Strategic Defense Initiative

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Edward Teller (rechts, mit Ronald Reagan), der Vater der Wasserstoffbombe, war einer der Erfinder und stärksten Befürworter des SDI-Programms.

Die Strategic Defense Initiative (SDI, deutsch Strategische Verteidigungsinitiative) ist eine von US-Präsident Ronald Reagan in einer angespannten Phase des Kalten Krieges gegen die Sowjetunion ins Leben gerufene und am 23. März 1983 offiziell angeordnete Initiative zum Aufbau eines Abwehrschirms gegen Interkontinentalraketen.[1]

Das seit den 1990er Jahren, also seit dem Ende des Kalten Krieges unterbrochene Programm wurde von der Regierung Clinton unter neuem Namen als National Missile Defense (NMD) wieder aufgegriffen und unter Bush jr. fortgeführt.

Umfang[Bearbeiten]

Zu SDI gehörten eine Reihe umfangreicher Forschungs- und Entwicklungs-Projekte. SDI sah die Errichtung eines Gürtels moderner, land-, see-, luft- und weltraumgestützer Waffensysteme vor, die sowjetische Interkontinentalraketen abfangen sollten.[2][3] Die Initiative wurde in der Öffentlichkeit auch „Star-Wars-Programm“ genannt. Vorgesehen waren u. a. die Entwicklung von Röntgenlasern (Project Excalibur, Excalibur Plus und Super Excalibur), endphasengesteuerten Kinetischen Projektil-Waffen (Project Brilliant Pebbles) und Railguns (Project Jedi).[4][5][6][7] Bis 1988 investierte die US-Regierung rund 29 Milliarden US-Dollar in das Vorhaben. Als zu diesem Zeitpunkt die Ergebnisse weit hinter den Erwartungen zurückblieben, strich das US-Parlament die Finanzmittel deutlich zusammen.[8] Dies führte auch zu einer Krise im Bereich der künstlichen Intelligenz-Forschung, da viele Projekte im Zusammenhang mit SDI durch die DARPA finanziert wurden. Der sogenannte KI-Winter folgte, der auch das Ende der Lisp-Maschinen einläutete.[9]

Politische Wirkungen[Bearbeiten]

Zeichnung eines US-amerikanischen ASAT-Systems, 1983
Im Rahmen von SDI entwickelte Antisatellitenrakete: Start einer Vought ASM-135 ASAT.

Die Gefahr eines globalen Atomkrieges wäre erheblich gestiegen, hätte einer der beiden Blöcke sich vor dem Zweitschlag des Gegners „sicher“ gewähnt. Durch die SDI wollte Reagan letztendlich das Gleichgewicht des Schreckens zugunsten der USA verschieben, sodass die USA fähig wären, die UdSSR zu vernichten, vor einem Gegenschlag jedoch geschützt wären. Gleichzeitig stieg jedoch durch die SDI der Anreiz für die UdSSR einen nuklearen Erstschlag gegen die USA zu führen, bevor diese durch die neu entwickelten Waffen geschützt wären. Nach dieser Sichtweise war die SDI eine direkte Bedrohung für den Weltfrieden.

Eine Reihe politischer Beobachter führten die Auflösung der Sowjetunion wesentlich auf die SDI-Initiative zurück, die der UdSSR ihren technischen und wirtschaftlichen Rückstand aufgezeigt habe. Demnach konnte die Sowjetunion ein Wettrüsten im Weltraum wirtschaftlich nicht mehr durchhalten. Die Mehrzahl der Experten führt das Ende der Sowjetunion jedoch auf den inneren, politischen Prozess in der SU zurück, der durch Michail Gorbatschow in Gang gesetzt wurde.

Kritiker des SDI-Programms wiesen darauf hin, dass es verschiedenen Abrüstungsverträgen widerspreche.[10] Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde auch der strategische Nutzen zunehmend in Frage gestellt.

Ergebnisse[Bearbeiten]

Trotz aller Anstrengungen und der Entwicklung neuer Waffen, die angeblich im Rahmen der SDI und der BMD (Ballistic Missile Defense, siehe unten) entwickelt wurden, gilt das Projekt heute in Kritikerkreisen als gescheitert, da die bisherigen Raketenabwehrtests wenig erfolgreich waren. Zudem wurden auch auf sowjetischer bzw. russischer Seite die Systeme weiterentwickelt (so die SS-27), sodass ein zuverlässiger Abschuss aller Sprengköpfe unwahrscheinlicher wird.

Status[Bearbeiten]

Unter Präsident Bill Clinton wurde 1993 SDI reduziert und 1994 in das Nachfolge-Programm Ballistic Missile Defense (BMD) überführt. Ab 2002 National Missile Defense (NMD, Nationale Raketenabwehr) genannt und organisatorisch zur Missile Defense Agency (MDA) zusammengefasst. Damit verbunden war die Abkehr von weltraumgestützten Energiewaffen und die Konzentration auf Anti-Raketen-Raketen. Das Projekt einer „Abwehr gegen einen begrenzten Angriff mit ballistischen Raketen“ wurde noch unter Bill Clinton 1999 per Gesetz beschlossen.

Es wurde von Präsident George W. Bush weiterverfolgt, der die Vereinigten Staaten von einem möglichen Raketenangriff bedroht sah. Als „Schurkenstaaten“ (rogue states), die solche Angriffe ausführen könnten, wurde u. a. Nordkorea genannt, bis zum Frühjahr 2003 auch der Irak. Weiterentwicklungen des Patriot Flugabwehrraketen-Systems zur Abwehr ballistischer Kurz- und Mittelstreckenraketen wurden in dem THAAD-Projekt zusammengefasst und verliefen vielversprechend. Die Verteidigung gegen eine ganze Flotte von Interkontinentalraketen – und somit der vielbeschworene „Schutzschild“ – gilt jedoch vielen unabhängigen Wissenschaftlern weiterhin als technisch nicht möglich.

Die Bundesrepublik Deutschland und SDI 1986[Bearbeiten]

Am 18. April 1985 gab Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) in einer Regierungserklärung die grundsätzliche Zustimmung zum US-amerikanischen Rüstungsforschungsprogramm SDI bekannt, machte aber eine bundesdeutsche Beteiligung von der Erfüllung bestimmter Bedingungen abhängig. Die SPD-Bundestagsfraktion hatte sich bereits am 2. April 1985 auf ein bedingungsloses „Nein“ zu SDI festgelegt.

Zeitgenössischer Protest: Graffiti an einer westdeutschen Hauswand

In einem offenen Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl lehnten am 3. Juli 1985 über 350 bundesdeutsche Wissenschaftler ihre Mitarbeit am SDI-Programm ab, weil die Stationierung von Waffensystemen im Weltall die letzten Hoffnungen auf Abrüstung zunichtemachen würde.

Am 11. Januar 1986 reiste Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann (FDP) im Auftrag des Bundeskabinetts von Bundeskanzler Helmut Kohl in die USA, um dort Verhandlungen über einen Technologieaustausch sowie Bedingungen für eine Beteiligung deutscher Firmen und Institutionen an der SDI-Forschung aufzunehmen. Bangemann erklärte nach Abschluss der Verhandlungen, dass die Bundesregierung das SDI-Programm „politisch unterstütze“, jedoch nicht die Absicht habe, sich daran zu beteiligen oder Geld dafür zur Verfügung zu stellen.

Am 19. März 1986 erzielten Bundeskanzler Helmut Kohl und der amerikanische Verteidigungsminister Caspar Weinberger bei einem Treffen auf dem Stützpunkt Grafenwöhr grundsätzliche Übereinstimmung über die Abkommen zur strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) und zum Technologietransfer.

Am 28. März 1986 wurden die beiden geheimen Abkommen zwischen den USA und der Bundesrepublik von Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann und US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger in Washington, D.C. unterzeichnet.

Auf einem Forum der 51. Tagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) am 2. April 1987 waren die Wissenschaftler der Ansicht, dass die von den USA geplante Strategic Defense Initiative (SDI) nicht realisierbar ist.

Nach dem Mauerfall am 9. November 1989 und der Selbstauflösung der Sowjetunion am 31. Dezember 1991 wurde die Umsetzung des Abkommens nicht weiter verfolgt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • John O'Sullivan: The President, the Pope, and the Prime Minister: Three Who Changed the World. Regnery Publishing, Inc., November 2006. – ISBN 1-59698-016-8 (vgl. Taylor Dinerman, SDI and the end of the Cold War)
  • Frances Fitzgerald: Way Out There in the Blue: Reagan, Star Wars and the End of the Cold War. – 592 S. – New York: Simon & Schuster, März 2001. – ISBN 0-7432-0023-3 (vgl. [1])
  • Peter Althainz et al.: Forum „Wissenschaftler für Frieden und Abrüstung“/Bund demokratischer Wissenschaftler e. V. (Hrsg.): Militarisierung des Weltraums. – Schriftenreihe: Wissenschaft und Frieden, Band 2. – 96 Seiten. – Marburg: BdWi-Verlag, Juli 1984. – ISBN 3-924684-01-4, (Inhalt: [2])
  • Steven E. Miller: The star wars controversy. Princeton Univ. Pr., Princeton, New Jersey, 1986, ISBN 0-691-07713-4
  • Jeffrey D.Boutwell: On the defensive? The future of SDI. Aspen Strategy Group., Aspen 1988, ISBN 0-8191-7021-6
  • Stephen J. Cimbala: The technology, strategy and politics of SDI. Westview., Boulder 1987, ISBN 0-8133-7116-3
  • Niklas Reinke: Geschichte der deutschen Raumfahrtpolitik. Konzepte, Einflussfaktoren und Interdependenzen: 1923-2002, München 2004, ISBN 3-486-56842-6

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Strategic Defense Initiative – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Raketenabwehr - Technische Aspekte und Naturwissenschaftlicher Hintergrund Infobrief Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages 2007, bundestag.de (pdf, abgerufen am 14. Februar 2011; 2,1 MB)
  2. Wayne Biddle: 'STAR WARS' TECHNOLOGY: IT'S MORE THAN A FANTASY. New York Times, 5. März 1985, Article Preview, abgerufen am 20. März 2012
  3. Richard L. Garwin: How many orbiting lasers for boost-phase intercept?. Nature 315, S.286-290, 23. Mai 1985, doi:10.1038/315286a0
  4. July 19-25: X-Ray Laser Zapped The New York Times, 26. Juli 1992
  5. 'Brilliant Pebbles'? No, Loose Marbles The New York Times, 17. Juni 1989, abgerufen am 13. Februar 2011
  6. William J. Broad: Teller´s war - the top secret story behind the star wars deception. Simon&Schuster, New York 1992, ISBN 0-671-70106-1, S.139
  7. Summary and evaluation of the Strategic Defense Initiative Space Power Architecture Study, NASA Glenn Research Center 1989, Abstract, pdf online@ntrs.nasa.gov, abgerufen am 14. Februar 2011
  8. STAR WARS DOLLARS Defense contractors line up early to get in on a coming space-age bonanza. money.cnn.com, abgerufen am 7. März 2012
  9. http://www.sts.tu-harburg.de/~r.f.moeller/symbolics-info/Symbolics.pdf
  10. Star wars and outer space law Bulletin of the Atomic Scientists, Okt. 1985, @ google books, abgerufen am 14. Februar 2011