Genossenschaftsbank

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Volks- und Raiffeisenbanken)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Logo der Volks- und Raiffeisenbanken in Deutschland
Nasenschild einer Raiffeisenbank
Altes Logo der Raiffeisengenossenschaften

Genossenschaftsbanken sind Kreditinstitute, die in der Rechtsform einer Genossenschaft oder Aktiengesellschaft geführt werden und einer genossenschaftlichen Bankengruppe angehören.

International arbeiten sie in der Internationalen Volksbankenvereinigung (CIBP) in Brüssel zusammen.

Geschichte[Bearbeiten]

Genossenschaftsbanken sind in Deutschland in der Regel Banken in der Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft. Die Ansätze der Genossenschaftsbanken gehen auf die Grundsätze der Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung von Franz Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Die Zwecke waren im Wesentlichen die Kapitalansammlung und Kreditgewährung für kleine Leute. Diese beiden gründeten unabhängig voneinander die ersten Kreditgenossenschaften. Während Volksbanken vorwiegend in städtischen Bereichen entstanden, wurden in ländlichen Gebieten Raiffeisenbanken gegründet.

Eine der ersten Gründungen einer Genossenschaftsbank erfolgte 1862 in Darmstadt, wo sich der seit 1852 bestehende "Darlehensverein für Darmstadt und Bessungen" am 14. August 1862 in eine Genossenschaft nach Schultze-Delitzschs Grundsätzen umwandelte und den Namen "Volksbank Darmstadt" gab. Der „Heddesdorfer Darlehnskassenverein“ gilt heute als erste Genossenschaft im Raiffeisenschen Sinne.[1] Heute noch haben die meisten Genossenschaftsbanken in ihrem Namen Volksbank („Voba“), Raiffeisenbank („Raiba“), Raiffeisenkasse („Raika“) oder Volks- und Raiffeisenbank (VR-Bank beziehungsweise RV-Bank). Raiffeisenbanken besitzen teilweise heute noch neben dem klassischen Bankgeschäft auch in geringem Umfang einen warenwirtschaftlichen Betrieb. So firmierten Ende 2008 von den 1.197 Genossenschaftsbanken 480 als Volksbank, 409 als Raiffeisenbank und 167 als Volks- und Raiffeisenbank beziehungsweise VR-Bank.

Aufgrund § 39 Abs. 2 KWG (Kreditwesengesetz) darf die Bezeichnung "Volksbank" oder eine Bezeichnung, in der das Wort "Volksbank" enthalten ist, nur Kreditinstitute neu aufnehmen, die in der Rechtsform einer eingetragenen Genossenschaft betrieben werden und einem Prüfungsverband angehören.

Darüber hinaus gibt es noch einige Genossenschaftsbanken unter den Bezeichnungen Spar- und Darlehenskasse (nämlich 10) beziehungsweise Sparda-Bank (12), Genossenschaftsbank (8) sowie Spar- und Kreditbank (ebenfalls 10). Insbesondere in Großstädten existieren auch Genossenschaftsbanken, die den Ortsnamen besonders herausstellen, so die Hamburger Volksbank, die Kölner Bank, die Münchner Bank, die Aachener Bank, die Wiesbadener Volksbank, die Augusta-Bank Augsburg oder die Bank 1 Saar. Schließlich gibt es noch einige andere Genossenschaftsbanken (69) wie zum Beispiel die GLS Gemeinschaftsbank, die Deutsche Apotheker- und Ärztebank und die PSD Banken.

Stand der Genossenschaftsbanken in Deutschland[Bearbeiten]

Geschäftsstelle der Volksbank Lübbecker Land eG in Alswede
Geschäftsstelle der Raiffeisen Spar+Kreditbank eG in Schnaittach
Geschäftsstelle der Volksbank Mittelhessen in Naunheim

Die deutschen Kreditinstitute können heute in drei Gruppen eingeteilt werden: öffentlich-rechtliche Kreditinstitute, private Geschäftsbanken und Genossenschaftsbanken. Die Stärke der Genossenschaftsbanken liegt vor allem in ihrer flächendeckenden Struktur. Über die Marktanteile der Genossenschaftsbanken liegen sehr unterschiedliche Angaben vor; oftmals ist der Marktanteil eine Frage der Betrachtungsweise. 2005 hatten Genossenschaftsbanken demnach bei Girokonten zwar einen Marktanteil von circa 24 %, während sie gemessen an der Bilanzsumme einschließlich ihrer Spitzeninstitute dagegen auf circa 18 % kamen.

Ende 2010 gab es in Deutschland 1.138 Genossenschaftsbanken mit einer addierten Bilanzsumme von 707 Mrd. € ohne beziehungsweise 1.017 Mrd. € mit Spitzeninstituten,[2] circa 30 Millionen Kunden, 16,7 Millionen Mitgliedern und über 13.500 Zweigstellen in ganz Deutschland. Die größte regionale Genossenschaftsbank in Deutschland ist die Sparda-Bank Baden-Württemberg mit einer Bilanzsumme (2013) von 13,2 Mrd. €. Die nach Bilanzsumme größte deutsche Genossenschaftsbank ist die bundesweit aktive Deutsche Apotheker- und Ärztebank aus Düsseldorf. Zusammengeschlossen sind sie im Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR).

Auf regionaler Ebene werden die Anteile der Genossenschaftsbanken von ihren jeweiligen Mitgliedern gehalten. Die Genossenschaftsbanken ihrerseits halten zu großen Teilen die Anteile der beiden genossenschaftlichen Zentralbanken DZ Bank AG und WGZ-Bank AG. Die genossenschaftlichen Zentralbanken erbringen zentrale Servicefunktionen für die Genossenschaftsbanken und sind darüber hinaus national und begrenzt international als Geschäftsbank aktiv.

Genossenschaftsbanken in Deutschland sind in Regional- und Spartenverbänden (Sparda- und PSD-Banken) organisiert, die neben der Betreuung und Unterstützung der jeweiligen regionalen Bank (zum Beispiel durch Beratungstöchter oder Bildungsangebote) ebenso die Prüfung gemäß Kreditwesengesetz sicherstellen.

Nach einem Bericht des Handelsblatts vom 2. August 2013 ist das Erfolgsmodell der Genossenschaftsbanken in Gefahr, da die EU es regulieren will und gleichzeitig die von den weltweiten Notenbanken verordneten Minizinsen die Bilanzen belasten. [3]

IT-Infrastruktur[Bearbeiten]

Die IT-Landschaft der deutschen Genossenschaftsbanken wird von drei Unternehmen samt Töchtern betreut, die ihrerseits ebenfalls in den genossenschaftlichen Finanzverbund integriert sind:

  • GAD eG in Münster betreut ca. 440 VR-Institute in Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, (tlw.) Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, (tlw.) Thüringen, die Deutsche Apotheker- und Ärztebank eG sowie diverse Privatbanken.
  • Fiducia IT AG in Karlsruhe betreut ca. 709 Genossenschaftsbanken in Baden-Württemberg, Berlin, Bayern, Hessen, (tlw.) Rheinland-Pfalz, Sachsen, Saarland und (tlw.) Thüringen, die Gruppe der PSD Banken sowie ca. 50 Privatbanken.
  • Die Sparda-Banken haben ein eigenes Rechenzentrum, die Sparda-Datenverarbeitung eG (SDV).

Geschäftsanteile[Bearbeiten]

Der Grundgedanke besteht gemäß § 1 des Genossenschaftsgesetzes in der Förderung des Erwerbs oder der Wirtschaft der Mitglieder mittels gemeinschaftlichen Geschäftsbetriebs. Die Genossenschaftsbanken werden von 17 Millionen Mitgliedern getragen.[4]

Der Erwerb von Geschäftsanteilen an einer Genossenschaftsbank setzt meist voraus, dass man Kunde dieser Bank ist. Bei manchen Genossenschaftsbanken können Geschäftsanteile ebenso von Nicht-Kunden erworben werden. Entsprechendes ist in der jeweiligen Satzung festgelegt.

Erwerb der Mitgliedschaft[Bearbeiten]

Die Mitgliedschaft gilt mit folgenden Bedingungen als erworben: Beitrittserklärung, Zulassung durch den Vorstand, Einzahlung des Guthabens und Ausstellung einer Urkunde.

Geschäftsanteile und Geschäftsguthaben[Bearbeiten]

Mit den Geschäftsanteilen, die in der Satzung einer Genossenschaft geregelt sind, können sich Mitglieder einer Genossenschaft beteiligen. Geschäftsanteile können sowohl natürliche als auch juristische Personen erwerben. Die Geschäftsanteile sind an die jeweilige Person gebunden und werden bei Austritt des Mitglieds der Genossenschaft entzogen. Je nach Satzung muss ein Mindestbetrag pro Geschäftsanteil eingezahlt werden, der bei mindestens 10 Prozent liegt. Diese Summe entspricht dem Geschäftsguthaben. Geschäftsanteile und Geschäftsguthaben müssen somit nicht übereinstimmen. Im Gegensatz zu einer Aktiengesellschaft hat jedes Mitglied unabhängig von Zahl seiner Geschäftsanteile nur eine einzige Stimme.

Dividende[Bearbeiten]

Die Höhe der Dividende ist abhängig vom Jahresüberschuss beziehungsweise vom Bilanzgewinn und wird durch die General- beziehungsweise Vertreterversammlung genehmigt. Meist ist die Dividende über dem aktuellen Zinsniveau, um die Anteile attraktiv zu gestalten.

Pflichten der Mitglieder[Bearbeiten]

Im Falle der Insolvenz der Bank haftet der Anteilseigner nicht nur mit seinem Geschäftsguthaben (auch mit noch nicht aufgezahlten Anteilen), sondern auch mit einer eventuell in der Satzung festgelegten Haftungssumme. Man nennt das Nachschusspflicht.

Kündigung / Insolvenz und Tod des Mitglieds[Bearbeiten]

Die Kündigungsfrist für Geschäftsanteile ist in der Satzung der Genossenschaftsbank geregelt. Eine weitläufige Formulierung lautet: „Jedes Mitglied hat das Recht, seine Mitgliedschaft zum Schluss eines Geschäftsjahres zu kündigen; die Kündigung muss schriftlich erklärt werden und der Genossenschaft mindestens drei Monate (oder zum Beispiel sechs Monate) vor Schluss eines Geschäftsjahres zugehen.“ Das dann zum Jahresende entstandene „Auseinandersetzungsguthaben“ wird, nach Feststellung (also Genehmigung) des Jahresabschlusses durch die General- oder Vertreterversammlung, ausgezahlt. Mit dem Tod geht die Mitgliedschaft auf die Erben über und endet mit dem Schluss des Geschäftsjahres, in dem der Erbfall eingetreten ist. Eine Fortführung durch die Erben ist mit Zustimmung des Vorstands möglich. Ausgezahlt wird dabei in der Regel nur das ursprüngliche Geschäftsguthaben, nicht der Anteil am aktuellen Eigenkapital der Bank.

Durch das Gesetz zur Verkürzung des Restschuldbefreiungsverfahrens und zur Stärkung der Gläubigerrechte vom 15.07.2013 (BGBl. I S. 2379) wurde ein neuer § 66a GenG m.W.v. 19.07.2013 ins Genossenschaftsgesetz eingefügt; danach "kann der Insolvenzverwalter das Kündigungsrecht des Mitglieds an dessen Stelle ausüben, sofern ein Insolvenzverfahren über das Vermögen eines Mitglieds eröffnet und ein Insolvenzverwalter bestellt wird." Der Insolvenzverwalter erhält damit das Recht, das ordentliche Kündigungsrecht des Mitglieds an dessen Stelle auszuüben - aber unter Beachtung der in der jeweiligen Satzung der Genossenschaft festgelegten Kündigungsfrist. Das neue Gesetz gewährt dem Insolvenzverwalter kein außerordentliches, fristloses Kündigungsrecht. Auch am Zeitpunkt der Auszahlung eines etwaigen Auseinandersetzungsguthabens ändert der neue § 66a GenG nichts; die Auszahlung erfolgt dann regelmäßig an den Insolvenzverwalter zu Gunsten der Insolvenzmasse.

Ausschluss[Bearbeiten]

Der Ausschluss eines Mitgliedes ist in der Satzung geregelt, § 68 Abs. 1 GenG. In der Regel kann dieser nur erfolgen, wenn das Mitglied gegen die Satzung verstoßen hat, unrichtige Angaben über seine finanziellen Verhältnisse gemacht hat oder zahlungsunfähig geworden ist. Der Ausschluss ist nur zum Schluss eines Geschäftsjahres zulässig.

Genossenschaftsbanken in Europa[Bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten]

Finnland[Bearbeiten]

Frankreich[Bearbeiten]

Italien[Bearbeiten]

Südtirol[Bearbeiten]

Luxemburg[Bearbeiten]

Niederlande[Bearbeiten]

Österreich[Bearbeiten]

In Österreich unterscheidet man die Genossenschaftsbanken nach dem System Raiffeisen beziehungsweise dem System Schulze-Delitzsch.

Portugal[Bearbeiten]

Schweiz[Bearbeiten]

Spanien[Bearbeiten]

Verbände[Bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten]

Regionalverbände[Bearbeiten]

Besonderes[Bearbeiten]

Kleinste Bank Deutschlands[Bearbeiten]

Die Raiffeisenbank Gammesfeld

Die Raiffeisenbank im hohenlohischen Gammesfeld ist eine der kleinsten Banken Deutschlands gemessen an der Bilanzsumme. Fritz Vogt war 40 Jahre lang ihr einziger Angestellter. Er bezeichnet sich als Genossenschaftler – nicht als Bankdirektor. 1984 entzog ihm das Bundesaufsichtsamt für Kreditwesen die Bankerlaubnis, weil jede Bank zum Zweck gegenseitiger Kontrolle einen zweiten hauptamtlichen Geschäftsführer brauche (Vieraugen-Prinzip). Da diese aufzuwendenden Personalkosten die Erträge der Bank zu Lasten der Kunden unnötig schmälern würden, klagte Vogt. Nach sechs Jahren bekam er Recht, da die Anstellung eines nebenamtlichen zweiten Geschäftsführers genügt. Die liebevoll „Rebellenbank“ genannte Raiffeisenbank betreut ausschließlich ortsansässige Kunden.[6] Seit Anfang 2008 ist Fritz Vogt, Geburtsjahrgang 1930, im Ruhestand. Seine Bank besteht weiter, unter dem neuen Geschäftsführer Peter Breiter.[7]

Die kleinste Bank Deutschlands ist die 1905 gegründete Raiffeisenbank eG in Struvenhütten, mit einer Bilanzsumme von circa 13,978 Mio. €.[8]

Gründung einer Genossenschaftsbank durch Unternehmen[Bearbeiten]

Aufgrund der Kreditkrise 2008/2009 arbeitet eine Gruppe aus Finanzexperten und Industrievertretern in Frankreich daran, eine neue Bank für die Wirtschaft unter dem Namen Corporate Funding Association (CFA) zu gründen. Dabei sollen 40 Unternehmen aus Frankreich und Deutschland eine Genossenschaft bilden. Die beteiligten Unternehmen sollen leichter Kredite erhalten.[9][10][11]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erste Kreditgenossenschaft im Sinne Raiffeisens
  2. Konsolidierter Jahresabschluss Konsolidierte Bilanz der genossenschaftlichen Finanzgruppe – Stand: 31. Dezember 2011. Online auf bvr.de.
  3. Brüsseler Bürokraten gefährden Volksbanken. In: Handelsblatt, 2. August 2013. Abgerufen am 5. August 2013.
  4. Genossenschaftsbanken wachsen im Kreditgeschäft. 17-Millionen-Mitglieder-Marke überschritten. Betriebsergebnisse auf hohem Niveau. In: presseportal.de, Pressemitteilung Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), 12. März 2012. Abgerufen am 15. Juli 2013.
  5. Webseite Genossenschaftsverlag
  6. Quelle unter anderem: Gammesfeld lässt die Kasse im Dorf. In: Welt online, 20. Januar 2008.
  7. 40 Jahre Einsamkeit Handelsblatt.com vom 2. Januar 2008
  8. Liste der Genossenschaftsbanken in Deutschland – Stand 31. Dezember 2012 (PDF; 907 kB)
  9. Handelsblatt - Refinanzierung - Firmenchefs bauen an eigener Bank vom 17. November 2009
  10. Corporate Funding Association Infoseite en
  11. CFA Infoseite en

Literatur[Bearbeiten]

  • Zeitschrift für das gesamte Genossenschaftswesen (ZfgG). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1.1950/51 ff., ISSN 0044-2429.
  • Friedrich Wilhelm Raiffeisen: Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung, sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter. Neuwied 1866 (PDF; 24,6 MB).
  • Katja Bauer: Der Beitrag der Raiffeisengenossenschaften zur Überwindung des Wuchers. In: Institut für Genossenschaftswesen der Universität Münster (Hrsg.): Kooperations- und Genossenschaftswissenschaftliche Beiträge, Band 31, Münster 1993.
  • Hartmut Glenk: Kreditgenossenschaft und Aufsichtsbehörde sowie Beispiele für bankaufsichtliche Maßnahmen gegenüber Vorständen von Kreditgenossenschaften. In: Genossenschaftsrecht – Systematik und Praxis des Genossenschaftswesens. 2. Auflage, C.H. Beck, München 2013, ISBN 978-3-406-63313-3.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Genossenschaftsbank – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien