Verlagssystem

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Strom von Rohstoffen und Produkten im Verlagssystem

Das Verlagssystem ist eine wirtschaftliche Organisationsform der frühen Neuzeit, die sich durch dezentrale Produktion auszeichnet. Meist sind es Textilien, die dabei von den so genannten Verlegten in Heimarbeit hergestellt werden und vom Verleger zentral vermarktet werden. Das Wort „Verlag“ leitet sich von Vorlage ab. Der Verleger tritt mit Geld (Finanzierung) und/oder Rohstoffen in Vorlage.

Geschichte[Bearbeiten]

Frühe Vorformen des Verlagswesens sind bis ins 9. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Im Villikationssystem der fränkischen Gutsbesitzer wurden dabei Lebensmittel in Heimarbeit produziert und an den Gutshof weitergeleitet. Eindeutige Formen des Verlags finden wir aber erst im 14. Jahrhundert in den Niederlanden. In Deutschland erlebt das System im 18. und 19. Jahrhundert seine Blüte, als internationale Märkte aufnahmefähig werden für Massengüter.

Aufbau und Formen[Bearbeiten]

Entscheidend für den Verlag ist die Produktion von Gütern in Heimarbeit, während der Vertrieb zentral geregelt ist. Der Verleger kann dabei sowohl die Rohstoffe (wie z.B. Rohbaumwolle) als auch die Produktionsmittel (Geräte wie Spinnrad oder Webstuhl) vorlegen. Der Verleger sammelt die produzierten Güter und kann sie zentral vermarkten. Meist besaß er ein Ankaufsmonopol für die produzierten Güter.

Inwieweit der Verleger Rohstoffe oder Geräte zur Verfügung stellt, ist vom Verlag und von dem produzierten Gut abhängig. So wurde beispielsweise Leinen meist von den Heimwerkern selber angebaut, während Baumwolle importiert wurde und in Deutschland in Garn und Stoffe veredelt wurde. Verlage konnten außerordentlich groß sein, so waren mehrere Tausend Beschäftigte keine Seltenheit. Die Produktion zielte nicht auf den lokalen Markt; stattdessen wurden Massengüter produziert, die auf überregionalen oder internationalen Märkten vertrieben werden sollten. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts gab es im Verlagssystem in etwa so viele Beschäftigte wie im Handwerk.

Als Massengut mussten die Waren eine gleichmäßige Qualität aufweisen. Daher war die Herstellung an strikte Bestimmungen gebunden. Auch die Produktionsmenge konnte reglementiert sein. Ganz überwiegend wurden Textilien in Verlagen hergestellt. In Waffen- und Spielzeugproduktion, im Buchdruck und Holzbearbeitung gab es ähnliche Strukturen, die aber volkswirtschaftlich unbedeutend blieben.

Verlage auf dem Land[Bearbeiten]

Die landwirtschaftliche Arbeit zeichnet sich durch eine relative Saisonabhängigkeit aus. Abhängig von der Art der betriebenen Landwirtschaft kann es in Winter und Sommer zu Phasen kommen, in denen relativ wenig Arbeit anfällt. Während große Bauernstellen über ein normales Jahr ein ausreichendes Auskommen für die Familie produzierten, waren die Besitzer von kleinen und kleinsten Bauernstellen zunehmend auf einen Nebenerwerb angewiesen. In den Realteilungsgebieten Südwestdeutschlands war die Anzahl von Kleinstbauern besonders hoch, im Osten war die unterbäuerliche Schicht besonders groß. Zum 19. Jahrhundert hatte sich ein großer Bevölkerungsteil gebildet, der auf Nebenerwerb sowohl angewiesen war, als auch die strukturellen und handwerklichen Fähigkeiten besaß, ihn tatsächlich auszuführen. Durch die teilweise Eigenproduktion von Nahrungsmitteln war ihr Zusatzbedarf aber recht gering, so dass die Verleger hier billige Arbeitskraft abschöpfen konnten. Im Vergleich zur Stadt war das Einkommen auf dem Land geringer, was die überwiegende Konzentration von Verlagen dort erklärt. Die Ausgaben für den Arbeitslohn lagen geringer als die zusätzlichen Kosten für den Transport der Fertigwaren vom einzelnen Heimwerker in die Zentrale und den gegenläufigen Transport der Rohstoffe.

Auch brachte die Produktion in den Wohnungen der Heimwerker weitere Vorteile für den Verlag. Eine zentrale Werkstatt musste nicht gebaut werden. Unterhaltungskosten für Heizung, Licht und Instandhaltung von Werkstattgebäuden waren nicht aufzubringen. All diese Betriebskosten konnten zu Lasten der Heimwerkenden externalisiert werden.

Verlage und Zünfte[Bearbeiten]

Verlegte gab es vor allem auf dem Land, aber auch in der Stadt wurden Handwerker in ein Verlagssystem eingebunden. In der Stadt stieg im 18. Jh. die Anzahl der Handwerker. Eine zunehmende Gruppe konnte auch in der sozial und wirtschaftlich gesicherten Zunftordnung kein ausreichendes Auskommen finden und begab sich in einen von ihnen im Grunde verhassten Verlag. Tatsächlich waren die Zünfte bekennende Gegner der Verlage. Ihnen stand hier ein mächtiger Konkurrent gegenüber, der, außerhalb der Stadt beheimatet, nicht in die Zunftordnung integrierbar war. Die Klagen der Zünfte über mangelnde Qualität der Massenprodukte kann berechtigt gewesen sein, muss aber hinsichtlich der zugrunde liegenden klaren Geschäftsinteressen der Zünfte kritisch betrachtet werden. Trotz aller Kritik waren die alten Zünfte nicht in der Lage, dem Verlagssystem nachhaltige Grenzen zu setzen. Gegen die Geschäftsinteressen der häufig in den Städten lebenden Verlagsbetreiber waren sie letztendlich machtlos.

Verlagssystem und Industrialisierung[Bearbeiten]

Häufig wird das Verlagssystem in Zusammenhang mit der Industrialisierung gebracht. Teilweise wird eine Entwicklung von Verlag über Manufaktur zum Industrieunternehmen gezogen, die so aber nicht existiert. Verlage machten dort Sinn, wo durch überregionale Marktverflechtung eine Nachfrage nach Massengütern bestand, welche dezentral ohne kostspielige Investitionen in Produktionsgüter produziert werden konnten. Insbesondere im vorindustriellen Textilsektor konnte in Deutschland das Verlagssystem erfolgreich sein: Die Heimwerkenden waren im Spinnen und Weben geübt, aufgrund der prekären Lebenssituation auf dem Land und des Saisoncharakters der Landarbeit waren sie billig und verfügbar. Im späteren Verlauf der Geschichte war die dezentrale handwerkliche Spinnerei und Weberei dennoch nicht mehr konkurrenzfähig gegenüber der maschinellen Fertigung.

In der Folge gingen diese Verlage einfach unter, der Wandel eines Verlags zu einem Manufakturbetrieb ist höchstens in Ausnahmefällen nachweisbar. Interessant ist zu erwähnen, dass Manufaktur und Verlag in sehr vielen Fällen zusammenarbeiteten. Die vom Heimwerkenden stammenden Waren wurden in einer zentralen Manufaktur weiterverarbeitet. Verlag und Manufaktur schlossen sich also nicht aus, sondern waren häufig verknüpft. Für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands mag man noch Vorteile des Verlagssystems anmerken: Zum einen führte sie durch die Ausbeutung der Arbeiter zu enormen Geldakkumulationen, die im weiteren Verlauf in andere Unternehmen investiert werden konnten. Hinsichtlich des begrenzten Kreditwesens in Deutschland bis zur Mitte des 19. Jh. ist die Bedeutung der Akkumulation von Geld in privater Hand für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands nicht zu unterschätzen.

Schließlich wurden durch die Verlage überregionale und internationale Handelserfahrungen gemacht. Der Erfolg von Massenproduktion mag Signale gesandt haben zur Verbesserung der Grundlagen für die Wirtschaftsentwicklung, seien es Straßen, die zum Beginn des 19. Jh. in ganz Deutschland in einem beklagenswerten Zustand waren, oder auch ein einheitlicheres Zollsystem.

Lage der Arbeitenden[Bearbeiten]

Die Heimwerkenden wurden durch den Eintritt in das Verlagssystem von selbstständig in bäuerlicher Subsistenzwirtschaft Tätigen zu Lohnarbeitern, die fremde Anforderungen gegen kümmerliche Stücklohnzahlung zu erfüllen hatten. Der Heimarbeiter hörte auf, ein direkter Marktteilnehmer zu sein. Oft war er der Ausbeutung durch den Verlag ausgeliefert, ohne Verhandlungsmacht durch Gewerkschaft oder Zunft und ohne Sicherheiten, insbesondere in Krisenzeiten. Das bedeutete ohne Zweifel einen Verlust von Freiheit für den Arbeitenden, es war aber oft die einzige Möglichkeit, die ihn vor dem Verhungern bewahrte. Die Heimwerkenden wurden sicherlich in den meisten Fällen durch den Verleger ausgebeutet und ihre Arbeitskraft zu geringstmöglichen Kosten abgeschöpft. Dem Lohn der Verlegten wurden die Kosten für die Rohstoffe gleich abgezogen, z. T. wurde nicht mit Geld, sondern mit Nahrungsmitteln oder mit den eigens gefertigten Waren gezahlt (siehe Trucksystem). Insbesondere als die Heimarbeit nicht mehr mit der maschinellen Produktion aus dem Ausland konkurrieren konnte und die Verleger die Preise unter das Erträgliche drücken wollten, kam es zu Aufständen.

Bei der Beurteilung der Verlage hinsichtlich des Pauperismus ist aber zu beachten, dass die Kleinbauern und insbesondere die unterbäuerlichen Schichten auch durch Grundherren und Landesherren bis an die Existenzgrenze mit Steuern, Frondiensten und Gesindezwang belastet wurden. In diesem Sinne ist das System des Verlags keine Besonderheit.

Verlage heute[Bearbeiten]

In Deutschland existiert heute praktisch kein Verlagssystem mehr. Global gesehen existiert es immer noch, da große Firmen ihre Bauteile in Ländern der Dritten Welt produzieren, sei es im Bereich der Einzelteilefertigung oder in der Textilindustrie. In Hongkong werden Papierblumen und Spielzeug vielfach im Verlagssystem hergestellt. Weit verbreitet ist das Verlagssystem in Chinas Spielzeugindustrie und in der Schmuckindustrie Indiens und Chinas. In Ecuador werden Holzkisten in dezentraler Hausarbeit hergestellt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 1, Beck, München 1989, S. 94–97. ISBN 978-3-406-57872-4.
  • Roland Bettger: Verlagswesen, Handwerk und Heimarbeit. In: Claus Grimm (Hrsg.): Aufbruch ins Industriezeitalter. Oldenbourg, München 1985, ISBN 3-486-52721-5
  • Elisabeth Hilton: Made in China (Auszug). In: Lettre International Nr. 69, Sommer 2005, S. 34 ff.
  • Gert Kollmer-von Oheimb-Loup: Die Wirtschaft zur Zeit Reuchlins. Vortrag, gehalten am 28. September 2005 in der IHK Nordschschwarzwald Pforzheim (online).