Sebastian Castellio

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Sebastian Castellio

Sebastian Castellio, Castalio oder Chastillon, eigentlich Sébastien Châtillon (* 1515 zu St. Martin-du-Fresne in Savoyen; † 29. Dezember 1563 in Basel), war ein französischer humanistischer Gelehrter und Philosoph.

Leben[Bearbeiten]

Castellio stammte aus einer armen Familie. Seine Heimat gehörte zu den Gebieten, in die sich die seit dem Mittelalter verfolgten Waldenser zurückzogen. Hans Rudolf Guggisberg vermutet daher, dass Castellio in einer waldensischen Tradition aufgewachsen sein könnte. Castellio selbst nannte seinen Vater religiös ungebildet und äußerte sich nicht dazu, wo und wann er in Kontakt mit reformatorischem Gedankengut gekommen war.[1] 1535 ging er nach Lyon, das damals ein Zentrum des Humanismus war. Auch Martin Luther fand dort, zunächst ungehindert von der französischen Regierung und der katholischen Kirche, Anhänger. Castellio lernte am Collège de la Trinité Latein, Griechisch und Hebräisch. Zusätzlich zu seiner Muttersprache Französisch beherrschte er auch Italienisch und etwas Deutsch. Obwohl er niemals an einer Universität studiert hatte, galt er als einer der gebildetsten Männer seiner Zeit.[2]

Genf[Bearbeiten]

Im Januar 1540 fand in Lyon die erste Verbrennung von Hugenotten als Ketzer durch die Inquisition statt. Castellio wandte sich daraufhin endgültig der Reformation zu, verließ Lyon und ging nach Straßburg, wo Johannes Calvin seit seiner Vertreibung aus Genf lehrte und predigte. Noch vor seiner Rückkehr nach Genf 1541 verschaffte Calvin Castellio eine Stelle als Rektor an der Genfer Lateinschule und Prediger in einem Vorort. Schon bald kam es zu ersten Konflikten mit Calvin, der eine als Schulbuch gedachte Übersetzung von Bibelteilen in die französische und lateinische Sprache nicht autorisieren wollte.[2] Ein anderes Schulbuch, die Dialogi sacri, eine dramatische Bearbeitung biblischer Geschichten für den Lateinunterricht, fand dagegen große Zustimmung.

Kurz darauf wurde Castellios Bewerbung um eine besser bezahlte Pfarrstelle abgelehnt. Theologische und persönliche Differenzen mit Calvin führten schließlich 1544 zu einer Anklage vor dem Rat, weil er die Einheit der Pastorenschaft gefährde. Er hatte nämlich Kritik an Pastoren geäußert, die während einer Pestepidemie die Stadt verlassen hatten, anstatt den Kranken beizustehen. Castellio legte sein Amt nieder, ehe der Rat sich Calvin beugte. Am 30. Mai 1544 wurde er offiziell entlassen.[3] Calvin gab ihm ein Zeugnis mit, in dem er sein Vorgehen mit Verweis auf irrige theologische Ansichten begründete. So leugne Castellio nicht nur die Höllenfahrt Christi, sondern habe auch die Ansicht vertreten, das Hohelied solle als erotisches Gedicht aus dem biblischen Kanon ausgeschlossen werden. Ausdrücklich bestätigte Calvin in seinem äußerst freundlich formulierten Zeugnis Castellios vorbildliche Lebensführung.[4] In dem Brief, den Calvin am nächsten Tag an Guillaume Farel schrieb, nannte er Castellio jedoch einen Schismatiker.[5]

Basel[Bearbeiten]

Castellio zog mit seiner Frau und seiner ältesten Tochter nach Basel, wo er jedoch keine Anstellung als Prediger fand, sondern seine Familie nur mühsam mit Hilfsarbeiten und gelegentlich als Mitarbeiter des gelehrten Druckers Johannes Oporinus ernährte. Erst 1553 wurde er Professor der griechischen Sprache an der Artistenfakultät der Universität Basel. In seiner Zeit in Basel brachte er die Werke von Xenophon, Homer und weiterer griechischer Schriftsteller sowie die mittelalterlichen Erbauungsschriften Theologia deutsch und De Imitatio Christi von Thomas von Kempen heraus.

1551 veröffentlichte Castellio auf Grundlage seiner früheren Vorarbeiten seine elegante lateinische, mit ausführlichen Kommentaren versehene Bibelübersetzung, 1555 folgte eine Übersetzung in die französische Sprache. Die lateinische Übersetzung widmete er dem jungen englischen König Eduard VI., vielleicht in der Hoffnung, zum Nachfolger von Martin Bucer ernannt zu werden, der im königlichen Auftrag begonnen hatte eine neue lateinische Bibelübersetzung für evangelische Gelehrte zu schaffen. In dieser Vorrede sprach er erstmals die Forderung nach religiöser Toleranz aus, ohne jedoch den Begriff zu verwenden.[6] In beiden Übersetzungen bemühte er sich mehr um die Schönheit der Sprache als um die wörtliche Wiedergabe, denn nicht der Buchstabe, sondern der Sinn sei inspiriert.[7] Weil er diesem Ziel manche theologische Fachausdrücke opferte, galt er den Genfern als Ketzer. Dass er beispielsweise statt des im kirchlichen Sprachgebrauch gewöhnlichen Ausdrucks baptismus für die Taufe die eher dem klassischen Latein von Cicero und Ovid entsprechende Formulierung lotio - Waschung - wählte, deutete Beza als Beleg für seine Missachtung des Sakraments. Auch von katholischer Seite erntete Castellio Kritik für seine Arbeit. Er sah sich veranlasst, seine Übersetzung in einer weiteren kleinen Schrift zu verteidigen.

Auseinandersetzung mit Calvin[Bearbeiten]

Vor allem aber war sein Leben von der Auseinandersetzung mit Calvin bestimmt. Der Streit eskalierte nach der am 27. Oktober 1553 vor den Toren Genfs erfolgten Verbrennung von Michael Servetus als Ketzer. Calvin rechtfertigte diese Hinrichtung mit Defensio orthodoxae fidei de sacra Trinitate (Verteidigung des rechten Glaubens von der heiligen Trinität). Castellio, der Servets Werke gar nicht gelesen hatte,[8] erwiderte 1554 darauf – vermutlich unterstützt von Lelio Sozzini und Celio Secondo Curione – mit der Herausgabe von De haereticis, an sint persequendi (Von den Häretiker, ob sie zu verfolgen seien), einer Sammlung von Texten, in denen sich Theologen von Johannes Chrysostomus und Augustinus von Hippo bis Martin Luther (Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei), Erasmus von Rotterdam und sogar Calvin selbst (Kommentar über Senecas De Clementia von 1532) gegen die Todesstrafe für Häretiker aussprachen. In seinem Plädoyer für religiöse Toleranz berief er sich auf Luther.[9] Er selbst verfasste die Einleitung unter dem Pseudonym Martinus Bellius und widmete das Werk Herzog Christoph von Württemberg.[2] Auf die Gegenschriften von Calvin und Beza antwortete er u. a. mit Contra Libellum Calvini[10] In diesem Schriften bestritt er das Recht der weltlichen Macht, Abweichungen von der kirchlichen Lehre mit Gewalt zu bekämpfen. „Einen Menschen töten, heißt nicht, eine Lehre zu verteidigen, sondern einen Menschen zu töten.“[11] Christus habe keine absolute Wahrheit gelehrt, sondern die Liebe. Die Kirche dürfe gegen abweichende Argumente nur die von Paulus gemeinten geistlichen Waffen, nämlich die Überzeugung, einsetzen.[12] Es mache auch keinen guten Eindruck auf "Türken und Juden", wenn "diejenigen, die den Namen Christi bekennen, von den Christen selbst durch Feuer, Wasser und Schwert und ohne jedes Erbarmen umgebracht und grausamer behandelt werden als Diebe und Wegelagerer".[13] Damit unterschiede sich die reformierte Kirche nicht von der katholischen Inquisition. Für seine Argumentation berief Castellio sich auf Jesu Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen. Die Christen dürften dem Jüngsten Gericht nicht eigenmächtig vorgreifen. Durch die mutige Fürsprache für Servetus und andere sogenannte Ketzer sowie wegen seiner freimütigen Bibelkritik war Castellio Calvin so verhasst, dass Calvin ihn als Werkzeug des Satans bezeichnete. Seine Bibelübersetzung wurde verboten.

In seinen letzten Jahren kritisierte Castellio besonders Calvins Prädestinationslehre, die er im ersten seiner unvollendet gebliebenen Dialogi quatuor widerlegt. Der wachsende Einfluss des Calvinismus hinderte die Veröffentlichung seines letzten Werkes De arte dubitandi (Über die Kunst zu zweifeln), das erst 1981 vollständig veröffentlicht wurde. Darin zeigt er sich als früher Vertreter des Rationalismus, indem er die Vernunft über die Dogmen setzt und zum Beispiel das Abendmahl rein symbolisch deutet.[14] Der Druck wurde so stark, dass Castellio überlegte, nach Polen-Litauen auszuwandern,[2] dessen religiöse Toleranz unter Sigismund II. August es zum Asylort für anderswo religiös Verfolgte machte.[15] 1563 wandte sich Bèze schließlich mit einer Schrift an die Basler Prediger, in der er Castellio eine lange Liste verschiedener Häresien und auch den Kontakt mit dem Täuferführer David Joris vorwarf, der von 1544 bis 1556 unentdeckt unter falschem Namen in Basel gelebt hatte.[16] Im November 1563 wurde Anklage erhoben, gegen die Castellio sich mit einer auf den 24. November 1563 datierten Schrift verteidigte.[17] Sein früher Tod kam sowohl einer möglichen Verurteilung als auch der Auswanderung zuvor. Er wurde im Basler Münster begraben. Er hinterließ acht Kinder aus zwei Ehen. Sein jüngster Sohn Friedrich, der bei seinem Tod erst ein Jahr alt war, wurde später Professor der Rhetorik an der Universität Basel.[18]

Sein letztes Werk, die Hermeneutik De arte dubitandi et confidendi, ignorandi et sciendi (Von der Kunst zu zweifeln und zu bekennen, nicht zu wissen und zu wissen), blieb unvollendet. Darin bestritt Castellio, gegründet auf die natürliche Vernunft, die ewige Rede Gottes, die durch Sinne und Verstand erkennbar ist,[19] die Ubiquität Christi, die Prädestination und die Unfreiheit des Willens und bezweifelte das Dogma der Trinität.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Dialogi sacri, Genf 1542 (um neutestamentliche Geschichten erweitert, Basel 1545) u.ö.
  • Biblia sacra latina, Basel 1551
  • De haereticis, an sint persequendi, Basel 1554 (die französische Ausgabe Tracté des hérétiques, a savoir, si on les doit persecuter erschien im selben Jahr). Deutsche Übersetzung hg. von Wolfgang F. Stammler; übersetzt von Werner Stingl u. Uwe Plath: Das Manifest der Toleranz. Von Ketzern und ob man sie verfolgen soll, Essen 2013[20] <
  • La Bible translatée avec annotations, Basel 1555
  • De arte dubitandi et confidendi, ignorandi et sciendi, nachgelassenes, unvollendetes Hauptwerk, erschien erstmal 1981
  • Dialogi quatuor, unvollendet, 1578 von Fausto Sozzini herausgegeben, nachgedruckt Gouda 1612 und Frankfurt 1696

Nachleben[Bearbeiten]

Castellios Ideen von Toleranz und Religionsfreiheit hatten einen großen Einfluss sowohl auf den Sozinianismus und die frühe Aufklärung als auch auf den Pietismus. Besonders die Remonstranten der Niederlande im 17. Jahrhundert beriefen sich auf ihn. Mehrere seiner Schriften wurden in dieser Zeit nachgedruckt. Neben der lateinischen Bibelübersetzung fanden vor allem die Dialogi sacri eine größere Verbreitung. Sie wurden im 17. und 18. Jahrhundert als Schulbuch verwendet und mehrmals neu aufgelegt.

Die historische Bedeutung von Castellio wurde am Ende des 19. Jahrhunderts von Ferdinand Buisson wiederentdeckt, der ein zweibändiges Werk über Castellios Leben und Werk verfasste. Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig verarbeitete Castellios Protest gegen Calvins Vorgehen in seinem 1936 erschienenen Roman Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans Rudolf Guggisberg: Sebastian Castellio, 1515–1563. Humanist und Verteidiger der religiösen Toleranz im konfessionellen Zeitalter, S. 11-16
  2. a b c d Marian Hillar: Sebastian Castellio and the Struggle for Freedom of Conscience
  3. Stückelberger: Calvin und Castellio, S. 95
  4. Calvin: Von Castellios ketzerischen Ansichten über das Hohelied und die Höllenfahrt Christi
  5. Stückelberger: Calvin und Castellio, S. 97
  6. Guggisberg: Sebastian Castellio, 1515–1563. Humanist und Verteidiger der religiösen Toleranz im konfessionellen Zeitalter, S. 65
  7. Stückelberger: Calvin und Castellio, S. 101
  8. Wilhelm Schwendemann: Calvin, Castellio und die Menschenrechte – einen Menschen töten heißt nicht eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten; Theo-Web. Zeitschrift für Religionspädagogik 8 (2009), H. 2, 143-160; S. 147 [1] (abgerufen am 26. Januar 2012; PDF; 145 kB)
  9. Heinrich Bornkamm, Toleranz. In der Geschichte des Christentums in Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Band VI, Spalte 937
  10. Contra Libellum Calvini von 1554 ist wie mehrere andere Schriften, die Castellio in diesem Zusammenhang verfasste, nur als Manuskript erhalten und erschien erst 1612 im Druck.
  11. Volker Reinhardt: Ein Scheiterhaufen für aller Seelenheil. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Februar 2014, S. 28.
  12. Alexandre Ganoczy: Autorität und Gewissen im Zeitalter der Reformation; Mainz 1991, S. 68-75
  13. zitiert nach: Guggisberg: Sebastian Castellio, 1515–1563. Humanist und Verteidiger der religiösen Toleranz im konfessionellen Zeitalter, S. 97-98
  14. Salvadori: Sebastian Castellio and the Holy Supper, S. 42
  15. Geschichte der Reformation in Polen (PDF; 80 kB)
  16. Stückelberger: Calvin und Castellio, S. 117-118
  17. Barbara Mahlmann-Bauer: Castellio, Sébastian (abgerufen 31. Januar 2012)
  18. Guggisberg: Sebastian Castellio, 1515–1563. Humanist und Verteidiger der religiösen Toleranz im konfessionellen Zeitalter, S. 233
  19. Guggisberg: Sebastian Castellio, 1515–1563. Humanist und Verteidiger der religiösen Toleranz im konfessionellen Zeitalter, S. 253
  20. Stammler (Hrsg.): Das Manifest der Toleranz: Sebastian Castellio: Von Ketzern und ob man sie verfolgen soll / Stefan Zweig: Castellio gegen Calvin. Alcorde Verlag, 1. Aufl. 2013, ISBN 978-3939973614. Siehe auch Rezension von Volker Reinhardt in der FAZ vom 24. Februar 2014, S. 28: Ein Scheiterhaufen für aller Seelenheil.