glück. Die Flüchtlinge im Grenzkanton St. Gallen zur Zeit des Nationalsozialismus. Limmat, Zürich 2005, ISBN 3-85791-480-7.[14]
  • Wulff Bickenbach: Gerechtigkeit für Paul Grüninger. Verurteilung und Rehabilitierung eines Schweizer Fluchthelfers (1938–1998). Böhlau, Köln 2009, ISBN 978-3-412-20334-4.

Filme[Bearbeiten]

  • Grüningers Erbe. Dokumentarfilm, Schweiz, 2014, 21:50 Min., Buch und Regie: Florian Kröppel, Produktion: SRF, Reihe: reporter, Erstsendung: 19. Oktober 2014 bei SRF, Inhaltsangabe von SRF.
  • Grenzenlose Flussfreiheit - Tiefgang am Alten Rhein. Dokumentarfilm, Österreich, 2012, 22:40 Min., Buch und Gestaltung: Ingrid Bertel, Kamera: Alexander Roschanek, Produktion: ORF, Reihe: Erlebnis Österreich, Erstsendung: 2. September 2012 bei ORF III, Inhaltsangabe von ORF.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Paul Grüninger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Wulff Bickenbach: Hauptmann Paul Grüninger - Lebensstationen bis zur Anklage und Entlassung. In: derselbe, Gerechtigkeit für Paul Grüninger, ISBN 978-3-412-20334-4, S. 149f., online-Ausschnitt von Google Bücher.
  2. Matthias Rauch: Paul Grüninger: Ruth Roduners Kampf um den Ruf ihres Vaters. In: Vorarlberg Online, 29. Januar 2014.
  3. Walter H. Rueb: Wer das Leid sah, konnte nicht mittun.. In: Welt Online, 2. Dezember 1995.
  4. Wer war Paul Grüninger? Kurzporträt bei der Paul-Grüninger-Stiftung.
  5. A 425/4 Paul Grüninger: Sammeldossier, 1984–1998, Staatsarchiv St. Gallen.
  6. ... in dem ein Lancelot C. Sandor (nach anderen Quellen C. Lancelot Sandor) für Kalamitäten sorgt
  7. Daniel Ryser: Paul-Grüninger-Stadion. In: WOZ Die Wochenzeitung. 9. März 2006.
  8. Der Namensgeber des Brühler Stadions. Website des SC Brühl St. Gallen.
  9. The Policeman who Lifted the Border Barrier: Paul Grueninger. In: Yad Vashem.
  10. Marcel Elsener: Eine Grenzbrücke für Grüninger. In: St. Galler Tagblatt, 16. Februar 2012.
  11. jub: Brückendenkmal für Paul Grüninger. In: derStandard.at, 6. Mai 2012.
  12. Jörg Krummenacher: Flüchtlingsretter für die junge Generation. In: NZZ. 16. Februar 2013, S. 33.
  13. Paul Grüninger – Ein Grenzgänger. In: Theater St. Gallen, aufgerufen am 12. November 2014.
  14. a b Jörg Krummenacher: Judenretter, Polizei und Verstand. In: NZZ. 22. August 2014.
  15. Bettina Spoerri: Zivilcourage ist ein seltenes Gewächs. In: NZZ, 30. Januar 2014, S. 21, Besprechung von Akte Grüninger.