Paul Grüninger

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Paul Ernst Grüninger (* 27. Oktober 1891 in St. Gallen; † 22. Februar 1972 ebenda) war ein Schweizer Lehrer, Fussballspieler und ab 1919 Polizeihauptmann in St. Gallen. Er rettete, im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Grenzbeamter, in den Jahren 1938 - 39 mehrere hundert jüdische und andere Flüchtlinge vor der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung.[1]

Leben[Bearbeiten]

Paul Ernst Grüninger wurde als zweites von vier Kindern des katholischen Tapeziermeisters Oskar Grüninger und dessen protestantischer Frau Maria geboren und protestantisch erzogen. Sein Vater übernahm später ein Tabakwarengeschäft in St. Gallen. Von 1907 bis 1911 machte Paul Grüninger eine Ausbildung zum Lehrer am Lehrerseminar Mariaberg Rorschach. Ab 1913 spielte er als Linksaussen beim Fussballclub Brühl, St. Gallen. In der Saison 1914/15 gewann er mit seiner Mannschaft die Schweizer Meisterschaft. Der Wehrdienst unterbrach seine ersten Berufsjahre, nach Abschluss der Rekruten- und Offiziersschule wurde er zum Leutnant der Verpflegungstruppen ernannt. Im September 1919 empfahl ihm ein Kunde im elterlichen Geschäft die Stelle eines Polizeileutnants im Landjägerkorps des Kantons St. Gallen.[2] Er zögerte jedoch und gab schließlich dem Drängen seiner Eltern nach.[3] Grüninger wurde von 78 Bewerbern ausgewählt. Bald darauf heiratete er Alice Federer, die aus einer angesehenen Kaufmannsfamilie aus Au kam. Das Ehepaar bekam zwei Töchter, darunter Ruth Roduner (*1921), die sich bis heute (2014) für die Rehabilitierung ihres Vaters einsetzt.[2] 1925 erhielt er die Stelle eines Landjägerhauptmannes.

Fluchthelfer[Bearbeiten]

Deutscher Reisepass mit J-Stempel und Zwangsvornamen Israel

Die Einführung des Judenstempel in Deutschland mit der Verordnung über Reisepässe von Juden vom 5. Oktober 1938 erfolgte aufgrund eines Abkommens zwischen der Schweiz und Deutschland.[4] Eingeführt wurde er, auf einen Vorschlag der deutschen Behörden hin, welche damit die Einführung der vom Schweizer Bundesrat verlangten Visumpflicht für sämtliche deutsche Staatsangehörige verhindern wollten.[5]Die Schweiz wollte, ab da an, nur dann „reichsangehörige[n] Juden, deren Pass mit dem [...] erwähnten Merkmal versehen ist [...], die Einreise in die Schweiz gestatten, wenn die zuständige schweizerische Vertretung in den Pass eine 'Zusicherung der Bewilligung zum Aufenthalt in der Schweiz oder zur Durchreise durch die Schweiz' eingetragen hat.“[6] Sie hat deutsche Juden im Regelfall nicht als politische Flüchtlinge aufgenommen und den nach der sogenannten Reichskristallnacht, vom 9. auf den 10. November 1938, gefährdeten Juden die Einreise in die Schweiz ohne vorherige spezielle Antragstellung und Bewilligung verwehrt.

Bei einer Sitzung von kantonalen Polizeifunktionären, unter ihnen der ehrenamtliche Präsident der Schweizerischen Flüchtlingshilfe und Heinrich Rothmund, der Chef der Eidgenössischen Fremdenpolizei, verteidigte Grüninger als einziger die jüdischen Flüchtlinge: »Die Rückweisung der Flüchtlinge geht schon aus Erwägungen der Menschlichkeit nicht. Wir müssen viele hereinlassen!«[7]

Der St. Galler Polizeikommandant Hauptmann Grüninger rettete in den Jahren 1938 und 39 mehrere hundert jüdische und andere Flüchtlinge vor der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung[8], indem er ihnen durch Vordatierung der Einreisevisa und/oder Fälschung anderer Dokumente die Einreise in die Schweiz ermöglichte. 1939 wurde er deswegen vom Dienst suspendiert und seine Ansprüche auf Pension wurden ihm aberkannt. 1940 wurde er wegen Amtspflichtverletzung zur Zahlung einer geringen Geldstrafe verurteilt. Seine Tochter Ruth mußte die Handelsschule in Lausanne abbrechen, kehrte zur Familie nach St. Gallen zurück und mußte sich eine Stelle suchen: «Man sah meinen Vater als Verbrecher an. Ich bekam eine Absage nach der anderen, bis ich in einer jüdischen Textilfirma eine Anstellung fand.» Ruth konnte damit gerade die Miete für die St. Galler Wohnung bezahlen, in der sie fortan mit ihrer zwölf Jahre jüngeren Schwester Sonja, ihrer Mutter und ihrem Vater wohnte. Grüninger lebte seine restlichen drei Jahrzehnte von Gelegenheitsjobs und als Aushilfslehrer[9]. Er fand nie wieder eine feste Anstellung. Seine Tochter hat ihm die Enttäuschung angemerkt, aber «trotzdem betonte er bis zu seinem Tod, er würde wieder gleich handeln. Darauf bin ich stolz.»[10]1972 starb Grüninger verarmt in St. Gallen.[11] [12]

Der Helfer schrieb in seinem Lebenslauf: «Es ging darum, Menschen zu retten, die vom Tod bedroht waren. Wie hätte ich mich unter diesen Umständen um bürokratische Erwägungen und Berechnungen kümmern können?».

Das Schicksal Grüningers wurde der Öffentlichkeit u.a. durch einen Artikel von C. L. Sandor bekannt (Tages-Anzeiger-Magazin 1984, Aktenzeichen Grüninger – ungelöst?).[13] [14]

Zwei Monate vor seinem Tod schenkte ihm Bundespräsident Gustav Heinemann einen Farbfernseher.[15]

1993 ist Grüninger durch die St. Galler Regierung politisch rehabilitiert worden und 1994 hat der Schweizer Bundesrat eine Ehrenerklärung für ihn veröffentlicht.[16] 1995, 23 Jahre nach seinem Tod, hob das Bezirksgericht St. Gallen das Urteil in der Sache Paul Grüninger auf und sprach ihn frei. Nachdem er politisch rehabilitiert war, wurde er nun auch juristisch rehabilitiert. Die juristische Rehabilitierung auf Grundlage der UEK bedeutete in diesem Fall, nicht wie gelegentlichen in anderen Fällen die Korrektur eines unsorgfältig gefällten Fehlentscheides des Gerichtes (etwa aufgrund neuer Beweismittel), sondern eine Anerkennung der Tatsache, dass die damalige schweizerische Flüchtlingsgesetzgebung mit den Prinzipien eines Rechtsstaates nicht vereinbar war.[17]

Der Grosse Rat des Kantons St. Gallen stimmte 1998 einer materiellen Wiedergutmachung zu und entschädigte die Nachkommen Grüningers für die durch die fristlose Entlassung entstandenen Lohn- und Pensionseinbußen des Hauptmanns.[18] Mit dem gesamten Geld wurde die Paul-Grüninger-Stiftung gegründet, die sich unter anderem für aktive Verteidiger von Menschenrechten einsetzt.

Fussballkarriere[Bearbeiten]

In der Saison 1914/15 wurde Grüninger, damals als Lehrer arbeitend, mit Brühl St. Gallen als linker Flügelstürmer Schweizer Meister. Bei Brühl amtierte er von 1924 bis 1927 sowie von 1937 bis 1940 als Präsident. 1940 trat er auf Grund seiner Verurteilung zurück. Das Stadion erhielt 2006 zu seinen Ehren den Namen Paul-Grüninger-Stadion.[19] [20]

Musikliebhaber[Bearbeiten]

Grüninger war Kunstliebhaber, spielte Klavier, war ein leidenschaftlicher Sänger und bis ins hohe Alter blieb er Mitglied eines Chors.[21]

Ehrungen[Bearbeiten]

Strassen- und Info-Schild, St. Gallen, 2014
Paul-Grüninger-Schule, Wien, 2014

1971 wurde Grüninger in die Liste der Gerechten unter den Völkern aufgenommen.[22]

Das Grab Grüningers und seiner Gattin wurde 2008 vom St. Galler Künstler Norbert Möslang mit einer Grabplatte gestaltet. Es erinnert seit dem 29. Oktober 2005 eine Schrifttafel an die Jahre (1955–72), in denen das Ehepaar Grüninger in Au, im Kirchweg 4, eine günstige Drei-Zimmer-Wohnung gemietet hatte. Zur Anbringungsfeier wurde der Paul Grüninger Marsch gespielt, der 1938 von einem jüdischen Flüchtling im Lager Diepoldsau komponiert wurde.[23][24] In den Städten St. Gallen, Jerusalem, Kirjat Ono und Stuttgart tragen Strassen und Plätze den Namen Paul Grüningers. In Wien wurde 1997 die nach den Plänen der Architekten Gustav Peichl und Rudolf Weber neuerbaute Schule in der Hanreitergasse nach ihm benannt. 2012 wurde ihm die Brücke über den Alten Rhein zwischen Hohenems und Diepoldsau gewidmet.[25] [26]

Das Theater St. Gallen brachte 2013 das Jugendtheaterstück Ein Grenzgänger von Elisabeth Gabriel und Nina Stazol auf die Bühne.[27] [28]

Grüningers damalige Dienststelle, die Kantonspolizei St. Gallen, ehrte ihn 2014 in einer Feier, an der auch seine Tochter Ruth Roduner teilnahm. Am Haupteingang des Polizeigebäudes befindet sich nunmehr eine Gedenktafel, die an Grüninger und seine Zivilcourage erinnert.[29]

Anfang Februar 2013 haben unbekannte Täter auf der Paul-Grüninger-Brücke die Erinnerungstafel an den namensgebenden Schweizer Polizeikommandanten mit einem elektrischen Winkelschleifer entfernt und in den Rhein geworfen. Die Schweizer Polizei geht von bereits vorhandenem Vandalismus in der Umgebung von Altstätten aus. Bernd Bösch von den Vorarlberger Grünen geht von einem rechtsextremen Akt aus: "Grüninger ist in der Schweiz umstrittener als bei uns. Andererseits ist die rechtsextreme Szene in Vorarlberg aktiv und gut organisiert."[30]

Literatur[Bearbeiten]

  • Rolf Hochhuth: Grüninger-Novelle. In: dsb: Atlantik-Novelle. Erzählungen. Rowohlt, Reinbek 1985, ISBN 3-498-02867-7.
  • Stefan Keller: Grüningers Fall. Geschichten von Flucht und Hilfe. Rotpunkt, Zürich 1993, 5. Aufl. 2013, ISBN 3-8586-9157-7.
  • Jörg Krummenacher: Flüchtiges Glück. Die Flüchtlinge im Grenzkanton St. Gallen zur Zeit des Nationalsozialismus. Limmat, Zürich 2005, ISBN 3-85791-480-7.[29]
  • Wulff Bickenbach: Gerechtigkeit für Paul Grüninger. Verurteilung und Rehabilitierung eines Schweizer Fluchthelfers (1938–1998). Böhlau, Köln 2009, ISBN 978-3-412-20334-4.

Filme[Bearbeiten]

  • Grüningers Erbe. Dokumentarfilm, Schweiz, 2014, 21:50 Min., Buch und Regie: Florian Kröppel, Produktion: SRF, Reihe: reporter, Erstsendung: 19. Oktober 2014 bei SRF, Inhaltsangabe von SRF.
  • Grenzenlose Flussfreiheit - Tiefgang am Alten Rhein. Dokumentarfilm, Österreich, 2012, 22:40 Min., Buch und Gestaltung: Ingrid Bertel, Kamera: Alexander Roschanek, Produktion: ORF, Reihe: Erlebnis Österreich, Erstsendung: 2. September 2012 bei ORF III, Inhaltsangabe von ORF.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Paul Grüninger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.paul-grueninger.ch/pagine/stiftung/werwar.html
  2. a b Wulff Bickenbach: Hauptmann Paul Grüninger - Lebensstationen bis zur Anklage und Entlassung. In: derselbe, Gerechtigkeit für Paul Grüninger, ISBN 978-3-412-20334-4, S. 149f., online-Ausschnitt von Google Bücher.
  3. Matthias Rauch: Paul Grüninger: Ruth Roduners Kampf um den Ruf ihres Vaters. In: Vorarlberg Online, 29. Januar 2014.
  4. Dokument VEJ 2/127.
  5. dpa-Meldung vom 22. Februar 2009, Hagalil-Archiv
  6. Dokument VEJ 2/127
  7. http://www.zeit.de/2008/34/A-Grenzsperre
  8. http://www.paul-grueninger.ch/pagine/stiftung/werwar.html
  9. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13686978.html
  10. http://www.migrosmagazin.ch/menschen/portraet/artikel/spaete-ehre-fuer-paul-grueninger
  11. Walter H. Rueb: Wer das Leid sah, konnte nicht mittun.. In: Welt Online, 2. Dezember 1995.
  12. Wer war Paul Grüninger? Kurzporträt bei der Paul-Grüninger-Stiftung.
  13. A 425/4 Paul Grüninger: Sammeldossier, 1984–1998, Staatsarchiv St. Gallen.
  14. ... in dem ein Lancelot C. Sandor (nach anderen Quellen C. Lancelot Sandor) für Kalamitäten sorgt
  15. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13686978.html
  16. http://www.paul-grueninger.ch/pagine/stiftung/werwar.html
  17. Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (Bergier - Kommission); Der Schlussbericht in Buchform, Pendo-Verlag, Zürich, 2002
  18. http://www.paul-grueninger.ch/pagine/stiftung/werwar.html
  19. Daniel Ryser: Paul-Grüninger-Stadion. In: WOZ Die Wochenzeitung. 9. März 2006.
  20. Der Namensgeber des Brühler Stadions. Website des SC Brühl St. Gallen.
  21. http://www.derbund.ch/kultur/kino/Es-stellt-sich-die-Frage-warum-so-wenige-Schweizer-ihm-folgten/story/19263318
  22. The Policeman who Lifted the Border Barrier: Paul Grueninger. In: Yad Vashem.
  23. http://www.appenzellerzeitung.ch/ostschweiz/ostschweiz/tb-os/Grueningers-Spuren-im-Rheintal;art120094,2629932
  24. http://www.paul-grueninger.ch/pagine/stiftung/gedenktafel.html
  25. Marcel Elsener: Eine Grenzbrücke für Grüninger. In: St. Galler Tagblatt, 16. Februar 2012.
  26. jub: Brückendenkmal für Paul Grüninger. In: derStandard.at, 6. Mai 2012.
  27. Jörg Krummenacher: Flüchtlingsretter für die junge Generation. In: NZZ. 16. Februar 2013, S. 33.
  28. Paul Grüninger – Ein Grenzgänger. In: Theater St. Gallen, aufgerufen am 12. November 2014.
  29. a b Jörg Krummenacher: Judenretter, Polizei und Verstand. In: NZZ. 22. August 2014.
  30. http://www.vol.at/hohenems-erinnerungstafel-an-fluchthelfer-paul-grueninger-gestohlen/3499706
  31. Bettina Spoerri: Zivilcourage ist ein seltenes Gewächs. In: NZZ, 30. Januar 2014, S. 21, Besprechung von Akte Grüninger.