Rochus Misch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Rochus Misch (* 29. Juli 1917 in Alt Schalkowitz, Oberschlesien; † 5. September 2013 in Berlin[1]) war ein deutscher Angehöriger der SS in der Leibstandarte-SS Adolf Hitler, zuletzt mit dem Dienstgrad SS-Oberscharführer. Von 1940 bis 1945 war er als Angehöriger des Führerbegleitkommandos im Führerhauptquartier tätig, zuletzt auch als Telefonist. Nach dem Tod von Otto Günsche im Jahr 2003 war Misch der letzte Zeitzeuge aus dem engeren Umfeld Hitlers.

Leben[Bearbeiten]

Kindheit und Ausbildung[Bearbeiten]

Rochus Misch war das zweite Kind des Bauarbeiters Rochus Misch und dessen Frau Victoria. Sein Vater, der als Soldat im Ersten Weltkrieg durch einen Lungenschuss schwer verwundet worden war, starb kurz vor seiner Geburt.[2] 1920 starb die Mutter an einer Lungenentzündung. Im Mai 1922 erlitt sein älterer Bruder einen tödlichen Badeunfall. Misch wuchs ab seinem sechsten Lebensjahr bei seinen Großeltern mütterlicherseits auf.

Misch besuchte acht Jahre die Volksschule und machte danach in Hoyerswerda eine Ausbildung zum Maler.[3] Nachdem er einige Zeit Malergeselle gewesen war, machte er sich mit einem älteren Kollegen in Hornberg im Schwarzwald selbstständig.[4]

Er meldete sich 1937 bei der Musterung freiwillig zur SS-Verfügungstruppe, einer Vorgängerorganisation der Waffen-SS. Seinen Einberufungsbefehl zur Leibstandarte-SS Adolf Hitler erhielt er am 1. Oktober 1937. Misch nahm mit seiner SS-Einheit am Anschluss Österreichs und der Besetzung des Sudetenlands infolge des Münchner Abkommens teil.

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Einsatz als Angehöriger der Leibstandarte Adolf Hitler[Bearbeiten]

Am 24. September 1939 wurde Misch während des Polenfeldzugs bei den Kämpfen um die Festung Modlin am Arm und durch einen Lungendurchschuss schwer verwundet.[5] 1939 wurden ihm das Eiserne Kreuz 2. Klasse und das Verwundetenabzeichen in Schwarz verliehen.

Im Führerbegleitkommando[Bearbeiten]

Nach Mischs Genesung und auf Empfehlung seines Kompaniechefs Wilhelm Mohnke (Leibstandarte SS Adolf Hitler) teilte der damalige Chefadjutant Hitlers, Wilhelm Brückner, Misch dem Führerbegleitkommando zu.[6] Als Mitglied des Führerbegleitkommandos hielt er sich in den Jahren 1940 bis 1945 überwiegend in Berlin (Reichskanzlei), in Berchtesgaden am Obersalzberg (Berghof oder Kleine Reichskanzlei), in Rastenburg (Führerhauptquartier Wolfsschanze) oder im Führerbegleitzug auf.

Misch berichtet von den letzten Tagen als Telefonist, im Bunker der Reichskanzlei Berlin, und einem Gespräch mit dem neu ernannten Reichskanzler Goebbels an dessen Todestag (Suizid), dem 1. Mai 1945:

Goebbels: „Irgendwelche Anrufe für mich, Misch?“

Misch: „Ja, Herr Reichskanzler. Die Gauleitung, General Weidling und ein Anruf von Oberstleutnant Seiffert.“

„Na, das ist ja nicht mehr viel“, winkte Goebbels nun ab.[7]

Misch verließ am frühen Morgen des 2. Mai 1945, nachdem ihn Goebbels von seiner Funktion als Telefonist entbunden hatte, den Führerbunker. Mit Goebbels und seiner Frau Magda blieb nur der Maschinist Johannes Hentschel dort zurück. Misch flüchtete von der Vorderfront der Alten Reichskanzlei durch die U-Bahn-Tunnel vom U-Bahnhof Kaiserhof über den Bahnhof Berlin Friedrichstraße und die Weidendammer Brücke bis zum Stettiner Bahnhof, wo er von Soldaten der Roten Armee, auf dem Weg zu seiner in Berlin ansässigen Familie, gefangen genommen wurde. Die Gefängniszelle teilte er sich mit dem Piloten des Führers, General Hans Baur. Die Gespräche zwischen Baur und Misch wurden vom sowjetischen Geheimdienst abgehört. Wegen seiner Waffen-SS-Zugehörigkeit und wegen seiner Nähe zur politischen Prominenz des Dritten Reiches wurden er und Baur in die Sowjetunion geflogen und im Moskauer Militärgefängnis Butyrka festgesetzt, wo Misch nach eigenen Angaben bei Verhören wiederholt schweren Misshandlungen ausgesetzt war.[8] 1953 wurde Misch aus der Kriegsgefangenschaft entlassen.[9]

Nachkriegszeit und Bedeutung als Zeitzeuge[Bearbeiten]

Nach seiner Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft kaufte sich Misch mit einem Kredit über 28.000 Mark ein Geschäft für Maler- und Raumausstattungsbedarf in Berlin-Schöneberg.[10] Seinen Betrieb führte er bis zu seinem achtundsechzigsten Lebensjahr. Danach verkaufte er das Geschäft und zog sich in den Ruhestand zurück.

Seit dem Tod von Hitlers SS-Adjutanten Otto Günsche im Oktober 2003 war Misch der letzte Augen- und Zeitzeuge aus dem inneren Zirkel des „Dritten Reiches“. Im April 2006 erschien eine Fernsehdokumentation des MDR unter dem Titel Der letzte Zeuge – Rochus Misch. Ebenfalls im April 2006 wurde die Biografie von Misch unter dem Titel J'étais garde du corps d'Hitler in Frankreich publiziert. Das Buch behandelt überwiegend den Zeitraum von 1940 bis 1945. Weitere Veröffentlichungen folgten in Argentinien, Spanien, Brasilien, Polen, der Türkei und Japan. In Deutschland erschienen die Lebenserinnerungen von Misch am 30. Juni 2008 unter dem Titel Der letzte Zeuge.

Misch distanzierte sich nicht von seiner Tätigkeit für die Diktatur. Der Historiker und Professor für neuere Geschichte an der Universität Konstanz Rainer Wirtz bemängelt, dass Misch die „Verarbeitung seiner Geschichte nicht gegenwartstauglich vollzogen hat“, und führt als Beispiel dafür Mischs Bezeichnung von Graf von Stauffenberg als „Kameradenmörder“ an.[11] In einem Interview mit der Zeitschrift P.M. wurde Misch diesbezüglich gefragt: „Sie haben das Stauffenberg-Attentat einmal als ‚Kameradenmord‘ bezeichnet. Stehen Sie noch zu diesem Vorwurf?“, woraufhin er mit „Ja, weil vier Kameraden starben“ antwortete.[12]

In dem Film Der Bunker (1981) wurde er von Michael Kitchen, in Der Untergang (2004) von Heinrich Schmieder und in Die letzte Schlacht (2005) von Florian Lukas gespielt. Alle Produktionen setzen sich kritisch mit den letzten Tagen des NS-Regimes auseinander. In seinem Buch Der letzte Zeuge sprach Misch von einer teilweise falschen Darstellung seiner Person im Film.

Rochus Misch war seit 1942 mit der späteren Berliner SPD-Politikerin Gerda Misch (1920-1998) verheiratet und hatte eine Tochter.[13] Rochus Misch starb am 5. September 2013 in Berlin im Alter von 96 Jahren.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Buch[Bearbeiten]

  • Rochus Misch: Der letzte Zeuge. Ich war Hitlers Telefonist, Kurier und Leibwächter. Mit einem Vorwort von Ralph Giordano. 11. Auflage, Piper-Verlag München 2013, ISBN 978-3-492-25735-0

Hörbuch[Bearbeiten]

  • Rochus Misch: Der letzte Zeuge. Ich war Hitlers Telefonist, Kurier und Leibwächter. Gesprochen von Frank Engelhardt, audio media verlag, München, ISBN 978-3-86804-060-9.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Letzter Zeitzeuge von Hitlers Suizid ist tot. In: Die Zeit, 6. September 2013.
  2. Misch: Der letzte Zeuge; 4. Auflage, S. 38 f.
  3. Misch: Der letzte Zeuge; 4. Auflage, S. 43
  4. Misch: Der letzte Zeuge; 4. Auflage, S. 49 f.
  5. Misch: Der letzte Zeuge; 1. Auflage, S. 59 f.
  6. Dominik Reinle: Hitlers Ende: „Der Chef brennt!“ (Version vom 27. Dezember 2005 im Internet Archive) In: kriegsende.ard.de via Internet Archive.
  7. Rochus Misch: Der letzte Zeuge. 8. Auflage, 2008, S. 231
  8. Misch: Der letzte Zeuge; 3. Auflage, S. 241
  9. roland-harder.de: Gespräch mit Rochus Misch, 6. April 2006 (Version vom 21. Juli 2011 im Internet Archive)
  10. Misch: Der letzte Zeuge; 1. Auflage, S. 259
  11. Der Augenzeuge ist tot, es lebe der Zeitzeuge / Anmerkungen zu einem Paradigmenwechsel (PDF; 149 kB). Manuskript zur Sendung AULA des SWR2 vom 28. Mai 2012.
  12. Der letzte Zeuge. In: P.M. Magazin (Interview).
  13. Ralf Simon: Die Geheimnisse des letzten lebenden Hitler-Vertrauten In: Spiegel Online, 29. Juli 2007.