Waldmäuse

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Waldmäuse
Waldmaus (Apodemus sylvaticus)

Waldmaus (Apodemus sylvaticus)

Systematik
Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha)
Überfamilie: Mäuseartige (Muroidea)
Familie: Langschwanzmäuse (Muridae)
Unterfamilie: Altweltmäuse (Murinae)
Tribus: Apodemini
Gattung: Waldmäuse
Wissenschaftlicher Name
Apodemus
Kaup, 1829

Die Waldmäuse (Apodemus) sind eine zur Tribus Apodemini gehörende Gattung der Altweltmäuse. Sie sind mit etwa 20 Arten über Eurasien und Nordafrika verbreitet. In Mitteleuropa kommen die Brandmaus, die Waldmaus, die Gelbhalsmaus, die Alpenwaldmaus und die Zwergwaldmaus vor.

Körpermerkmale[Bearbeiten]

Die Brandmaus hat einen schwarzen Aalstrich.

Die Waldmäuse sind kleine bis mittelgroße Altweltmäuse,[1] die in ihrer Gesamterscheinung der Zwergmaus ähneln.[2] Ihre Kopf-Rumpf-Länge beträgt 60 bis 150 Millimeter, die Schwanzlänge 70 bis 145 Millimeter und das Körpergewicht 15 bis 50 Gramm.[2] Der Schwanz ist meist etwa so lang wie der restliche Körper, kann jedoch auch kürzer oder etwas länger sein.[3][1] Anders als bei der Zwergmaus ist er nicht als Greifschwanz ausgebildet.[2]

Bei in Wäldern lebenden Formen ist die Schnauze verlängert und die Augen und Ohren sind relativ groß; bei Formen aus offeneren Landschaften ist die Schnauze dagegen kurz und die Augen und Ohren sind relativ klein.[1] Die Vorderpfoten sind normal ausgebildet.[3] Der Bau der Hinterpfoten ähnelt dem paläarktischer Ratten.[1] So sind die relativ langen Hinterpfoten nicht fürs Klettern verbreitert sondern schmal. Die drei mittleren der fünf Zehen sind mäßig lang, die beiden äußeren Zehen sind dagegen kürzer.[3][1] Die Hinterfußlänge beträgt stets mehr als 20 Prozent und häufig mindestens 23 Prozent der Kopf-Rumpf-Länge.[3] Weibchen der Waldmäuse haben sechs oder acht Zitzen.[2] Zwei Zitzenpaare befinden sich im Brustbereich, ein oder zwei Zitzenpaare in der Leistenregion.[4]

Das Fell der Waldmäuse ist gewöhnlich weich, kann jedoch wie bei der Großen Japanischen Waldmaus borstig sein.[3] Die Leithaare sind meist licht und relativ dünn.[1] Der Schwanz ist mäßig behaart.[3] Die Fellfarbe der Oberseite ist bräunlich.[1] Sie reicht von gräulich-gelbbraun oder gräulich-braun über braun mit gelber oder roter Melierung bis hellbraun oder blass-sandfarben. Unterseits ist das Fell weiß oder gräulich, häufig mit gelber Melierung. Die Vorder- und Hinterpfoten sind meist weiß. Einige Formen haben einen rötlich-gelben Brustfleck.[2] Die Brandmaus weist einen schwarzen Aalstrich auf.[3]

Lebensraum und Lebensweise[Bearbeiten]

Die Gelbhalsmaus ist ein guter Kletterer.

Der Lebensraum der Waldmäuse sind offene und geschlossene Wälder, Hecken, Gärten und grasbewachsene Äcker sowie sonstige kultivierte Flächen und Feuchtgebiete.[5][2]

Sie sind gute Kletterer, wenn auch nicht so sehr wie die Zwergmaus. Verglichen mit dieser sind sie aktivere Springer. Zudem sind sie gute Schwimmer. Je nach Art können sie tag-, nacht- oder dämmerungsaktiv sein. Ihr Aktionsraum durchmisst bis etwa 180 Meter. Gewöhnlich graben sie tiefe Baue, an deren Tunnelende ein Nest liegt. Dieses besteht aus zerschredderten Gräsern und Blättern. Die Nahrung setzt sich aus Wurzeln, Samen, Beeren, Nüssen und Insekten zusammen und wird als Vorrat in den Bauen eingelagert.[2]

Die Fortpflanzungszeit der Waldmäuse kann geografisch und von Jahr zu Jahr variieren. Weibchen bringen in einem Jahr bis zu sechs Würfe zur Welt. In der Natur liegt die durchschnittliche Lebenserwartung vermutlich bei einem Jahr oder weniger. Der Einfluss auf die Erneuerung von Wäldern ist komplex. In Großbritannien wurde die wichtige Rolle beim Transport und Vergraben von Baumsamen sowie bei der Vernichtung der Sämlinge erkannt.[6] Im Herbst und im Winter können Waldmäuse in menschliche Behausungen eindringen.[2]

Verbreitung[Bearbeiten]

Das Verbreitungsgebiet der Waldmäuse erstreckt sich über weite Teile der Paläarktis und Teile der Orientalis. In Europa sind sie von Island, Irland und den Shetlands ostwärts bis Russland sowie von Skandinavien südwärts bis zum Mittelmeer, nach Sizilien und Kreta verbreitet.[4] In Afrika kommt eine Art von Marokko über Algerien bis Tunesien vor.[5] In Asien erstreckt sich ihr Verbreitungsgebiet von Kleinasien und Turkestan über Sibirien bis zum Pazifischen Ozean. Sie bewohnen Syrien, den Iran, den Punjab, Kaschmir, den größten Teil Chinas nördlich des Jangtsekiang von Gansu über Sichuan bis Shandong, die Mongolei, die Mandschurei, Korea, Japan und Sachalin. In der Orientalis sind sie von Nepal über Myanmar, Yunnan und Fujian bis nach Taiwan und zu den Ryūkyū-Inseln verbreitet.[4]

Systematik[Bearbeiten]

Äußere Systematik[Bearbeiten]

Musser und Carleton (2005) fassen die Waldmäuse, die Ryukyu-Stachelratten und die ausgestorbene Gattung Rhagamys als Apodemus-Gruppe zusammen.[7] Lecompte und Mitarbeiter (2008) führten für diese Formen die Tribus Apodemini ein.[8]

Eine enge Verwandtschaft zwischen den Waldmäusen und den Ryukyu-Stachelratten wurde aufgrund des Baus der Backenzähne vermutet,[9] ebenso wie eine Verwandtschaft zur Gattung Rhagamys aus dem Quartär und zur Gattung Rhagapodemus aus dem Pliozän.[10] Die Verwandtschaft zu den Ryukyu-Stachelratten wird inzwischen durch molekulargenetische Untersuchungen gestützt. Untersuchungen mitochondrialer und nukleärer Gensequenzen durch Lecompte und Mitarbeiter (2008) bestätigen dieses Schwestergruppenverhältnis, weisen jedoch auf das beachtliche Alter der Divergenz zwischen den Gattungen hin.[9]

Innere Systematik[Bearbeiten]

Die Kleine Japanische Waldmaus steht basal zu den meisten anderen Waldmäusen.

Musser und Carleton (2005) unterteilen die rezenten Waldmäuse in vier Gruppen und unterscheiden 20 Arten:[11]

argenteus-Gruppe

gurkha-Gruppe

Apodemus-Gruppe

Sylvaemus-Gruppe

  • Orient-Felsenmaus, Apodemus mystacinus (Danford & Alston, 1877) in Vorderasien und auf Kreta
  • Balkan-Felsenmaus, Apodemus epimelas (Nehring, 1902) auf der Balkanhalbinsel
  • Steppenwaldmaus, Apodemus witherbyi (Thomas, 1902) von der Ukraine über den Kaukasus nach Vorderasien
  • Waldmaus, Apodemus sylvaticus (Linnaeus, 1758) in Europa und Nordwestafrika
  • Gelbhalsmaus, Apodemus flavicollis (Melchior, 1834) in Europa und Vorderasien
  • Kaukasus-Waldmaus, Apodemus ponticus (Sviridenko, 1936) im Kaukasus
  • Alpenwaldmaus, Apodemus alpicola Heinrich, 1952 in den Alpen
  • Zwergwaldmaus, Apodemus uralensis (Pallas, 1811) von Mitteleuropa bis Zentralasien
  • Talysh-Waldmaus, Apodemus hyrcanicus Vorontsov et al., 1992 im Talysh-Gebirge
  • Ward-Waldmaus, Apodemus pallipes (Barrett-Hamilton, 1900) im Pamir und angrenzenden Gebieten Zentral- und Südasiens
  • Kaschmir-Waldmaus, Apodemus rusiges Miller, 1913 in Pakistan und Indien

Weblinks[Bearbeiten]

Verwendete Literatur[Bearbeiten]

  •  Christiane Denys: Genus Apodemus: Field Mice. In: David C. D. Happold (Hrsg.): Mammals of Africa. Volume III: Rodents, Hares and Rabbits. Bloomsbury, London u. a. 2013, ISBN 978-1-4081-2253-2, S. 377–378.
  •  John Reeves Ellerman: The Families and Genera of Living Rodents. Volume II: Family Muridae. British Museum (Natural History), London 1941.
  •  Igor Michailowitsch Gromow, Margarita Alexandrowna Jerbajewa: Млекопитающие фауны России и сопредельных территорий. Зайцеобразные и грызуны. Russische Akademie der Wissenschaften (Zoologisches Institut), Sankt Petersburg 1995.
  •  Emilie Lecompte, Ken Aplin, Christiane Denys, François Catzeflis, Marion Chades, Pascale Chevret: Phylogeny and biogeography of African Murinae based on mitochondrial and nuclear gene sequences, with a new tribal classification of the subfamily. In: BMC Evolutionary Biology. Bd. 8, Nr. 199, 2008, S. 1–21.
  •  Guy G. Musser, Michael D. Carleton: Superfamily Muroidea. In: Don E. Wilson, DeeAnn M. Reeder (Hrsg.): Mammal Species of the World: A Taxonomic and Geographic Reference. 3. Auflage. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2005, ISBN 0-8018-8221-4, S. 894–1531.
  •  Ronald M. Nowak: Walker’s Mammals of the World. 6. Auflage. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1999, ISBN 0-8018-5789-9.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g Gromow und Jerbajewa, 1995 (S. 278)
  2. a b c d e f g h Nowak, 1999 (S. 1500)
  3. a b c d e f g Ellerman, 1941 (S. 93)
  4. a b c Ellerman, 1941 (S. 92)
  5. a b Denys, 2013 (S. 377)
  6. Nowak, 1999 (S. 1501)
  7. Musser und Carleton, 2005 (S. 902)
  8. Lecompte und Mitarbeiter, 2008 (Tab. 2, S. 8)
  9. a b Lecompte und Mitarbeiter, 2008 (S. 11)
  10. Musser und Carleton, 2005 (S. 1512)
  11. Musser und Carleton, 2005 (S. 1259–1280)