Seerepubliken

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Bugflagge der italienischen Marine, mit den Wappen der vier großen Seerepubliken, von links oben im Uhrzeigersinn:
Venedig, Genua, Pisa, Amalfi
Karte der Seerepubliken

Seerepubliken ist der Sammelname für eine Anzahl von Stadtstaaten, die ihre Blütezeit im Mittelalter in Italien und Dalmatien hatten und eine Rolle als Seemacht (Thalassokratie) des Mittelmeerraumes spielten.

Beschreibung[Bearbeiten]

Im Allgemeinen versteht man unter den Seerepubliken nur die vier größten: die Republik Amalfi, die Republik Genua, die Republik Pisa und die Republik Venedig. Die Flaggen dieser vier Seerepubliken erscheinen seit 1946 sowohl in der Flagge der italienischen Kriegsmarine als auch der Handelsmarine. Daneben gab es eine ganze Reihe kleinerer Seerepubliken, die jedoch nie die ökonomische und politische Bedeutung der vier großen erreichten. Zu ihnen gehörten die Republiken Ancona,[1] Gaeta,[2] Noli und in Dalmatien die Republik Ragusa.[3]

Die Seerepubliken waren in der Regel Stadtstaaten, sie waren unabhängig von den damals in Europa dominierenden Mächten. Der Großteil von ihnen ist aus dem Byzantinischen Reich hervorgegangen, mit der Ausnahme von Genua und Pisa. Die meisten der Republiken unterhielten eine Reihe von Überseestützpunkten im ganzen Mittelmeer und im Schwarzen Meer, vor allem auf Sardinien, Korsika, im Nahen Osten und in Nordafrika.

Geschichte der großen Seerepubliken[Bearbeiten]

Vom 10. bis zum 13. Jahrhundert bauten diese Staaten Flotten auf, die einerseits ihrem eigenen Schutz dienten, andererseits eine herausragende Rolle im Mittelmeerhandel sowie als Transportflotten während der Kreuzzüge spielten. Die Seerepubliken konkurrierten untereinander, schlossen wechselnde Koalitionen und führten gegeneinander Kriege. Die großen Seerepubliken Amalfi, Genua, Pisa und Venedig waren in besonderem Maße von dieser Konkurrenzsituation betroffen und gestalteten die Politik in Europa und im Nahen Osten aktiv mit.

Amalfi[Bearbeiten]

Hauptartikel: Herzogtum Amalfi

Der Aufstieg des Herzogtums Amalfi begann bereits in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Während des Ersten Kreuzzuges im Jahr 1096 etablierte sich das Herzogtum zusammen mit den anderen Seestädten als wirtschaftliche Macht in Ägypten, wohin sie Sklaven, Eisen und Holz gegen Gold tauschten, das sie dort sowie in der Levante und in Byzanz gegen Seide, Alaun, Purpur und Baumwolle eintauschten.[4] Nach und nach konnte so ein großes Handelsnetz im Mittelmeerraum entstehen (siehe Karten).

Amalfis Blütezeit fand jedoch mit den zwei großen Plünderungen des Herzogtums 1135 und 1137 durch den Konkurrenten Pisa ein jähes Ende. In den folgenden Jahrhunderten konnte es Amalfi nicht mehr gelingen, zu altem Wohlstand zurückzufinden.

Genua[Bearbeiten]

Hauptartikel: Republik Genua
Hauptartikel: Genueser Kolonien

Die Blütezeit der Republik Genua nahm ihren Anfang im 11. Jahrhundert mit der Vertreibung der Araber von Sardinien, die gemeinsam mit Pisa durchgeführt wurde. Durch die Kreuzzüge erlangte auch Genua wesentliche wirtschaftliche und politische Macht und sicherte sich durch Nachschublieferungen für die Kreuzfahrer auf dem Seeweg nach Antiochia schon bald erste Handelsprivilegien in der Levante.[5] Den ehemaligen Bündnispartner und mittlerweile großen Konkurrenten Pisa konnte Genua in einem Krieg (1118-1133) besiegen und sich auf den Machtkampf mit dem letzten großen Konkurrenten Venedig konzentrieren. Mit dem Abkommen von Nymphaion 1261[6] und dem Ende des Lateinischen Kaiserreichs Konstantinopel konnten die Genueser neben ihren Kolonien und Stützpunkten in Salé, Spanien, Zypern und der Levante auch Stützpunkte und Handelszentren im Schwarzen Meer ansteuern, was der Republik enorme Vorteile und Möglichkeiten einbrachte.[7]

Mit Venedig verband Genua eine Jahrhunderte währende Konkurrenz, die schließlich nach vier Seekriegen im Chioggia-Krieg durch die endgültige Niederlage Genuas 1381 ihr Ende fand.[8]

Pisa[Bearbeiten]

Hauptartikel: Geschichte Pisas

Auch die Republik Pisa zog großen Nutzen aus dem Ersten Kreuzzug und konnte Handelszentren an der Levanteküste errichten. Nach der gemeinsam mit Genua gemeisterten Vertreibung der Araber von Sardinien[9] jedoch sah die Republik ihre Stellung durch die anderen Seestädte bedroht. Pisa gelang es zwar letztendlich mit dem Jahre 1137, Amalfi niederzuringen, doch die Konkurrenz mit Genua blieb bedrohlich. Nach der Niederlage gegen Genua im Jahre 1133 ging langsam auch Pisas Blütezeit zuende. Auch gegen Florenz führte Pisa bis ins Jahr 1259 hinein Kriege, was die Republik zusätzlich schwächte. Den finalen Schlag versetzte Genua Pisa in der Schlacht von Meloria 1284, nach der sich Pisa nicht mehr richtig erholen konnte.

Venedig[Bearbeiten]

Hauptartikel: Republik Venedig
Hauptartikel: Venezianische Kolonien

Der Aufstieg der Republik Venedig zur Großmacht begann, ähnlich wie bei den anderen Seerepubliken, um das Jahr 1000. Als eine der letzten am Ersten Kreuzzug teilnehmende italienischen Seestädte bekam Venedig bereits früh die Macht der konkurrierenden Seerepubliken zu spüren. Neben Konflikten mit Pisa wurde bald Genua zum Hauptgegner im Rennen um Kolonien und Handelsstützpunkte im östlichen Mittelmeer. Mit der Unterstützung des Vierten Kreuzzugs und der Errichtung des Lateinischen Kaiserreichs 1204 baute Venedig seine Vormachtstellung im Mittelmeerraum jedoch deutlich aus.[10] Erst mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1261 wurde Venedig wieder zugunsten Genuas aus dem Bereich des Schwarzen Meeres verdrängt. Es folgten vier Seekriege, in denen sich Venedig und Genua gegenseitig stark schwächten. Mit dem Sieg Venedigs über Genua im Chioggia-Krieg 1381 konnte Venedig sich endgültig durchsetzen. Die Bedeutung der Serenissima als Handelsgroßmacht ging in der Frühen Neuzeit jedoch, angesichts der Erschließung neuer Handelsrouten nach Westen und des Bedeutungsverlusts der venezianischen Kolonien und Stützpunkte im Mittelmeerraum und der Levante, immer mehr zurück.

Karten der Seewege und Handelszentren[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gino Benvenuti: Le Repubbliche Marinare. Amalfi, Pisa, Genova, Venezia. La Nascita, le Vittorie, le Lotte e il Tramonto delle gloriose Città-Stato che dal Medioevo al XVIII Secolo dominarono il Mediterraneo (= Quest'Italia. Collana di storia, arte e folclore. Vol. 143, ZDB-ID 433075-4). Newton Compton, Rom 1989.
  • Heymann Chone: Die Handelsbeziehungen Kaiser Friedrichs II. zu den Seestädten Venedig, Pisa, Genua. Berlin 1902.
  • Peter Feldbauer/Gottfried Liedl/John Morrissey: Venedig 800-1600. Die Serenissima als Weltmacht. Wien 2010.
  • Arsenio Frugoni: Le Repubbliche Marinare (= ERI classe unica. Vol. 13). ERI, Turin 1958.
  • Paolo Gianfaldoni: Le antiche Repubbliche marinare. Le origini, la storia, le regate (= CDGuide 11). CLD, Fornacette di Calcinaia 2001, ISBN 88-87748-36-5.
  • Hans-Jörg Gilomen: Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters. München 2014.
  • Arne Karsten: Geschichte Venedigs. München 2012.
  • Hermann Kinder/Werner Hilgemann: dtv-Atlas Weltgeschichte. Band 1, Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution. München (39) 2007.
  • Armando Lodolini: Le Repubbliche del mare. Ente per la diffusione e l'educazione storica, Rom 1963.
  • Manfred Pittioni: Genua - die versteckte Weltmacht. Wien 2011.
  • Volker Reinhardt: Die Renaissance in Italien. Geschichte und Kultur. München (3) 2012.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Joachim-Felix Leonhard, Die Seestadt Ancona im Spätmittelalter, Niemeyer Max Verlag GmbH, 1983
  2. Lazio guida rossa del Touring Club Italiano, Touring Editore, 1981. S.743.
  3. Croazia. Zagabria e le città d'arte. Istria, Dalmazia e le isole. I grandi parchi nazionali Touring Editore, 2004
  4. Hans-Jörg Gilomen: Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters. München 2014. S. 84f.
  5. Ebd. S. 85.
  6. Manfred Pittioni: Genua - die versteckte Weltmacht. Wien 2011. S. 46.
  7. Ebd. S. 50ff.
  8. Hermann Kinder/Werner Hilgemann: dtv-Atlas Weltgeschichte. Band 1. München (39) 2007. S 183.
  9. Gilomen: Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters. S. 85.
  10. Arne Karsten: Geschichte Venedigs. München 2012. S. 32ff.