Alcides Ghiggia

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Alcides Ghiggia

Alcides Ghiggia (2006)

Spielerinformationen
Voller Name Alcides Edgardo Ghiggia
Geburtstag 22. Dezember 1926
Geburtsort MontevideoUruguay
Sterbedatum 16. Juli 2015
Sterbeort Montevideo oder Las PiedrasUruguay
Größe 169 cm
Position Rechtsaußen
Vereine in der Jugend
0000–1948 Club Atlético Peñarol
Vereine als Aktiver
Jahre Verein Spiele (Tore)1
1948–1953
1953–1961
1961–1962
1962–1968
Club Atlético Peñarol
AS Rom
AC Mailand
Danubio FC

201 (19)
Nationalmannschaft
1950–1952
1957–1959
Uruguay
Italien
12 (4)
5 (1)
Stationen als Trainer
1980 Club Atlético Peñarol
1 Angegeben sind nur Liga-Spiele.
Alcides Ghiggia (2011)

Alcides Edgardo Ghiggia ['giʤːa][1] (* 22. Dezember 1926 in Montevideo; † 16. Juli 2015 in Montevideo[2] oder Las Piedras[3]) war ein uruguayisch-italienischer Fußballspieler. Sein nachhaltiger Ruhm beruht auf seiner entscheidenden Mitwirkung beim De-facto-WM-Finale von 1950. Er war der letzte noch lebende Spieler aus der Weltmeistermannschaft des Jahres 1950.

Ghiggia war Nachkomme von Einwanderern aus Sonvico.[4] Er hatte italienische Großeltern.[5] Der dribbelstarke Rechtsaußen, 1,69 m groß und 62 kg schwer, gilt als einer der weltbesten Außenstürmer der 1950er Jahre. Außer für Uruguay spielte er auch für die italienische Nationalmannschaft und die Vereinsmannschaften Club Atlético Peñarol und Danubio FC in Uruguay sowie AS Rom und den AC Mailand in Italien.

Spielerkarriere[Bearbeiten]

Verein[Bearbeiten]

Meister mit Peñarol[Bearbeiten]

Ghiggias Karriere begann, als er 1948 aus der Jugendmannschaft gemeinsam mit Juan E. Hohberg und Óscar O. Míguez in den Kader des uruguayischen Erstligisten Peñarol aufrückte[6], wo er sich schon bald zum Stammspieler entwickelte. Bereits 1949 durfte er mit den Schwarzgelben seine erste Landesmeisterschaft feiern. Ein weiterer Titel sollte 1951 folgen. Einen Tiefpunkt erreichte seine Karriere, als er 1952 im Clásico dem Schiedsrichter einen Faustschlag versetzte und dafür eine Sperre von 15 Monaten erhielt.[7]

Wechsel nach Italien[Bearbeiten]

Zu Beginn der Saison 1953/54 wechselte Ghiggia in die italienische Serie A zum AS Rom, wo er von 1957 bis 1960 auch Spielführer war. Mit den Giallorossi gewann er 1961 den Messepokal, den Vorläufer des UEFA-Pokals. Mit fast 35 Jahren war er dabei ältester Spieler seiner Mannschaft. An den beiden Finalspielen gegen Birmingham City nahm er aber nicht teil.

Für den AS Rom absolvierte er insgesamt 213 Spiele und erzielte dabei 19 Tore. Alle Torerfolge konnte er in seinen 201 Serie A-Einsätzen verbuchen. Viermal (kein Tor) lief er in der Coppa Italia auf, acht Begegnungen bestritt er im Europapokal.[8] Die beste Platzierung war dabei der dritte Rang von 1955.

1961 wechselte er noch für ein Jahr zum AC Mailand und wurde mit den Rossoneri Italienischer Meister. Insgesamt wurde er bei den "Rossoneri" nach Angaben des Vereins fünfmal in der Spielzeit 1961/62 eingesetzt.[9] Die FIFA dagegen berichtet auf ihrer Internetseite von nur vier absolvierten Spielen. [10] Nach nur einem Jahr verließ er den Verein wieder und kehrte nach Uruguay zurück.

Rückkehr nach Uruguay und spätere Jahre[Bearbeiten]

Nach seiner Rückkehr nach Montevideo spielte Ghiggia noch sechs Jahre für den Erstligisten Danubio FC, konnte aber dort keine neuen Titel sammeln. Schließlich beendete er 1968 im Alter von 41 Jahren seine Fußballerlaufbahn.

Nationalmannschaft[Bearbeiten]

Der Stürmer von Peñarol Montevideo wurde zur Legende des uruguayischen Fußballs, als er bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1950 gegen Gastgeber Brasilien im entscheidenden Spiel vor rund 200.000 Zuschauern im Maracanã-Stadion zehn Minuten vor Spielschluss das entscheidende Tor zum 2:1-Erfolg für Uruguay erzielte und damit den Gastgebern den sicher geglaubten Weltmeistertitel entriss. In der brasilianischen Folklore ist dieses Spiel bis heute noch als das „Maracanaço“ lebendig.

Im Verlauf dieser Weltmeisterschaft erzielte er in jedem Spiel einen Treffer. Diese vier Tore blieben seine einzigen Tore in insgesamt zwölf Länderspielen für Uruguay, die er von seinem Debüt am 6. Mai 1950 bis zum 16. April 1952 absolvierte.[11]

Nachdem er 1957 in Italien eingebürgert worden war, spielte er zwischen 1957 und 1959 auch für die Italienische Fußballnationalmannschaft. Drei Länderspiele absolvierte er im Rahmen der Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 1958 in Schweden. Dabei konnte sich Italien aber zum ersten Mal nicht für ein WM-Turnier qualifizieren. In seinen insgesamt fünf Länderspielen für Italien erzielte er einen Treffer.

Auch Ghiggias Weltmeisterkollege Juan Schiaffino, der in jenem denkwürdigen Spiel gegen Brasilien den 1:1-Ausgleich erzielte, spielte nach seinem Wechsel zum AC Mailand für die Nationalelf Italiens.

Erfolge[Bearbeiten]

  • Weltmeister: 1950
  • Uruguayischer Meister: 1949, 1951
  • Italienischer Meister: 1962
  • Messepokal: 1961

Trainertätigkeit[Bearbeiten]

1980 trainierte er kurzzeitig Peñarol.[12][13]

Nach der Karriere[Bearbeiten]

Zur Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wurden sämtliche noch lebenden Fußball-Weltmeister nach München eingeladen. Ghiggia war bei dieser Veranstaltung der älteste anwesende Weltmeister. Zu seinem 80. Geburtstag am Ende desselben Jahres wurde er unter anderem im Parlament von Uruguay geehrt und auch mit einer Sonderbriefmarke mit der Aufschrift „Ghiggia bewegte uns zu Tränen“ (Ghiggia nos hizo llorar) bedacht.[14]

Am 12. Dezember 2009 kehrte Alcides Ghiggia noch einmal nach Rio de Janeiro ins Maracanã-Stadion zurück. Diesmal wurde er als Freund empfangen und als erst sechster ausländischer Fußballer, nach beispielsweise dem Portugiesen Eusébio und dem Deutschen Franz Beckenbauer, mit einem persönlichen Fußabdruck auf dem Stadiongelände, auf der Calçada da Fama, geehrt.[15] 2010 wurde er mit dem FIFA-Verdienstorden ausgezeichnet.[16]

Am 13. Juni 2012 wurde Ghiggia nach einem Unfall auf der Ruta 5 mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert[17] und in ein „künstliches Koma“ versetzt. Nach Angaben seines Sohnes Arcadio wurden Ghiggias Ehefrau und deren Schwester bei dem Unfall ebenfalls verletzt.[18] Ghiggia berichtete später, dass er sich bei dem Unfall unter anderem die Hüfte brach, die jedoch nicht operiert werden musste. Er erholte sich wieder soweit, dass er auf Einladung der FIFA als Akteur an der Auslosung der Weltmeisterschaftsspiele 2014 teilnehmen konnte.[19][20]

In seinen letzten Lebensjahren lebte in Las Piedras.[21] Am 16. Juli 2015, dem 65. Jahrestag des Maracanaço, verstarb er um 18:30 Uhr Ortszeit im Alter von 88 Jahren an einem Herzinfarkt[22]. Nach Angaben seines Sohns Arcadio Ghiggia verfolgte Alcides Ghiggia, nachdem er kurz zuvor wegen Rückenbeschwerden ins Krankenhaus eingeliefert worden war, im Augenblick seines Ablebens die Wiederholung der Copa-Libertadores-Partie UANL Tigres gegen SC Internacional.[23]

Trivia[Bearbeiten]

Für Roberto Muylaert, den Biographen des brasilianischen Torhüters Moacyr Barbosa, ist der Schwarz-Weiß-Film des entscheidenden Tores von Ghiggia bei der WM 1950 vergleichbar mit Abraham Zapruders Zufallsbildern von Dallas. Das Tor und der Gewehrschuss, der John F. Kennedy tötete, hätten „die gleiche Dramatik […] die gleiche Bewegung, den Rhythmus […] die gleiche Präzision einer unaufhaltsamen Flugbahn.“ Sie hätten sogar den aufgewirbelten Staub gemeinsam – einmal von einem Gewehr, das andere Mal von Ghiggias linkem Fuß.[24]

Moacyr Barbosa, der oft für die Niederlage und insbesondere Ghiggias Tor verantwortlich gemacht wurde, litt noch lange unter den Nachwirkungen. Kurz vor seinem Tod gab er im Jahr 2000 ein Interview, in dem er sagte: „Die höchste Strafe in Brasilien sind 30 Jahre Haft. Aber ich büße nun schon 50 Jahre für etwas, das ich nicht einmal begangen habe.“

Zitat[Bearbeiten]

„Nur drei Menschen haben mit einer einzigen Bewegung das Maracanã zum Schweigen gebracht: der Papst [Johannes Paul II.], [Frank] Sinatra und ich.“

Alcides Ghiggia[25]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Alcides Ghiggia – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Globo Esporte, 29. Dezember 2008: „Baú do Esporte: entrevista com Ghiggia, o carrasco do Brasil na Copa de 1950“ (Video, v. ca. 3:50)
  2. Associated Press: Alcides Ghiggia, Who Scored Winner for Uruguay at World Cup, Dies at 88. In: The New York Times, 17. Juli 2015 (englisch). Abgerufen am 18. Juli 2015.
  3. „Ghiggia, Tod einer Legende“ in France Football vom 22. Juli 2015, S. 10
  4. Alcides Edgardo Ghiggia (1926) (italienisch) auf ti.ch, abgerufen am 19. Juli 2015
  5. AS Roma mourns Alcides Ghiggia (englisch) auf asroma.it vom 17. Juli 2015, abgerufen am 22. Juli 2105
  6. Marcos Silvera Antúnez: Club Atlético Peñarol – 120, Ediciones El Galeón, Montevideo 2011, S. 88 – ISBN 978-9974-553-79-8
  7. Ghiggia, der unbeugsame Charakter auf fifa.com, abgerufen am 22. Juli 2015
  8. AS Roma mourns Alcides Ghiggia (englisch) auf asroma.it vom 17. Juli 2015, abgerufen am 22. Juli 2015
  9. MILAN PAY RESPECT TO ALCIDES GHIGGIA (englisch) auf acmilan.com vom 17. Juli 2015, abgerufen am 22. Juli 2015
  10. Ghiggia, der unbeugsame Charakter auf fifa.com, abgerufen am 22. Juli 2015
  11. Statistische Daten zu den Länderspieleinsätzen in der uruguayischen Nationalmannschaft auf www.rsssf.com, abgerufen am 19. Dezember 2012
  12. Girasol. El sitio de Peñarol: „Los técnicos que trabajaron en el profesionalismo“
  13. Marcos Silvera Antúnez: Club Atlético Peñarol – 120, „Directores Técnicos“, Ediciones El Galeón, Montevideo 2011, S. 192f – ISBN 978-9974-553-79-8
  14. La Republica, 23. Dezember 2006: „Ghiggia fue homenajeado por sus 80 años en el Palacio Legislativo“
  15. Brasil Econômico, 29. Dezember 2010: „Ghiggia, carrasco da Copa de 50, é homenageado no Maracanã“
  16. Liste der FIFA-Verdienstorden-Träger, abgerufen am 25. Oktober 2012 (PDF; 71 kB)
  17. Se accidentó Ghiggia: politraumatizado grave – Esa mueca siniestra de la suerte
  18. Ghiggia en coma farmacológico – Otro partido para el campeón (spanisch) auf www.montevideo.com.uy vom 15. Juni 2012, abgerufen am 15. Juni 2012
  19. FIFA invitó a Ghiggia al sorteo del Mundial – Y con razón (spanisch) auf www.futbol.com.uy vom 23. August 2013, abgerufen am 25. August 2013
  20. WM 1950: Ghiggia und Uruguay schocken Brasilien. Bericht auf den Webseiten des DFB mit Bild von der Auslosung.
  21. Muere Alcides Ghiggia, héroe del ‘Maracanazo’ (spanisch) in El País vom 18. Juli 2015, abgerufen am 24. Juli 2015
  22. Adiós, campeón (spanisch) auf futbol.com.uy vom 16. Juli 2015, abgerufen am 17. Juli 2015
  23. Muere Alcides Ghiggia, artífice del Maracanazo en 1950 (spanisch) auf laopinion.com vom 16. Juli 2015, abgerufen am 24. Juli 2015
  24. nach: Alex Bellos: Futebol. Fussball: Die brasilianische Kunst des Lebens. Fischer 2005, ISBN 3-596-16580-6
  25. Zitat nach dem Artikel „Ghiggia, Tod einer Legende“ in France Football vom 22. Juli 2015, S. 10.