Abrahamitische Religionen

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Symbole der drei bekanntesten abrahamitischen Religionen: Judentum (oben), Christentum (links), Islam (rechts)

Abrahamitische, abrahamische oder Abrahams Religionen ist in manchen islamwissenschaftlichen Studien und im interreligiösen Dialog die Bezeichnung für jene monotheistischen Religionen, die sich auf Abraham, den Stammvater der Israeliten nach der Tora (Gen 12,1-3 EU), bzw. auf den Ibrahim des Koran und seinen Gott beziehen.

Gebiete mit vorherrschend abrahamitischen (rosa) oder fernöstlichen dharmischen (gelb) Religionen

Die Bezeichnung dient als „theologische Klammer“ in den Gesprächen zwischen den Religionsgemeinschaften. Sie soll die gemeinsame Herkunft und die Zusammengehörigkeit von Juden, Christen und Muslimen ausdrücken. Die drei großen Weltreligionen lassen sich auf den „Abrahamsbund“ zurückführen, wenn auch je auf eigene Weise:[1]

  • Das Judentum: Alle Juden sind „Kinder Abrahams“, also eine Abstammungseinheit.
  • Das Christentum: Für das Neue Testament hat Jesus Christus an denen, die an ihn glauben, Verheißungen Abrahams erfüllt und sie in die Gotteskindschaft einbezogen, so dass sie Anteil an den Verheißungen für das Volk Israel erhalten.
  • Der Islam: Ibrahim gilt als Stammvater der Ismaeliten, die noch vor dem Erben Isaak in der Bibel die Zusage Gottes auf Nachkommenschaft und Segen erhalten. Er gilt als bedeutender Prophet, der allen Menschen den einzigen wahren Gott verkündete und zugleich Vorbild für Glaubenstreue und Gerechtigkeit ist.

Der Begriff tauchte um 1950 in islamwissenschaftlichen Studien auf. In den 1960er Jahren wurde er in religionsvergleichenden Studien christlicher Islamwissenschaftler gebräuchlich. Er breitete sich im letzten Viertel des 20. Jahrhundert weiter aus und wurde auch in öffentlichen Diskursen gängig. Er wird von verschiedenen Seiten als Konstrukt, als Täuschung oder als eine Form von Synkretismus kritisiert.[2]

Kennzeichen abrahamitischer Religionen[Bearbeiten]

Gottesvorstellung[Bearbeiten]

Abrahamitische Religionen sind monotheistisch, erkennen nur einen einzigen Gott an. Es ist ein personhafter Gott, der als jenseits der Welt gedacht wird. Er hat den Kosmos erschaffen und kann in das Weltgeschehen eingreifen. Er wird als allwissend, allmächtig und allgegenwärtig angesehen. Er hat Eigenschaften, die in der menschlichen Gesellschaft gemeinhin als positiv erachtet werden, jedoch in absoluter Form: unfehlbare Gerechtigkeit, allumfassende Liebe und Güte.

Er wird traditionell mit Anreden für das männliche Geschlecht adressiert, wie zum Beispiel mit Herr oder Vater.

Abbildungen Gottes sind verboten (Bilderverbot), weil die Gefahr besteht, dass der Mensch Dinge anbetet, die er selber geschaffen hat (Götzendienst). Daraus folgt, dass er seine Eigenschaften oder auch nur einige davon in das Gottesbild projiziert und sich anschließend diesem Götzen unterwerfen muss, um seine projizierten Eigenschaften zurückzuerlangen. Er wird also in seiner Freiheit eingeschränkt und kann nicht mehr ohne den Götzen leben. Der Monotheismus zeichnet sich laut Erich Fromm dadurch aus, dass der Mensch nicht sein eigenes Werk anbetet, sondern einen unsichtbaren Gott.

Die Menschen können im Gebet mit Gott in Verbindung treten.

Menschenbild[Bearbeiten]

Leib und Seele[Bearbeiten]

In den abrahamitischen Religionen besteht der Mensch aus einem physischen Körper (dem Leib) und einer geistigen Seele (dem Geist). Im Christentum wird teilweise noch einmal unterschieden zwischen Seele und Geist. Die Seele umfasst den Willen, den Verstand und die Gefühle.

Tod und Sünde[Bearbeiten]

Die Vorstellung einer unsterblichen Seele des Menschen entstammt dem griechischen Weltbild und ist prägend erst im Hochmittelalter in die jüdische und die christliche Religion eingedrungen. Die Frage, wie der eine, gute Gott in seiner Schöpfung Sünde und Hölle zulassen konnte, wird mehrheitlich mit der menschlichen Willensfreiheit beantwortet.

Das Individuum hat nur ein einziges Leben, das einen Anfang und ein Ende hat (keine Reinkarnation). Dem entspricht eine lineare Zeitvorstellung.

Weltbild und Offenbarung[Bearbeiten]

In der klassischen Vorstellung wurde die Welt durch den einen und einzigen Gott erschaffen (vgl. creatio ex nihilo und Natürliche Theologie); sie endet mit dem Tag des Jüngsten Gerichts.

Gott hat sich durch Propheten und (selten) durch Prophetinnen offenbart. Daher gibt es Heilige Schriften, die Wort Gottes sind (oder zumindest enthalten) und deshalb einen großen Stellenwert einnehmen.

  • Im Judentum ist der Tanach die wesentliche Heilige Schrift.
  • Das Christentum erkennt den Tanach an, der traditionellerweise Altes Testament genannt wird, und hat daneben das Neue Testament als Gottes Wort. Altes und Neues Testament bilden zusammen den Kanon der (christlichen) Bibel.
  • Im Islam ist es der Koran, in der die Lehre Gottes endgültig und unverfälscht dargelegt ist. Die heiligen Schriften von Juden und Christen werden als ursprünglich von Gott geoffenbart anerkannt. Sie sollen jedoch von ihnen im Laufe der Zeit verfälscht worden sein (vgl. Suren 2:75+79, 4:46, 5:23).

Kleinere Religionen, die sich auf Abraham beziehen[Bearbeiten]

Als jüngste eigenständige Religion, die sich auf den Bund Abrahams bezieht, wird in den vergleichenden Religionswissenschaften das Bahaitum genannt, das aber bisher nur vereinzelt als abrahamitische Religion aufgeführt wird. Den Bahai gilt Abraham als „Gottesbote“, als „von Gott Erwählter“, als Stammvater späterer Religionsstifter und als „Vorbild im rechten Glauben“. Im Bahaitum gelten die Schriften Baha'ullahs als geoffenbartes Wort. Die Bibel und der Koran, aber auch die Schriften anderer Religionen (wie die Lehrgespräche Buddhas) werden ebenfalls als heilige Schriften verehrt und neben den umfangreichen Schriften Baha'ullahs in den Bahai-Tempeln rezitiert.

Außerdem verstehen sich der Samaritanismus, der eine genuin israelitische Religion ist,[3] und der Zoroastrismus als abrahamitische Religionen.[4] Auch die Drusen, die Mandäer und die Rastafari beziehen sich auf die abrahamitische Überlieferung.

Kritik am Begriff[Bearbeiten]

Der französische Philosoph Rémi Brague bezeichnete 2006 Bezeichnungen wie „Monotheismus“, „Buchreligionen“ oder „abrahamitische Religionen“ als „irreführend und gefährlich“ («trompeuses et dangereuses»). Sie würden an die historischen Religionen von aussen herangetragen:[5] „Falsch sind die Bezeichnungen, sofern sie der eigentlichen Natur der drei Religionen nicht gerecht werden, wenn man ohne weiteres davon ausgeht, sie alle auf einen Nenner bringen zu können. Brisant sind diese Begriffe, da sie eine intellektuelle Bequemlichkeit fördern, die sich nicht unbedingt um eine Auseinandersetzung mit der Realität bemüht.“[6]

Die Judaistin Edna Brocke lehnt den von Christen gebildeten Begriff als Konstrukt ab, weil er eine Gemeinsamkeit mit dem Judentum vortäusche, die man zumindest in Bezug auf das Christentum nicht behaupten könne.[7]

Für den Theologen René Buchholz, Bonn, ist die Theoriebildung zum Begriff der ‚abrahamitischen‘ Religionen grundsätzlich problematisch: „Eine Theologie der ‚abrahamitischen‘ Religionen stellt nur ein weiteres problematisches Modell einer übergreifenden Theologie der Religionen dar ... mit Abraham als konstruierter Identifikationsfigur.“[8] Damit stimmt er der Kritik des Harvardprofessors Jon Douglas Levenson am Begriff bzw. der Konstruktion eines Abrahams hinter den biblischen Texten zu.

Der Theologe Wolf Krötke, Berlin, weist darauf hin, dass die Berufung auf Abraham im Neuen Testament kritisiert wird, am schärfsten im Johannesevangelium: „Als „Kinder Abrahams“ werden nur die anerkannt, die sich zu Christus bekennen (Joh 8,37-45 EU)“ und in Johannes 8,58 EU werde Christus dem Abraham vorgeordnet.[9]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ulrike Bechmann: Chancen und Risiken der Berufung auf Abraham in den "abrahamitischen Religionen. In: Blätter Abrahams. Beiträge zum interreligiösen Dialog 4/2005, S. 7–25.
  • Karl-Josef Kuschel: Streit um Abraham. Was Juden, Christen und Muslime trennt – und was sie eint. Neuausgabe. Patmos, Düsseldorf 2001, ISBN 3-491-69030-7.
  • Jonathan Magonet: Abraham – Jesus – Mohammed. Interreligiöser Dialog aus jüdischer Perspektive (= Gütersloher Taschenbücher. Band 735). Gütersloher Verlags-Haus, Gütersloh 2000, ISBN 3-579-00735-1.
  • Jürgen Micksch: Abrahamische und Interreligiöse Teams (= Interkulturelle Beiträge. Band 21). Otto Lembeck, Frankfurt 2003, ISBN 3-87476-421-4.
  • Reinhard Möller, Hans Christoph Goßmann (Hrsg.): Interreligiöser Dialog. Chancen abrahamischer Initiativen (= Interreligiöse Begegnungen. Band 2). Lit, Berlin u. a. 2006, ISBN 3-8258-8418-X.
  • Reiner Nieswandt: Abrahams umkämpftes Erbe. Eine kontextuelle Studie zum modernen Konflikt von Juden, Christen und Muslimen um Israel/Palästina (= Stuttgarter biblische Beiträge. Band 41). Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1998, ISBN 3-460-00411-8.
  • Martin Stöhr (Hrsg.): Abrahams Kinder. Juden – Christen – Moslems (= Arnoldshainer Texte. Band 17). Haag + Herchen, Frankfurt 1999, ISBN 3-88129-683-2.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Art. Abrahamitische Religionen. In: RGG4, Bd. 1, Tübingen 1998. S. 78.
  2. So etwa von Rémi Brague: Schluss mit den "Drei Monotheismen"!. In: IKZ Communio 36 (2007), Trier, Paulinus Verlag, Trier 2007, S. 98–113.
  3.  Matthias Schulz: Gottes vergessene Kinder. In: Der Spiegel. Nr. 15, 2012, S. 120–123 (7. April 2012, online).
  4. Angelika Tiefenbacher: Allgemeinbildung - Das ultimative Wissen. München 2009, S. 48.
  5. Rémi Brague: Du Dieu des chrétiens et d'un ou deux autres. Paris 2006, ISBN 978-2-0812-3255-6, S. 15–17.
  6. Rémi Brague: Schluss mit den "Drei Monotheismen"!. In: IKZ Communio 36 (2007), Paulinus Verlag, Trier 2007, S. 98.
  7. Edna Brocke: Aus Abrahams Schoß? – Oder weshalb es keine "abrahamitischen Religionen" gibt. In: Kirche und Israel (Heft 2/2009). Abrufbar: Online-Extra, Nr. 124, 2010. Abgerufen am 22. April 2015.
  8. René Buchholz: De (Constructing) Abraham. Zu Jon D. Levensons Kritik der ‚abrahamitische Ökumene’. S. 17, abgerufen am 22. April 2015.
  9. Abraham und die drei Religionen. In: Die Kirche 17/2010, abgerufen am 22. April 2015.