Sexualmagie

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Der Begriff „Sexualmagie“ wird als Synonym für die „Umwandlung der Geschlechtskraft“ verwendet und wird mitunter profan als Anspielung auf die Anwesenheit beider Geschlechter benutzt. Magie und Sexualität sind seit der Vorzeit miteinander verbunden. Mitunter wird „Sexualmagie“ mit Kundalini-Yoga assoziiert. Seit dem Altertum sind okkulte Organisationen bekannt, die auf sexualmagischen Prinzipien basierten. Im Abendland wurden sexualmagische Riten erstmals von gnostischen Sekten wie den Kaprokatianer und den Phibioniten praktiziert. Dabei wurde in den jeweiligen gnostischen Kulten entweder der Sexualakt während des Gottesdienstes vollzogen bzw. Sperma geopfert.[1][2]

Verwendung[Bearbeiten]

Sexualmagie als Begriff wurde im 19. und frühen 20. Jahrhundert in der Literatur des westlichen Okkultismus zunehmend verwendet. Autoren wie Paschal Beverly Randolph und Aleister Crowley verwendeten ihn, und später fand er auch in teils veränderten Auslegungen Aufnahme in das sogenannten Neotantra. Der erste tantrische Orden in den USA wurde 1906 oder 1907 von Pierre Bernard gegründet, der ebenfalls die frühe Sexualmagie prägte, und mit dessen Orden Aleister Crowley persönliche Kontakte hatte. Pierre Bernard stellte eine genauso skandalöse Figur seiner Zeit in den USA dar wie Aleister Crowley.[3] Randolphs Arbeiten beeinflussten grundlegend die spätere Esoterik, da durch Randolphs Werk die Sexualmystik in vielen Formen in diese einging und Sexualmagie eine Form des Mainstream innerhalb der westlichen Esoterik wurde.[4]

Heutige westliche Werke der Sexualmagie und des Tantra stellen zumeist eine Mischung aus crowleyanischen Ansätzen und einem "westlichen", verfälschten Tantrismus (Neotantra) dar. Pierre Bernard spielte dabei eine prägende Rolle, da er einer der ersten war, die Tantra auf Sex und physische Genüsse reduzierten.[5] Crowley hatte während seiner Indienreise Kontakt zum indischen Tantrismus, so dass Crowleys Sexualmagie eine Synthese indischer und westlicher Formen zeigt, und er eine bedeutende Rolle spielte in der Übernahme des Tantrismus durch den Westen, auch wenn Crowleys Sexualmagie den tantrischen Ansatz modifizierte.[6]

Sexualmagie als Spiritualisierung der Sexualität[Bearbeiten]

Randolphs Sexualmagie wird in einem Zusammenhang gesehen mit der Sexualisierung der Liebe, der Spiritualisierung der Sexualität und Vorbehalten gegen freie Liebe, während Crowleys Sexualmagie einen Akt der Transgression darstellt. Bernards tantrischer Orden hingegen soll Tendenzen zur Kommodifizierung der Sexualität zeigen, die in Zusammenhang gebracht wird mit einem zunehmenden Kapitalismus.[7] Sexualmagie als Akt der Transgression meint hier, dass Crowleys Sexualmagie geprägt war von einer nicht-reproduktiven Sexualität, die Akte z.B. der Homosexualität und Masturbation, also eine damals nicht-gesellschaftskonforme Sexualität, die als physisch und moralisch gefährlich galt,[8] explizit einbezog. Für Crowley stellte diese Transgression eine Form der Befreiung von moralischen Zwängen dar, die er als gewaltige Kraftquelle und Quelle befreiender Glückseligkeit ansah. Crowley betrachtete die Sexualität als ultimative Kraft, die magisch genutzt werden konnte.[9] Das Erscheinen der Sexualmagie gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird von einigen Kulturwissenschaftlern als Antizipation des Aufkommens einer freieren Sexualität, des libertinären Umganges mit dieser und der intensiven Beschäftigung mit Sexualität in der Moderne gewertet.[10]

Hintergründe und historische Aspekte[Bearbeiten]

Sexualmagie ist verwandt mit dem Begriff der sexuellen Riten, unter dem in Religionswissenschaft, Ethnologie und verwandten Wissenschaften kultische Handlungen verstanden werden, die mit Sexualität in Verbindung stehen, wie z. B. phallische Kulte (siehe: Lingam, Yoni), Hierogamie oder Tempelprostitution. Ursprünglich standen diese sexuellen Riten im Zusammenhang mit Vegetationskulten oder Inititiationsriten.[11]

Auch andere Religionen verbinden Sexualität mit kosmologischen und spirituellen Ideen. Sexualmagie bzw. Sexualmystik und ihre rituelle Ausformung traten in unterschiedlichen Kulturen auf, so in Sumer im Hieros gamos und in China bei den Fangshi, wo sie seit der vorchristlichen Zeit nachzuweisen sind und wahrscheinlich bis auf die schamanistischen Praktiken der Shang-Zeit zurückgehen. Die chinesische Form der ‚Kunst des Schlafgemaches‘ ist stark daoistisch geprägt und zielt häufig darauf ab, das Leben zu verlängern und die Gesundheit zu erhalten. In Indien entwickelte sich innerhalb des Tantrayana eine Form der Sexualmystik, die teilweise sexualmagische Techniken aufweist.

In den westlichen esoterischen Traditionen hat die Verbindung von magischen Kräften mit Sexualität eine lange Tradition, so gab es während der Renaissance mehrere Autoren wie Marsilio Ficino und Giordano Bruno, die die Verbindung von Eros und Magie als die grundlegenden Prinzipien der Natur ansahen. Paracelsus sah im Samen eine Kraft der Magie und verglich diesen mit den Kräften der Imagination und unter mittelalterlichen jüdischen Kabbalisten wurde die eheliche Sexualität häufig als eine Form der Theurgie, die die männlichen und weiblichen Aspekte Gottes verband, angesehen. Zudem wurden in der europäischen Kultur Häretiker wie die Barbelo-Gnostiker der sexualmagischen Kulte verdächtigt und Hexen sagte man den Verkehr mit Dämonen oder dem Satan nach.[12]

Das erste ausgearbeitete System der Sexualmagie wurde jedoch von dem Spiritualisten und Rosenkreuzer P. B. Randolph entwickelt und die moderne Form der westlichen Sexualmagie wurde erst historisch fassbar mit der Gründung des Ordo Templi Orientis (OTO) durch Theodor Reuss im Jahre 1906. In der westlichen Kultur wurde die Sexualmagie dann hauptsächlich von Aleister Crowley, einem britischen Magier und Mitglied des OTO, Anfang des 20. Jahrhunderts erforscht, systematisiert, popularisiert und wiederbelebt.

Während Randolph seine Theorien ausschließlich mit ehelicher Liebe und Sexualität verband, wurden vom OTO und Aleister Crowley Formen der Sexualmagie entwickelt, bei der auch Homosexualität, Autoerotik und Sado-Masochismus eine Rolle spielen konnten. In der Praxis der modernen Form der Sexualmagie wird während des Sexualaktes und des Orgasmus der gesamte Wille auf das gewünschte Ziel oder Objekt gerichtet. Von den Mitgliedern des OTO und Aleister Crowley wurde in bezug auf die vermeintlichen magischen Kräfte der Sexualität angenommen, diese sei die stärkste Kraft des Lebens, der Psyche und der Natur überhaupt und eigne sich deshalb besonders gut für magische Operationen.

Die Gegenseite, die Sexualität im Okkultismus grundsätzlich ablehnte und teilweise das Zölibat als wesentliches Element der okkulten Praxis ansah, entwickelte sich ebenfalls im 19. und 20. Jahrhundert. Besonders in den USA war diese Neigung zum Zölibat sehr verbreitet. Beispielsweise wurde in Hiram Butlers Esoteric Fraternity die Lehre der Enthaltsamkeit verbreitet, die als solche schon zur Entwicklung des Geistes führe. Auch der Hermetic Order of the Golden Dawn, die Theosophie und andere okkulte Organisationen lehnten Sexualmagie grundsätzlich ab.[13]

Durch persönlichen Kontakt mit Aleister Crowley gelangten dessen sexualmagische Lehren an Gerald Gardner. Dieser vereinfachte und überarbeitete das Konzept für seine neu entwickelte Religion, den Wicca-Kult. In der Folge wurde aus der Sexualmagie eine von vielen neopaganen Gruppierungen behauptete „heidnische“ Tradition, die uralt sei und bereits seit prähistorischen Zeiten in England praktiziert werde.[14]

Zu einem der am meisten ausgearbeiteten Systeme der Sexualmagie des Okkultismus des 20. Jahrhunderts gehört Dion Fortunes Werk. Für Fortune stellte die Sexualität einen Ausdruck der schöpferischen Urkräfte des Universums dar. Fortune propagierte Sexualmethoden, die die Schöpfungskraft von der körperlichen Sexualität fortleiten sollten, jedoch gehörte sie nicht zu den Vertretern des Zölibats und zeigte auch keine grundsätzliche Verachtung der Sexualität, wie sie bei der zölibatären Richtung häufig anzutreffen ist. Nach Fortune können die postulierten schöpferischen Urkräfte in alle Interaktionen jeglicher Seinsebene einfließen, und in ihrem Spätwerk erscheinen die erotischen Kräfte als neutral, die sich je nach Umstand und Bedürfnis in die körperliche Sexualität hineinleiten oder herausleiten lassen.[15]

Die Abgrenzung der westlichen Sexualmagie zum indischen Tantra besteht darin, dass sich die westliche Sexualmagie als magische Technik versteht und nicht zwangsläufig in einen religiösen oder spirituellen Zusammenhang eingebettet ist. Das heißt, sie ist primär ein Mittel, um Veränderungen in Übereinstimmung mit dem Willen herbeizuführen, diese Veränderungen können sich aber natürlich auch auf die Spiritualität beziehen. Der Unterschied zu den westlichen Vorstellungen vom Tantra – welches eher als therapeutisches Neotantra zu bezeichnen wäre – ist, dass Sexualmagie nicht das Ziel hat, die Qualität des sexuellen Erlebens zu verbessern, sondern Sexualität als magische Quelle zu nutzen sucht, um spezifische Ziele zu verwirklichen.

Sexualmagie tritt z. B. in der Wicca-Bewegung auf, unter Thelema-Anhängern oder unter Anhängern des Tantra und Neotantra, wird aber auch allgemein magisch verwendet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Julius Evola: Metaphysik des Sexus. Stuttgart, 1962 [Neuauflage unter dem Titel „Die grosse Lust.“ Bern, 1998]
  • Bernd Hansen (Hrsg.): Destruktive Kulte, schwarze Magie, Sexualmagie. (Flensburger Hefte; Bd. 33). Flensburger-Hefte-Verlag, Flensburg 1991. ISBN 3-926841-40-0
  • Karl R. H. Frick: Licht und Finsternis. Gnostisch-theosophische und freimaurerisch-okkulte Geheimgesellschaften bis zur Wende des 20. Jahrhunderts. Band I und II Marix Verlag GmbH Wiesbaden 2005. ISBN 3-86539-044-7.
  • Francis King: Sexuality, magic and perversion. Spearman, London 1971. ISBN 0-85435-161-2
  • Francis King: The Secret Rituals of the O.T.O. Samuel Weiser New York 1973. ISBN 978-0-85207-111-3
  • Peter-Robert König: Ein Leben für die Rose (Arnoldo Krumm-Heller). München 1995, ISBN 3-927890-21-9
  • Michael A. Köszegi: Sexuality, religion and magic. A comprehensive guide to sources. Garland, New York 1994. ISBN 0-8153-0921-X
  • Jonn Mumford: Tantrische Sexualmagie. Theorie und Praxis der okkulten Liebe. Edition Sphinx, Basel 1991. ISBN 3-85914-329-8
  • Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion, September 2004, Vol. 72, No. 3, pp. 695–731
  • Hugh B. Urban: Transgression, Violence and Secrecy in Bengali Sakta Tantra and Modern Western Magic. Numen Vol. 50, No.3. pp 269-308. Brill 2003.
  • Benjamin Walker: Sex and the supernatural. Sexuality in religion and magic. Harrow Booka, New York 1973. ISBN 0-356-03464-X
  • Wouter Hanegraaff, Jeffery J. Kripal und Jeffrey J. Kripal: Hidden Intercourse: Eros and Sexuality in the History of Western Esotericism. Brill Academic Pub 2008. ISBN 90-04-16873-7.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Horst E. Miers: Lexikon des Geheimwissens. Goldmann Verlag, München 1993, ISBN 3-442-12179-5. S. 569-570
  2. Marc-Roberts-Team: Lexikon des Satanismus und des Hexenwesens. V. F. Sammler Verlag, Graz 2004, ISBN 3-85365-205-0, S. 244-245.
  3. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S. 695, S. 718
  4. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S.706
  5. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S.722
  6. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S. 711
  7. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S.699
  8. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S. 713
  9. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S.699
  10. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S.699
  11. Meyers Kleines Lexikon Religionen. Bibliographisches Institut, Mannheim 1987. S.397
  12. Hugh B. Urban: Magia Sexualis: Sex, Secrecy, and Liberation in Modern Western Esotericism. Journal of the American Academy of Religion. September 2004, Vol. 72, No. 3. S. 701f.
  13. John Michael Greer: Enzyklopädie der Geheimlehren. Ansata, München 2005. S. 667
  14. John Michael Greer: Enzyklopädie der Geheimlehren. Ansata, München 2005. S. 667
  15. John Michael Greer: Enzyklopädie der Geheimlehren. Ansata, München 2005. S. 668