Bibelkanon

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Ein Bibelkanon ist eine Reihe von Büchern, die im Judentum und im Christentum als Bestandteile ihrer Bibel festgelegt (kanonisiert) wurden und damit Maßstab (Kanon) ihrer Religionsausübung sind.

Im Judentum wurde zuerst die Tora zur normativen Heiligen Schrift (ca. 800–250 v. Chr.), der weitere prophetische und weisheitliche Schriften zur Seite gestellt wurden. Etwa 100 n. Chr. wurde endgültig festgelegt, welche hebräischen Schriften zum dreiteiligen Tanach gehören. Da das Judentum keine oberste Lehrautorität kennt, blieben griechisch übersetzte Bibelversionen neben dem Tanach bestehen.

Das Christentum übernahm alle Schriften des Tanach. Die Alte Kirche stellte sie als Altes Testament (AT) dem Neuen Testament (NT) voran, das um 400 endgültig kanonisiert wurde. Damit bewahrte sie den sachlichen Vorrang und die bleibende Geltung der jüdischen Bibel für den christlichen Glauben. Aufgrund konfessioneller Unterschiede unterscheidet sich der Umfang des AT in einigen Kirchen: Während im Osten der engere hebräische Kanon im Bewusstsein blieb, übernahm der lateinische Westen einige weitere Bücher aus der griechischen Septuaginta. Diese gelten für die römisch-katholische und die orthodoxe Kirche als kanonisch. Die evangelischen Kirchen begrenzen das AT auf die Bücher des Tanachs.

Begriff[Bearbeiten]

Das griechische Lehnwort κανών (kanon) geht auf das hebräische קָנֶה (qaneh, vgl. Ez 40,3 EU) zurück und bezeichnet ursprünglich ein Holz- oder Bambusrohr, das im Bauhandwerk als Messlatte, Lineal, Richtscheit oder Waagebalken verwendet wurde. Es benannte im Hellenismus auch einen ethischen Maßstab, eine Richtschnur, Regel oder Vorschrift für eine Erkenntnis, ein Urteil oder Verhalten.

In diesem Sinn einer handlungsleitenden Norm erscheint es viermal im NT (2 Kor 10,13.15.16 EU; Gal 6,16 EU). Schriften christlicher Theologen verbinden es seit etwa 150 mit Begriffen wie Wahrheit, Glauben und Kirche (lateinisch: regula veritatis/fidei/ecclesiae) und beziehen es zur Abgrenzung von Häresien auf Teile oder die Gesamtheit der in der Kirche anerkannten Glaubens- und Lehrtradition.

Dabei bezeichnete der Ausdruck sowohl einen inhaltlichen Wahrheitsanspruch als Norm dieser Tradition als auch ihren äußeren Umfang als Katalog oder Liste maßgebender Dokumente:

„Der Kanon ist die Norm, nach der alles in der Kirche sich richtet; kanonisieren heißt: als Bestandteil dieser Norm anerkennen.“

Adolf Jülicher: Einleitung in das Neue Testament[1]

Erst seit etwa 350 bezogen christliche Theologen den Kanonbegriff auf alle in der Kirche anerkannten heiligen Schriften, also auf ihre Bibel. Bis dahin hießen die im Judentum und Christentum als normativ anerkannten Glaubensdokumente übereinstimmend Schrift, Schriften, Weisung (hebr. tora) bzw. Gesetz (griech. nómos).[2]

Tanach[Bearbeiten]

Die jüdische, überwiegend auf Hebräisch abgefasste Bibel entstand seit etwa 1000 v. Chr. als fortlaufende Sammlung zuerst mündlicher Überlieferungen, die dann verschriftet, in größere Komplexe eingebaut, vielfach überarbeitet, als Wort Gottes und Zeugnis davon weitergegeben und weiter gedeutet wurden. Besonders in den als Gottes Offenbarung geltenden Rechtstraditionen lag der Anstoß sowohl zu einer ständigen Auslegung und Überarbeitung für die eigene Zeit als auch zur verbindlichen Verschriftung, wortgetreuen Abschrift und abschließenden Festlegung.

Das Deuteronomium zitiert, ergänzt und aktualisiert ältere Gesetzeskorpora, autorisiert sie als große Moserede und gab ihnen damit für alle Israeliten kanonischen Rang. Eine Vorform des Deuteronomiums legitimierte Josias Kultzentralisation (um 622 v. Chr.). Die feierliche Verlesung der Tora nach dem Wiederaufbau des Tempels (ab 539 v. Chr.; Neh 8,1) setzt ihre kanonische Geltung für das Judentum voraus. Abgeschlossen war sie spätestens mit dem Beginn ihrer griechischen Übersetzung (um 250 v. Chr.). Sie blieb für die Samaritaner, die sich vom Jerusalemer Tempelkult trennten, die alleingültige Heilige Schrift: Daraus entstand ihr Samaritanischer Pentateuch.

Um 200 v. Chr. war auch die Sammlung der Prophetenbücher abgeschlossen, die der Tora als zweiter Hauptteil der jüdischen Bibel nachgeordnet wurden. Sie sind in den Schriftrollen vom Toten Meer (entstanden zwischen 200 v. und 40 n. Chr.) als bekannt vorausgesetzt und großenteils in Handschriften überliefert und kommentiert.

Das Buch Jesus Sirach (um 190 v. Chr. entstanden) setzt eine dreiteilige, aus Tora (den fünf Büchern des Mose), Geschichts- (Jos, Ri, Sam, Kön) und Prophetenbüchern (Jes, Jer, Ez und Zwölfprophetenbuch) bestehende Bibel voraus. Der um 117 v. Chr. entstandene griechische Prolog dazu nennt eine unbestimmte Zahl weiterer, poetisch-weisheitlicher „Schriften“. Um 96 nannte Flavius Josephus 22 Bücher der heutigen jüdischen Bibel, wobei er vier davon – vermutlich die Psalmen, Sprüche Salomos, Prediger (Kohelet) und Hoheslied – den nichtprophetischen Schriften zuordnete. Etwa gleichzeitig nannte das 4. Buch Esra (14,18-48) 24 von Esra diktierte, verbalinspirierte heilige Schriften.

Der Umfang des dritten Teils blieb im Judentum umstritten; bei einer Zusammenkunft seiner wichtigsten Vertreter in Jawne (um 100) soll er festgelegt worden sein. Dabei wurden die Megillot (Hoheslied, Ruth, Klagelieder, Prediger, Ester) sowie das lange umstrittene Buch Daniel, Esra, Nehemia und die beiden Chronikbücher in ihn aufgenommen, nicht aber eine Reihe griechischer Schriften, die Eingang in die Septuaginta fanden: darunter Jesus Sirach und die Makkabäerbücher. Diskussionen der Rabbiner über die Zugehörigkeit des Predigerbuchs und des Hohenliedes dauerten laut der Mischna (mJad 3,5) auch nach 100 an.[3]

In der jüdischen Diaspora wurden oft auch bei der Kanonisierung des Tanach ausgeschlossene Schriften aus der Septuaginta verlesen. Diese wurde ab etwa 400 der christlichen Aneignung überlassen. Neue Übersetzungen des Tanachs ins Griechische von Aquila, Symmachus dem Ebioniten oder Theodotion konnten sich im rabbinischen Judentum nicht durchsetzen.

Altes Testament[Bearbeiten]

Für Jesus und die Urchristen war der bezüglich seines Umfanges noch nicht endgültig festgelegte, aber schon dreiteilige Tanach die maßgebende Heilige Schrift. Darauf bezogen sie ihre eigene Botschaft und legitimierten sie als deren Auslegung. Trotz inhaltlicher Differenzen etwa zur Rolle der Tora im Galaterbrief (vgl. Mt 5,17 ff.) blieben die jüdischen heiligen Schriften für sie verbindliche Offenbarungszeugnisse JHWHs, dessen Willen Jesus Christus endgültig erfüllt und in seiner Auslegung bekräftigt habe.

Schaubild zur Entwicklung des AT-Kanons bis zum 5. Jahrhundert (nach Franz Stuhlhofer[4]). Es werden bei den einzelnen Kirchenvätern, Synoden und Codices nur jeweils die Abweichungen vom Tanach (linke Spalte) sowie vom die Deuterokanonika einschließenden katholischen Kanon (rechte Spalte) angegeben.

Marcion wollte die jüdische Bibel um 150 aus der christlichen Bibel ausschließen und nur ein vom Judentum „gereinigtes“, reduziertes NT anerkennen. Demgegenüber behielten die Kirchenväter die jüdischen heiligen Schriften als gültigen ersten Teil des christlichen Bibelkanons.[5] Bei den Kirchenvätern finden sich gelegentlich auch Bezugnahmen auf die sogenannten „deuterokanonischen“ Schriften, die in Septuaginta-Handschriften enthalten sind, ohne von jüdischen Rabbinern anerkannt worden zu sein.

Melito von Sardes übersetzte den griechischen Ausdruck palaia diathēkē – „Alter Bund“ (2Kor 3,14) um 170 auf Lateinisch erstmals mit vetus testamentum („Altes Testament“) und bezog ihn auf sämtliche ihm bekannten heiligen jüdischen Schriften. Seine Liste davon umfasste alle Schriften des Tanach außer dem Buch Ester. Er stellte diese Liste laut Eusebius von Cäsarea nach einer eigens dazu unternommenen Forschungsreise nach Palästina auf.[6] Auch Origenes kannte den Kanon des Tanach, bezeichnete die Makkabäerbücher und das Henochbuch als nicht dazugehörig und die nicht öffentlich gebrauchten Zusatzschriften als apokryph („verborgen“). Für Hieronymus war der Tanach 393 vom Heiligen Geist inspirierte hebraica veritas („hebräische Wahrheit“).

Die Bischofssynoden von Rom (382), Hippo (393) und Karthago (397, 419) schlossen jedoch auch die Bücher Judit, Tobit, Weisheit Salomos, 1. /2. Makkabäer, Jesus Sirach, Baruch mit dem Jeremia und griechische Zusätze zu Ester und Daniel in den Kanon des AT ein. Sie folgten damit den mehrheitlich aus Heidenchristen bestehenden Gemeinden des Mittelmeerraums außerhalb Palästinas, in deren Gottesdiensten griechische Septuagintatexte verlesen wurden.

Tabelle von Tanach und AT[Bearbeiten]

Tanach

Synode von Javne (ca. 100)
24 Bücher

Septuaginta

Alte Kirche (ca. 400)
54 Bücher
 

AT römisch-katholisch

Vulgata (Trient 1546)
46 Bücher
 

AT orthodox

Synode von Jerusalem (1672) 

AT evangelisch

Lutherbibel (1534)
39 Bücher

  kursiv: Pseudepigraphen kursiv: Deuterokanonische kursiv: Anaginoskomena  
Tora Pentateuch  Fünf Bücher Moses 
  • Gen = Genesis
  • Ex = Exodus
  • Lev = Leviticus
  • Num = Numeri
  • Dtn = Deuteronomium
  • 1. Buch Mose
  • 2. Buch Mose
  • 3. Buch Mose
  • 4. Buch Mose
  • 5. Buch Mose
Nevi'im (Propheten) Geschichtsbücher
Vordere Propheten

Josua
Richter
Rut

1. Buch der König(reich)e (1Sam)
2. Buch der König(reich)e (2Sam)
3. Buch der König(reich)e (1Kön)
4. Buch der König(reich)e (2Kön)

1. Buch Paralipomenon (1Chr)
2. Buch Paralipomenon (2Chr)

1. Buch Esdras (3Esra)
2. Buch Esdras (Esra+Neh)

Ester (mit Zusätzen)
Judit
Tobit

1. Buch der Makkabäer
2. Buch der Makkabäer
3. Buch der Makkabäer
4. Buch der Makkabäer

  • Josua
  • Richter
  • Rut
  • Samuel
  • Samuel
  • Könige
  • Könige
  • Chronik
  • Chronik
  • 1 Esra (Esra)
  • 2 Esra (Neh)
  • Tobit
  • Jdt = Judit
  • Ester (mit Zusätzen)
  • Makkabäer
  • Makkabäer
  • 1. Esdras (3Esra)
  • 2. Esdras (Esra)
  • Nehemia
  • Est (mit Zusätzen)
  • Tob
  • Jdt
  • 1 Makk
  • 2 Makk
  • 3 Makk
  • Esra
  • Neh
  • Est
Ketuvim (Schriften) Bücher der Weisheit  Dichtung / Lehrbücher 
Buch Esra + Nehemia

Chronik (1Chr + 2Chr)

Psalmen (mit Ps 151)
Oden (mit Gebet des Manasse)
Sprüche (~ Salomos, Prov)
Ecclesiastes (Koh)
Hoheslied
Job (Ijob, Hiob)
Weisheit (~ Salomos)
Jesus Sirach (Ecclesiasticus)

  • Ijob
  • Ps
  • Spr
  • Koh
  • Hld
  • Weish
  • Sir
  • Ijob
  • Ps (mit Ps 151)
  • Spr
  • Koh
  • Hld
  • Weish
  • Sir
  • Ijob
  • Ps
  • Spr
  • Koh (Pred)
  • Hld
Kleine Propheten Große Propheten

Osee (Hos)
Amos
Michäas (Mi)
Joel
Abdias (Obd)
Jonas (Jona)
Nahum
Habakuk
Sophonias (Zef)
Aggäus (Hag)
Zacharias (Sach)
Malachias (Mal)

  • Jesaja
  • Jeremia
  • Klgl, Klagelieder
  • Baruch (+ BrJer)
  • Ezechiel
  • Daniel (mit Zusätzen)
  • Jes
  • Jer
  • Klgl
  • Bar
  • BrJer = Brief des Jeremia
  • Ez
  • Dan (mit Zusätzen)
  • Jes
  • Jer + Klgl
  • Ez
  • Dan
Kleine Propheten
  • Hos = Hosea
  • Joel = Joël
  • Am = Amos
  • Obd = Obadia
  • Jona = Jona
  • Mi = Micha
  • Nah = Nahum
  • Hab = Habakuk
  • Zef = Zefanja
  • Hag = Haggai
  • Sach = Sacharja
  • Mal = Maleachi
Große Propheten

Isaias (Jes)
Jeremias (Jer)
Baruch
Klagelieder (~ Jeremias)
Brief des Jeremia
Ezechiel
Daniel (+ Zusätze: Kap. 3b, Susanna im Bade, Bel und der Drache)

  Apokryphen (1592) Anhang  
  • 4 Makk
  • OrMan

Neues Testament[Bearbeiten]

Umfang[Bearbeiten]

Die 27 in griechischer Sprache verfassten Schriften des NT wurden spätestens mit dem 39. Osterfestbrief des Athanasius (367) von fast allen damaligen Christen als gültiger Teil des Bibelkanons anerkannt. Sie gehören in fast allen christlichen Konfessionen bis heute unumstritten dazu; nur ihre Reihenfolge variiert etwas.

Unumstritten waren immer die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die Paulusbriefe, die Pastoralbriefe und der 1. Brief des Johannes. Teilweise angezweifelt, aber schließlich anerkannt wurden die folgenden acht Bücher:

Teilweise anerkannt, aber schließlich nicht ins Neue Testament aufgenommen wurden

Paulusbriefe[Bearbeiten]

Zuerst wurden die Paulusbriefe gesammelt; 2Petr 3,15f setzt bereits eine feststehende Sammlung voraus, die laut einigen NT-Historikern (Trobisch, Robinson) schon um 70 im Umlauf war. Sie wurden in den christlichen Gemeinden als über den aktuellen Anlass hinaus gültiges Evangelium verlesen (1Thess 5,27; Röm 16,16). Der Autor Paulus von Tarsus wünschte ihre Weitergabe auch an Gemeinden, die er nicht selbst gegründet hatte (Gal 1,2; 2Kor 1,1); sie wurden nach Kol 4,16 ausgetauscht, wobei auch Fälschungen zirkulierten (2Thess 2,2; 3,17). Damit erkannten auch seine Gegner die Autorität des Paulus an (2Kor 10,10f). Die Träger der Paulusschule sorgten nach seinem Tod mit weiteren, ihm zugeschriebenen Briefen für die bleibende Geltung und Aktualität seiner Theologie. Auch die Pastoralbriefe bezogen sich auf das Corpus Paulinum, indem sie 1. und 2. Kor, Röm, Phil, Kol und Phlm direkt zitieren oder darauf anspielen. In 2Tim 3,16 werden sie als inspirierte Schriften bezeichnet und so von nicht inspiriert geltenden Schriften abgegrenzt. Umfang und Reihenfolge der Paulusbriefsammlung blieb jedoch bis etwa 200 uneinheitlich.

Zweites Jahrhundert[Bearbeiten]

Seit dem späten 2. Jahrhundert erstellten Kirchenväter Listen kanonischer Bücher. Ihr wichtigstes Kriterium für die Aufnahme in den Kanon war die Verfasserschaft durch einen von Jesus selbst berufenen Apostel oder eine von einem Apostel autorisierte Abfassung. Das Matthäus- und Johannesevangelium galten als apostolisch, das Markusevangelium als von Simon Petrus, das Lukasevangelium von Paulus bestätigt.

„Auch waren die später sogenannten neutestamentlichen Schriften durchaus im kirchlichen Gebrauch. Sie wurden in den Gottesdiensten gelesen, sie galten als Richtschnur für die Ordnung der Gemeinden und wurden als Hilfe für den Katechumenenunterricht verwendet. Auch in theologischer Hinsicht bediente man sich ihrer selbstverständlich. Allein, im eigentlichen Sinne des Wortes waren bis weit ins 2. Jahrhundert hinein weder die Evangelien noch die Briefe des Paulus zum Kanon erhoben worden.“

Bernhard Lohse: Epochen der Dogmengeschichte[7]

Um 150 existierte eine Sammlung der vier Evangelien, die Tatian für sein Diatessaron verwendete. Das Johannesevangelium war um 125 in Ägypten in Gebrauch. Solche von den Kirchenvätern oft zitierten Schriften des NT (oder schriftliche Vorformen davon?) wurden schon früh als Autorität betrachtet, ähnlich wie die Schriften des ATs. Hier einige Beispiele (wobei 1. Tim. und 2. Petrus nach einigen konservativen Theologen echt sind, also um 60 n. Chr. geschrieben wurden):

  • Im 2. Petrusbrief 3,15f steht:

„Und achtet die Langmut unseres Herrn für Errettung, wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat, wie auch in allen Briefen, wenn er in ihnen von diesen Dingen redet. In diesen Briefen ist einiges schwer zu verstehen, was die Unwissenden und Unbefestigten verdrehen wie auch die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“

In Vers 16 werden die Paulusbriefe mit „den übrigen Schriften“ gleichgesetzt – mit τη γραφή (tê graphê, die Schrift) ist im NT normalerweise das AT oder ein Teil davon gemeint.

  • In 1. Tim. 5,18 heißt es:

„Denn die Schrift sagt: 'Du sollst dem Ochsen zum Dreschen keinen Maulkorb anlegen', und: 'Wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn.'“

Das erste Zitat ist Dtn 24,5, das zweite findet sich nicht im AT, jedoch wörtlich in Lk 10,7.

„Denn die Einsame hat jetzt viel mehr Söhne als die Vermählte, spricht der Herr.“

Der übernächste Satz sagt:

„Und wieder eine andere Schrift sagt [Mt 9,13] 'Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten'. Er [Gott] meint das wirklich…“

Die älteste Kanonliste zum NT, der Kanon Muratori (ca. 170), umfasst auch die Offenbarung des Petrus (mit Vorbehalten[8]), aber nicht die heute kanonischen Briefe 1. und 2. Petrus, Hebräer, Jakobus und 3. Johannes[9].

Irenäus von Lyon stellte um 185 n. Chr. seine kanonische Liste inspirierter Schriften zusammen, in der der Philemon-, 2. Petrus-, 2. und 3. Johannes-, Hebräer- und Judas-Brief fehlen, aber zusätzlich der Hirt des Hermas aufgeführt ist.

Drittes Jahrhundert[Bearbeiten]

Origenes bespricht ca. 230 in seinen Kommentaren alle heute enthaltenen Werke ausführlich, bezeichnet allerdings neben vier nicht in das NT aufgenommenen Werken (Barnabasbrief, Hirt des Hermas, Didache, Hebräerevangelium) auch sechs kanonische Briefe (Hebräer, 2. Petrus, 2. und 3. Johannes, Jakobus, Judas) als umstritten.

Auch die Kanonizität der Offenbarung des Johannes war zu dieser Zeit noch umstritten.[10]

Viertes Jahrhundert[Bearbeiten]

Eusebius von Caesarea, ca. 260–340, stellte in seiner Kirchengeschichte das Für und Wider der einzelnen Bücher zusammen.

Auch die aus dieser Zeit erhaltenen Handschriften (z. B. Codex Sinaiticus, Codex Alexandrinus) spiegeln diese Meinungsvielfalt in den in ihnen enthaltenen Werken wieder, indem ersterer den 'Hirten des Hermas' und den Barnabasbrief, letzterer die beiden Clemensbriefe enthält.

Cyril von Jerusalem führt um die Mitte des 4. Jahrhunderts in Jerusalem in seinen katechetischen Vorträgen einen Kanon auf, der bis auf die Offenbarung des Johannes alle Bücher des Neuen Testaments enthält. Athanasius von Alexandria führt 367 im 39. Osterfestbrief alle Bücher des heutigen Neuen Testaments auf, weicht im Alten Testament aber noch etwas von der heute üblichen Liste ab. Gregor von Nazianz listet in einem Gedicht alle Bücher des heutigen Neuen Testaments bis auf die Offenbarung des Johannes auf.

Die dritte Synode von Karthago, eine lokale Synode, die nur für den Bereich Nordafrika sprach, erkannte 397 den Kanon an (46 Schriften aus dem Alten, 27 aus den Neuen Testament) und verbot, andere Schriften im Gottesdienst als göttliche Schriften zu verlesen.

„Gleichwohl ist es erstaunlich, mit welcher Treffsicherheit die damalige Kirche im ganzen die wesentlichen und auch zuverlässigsten Schriften in den Kanon aufgenommen hat. Es gibt schwerlich eine andere Schrift, deren Aufnahme in den Kanon man nachträglich wünschen möchte.“

Bernhard Lohse: Epochen der Dogmengeschichte[11]

Reformation[Bearbeiten]

Im Christentum fand die formale Kanonisierung erst im 4. Jahrhundert statt. Letztlich jedoch war die christliche Kanonisierung ein wandlungsvoller Prozess. Grundlage war zu jener Zeit die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Tanach und einiger weiterer Schriften. Für die katholische Kirche entfaltete allerdings die lateinische Neuübersetzung durch Hieronymus, die Vulgata, wesentlich größere Bedeutung. Im lateinischen Westen des Reiches war man zunehmend nicht mehr in der Lage, mit der griechischen Septuaginta zu arbeiten.

Das änderte sich erst mit der Renaissance, in der humanistische Gelehrte wie der Hebraist Johannes Reuchlin und der Gräzist Erasmus von Rotterdam ein neues Interesse für die Antike zu wecken verstanden. Mit dem Ruf ad fontes ! sollte historisch – und auch bald theologisch – nach den originalen Quellen gefragt werden. Bahnbrechend waren die nun mit Hilfe der neu erfundenen Drucktechnik auch in entsprechenden Größenordnungen verlegten ersten Textausgaben in der Ursprache. Für das hebräische Alte Testament war das die Ausgabe von Jakob ben Chaim, 1524/1525 in Venedig bei Daniel Bomberg publiziert („Bombergiana“). (Vgl. 1516 die Ausgabe des griechischen NT durch Erasmus.)

Insofern griffen die Reformatoren auf den hebräischen Kanon des Tanach zurück, während die Katholische Kirche am Umfang der lateinischen Vulgata und die Orthodoxe Kirche an der Septuaginta festhielt. Die über den hebräischen Bestand hinaus in der Septuaginta vermittelten Schriften hielt Martin Luther dennoch für Bücher, so der Heiligen Schrift nicht gleich gehalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind; ähnlich sieht es auch die Anglikanische Kirche. Die eher calvinistisch geprägten Traditionen innerhalb des Protestantismus verwerfen diese Bücher jedoch meist vollständig.

„Daneben sind nochmals andere Bücher in der Bibel enthalten: das 3. und 4. Buch Esra, das zweite Buch Esther, Tobias, Judith, Susanna, Beel und die Makkabäerbücher, dazu das Buch Baruch, das Buch der Weisheit und die Sprüche der Weisen; diese werden zwar alle in der Kirche gelesen und haben ihren Sinn und Zweck, sie werden aber den vorher erwähnten Büchern [Jesaja, Jeremia usw./Anm.] nicht gleichgestellt. Denn man pflegt nicht mit diesen Büchern zu argumentieren in Streitfragen der Religion usw.“

Heinrich Bullinger: Summa Christenlicher Religion 1556[12]

Insofern besteht heute zwischen orthodoxen, römisch-katholischen und protestantischen Kirchen Uneinigkeit bezüglich der nicht im Tanach enthaltenen Schriften, die je nach Standpunkt als (alttestamentliche) Apokryphen oder Deuterokanonische Schriften bezeichnet werden. Für evangelisch-katholische Gemeinschaftsprojekte hat sich darüber hinaus der Begriff „Spätschriften des alten Testaments“ eingebürgert.

Im Zuge der Reformation wurde der bisher übliche Umfang des Kanons des Alten Testaments, der sich an der Septuaginta orientierte, in Frage gestellt. Martin Luther orientierte sich bei seiner Übersetzung des Alten Testaments am jüdischen, hebräischen Kanon, der – um 100 n. Chr. in seinem heutigen Umfang festgelegt – weniger Schriften umfasste als die um 200 v. Chr. entstandene Septuaginta (d. h. ohne die Bücher Judith, Tobit, teilweise Daniel und Ester, Makkabäer, Sirach, Weisheit und Baruch). Die katholische Kirche legte sich daraufhin im Zuge der Gegenreformation und lehramtlich verbindlich im Konzil von Trient auf den Umfang der Septuaginta für das Alte Testament fest. Die lutherischen Kirchen haben den Umfang des Kanons weder für das Alte noch für das Neue Testament jemals in einem offiziellen Bekenntnistext festgelegt, haben sich aber faktisch an die Entscheidung Luthers gehalten. Die Offenheit des Kanonumfangs konnte aber auch theologisch-programmatisch begründet werden. Die reformierten Kirchen haben in ihren Bekenntnistexten den Umfang des biblischen Kanons durch Kanonlisten klar definiert. In der Ostkirche ist der Umfang des Schriftenkanons ebenfalls nie eindeutig definiert worden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Bibel insgesamt
  • Egbert Ballhorn, Georg Steins (Hrsg.): Der Bibelkanon in der Bibelauslegung: Beispielexegesen und Methodenreflexionen, Kohlhammer, Stuttgart 2007, 347 S. ISBN 3-17-019109-8.
  • Jean-Marie Auwers, Henk Jan De Jonge (Hrsg.): The Biblical Canons (Bibliotheca Ephemeridum Theologicarum Lovaniensium), Leuven University Press, 2003, LXXXVIII, 717, 8 S. ISBN 90-429-1154-9.
  • Lee Martin McDonald und James A. Sanders (Hrsg.): The Canon Debate, Hendrickson, Peabody/Mass. 2002, X, 662 S. ISBN 1-56563-517-5.
  • Wolfhart Pannenberg, Theodor Schneider: Verbindliches Zeugnis, Band 1: Kanon, Schrift, Tradition, Herder, Freiburg 1992, 399 S. ISBN 3-451-22868-8. (Dialog der Kirchen, 7)
  • Frederick Fyvie Bruce: The Canon of Scripture, Downers Grove: InterVarsity, 1988, 349 S. ISBN 0-8308-1258-X.
  • Adolf M. Ritter: Zur Kanonbildung in der Alten Kirche, in: Charisma und Caritas. Aufsätze zur Alten Kirche, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997, ISBN 3-525-58160-2, S. 273 ff.
  • Karlmann Beyschlag: Grundriss der Dogmengeschichte. Bd. 1: Gott und Welt, Darmstadt 21988, S. 172–185
  • Franz Stuhlhofer: Der Gebrauch der Bibel von Jesus bis Euseb. Eine statistische Untersuchung zur Kanonsgeschichte. SCM R. Brockhaus, Wuppertal 1988, ISBN 3417293359
Altes Testament
  • William J. Abraham: Canon and Criterion in Christian Theology: From the Fathers to Feminism. Oxford University Press, Oxford 2002, 508 S. ISBN 0-19-925003-0.
  • Andreas Hahn: Canon Hebraeorum - Canon Ecclesiae: Zur deuterokanonischen Frage im Rahmen der Begründung alttestamentlicher Schriftkanonizität in neuerer römisch-katholischer Dogmatik. LIT-Verlag, Münster u.a. 2010, 408 S. ISBN 978-3643900135.
  • Lee Martin McDonald: The Formation of Christian Biblical Canon: Revised and Expanded Edition, Hendrickson, Peabody/Mass. 1995, XXXVI, 340 S. ISBN 1-56563-052-1.
  • H. P. Rüger: Der Umfang des alttestamentlichen Kanons in den verschiedenen kirchlichen Traditionen, in: Siegfried Meurer (Hrsg.): Bibel im Gespräch 03. Die Apokryphenfrage im ökumenischen Horizont, 2. Aufl., Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1993, 159 S. ISBN 3-438-06222-4. (Bibel im Gespräch, 3)
  • Michael Schmaus, Alois Grillmeier, Leo Scheffczyk, Alexander Sand: Die Anfänge eines christlichen Kanons (I/3a Teil 1) Herder, Freiburg/Basel/Wien 1974, 90 S. ISBN 3-451-00725-8.
  • Hans von Campenhausen: Die Entstehung der christlichen Bibel, Mohr Siebeck: Tübingen 2003, unveränderter Nachdruck der 1. Aufl. v. 1968, VIII, 402 S. ISBN 3-16-148227-1. (Beiträge zur historischen Theologie, 39)
Neues Testament
  • Bruce Metzger: Der Kanon des Neuen Testaments: Entstehung, Entwicklung, Bedeutung, Patmos-Verlag: Düsseldorf 1993, 303 S. ISBN 3-491-71104-5.
  • Theodor Zahn: Grundriß der Geschichte des Neutestamentlichen Kanons. R.Brockhaus: Wuppertal 3.Aufl. 1985 (nun mit Register, sonst Nachdruck der 2.Aufl. 1904), 110 S. ISBN 3-417-29235-2
  • Geoffrey Mark Hahneman: The Muratorian Fragment and the Development of the Canon (Oxford Theological Monographs), Clarendon Press: Oxford 1992, XI, 237 S. ISBN 0-19-826341-4.
  • David Trobisch: The First Edition of the New Testament (Novum testamentum et orbis antiquus), Oxford University Press: Oxford/ New York 2000, VIII, 175 S. ISBN 0-19-511240-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Kanon – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelbelege[Bearbeiten]

  1. Adolf Jülicher: Einleitung in das Neue Testament, 7. Auflage, Tübingen 1931, S. 555
  2. Wilhelm Schneemelcher: Bibel III: Die Entstehung des Kanons des Neuen Testaments und der christlichen Bibel, in: Theologische Realenzyklopädie Band 1, S. 25 ff.
  3. Hans Jürgen Becker: Bibel, II. Altes Testament. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. (RGG), 4. Auflage, Tübingen 1998, S. 1410
  4. Franz Stuhlhofer: Die altkirchliche Kanonsgeschichte im Spiegel evangelikaler Literatur. In: Gerhard Maier (Hrsg.): Der Kanon der Bibel. Brunnen, Gießen 1990, S. 165-197, das Schaubild auf S. 166.
  5. Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament. Kohlhammer, 2. Auflage, Stuttgart 1996, S. 28.
  6. Brief des Melito an Onesimus um 170 n. Chr.; die Liste von Melito auf griechisch und englisch.
  7. Bernhard Lohse: Epochen der Dogmengeschichte. 5. Auflage. Kreuz, Stuttgart/Berlin 1983, ISBN 3-7831-0702-4, S. 31–32.
  8. Als umstritten gekennzeichnet: "die manche von uns nicht in der Kirche lesen lassen"
  9. Er erwähnt zwei anerkannte Johannesbriefe, wobei er aus 1.Joh. bereits zuvor zitiert hatte. Meinte er mit den zwei anerkannten 2.Joh. und 3.Joh. – nachdem 1.Joh. schon vorher besprochen war?
  10. Bernhard Lohse: Epochen der Dogmengeschichte. 5. Auflage. Kreuz, Stuttgart/Berlin 1983, ISBN 3-7831-0702-4, S. 35.
  11. Bernhard Lohse: Epochen der Dogmengeschichte. 5. Auflage. Kreuz, Stuttgart/Berlin 1983, ISBN 3-7831-0702-4, S. 37.
  12. Heinrich Bullinger: Christliches Glaubensleben. [1556] Limache s. l. s. a., ISBN 3-9520867-0-3, S. 13.