Ostdeutschland

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Der Begriff Ostdeutschland hat sowohl geographische, politische als auch soziokulturelle Bedeutungen, die jedoch nicht alle deckungsgleich sind. Er wird heutzutage im politischen und wirtschaftlichen Sinn als Synonym für die neuen Bundesländer gebraucht[1][2] und wurde vor 1990 auch zur Bezeichnung der Deutschen Demokratischen Republik verwendet. Die innerdeutsche Grenze teilte Deutschland in einen west- und einen ostdeutschen Staat.[3] Als Konsequenz der deutschen Teilung kann auch von einer ostdeutschen Kultur gesprochen werden.

Historisch, geographisch und meteorologisch sind auch andere Räume mit dem Begriff zu verbinden bzw. verbunden worden. So wurden in der Nachkriegszeit und bis zum Warschauer Vertrag die ehemaligen Ostgebiete als Ostdeutschland bezeichnet.

Bis 1945[Bearbeiten]

Gebietsveränderungen des Deutschen Reiches von 1871 über 1919 und 1945 bis zur endgültigen Festlegung der Grenzen Deutschlands 1990 prägten auch den Begriff „Ostdeutschland“.

Bis 1919 wurde unter Ostdeutschland die Region östlich der Elbe, gelegentlich auch der Oder, verstanden. Diese zur historischen Germania Slavica zählenden Gebiete standen im Norden vornehmlich unter Preußens Einfluss. Durch den preußischen Landadel war sie protestantisch und konservativ geprägt. Mehrheitlich katholisch waren Oberschlesien und das unter dem Namen „Südpreußenannektierte Großpolen. Zwischen den beiden Weltkriegen bezeichnete der Begriff die Gebiete östlich der Oder ohne die an Polen abgetretenen Teile.[4] In diesem Zusammenhang wurde statt ‚Ostdeutschland‘ oft der geographische Begriff Ostelbien (historisches Gebiet) verwendet.

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Hauptartikel: Deutschland 1945 bis 1949

Nach 1945 und speziell nach der deutschen Teilung 1949 wandelte sich der Sprachgebrauch, und in Westdeutschland wurde offiziell der Begriff „deutsche Ostgebiete“ gebraucht, um auf die Ostgebiete des Deutschen Reiches zu verweisen und die Anwendung des Begriffs Ostdeutschland auf die DDR zu vermeiden, was auch staats- und völkerrechtliche Gründe hatte.[5] Auf bundesdeutscher Seite gab es deswegen für letztere die Begriffe Sowjetische Besatzungszone (SBZ) und später auch Mitteldeutschland, häufiger aber Zone, „Drüben“, Sowjetzone, Ostzone, „DDR“ beziehungsweise „sogenannte DDR“ (kabarettistisch: „Gänsefüßchen-DDR“ oder auch „die so genannte Sogenannte“). Erst mit der neuen Ostpolitik und den Verträgen mit Polen (u. a. zur Oder-Neiße-Grenze) wandelte sich auch die Bezeichnung von Ostzone zu DDR und Deutsche Demokratische Republik, in offizieller Verwendung nicht aber zu Ostdeutschland.

Nach der Wiedervereinigung[Bearbeiten]

Hauptartikel: Zwei-plus-Vier-Vertrag und Neue Länder

Seit der deutschen Vereinigung 1990 wird das ehemalige Staatsgebiet der DDR als neue Länder, fünf neue Bundesländer, ehemalige DDR (Ex-DDR) oder rentenrechtlich als Beitrittsgebiet[6] bezeichnet.

Der Begriff Ostdeutschland für die neuen Länder wird in der Tagesschau und in Statistiken der Wirtschaft verwendet.[7][8] Auf der Basis der gemeinsamen Geschichte, Sprache und Kultur neigt man dazu, Mecklenburg als „Nordostdeutschland“ und Thüringen mit Teilen von Sachsen-Anhalt, Sachsen und/oder Hessen als „Mitteldeutschland“ zu unterscheiden.

Zum unterschiedlichen Sprachgebrauch[Bearbeiten]

Insbesondere in Thüringen und zuweilen auch in Sachsen-Anhalt stößt es auf Unverständnis, wenn die Bewohner von den Medien als „Ostdeutsche“ bezeichnet werden – mit dem Verweis auf die geographische Lage in der Mitte Deutschlands. So liegt beispielsweise Erfurt westlicher als Regensburg und München, außerdem auch Eisenach westlich des geographischen Mittelpunktes Deutschlands und rund 220 Kilometer weiter westlich als Passau. Bewohner der einzelnen Gebiete empfinden sich insofern mehr als Zugehörige zu einer bestimmten, geographisch umrissenen und historisch gewachsenen Region, statt als Angehörige von zwei ehemals durch den „Eisernen Vorhang“ getrennten Teilen Deutschlands. Der Sprachgebrauch Ostdeutschland wird von ihnen auch als Zeichen eines natürlichen Prozesses des Zusammenwachsens von ehemals zwei Staaten gesehen. Aus diesem Grund bezieht sich der Begriff im Sprachgebrauch besonders bei der älteren Bevölkerung auf die politische Ebene des wiedervereinigten Deutschlands.

Anlehnend an den (inzwischen im RBB aufgegangenen) Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) wird gelegentlich nur das Gebiet der Länder Brandenburg, Berlin (und zum Teil Mecklenburg-Vorpommern und Teile Sachsen-Anhalts) als (Nord-)Ostdeutschland angesehen.

Auch der Begriff Mitteldeutschland ist in Gebrauch. Korrekt erscheint dieser Begriff in der Orientierung erstrangig auf die sprachlichen Unterschiede in Nord-Süd-Richtung (zum Beispiel oberdeutscher, mitteldeutscher und niederdeutscher Sprachraum) sowie historisch wirtschaftlich in alle Himmelsrichtungen (Mitteldeutsches Chemiedreieck, heute Metropolregion Mitteldeutschland). Der Mitteldeutsche Rundfunk hat sich in diesem Sinne benannt.
In rechtsextremen Kreisen ersetzt „Mitteldeutschland“ in der Regel den Begriff „Ostdeutschland“, um so auf vermeintliche Ansprüche auf die früheren Ostgebiete des Deutschen Reiches (Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie) hinzuweisen, die von dieser Seite her erhoben werden.

Im englischen Sprachraum ist die Bezeichnung „Eastern Germany“ üblich, wohingegen „East Germany“ die ehemalige DDR und „former eastern territories of Germany“ oder „the historical Eastern Germany“ die heute zu Polen beziehungsweise Russland gehörenden ehemaligen deutschen Ostgebiete (Schlesien, Hinterpommern, Neumark, Westpreußen, Ostpreußen, Danzig sowie Posen) bezeichnet.

Siehe auch: Oststaat-Plan und Nordstaat

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Werner Früh/Christoph Kuhlmann/Hans-Jörg Stiehler: Codebücher zum Projekt „Ostdeutschland im Fernsehen” / Bereich Information und Infotainment (PDF; 403 kB), veröffentlicht von der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM).
  2. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Das Erreichte nicht verspielen. Jahresgutachten 2007/08. Hrsg. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, November 2007, ISBN 978-3-8246-0811-9, siehe dort unter Analysen, Abschnitt II: Entwicklung der personellen Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland, Ziff. 725, S. 463 (PDF; 480 kB).
  3. Kramer, Undine: Von Ossi-Nachweisen und Buschzulagen, in: Ruth Reiher und Rüdiger Läzer (Hg.), Von „Buschzulage“ und „Ossinachweis“. Ost-West-Deutsch in der Diskussion. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1996, S. 55–69.
  4. Der neue Brockhaus, Wiesbaden 1975.
  5. Richtlinien des Bundesministers für gesamtdeutsche Fragen, 1961.
  6. Sechstes Buch Sozialgesetzbuch - Gesetzliche Rentenversicherung - In der Fassung der Bekanntmachung vom 19. Februar 2002 (BGBl. I S. 754, 1404, 3384), zuletzt geändert durch Gesetz vom 3. April 2013 (BGBl. I S. 610) m.W.v. 9. April 2013
  7. Wirtschaftsförderung Neue Bundesländer (Version vom 21. März 2008 im Internet Archive).
  8. Vgl. auch BVerfGE 102, 68 (96); 102, 254 (304, 333); 104, 126 (148); 107, 218 (246, 253); 110, 177 (186); 112, 368 (399); 113, 167 (226, 248); 116, 96 (125); 117, 272 (297).