Amauti

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Bezeichnungen in den verschiedenen Dialekten
Sprache[1] langschwänziger Amauti hemdartiger Amauti
Iñupiaq nicht in Gebrauch amaaġun ~ amaunnaq
Nattiliŋmiut akulik amauti
Inuinnaqtun ᐊᑯᖅ akuq ᐊᒪᐅᑎ amauti
Paallirmiut ᐊᑯᖅ akuq ᐊᖏᔪᖅᑕᐅᔭᖅ angijuqtaujaq
Nord- und Süd-Qikiqtaaluk ᐊᑯᖅ akuq ᐊᖏᔪᖅᑕᐅᔭᖅ angijuqtaujaq

Ein Amauti (auch Amaut (eigentlicher Singular, weitgehend nicht mehr in Gebrauch) oder Amautik, Plural Amautiit)[2] ist ein Parka, die Wetterjacke der Eskimofrauen der Arktis und damit auch der Inuitfrauen der östlichen kanadischen Arktis.[3] Das charakteristische Teil des Amauti ist der aufgeweitete Rücken, der in eine Kapuze übergeht. In dieser Rückentasche kann das Kleinkind bis zum Alter von etwa zwei Jahren in engem Kontakt mit der Mutter verwahrt werden, wobei diese die Hände für andere Tätigkeiten freibehält. Zum Stillen kann sie es an die Brust holen, ohne dass der Säugling dabei den Witterungseinflüssen ausgesetzt ist.[3]

Die Herstellung des Amauti[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Amauti kann aus verschiedenen Materialien gearbeitet sein, wie Seehundfell, Karibufell oder Düffel, einem schweren Wollstoff, darüber eine winddichte äußere Umhüllung. Üblicherweise transportieren die Frauen der in der östlichen Arktis lebenden Völker der Nunavut und Nunavik ihre Kleinkinder auf diese Art. Das Kleidungsstück ist aber auch in den Nordwest-Territorien, auf Grönland, Labrador, in der russischen Arktis und auf Alaska zu finden. Amautis aus Fellen wurden im Alltag weitgehend durch solche aus Stoff verdrängt.[4]

Zum Nähen wurden früher die Rückensehnen der Karibus, dem nordamerikanischen Rentier, verwendet, aus denen sich sehr gute Fäden herstellen lassen. Als Nadeln benutzten die Frauen fein abgeschliffene und mit scharfer Spitze und Öhr versehene Knochenteile.[5] Bei gewerblicher Herstellung wird heute eventuell eine Pelznähmaschine dafür eingesetzt. Frauen, die in kleinerem Umfang produzieren, nähen wohl alle noch mit der Hand, mit Nadel und Faden (Stand 1991). Während früher verschiedene Größen gearbeitet wurden, wird der Amauti heute oft individuell für die Trägerin passend angefertigt. Ältere Frauen messen noch auf die hergebrachte Art, beginnend mit dem Daumen wird die gespreizte Hand aufgelegt, unter Benutzung des Mittelfingers als Merkpunkt, etwa so: „1, 2, 3 Hände plus 1 Finger“; oder „1, 2 Hände bis zum ersten Glied des Merkfingers“.[6][7]

Im Jahr 1934 berichtete eine deutsche Pelzfachzeitung, dass die Firma Lomen Brothers in der Stadt Nome in Alaska Eskimofrauen im Gebrauch von Pelznähmaschinen unterwiesen hat. Die damit gefertigten Mäntel aus Rentierfell wurden in den Städten an der Pazifikküste verkauft.[8]

Fachkräfte brauchen für die Anfertigung eines einfachen Amauti zwei bis drei Arbeitstage. Bei einer normalen Näherin in Ganztagsbeschäftigung kann dies bis zu einer Woche, bei aufwändigen Teilen auch länger dauern.[6]

Die Unterbringung des Kindes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wirkt zwar so, als würde das Kind in der Kapuze transportiert, auch auf vielen Abbildungen wird es ungenau dargestellt.[9] Das Kind sitzt in dem erweiterten, an die Kapuze anschließenden und zum Rucksack vergrößerten Rückenteil, wird die Kapuze aufgesetzt, schützt sie beide, Mutter und Kind. Das Kind sitzt mit dem Bauch an die Mutter geschmiegt, die Beine angewinkelt; es kann aber auch als Wickelkind und auch mit dem Rücken zur Mutter befördert werden. Der Amauti wird in der Taille mit einem Band oder Gürtel zusammengehalten, so dass ein Abrutschen des Kindes aus dem Beutel verhindert wird. Das Gewicht lagert auf den Schultern der Mutter, wobei die Last üblicherweise mit zwei weiteren Bändern umverteilt wird, in der Form eines „V“, vom Schlüsselbein ausgehend mit einem Band um die Hüfte gesichert. Ein weiteres Bindeband führt zur Vorderkante der Kapuze und ermöglicht es der Mutter von dort aus, die Kapuze zu öffnen, so dass das Kind sich umschauen kann, oder sie aber bei unangenehmer Witterung über dem Kind zu schließen. Die Babyhöhlung war früher mit einer wiederverwendbaren „Windel“ aus Karibufell oder mit Moos ausgelegt.[10] Als eine durchaus ordentliche Liebeserklärung an eine junge Eskimofrau gilt übrigens der Wunsch, „ich möchte deinen Amauti füllen“.

Ein Frauenanorak ohne die Babytasche wird „Arnautit“ genannt, in der westlichen Arktis „Niviaqsiaqsiuti“.[11]

Winter- und Sommer-Amauti[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inuitfrau mit langschwänzigem Amauti (Angijuqtaujaq) mit Baby (Cape Dorset, Nunavut, 2002)
Zwei Inuitfrauen mit Amautis in Hemdform (Akulik) (Nunavut, 1995)

Die traditionelle Kleidung der Eskimos besteht aus mehreren Schichten. Je nach Jahreszeit, Art des Gebrauchs und der Verwendung für außen oder in Innenräumen werden mehr oder weniger Teile übereinander angezogen. Das oberste Teil ist der Parka beziehungsweise Anorak, für die Mütter in der Form des Amauti mit der Rückentasche. Eine Eigenschaft dieser Überbekleidungen ist der geräumige Schnitt, insbesondere der Ärmellöcher. Er hilft, die Körperwärme zu halten, ohne dass die Teile verschwitzen und zu schnell beginnen unangenehm zu riechen. Ein weiteres Merkmal ist das Weglassen von Verschlüssen, die Jacken sind über den Kopf zu ziehen. Dadurch kommt kein Wind hinein und die Temperatur bleibt konstant. Schulter-, Ärmelloch- und Halsnähte werden so gelegt, dass sie möglichst wenig durch das Gewicht des Kleidungsstückes belastet werden und die Nähte sich nicht vorzeitig lösen. Am wärmsten sind die Eskimo-Winter an der arktischen Atlantikküste mit durchschnittlich -10° Celsius, in der Westarktis kann die Temperatur auf -60 bis -70 °C fallen.[7]

Es bestehen zwei Typen des Amauti: Der nach hinten frackartig verlängerte Amauti Angijuqtaujaq (rechte Abbildung, zwei Frauen), und der hemdartig geschnittene, ebenfalls mit verlängertem Rücken, aber mit unten rundum schrägem, nicht gerundetem Saum, der Akulik (linke Abbildung). Ende des 17. Jahrhunderts hatten noch die Parkas der Männer und der Frauen lange Rückenschöße, ein Merkmal, das bei den Stämmen der gesamten Arktis zu unterschiedlichen Zeiten aus der Mode kam.[12] Beispielsweise trugen schon Anfang des 18. Jahrhunderts die Labrador-Männer keine Schöße mehr, während die Parkas der Karibu- und der benachbarten Ungava-Inuit sie noch bis in das 20. Jahrhundert hinein aufwiesen.[13][14]

Anhand der unterschiedlichen Kapuzenformen, der Verzierungen und der Form des Schwanzes lässt sich die Region oder der Stamm bestimmen, aus dem die Trägerin stammt. Die Ärmel und der Saum des Winter-Amauti sind mit kräftigfarbigen Streifen besetzt, die den weiblichen Stil und den Schwung des Frackschoßes betonen. Der klassische Winter-Amauti hat einen weißen Baumwollüberzug (Silapak), daneben gibt es ihn auch in kräftigen Farben, mit einem Innenfutter aus kräftigem Wollstoff, auch verbrämt, in dunkleren neutraleren Farben. Auch werden heute alle geeigneten, modernen Oberstoffe (Synthetics) verwendet.

Der Amauti war ursprünglich ganz aus Fell gefertigt.[6] Dabei können alle anfallenden Pelztierarten Verwendung finden, Robbenfell (behaart und enthaart), Karibufell, Hundefell, Eisbärfell, Zieselfell und sogar Vogelfelle verschiedener Arten. Festliche, mit dem Haar nach außen zu tragende Amautis weisen kunstvolle Muster auf. Kontrastierendes Pelzwerk wird geschickt nebeneinander gesetzt und sauber mosaikartig verarbeitet, mal in Gestalt grotesker Ornamente oder als breite Besätze sowie schmalen Randeinfassungen. Möglichst alle Fellteile, wie Pfoten oder Kopfstücken finden dafür Verwendung. Für langhaarige Verbrämungen wird neben Polarfuchsfell die Mähne des Karibus benutzt.[5] Leichte Parkas können aus den flachhaarigen Fellen der Jungtiere (Pijiki) gearbeitet werden. 1937 wurde die Beobachtung vermerkt, dass die verwendeten Fellarten umso kostbarer wurden, je weiter ein Stamm von der europäisch-amerikanischen Zivilisation entfernt und dementsprechend ursprünglicher lebte.[15] Entscheidender dürfte damals bereits der hohe Preis für diese Fellsorten gewesen sein, der den südlicher, dichter an den Ankaufstellen lebenden Einwohnern die Eigenverwendung wenig attraktiv machte.

Ursprünglich wurden in nördlichsten Gegenden die dort anfallenden Seehundfelle für den Amauti verwendet, daraus dürfte sich die dem Seehundfell entsprechende geschwänzte Rückenform ergeben haben. Diese Verlängerung bewirkt, dass man sich damit auf den Boden oder in den Schnee setzen kann, ohne sich zu verkühlen. Früher war sie mit Amuletten verziert, wie Perlen, Muscheln und durchstochenen Münzen. Da die Kirche dies als „heidnisch“ ablehnte, nahm der Gebrauch ab. Es hieß, die Amulette sollten die Geister anlocken und sie dazu bringen, durch den schwingenden Rückenschwanz die Eierstöcke anzuregen, und die vorn angebrachten, die Fruchtbarkeit fördern.

Der moderne Sommer-Amauti hat keine Ärmel und ist weniger warm gefüttert. Er ermöglicht es der Mutter, das Kind beim Beerenpflücken oder anderen sommerlichen Tätigkeiten mit sich zu führen. Er wird aber auch im Winter getragen, und zwar mit einem übergroßen Parka darüber, der gleichzeitig Mutter und Kind umhüllt. Der Sommer-Amauti besteht typischerweise aus abgestepptem Stoff in beliebigen Mustern.

Unterschiede nach Bevölkerungsgruppen (Stand Anfang der 1990er Jahre)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oakes/Riewe führen im Jahr 1995 für die unterschiedlichen Stiefelausführungen der kanadischen Inuit folgende Bevölkerungsgruppen auf:

Allein anhand der Muster und Machart der Eskimo-Stiefel können Kundige die Herkunft beziehungsweise die Zugehörigkeit des Trägers zu seinem Stamm erkennen. Die Ausführungen der Parkas und Amautis lassen sich in ähnlicher Weise zuordnen.

Die Iglulik-Inuit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Region der Iglulik-Inuit, sie selbst bezeichnen sich als Iglulingmiut, umfasst die Gemeinden Iglulik, Hall Beach, Repulse Bay, Coral Harbour, Pond Inlet und Arctic Bay.[7]

Die Iglulik-Inuit trugen als Sommerkleidung Schichten aus Robbenfell und als Winterkleidung solche aus Karibu- und Eisbärfell. Die Amautis hatten breite Schöße mit hinten längerem Rücken, der in den späten Jahren immer kürzer geworden war. Sie unterschieden sich von denen anderer Gebiete durch zahlreiche Bänder aus hell- und dunkelhaarigem Fell, die am Saum, der Kapuzenkante, den Taschen und Ärmeln angebracht waren. Von den Walfängern erhaltene Perlen wurden so verschwenderisch wie möglich an der unteren Parkakante angebracht.[16] Kurz nach 1910 übernahmen die Igluik-Inuit-Frauen von den südlichen Baffinland-Gemeinden einen neuen Parkastil.[17] Er zeichnete sich durch einen kurzen geraden Saum aus, einen A-förmigen Umriss und viele Bänder aus hell- und dunkelhaarigem Karibufell, die um die Saumkante herumgenäht waren. Der Parka wurde zusammen mit Leggings getragen und Stiefeln aus Karibufell mit Sohlen aus Robbenfell.[7]

Die heutigen Iglulik-Frauen tragen eine Mischung aus Kleidung südlichen Typs (darunter Jeans) und traditioneller Fellkleidung, im Sommer fast ausschließlich südlicher Art. Die Frauen mit kleinen Kindern wählten noch um 1990 lieber handgearbeitete Amautis aus Stoff.[7]

Die Baffinland-Inuit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nunavut, Cape Dufferin, Quebec (1920)
Frobisher Bay, Nordwest-Territorium (heute Iqaluit, Nunavut) (1958)

Die Baffinland-Inuit bewohnen die südlichen zwei Drittel der Baffininsel, die größte Insel des Kanadisch-Arktischen Archipels und die fünftgrößte Insel der Erde.[7]

Als der kanadische Pelzhändler Benjamin Frobisher im Jahr 1577 zu den Baffinland-Inuit kam, hatten die Amautis einen langen, zungenförmigen Rückenschoß, einen breiten kurzen Schoß vorn und eine Kindertasche, die quer über den Rücken genäht war. Dazu trugen sie kurze Hosen und Leggings.[7]

Die heutigen Amautis sind aus Karibu oder Robbenfell, fein mit kontrastierenden farbigen Fellstücken verziert, die Stiefel sind entsprechend phantastisch angepasst. Jede Siedlung im Süden der Baffin-Island hat ihren eigenen Stil, besonders bei den Parkas. Diese Teile werden nur noch zu besonderen Gelegenheiten hervorgeholt, im Alltag trägt man industriell hergestellte Massenware und handgearbeitete Kleidung südlichen Typs.[7]

Die Labrador-Inuit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Zeit vor Ende des 18. Jahrhunderts bewohnten die Labrador-Inuit die gesamten Küste Labradors. Heute leben sie hauptsächlich in den küstennahen Gemeinden Nain, Hopedale, Postville, Makkovik und Rigolet. Bis 1926 waren hier die Herrnhuter Brüder missionarisch und als Händler tätig, ihr Einfluss wirkt bis heute nach.

Ende des 17. Jahrhunderts hatten die Parkas der Männer und Frauen lange Rückenschöße. Anfang des 18. Jahrhunderts hatten die Männerparkas der Labrador-Inuit keine Schöße mehr,[18] während die Frauen sie noch wesentlich länger trugen.[19] Auf der Labrador-Halbinsel lebten viele Pelztierarten, entsprechend vielfältig war das Material der Bekleidung ihrer Bewohner: Robbenfell, Karibufell, Hundefell, Eisbärfell und Vogelbälge. Folgt man zeitgenössischen Darstellungen, trugen die Frauen angeblich ihre Kleinkinder nicht nur im Amauti, sondern auch am Bein, in einem der mit einer Tasche versehenen Stiefeln.[7]

Die Ungava-Inuit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ungava-Inuit bewohnen die Québec-Labrador-Halbinsel nördlich der Baumgrenze, entlang der Hudson-Bay.

Von den Ungava-Inuit benutzte Felle stammten von Robben, Karibus und gelegentlich wurden auch Vogelbälge verwendet. In der Region einzigartig war ein Parka, der sowohl vorn wie auch hinten lange Rockschöße aufwies. Die Amautis waren mit einem perlenbesetzten Band verziert, das von einer zur anderen Schulter verlief. Auf den Belcher Islands waren die Karibus seit den 1870er Jahren ausgerottet und man nutzte dort eher Vogelbälge als Karibufelle, vor allem von reichlich vorhandenen Eiderenten, auch für Strümpfe, Überziehstiefel, Mützen und Taschen. Auch Fischhaut und Robbendärme wurden gelegentlich für Parkas verwendet. Die Eiderentenparkas wurden zusammen mit Hosen, Stiefeln und Unterslippern aus Ringel- und Bartrobben-, Eisbären- und Hundefellen getragen. Bis in die 1960er Jahre trugen dort alle Inuit Parkas aus Eiderentenhaut, sie waren wärmer als südländische Kleidung.[7]

Heutige Ungava-Inuit tragen Kleidung südlicher Art, die in Nord- oder Genossenschaftsläden gekauft oder per Internet bestellt wird. Die Frauen kombinieren das mit Dingen, die sie aus eingeführten Stoffen, eigenen Fellen und gesammelten Eiderdaunen herstellen. Die Amautis sind aus weißem Baumwollstoff oder Polyester und mit Materialien wie Baumwollflanell, Duffle, Schaffell oder Daunen gefüttert. Die Kapuzen sind mit Eisfuchs-, Hunde- oder gelegentlich mit Polarhasenfell verbrämt. Um 1970 wurden auch erneut Karibus angesiedelt, die kontrolliert bejagt werden. Nahezu sämtliche Teile der Tiere werden verwertet, alles Fleisch wird gegessen, die Beinfelle werden zu Stiefeln und die Rumpffelle zu Oberbekleidung verarbeitet, aus den Knochen werden Werkzeuge und die Sehnen („Sinew“) werden als Garn genutzt.[7]

Die Karibu-Inuit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Martha Nulukie und Louisa
(Inukjuaq, 1947)

Karibu-Inuit wohnen im Keewatin-Distrikt in den Gemeinden Chesterfield Inlet, Baker Lake, Rankin Inlet, Whale Cove und Arviat.

Das typische Kleidungsstück der Karibu-Inuit im 19. Jahrhundert waren perlenverzierte Parkas mit langen, breiten vorderen und hinteren Schößen.[20] Auch für die Karibu-Inuit taucht die Vermutung auf, dass in den Fellstiefeln von den Frauen Kleinkinder transportiert wurden. Eine Inuitfrau gab in den 1980er Jahren eine andere Erklärung: Die Stiefeltaschen seien dazu benutzt worden, Karibu-Windeln aufzubewahren und zu trocknen. Diese „Windel“ war ein großes Stück Karibufell, das unter das nackte Baby gelegt wurde, bevor es in die Amautitasche der Mutter kam. Die benutzte Windel ließ sie gefrieren und säuberte sie danach mit der Geweihzacke eines Karibus oder mit einem stumpfen Schaber, anschließend steckte sie die Windel in eine der beiden Stiefeltaschen zum Trocknen. Eine dritte, bereits trockene Windel befand sich in der Tasche des zweiten Stiefels.[7]

Obwohl die Gemeinden anderen heutigen Orten gleichen, tragen die Menschen zur südlichen Kleidung weiter solche aus Karibu- und Robbenfellen, ebenso im traditionellen Stil gefertigte Textilien. Einige Näherinnen verzieren Parkas mit perlenbestickten Stücken, die sie in Kunstgewerbeläden erstehen. Mit Zackenlitze, Schärpen und anderen Verzierungen schaffen sie moderne Varianten des traditionellen Parkas.[7]

Die Netsilik-Inuit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Lebensraum der Netsilik-Inuit erstreckt sich über ein riesiges Gebiet von Garry Lake, Back River und Chantrey Inlet im Südwesten bis zur Spitze der Boothia-Halbinsel.

Auf einem Aquarell von John Ross aus der Zeit zwischen 1829 und 1833 sind Männer und Frauen aus dem Gebiet der Netsilik-Inuit dargestellt mit Parkas mit kurzen vorderen und langen rückwärtigen Schößen. Die Frauen trugen dazu Leggings, die an einem Riemen in Taillenhöhe angeknöpft waren.[21][22][23] Gab es keine Karibufelle, nahm man für die Kleidung die Felle von jungen Moschusochsen, das Fell erwachsener Tiere ist für diesen Zweck zu schwer und das Haar zu dick. Die Beinfelle wurden zu Handschuhen und Stiefeln verarbeitet.[24]

Tabus hielten die Netsilik-Frauen davon ab, während der Zeit des Jagens, zu nähen. Daher stellten sie im Spätherbst die Winterkleidung her, wenn ihre Familien entlang der Küste ihre Lager bezogen.[22]

Die Netsilik-Inuit aus der Gegend von Garry Lake, Back River verbrachten viel Zeit im Binnenland, deshalb gab es und gibt es Ähnlichkeiten mit der Kleidung der dortigen Bewohner. Außerdem ähneln sich Stilelemente mit denen der Iglulik-Inuit im Osten und der Kupfer-Inuit im Westen. Wenn vorhanden werden für die Absatzborten Wolfsfell, Moschusochsenhäute und Vielfraßfelle benutzt.[7]

Die meisten Netsilik-Inuit tragen heute handgearbeitete oder industriell hergestellte Stoffkleidung.[7]

Die Kupfer-Inuit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kupfer-Inuit sind die am weitesten westlich beheimateten kanadischen Inuit. Sie wohnen hauptsächlich in den Zentren der Nordwest-Territorien, den Gemeinden Coppermine, Cambridge Bay und Holman. Mehrere Sippen finden sich auch in weitab gelegenen Lagern am Coronation Gulf, Bathurst Inlet, Contwoyto Lake und auf der Victoria-Insel.[7]

Zwischen 1914 und 1918 trugen die Kupfer-Inuit noch Parkas mit kurzer Taille und langen schmalen Rückenschößen[25] und Ärmeln, die bis zum Handgelenk reichten und ein Stück Haut unbedeckt ließen. Über einen leichten zogen sie zusätzlich einen schweren Parka. Die Frauenparkas hatte überbetonte Schulterspitzen und verlängerte Kapuzen. Eine deutliche Änderung trat zwischen 1916 und 1918 ein, als ein Ehepaar in das Gebiet zog, von dem die Frau aus Alaska stammte. Die anschließend entstandenen, fein verzierten, bis zum Knie oder der Wadenmitte reichenden Parkas sind immer noch beliebt.

In den 1990er Jahren bestand bei den Kupfer-Inuit eine Vielzahl von Fellmoden. Auf Victoria-Island wurden, im Gegensatz zum Festland, beispielsweise Hundefelle für die Kleidung benutzt, vor allem allerdings für die Stiefel. Chemisch gegerbte Wildnerzfelle, Polarhasenfelle, Kaninchenfelle- und Rindsfelle, die über die Winnipeg-Pelzbörse in den Nord- und Genossenschaftsläden direkt erhältlich waren, wurden zu modischen Unter- und Überziehparkas für Feste und andere Anlässe im Ort verarbeitet. Die verschiedenen Kleidungsstücke wurden sowohl aus selbstgeschabten wie auch aus industriell gegerbten Fellen hergestellt. Ein weiteres Material für Parkas war Otterfell.[7]

Die Inuvialuit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Inuvialuit leben im Wesentlichen im Yukon-Gebiet und in den Nordwest-Territorien und dort hauptsächlich in den Festlandgemeinden Aklavik, Inuvik, Tuktoyaktuk und Paulatuk sowie in Sachs Harbour auf der Banksinsel. Um 1930 dezimierten durch Walfänger eingeschleppte Krankheiten die einst größte Gruppe der kanadischen Arktis, von wahrscheinlich 2500 Menschen, auf 10 bis 150 Inuvialuit. Die wenigen Übriggebliebenen vermischten sich mit den Inupiat aus Alaska und mit benachbarten Indianern. Im 20. Jahrhundert zogen viele Inuvialuit aus Alaska, dem Mackenzie-Tal, dem Yukon-Territorium und aus dem Süden in das Gebiet, um Pelztiere zu jagen. Eine neue Gesellschaftsstruktur entstand außerdem inzwischen durch die verstärkte Ölförderung.[7]

Vor dem verhängnisvollen Eintreffen der Walfänger trugen die Inuvialuit-Männer einen Unterparka, Unterhosen und Strümpfe aus Bisamfell oder Eichhörnchenfell, zusätzlich einen Überziehparka, Überhosen und Handschuhe aus Karibufell. Sie bevorzugten kurzhaarige Felle für die Unter- und langhaarige für die Überziehparkas. Im Sommer trugen sie die Winterkleidung mit dem Haar nach außen. Die Parkas der Frauen waren denen der Männer im Zuschnitt und in der Verzierung vergleichbar, nur die vorderen und die hinteren Schöße waren etwas länger und die Kapuze war wegen der üppigen Zöpfe und Haarknoten weiter geschnitten. Der Saum und die Kapuze waren mit Bändern aus weißhaarigen Karibubäuchen verziert. Nachdem es von den Händlern rote und blaue Wolle gab, wurde sie in die Nähte entlang dieses Fellstreifens miteingenäht. Das weiße Kapuzenband reichte herunter bis auf die Brustseite des Parkas. Ein Paar der weißen Bänder befand sich auf dem vorderen Schoß des Parkas. Tanzparkas hatten eine gerade Saumlinie, die nur knapp bis über die Taille hinabreichte, einige hatten einen langen Schoß. Streifen aus weißem Karibu-Bauchfell an Saum, Schultern und Kapuze waren mit Glasperlen, Haaren und Pelzquasten verziert. Hinzu kamen aufgenähte Verzierungen in Form von Quasten, hergestellt aus einer Vielzahl von Fellen, wie dem kurzschwänzigen Wiesel oder Vielfraß. Sowohl Männer als auch Frauen tätowierten ihr Gesicht.[7]

Die heutigen Inuvialuit-Frauen tragen Konfektionsware ähnlich denen der Kupfer-Inuit im Osten. Immer noch werden Bisam- und Eichhörnchenfelle zu Parkas verarbeitet. Es werden von den einheimischen Näherinnen auch gegerbte Häute und Duffle verwendet, das mit Baumwoll- oder Polyestergewebe überzogen ist. Frauen und Mädchen tragen Parkas mit einer Rüsche am Saum, die als „Mother Hubbard“ bezeichnet werden. Die Parkas der Inuvialuit sind etwa 6 bis 10 Zentimeter länger als die der Kupfer-Inuit.[7]

Verschiedenes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2007 wurde ein perlenbesetzter Amauti von Ooloosie Ashevak, der Schwiegertochter der bekannten Inuit-Künstlerin Kenojuak Ashevak, der vorher auf 4000 bis 6000 Dollar geschätzt worden war, für 19.000 US-Dollar in Waddington versteigert.[26][27]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Amauti – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Weitere Kleidung der Inuit – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.tusaalanga.ca/glossary/inuktitut
  2. Asuilaak Living Dictionary
  3. a b Betty Kobayashi Issenman: The Art and Technique of Inuit Clothing. In: McCord Museum. 2007, abgerufen am 2. April 2012.
  4. Betty Kobayashi Issenman: Sinews of Survival: The Living Legacy of Inuit Clothing. University of British Columbia Press, Vancouver, B.C.7 1997, ISBN 0-7748-0596-X, S. 166.
  5. a b Ohne Autorenangabe: Kürschnerkunst der Eskimos. In: Die Kürschnerfibel, Nr. 2, 21. November 1932, Verlag Alexander Duncker, Leipzig, S. 16–19.
  6. a b c http://www.nmto.ca:/ Elijah Tigullaraq: Amauti - Ladies Parka. Oktober 2008. (PDF-Datei). Abgerufen 2. April 2015.
  7. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u Jill Oakes, Rick Riewe: Die Kunst der Inuit-Frauen: stolze Stiefel, Schätze aus Fell. Frederking & Thaler, München 1996, ISBN 3-89405-352-6, S. 18, 51, 78, 89, 91, 101, 117, 118, 137, 155–156, 168–173, 180–185.
  8. „VI“: Die Mäntel der Eskimos. In: Der Rauchwarenmarkt, Nr. 73, Leipzig, 15. September 1934, S. 4.
  9. Frances Loring, National Gallery of Canada
  10. Valeria Alia: Kunst und Kunsthandwerk in der Arktis. In: Wolfgang R. Weber: Kanada nördlich des 60. Breitengrades. Alouette Verlag, Oststeinbek 1991, ISBN 3-924324-06-9, S. 101–102.
  11. www.wipo.int: Phillip Bird: Intellectual Property Rights and the Inuit Amauti. A Case Study. Prepared for The World Summit on Sustainable Development by Pauktuutit Inuit Women’s Association, S. 5. Abgerufen 20. April 2015.
  12. L. Jolliet: Journal de Louis Julliet allant à la descouverte de Labrador manuscript: Archives du Service Hydrographique, Paris, 1694; Nachdruck: Rapport de l'Archiviste de la Province de Québec pour 1943-1944. Sekundärquelle Oakes/Riewe, S. 101.
  13. K. Birket-Smith: The Caribou Eskimos: Material and social life and their cultural position. Report of the Fifth Thule Expedition. John Hopkin Press, Baltimore, MD, 1967. Sekundärquelle Oakes/Riewe.
  14. William C. James: A Fur Trader's Photographs. A. A. Chesterfield in the District of Ungava, 1901-4. McGill-Queen's University Press, Kingston und Montreal 1985 (mehrere Fotos). ISBN 0-7735-0593-8.
  15. Ohne Autorenangabe: Felle und Pelze. Kleidung und Schmuck bei den Naturvölkern. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 41, Berlin, 15. Oktober 1937, S. 3.
  16. 1) G. F. Lyon: The Private Journal of Captain G. F. Lyon of H. M. S. Hecla. During the Recent Voyage of Discovery under Captain Parry. John Murray, London, 1824. 2) T. Mathiassen: Material Culture of the Iglulik Eskimos. Report of the Fifth Thule Expedition, 1921-1924. Vol. 6. Kopenhagen, 1928. (Sekundärquelle Oakes/Riewe, S. 76–77).
  17. Mathiassen 1921
  18. Jolliet 1694
  19. L. Fornel: Rélation de la découverte qu'a fait le Sieur Louis Fornel en 1743 de la baie des Eskimeaux nommée par les sauvages Kessesskiou. In 2 of Inventaire des pièces sur la Côte de Labrador conservées aux Archives de la Province de Québec, 1940-1942, R. Paradis, 1743, S. 204–229. In: Oakes/Riewe.
  20. K. Birket-Smith: The Caribou Eskimos: Material and social life and their cultural position. Report of the Fifth Thule Expedition, 1921-1924. (1945). Sekundärquelle Oakes/Riewe, S. 137–138.
  21. K. Birket-Smith: Ethnographical Collections from the Northwest-Passage. Report of the Fifth Thule Expedition, 1921-1924. 6/2). 1945. Sekundärquelle Oakes/Riewe, S. 152.
  22. a b A. Balikei: The Netsilik Eskimo. Natural History Press, Garden City, 1970. Sekundärquelle Oakes/Riewe, S. 152, 154.
  23. J. G. Taylor: Netsilik Eskimo Material Culture: The Roald Amundsen Collection from King William Island. Universitetsforlaget, Oslo, 1974. Sekundärquelle Oakes/Riewe, S. 152.
  24. Ethnologisches Museum, Oslo, 15843. Oakes/Riewe, S. 152.
  25. V. Stefansson. 1914 (unklare Jahreszahl bei Oakes/Riewe, die als Quelle nur Werke von Stefansson aus den Jahren 1913 (2) und eines aus 1919 aufführen). Oakes/Riewe S. 168
  26. Waddington's Auction House (englisch), Webseite nicht mehr erreichbar
  27. waddingtons.ca: Lot 66 OOLOOSIE ASHEVAK, Cape Dorset DORSET AMAUTI, duffle, beads, coins and wolverine fur trim, 60.98" x 24.02" 154.90 x 61.00 Cape Dorset. Abgerufen 15. April 2015.