Augusteische Alpenfeldzüge

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Die Augusteischen Alpenfeldzüge waren eine unter dem römischen Kaiser Augustus angelegte, koordinierte militärische Unternehmung, die deklamatorisch Norditalien (die ehemalige Provinz Gallia cisalpina) vor Einfällen und Plünderungszügen der keltischen und raetischen Alpenstämme schützen sollte. Strategisch wurde dadurch jedoch auch die Planung der Eroberung Germaniens vorbereitet.

Die Alpeneroberung kann in vier räumliche Abschnitte unterteilt werden; die Eroberung der westlichen Alpen, die Eroberung der östlichen Alpen und die Besetzung des Zentral- und Voralpengebietes. Abschließend erfolgte noch die Eroberung der Seealpen. Insgesamt dauerte der Expansionsprozess von 25 v. Chr. bis 14 v. Chr.

Politischer Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die augusteische Germanienpolitik war Teil einer auf die Grenzsicherung des ganzen Reiches angelegten Strategie, die nach der „Konsolidierung und Legalisierung“ der Macht des Kaisers Augustus als Friedensprogramm verkündet worden war (Schließung des Janustempels).

Das Imperium Romanum vor den Alpenfeldzügen

Im Einzelnen bestand die „augusteische Grenz- und Außenpolitik“ aus einer Reihe „sehr kostspieliger militärischer Demonstrationen und Interventionen“ – im Osten gegen die Parther, in Kleinasien, Ägypten, Nordafrika, Spanien und im Donau-Balkan-Raum. Die Vorbereitung und Durchführung dieser Operationen verlief zumeist parallel.

„Seit Caesars Vorstößen über den Rhein [55-53 v. Chr.] und den Kanal [55/54 v. Chr.] befanden sich Germanien und Britannien im römischen Blickfeld, [... doch] blieb es in Gallien eine vordringliche Aufgabe, die römische Herrschaft institutionell zu verankern. [...] Dazu kamen der systematische Ausbau der Infrastruktur, die enge Verklammerung Galliens mit Italien und die Sicherung seiner Grenzen.“[1]

Doch es klaffte eine Lücke zwischen dem Balkan und Gallien: Der Raum bis zur unteren Donau und den Alpen sowie insbesondere die Verbindung durch das nördliche Voralpenland.

„Die Alpen sind, strategisch betrachtet, vor allem ein Transitgebiet. Die Römer wollten die Pässe in ihre Hand bekommen, um rasch Truppen zwischen Italien, Gallien und den Donauländern verschieben zu können.“ Eine Besetzung des nördlichen Voralpengebiets ermöglichte auch eine West-Ost-Verbindung zwischen der Rheingrenze und den Truppen in Illyrien und Moesien. Zudem wurde ein Zugriff von Süden her über den Hochrhein nach Germanien möglich.[2]

Nachdem „Octavian [Augustus] selbst die Positionen in Dalmatien und Pannonien zwischen 35 und 33 v. Chr. gefestigt“ hatte, wurde nun „an den Flanken des Alpenbogens die römische Macht zuerst verankert.“[3]

Die Eroberung der westlichen Alpen 25 v. Chr.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Die Eroberung des Alpengebietes begann mit der fast einer Ausrottung gleichenden Niederwerfung der wilden Salasser im Aostatal, die 25 v. Chr. von Terentius Varro Murena nach jahrelangen Kämpfen abgeschlossen werden konnte. Die Kolonie Augusta Praetoria (Aosta) schützte das neu erworbene Gebiet. Der Große und Kleine Sankt Bernhard befanden sich nun in römischer Hand, was die Verbindung von Oberitalien nach Gallien wesentlich erleichterte. In den folgenden Jahren wurde das Land der seit Caesar von Rom abhängigen Helvetier südwestlich vom Bodensee voll in den römischen Machtbereich integriert.“[4]

Diese „Integration“ des westlichen Alpenvorlandes verlief als „Umbau von den spätkeltischen, befestigten Städten und Kleinstädten seit der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. [...] als Folge der neuen Herrschaft und Politik. [...] Stationiertes römisches Militär ist ab dem 2. Jahrzehnt v. Chr. gesichert.“[5]

Die Eroberung der östlichen Alpen 16 v. Chr.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Noricum (grün), östlich der Zielgebiete Raetia und Vindelicia im darauffolgenden Jahr, 15 v. Chr.

Östlich des Inns lag das damals eigenständige Klientelkönigreich Noricum, „das schon lange mit den Römern verbündet (war).“ Der Proconsul von Illyrien, Publius Silius Nerva, hatte „zunächst die Grenzgebiete zu Noricum und Pannonien befriedet und ersteres zum engeren Anschluss an Rom veranlasst.“[6]

„Sich nach Westen wendend [hatte Nerva] die Trumpilini, Camini und Vennonetes nördlich von Brixia (Brescia) und Comum (Como) niedergeworfen. [...] Damit waren das zentrale Alpengebiet und das Land zwischen Bodensee und Inn beiderseits von römisch kontrollierten Räumen flankiert.“[7]

Damit waren die Voraussetzungen für den großen Alpenfeldzug geschaffen, „an dem zwei Armeen mit jeweils zwei bis drei Legionen des gallischen bzw. des oberitalisch-illyrischen Heeres teilnahmen.“[8]

Die Eroberung des Zentral- und des Voralpengebietes 15 v. Chr.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Forschung und Literatur werden die Militäraktionen in den West- und Ostalpen als vorbereitend und die 15 v. Chr. durchgeführte Unternehmung der Römer im Zentral- und Voralpengebiet als der eigentliche „Alpenfeldzug“ bezeichnet.

Unter der Führung zweier Stiefsöhne des Kaisers AugustusDrusus und Tiberius – wurden in nur einem Sommer (Strabon, Geographika 4, 6, 9) „die Unterwerfung der Alpenstämme und die Besetzung des nördlichen Alpenvorlandes (durchgeführt). Während dabei Drusus durch das Etschtal, über den Brenner, zum Inn nach Norden vorstieß, ein zweiter Heereskeil wohl unter einem seiner Legaten über den Iulierpaß durch das Tal des Alpenrheins zum Bodensee zog, rückte gleichzeitig eine andere römische Heeresgruppe unter Tiberius von den Bereitstellungsräumen am Plateau von Langres aus nach Osten vor. Über Vesontio, den Raum von Vindonissa, stieß auch sie zum Bodensee vor.“[9]

„Die am Ufer dieses Sees ansässigen vindelikischen Stämme wurden unter Einschaltung einer Flottille geschlagen, eine große Seeschlacht hat schwerlich stattgefunden, Cassius Dio weiß nur von Truppentransporten über den See zu berichten. Einzelne Abteilungen stießen nach Norden vor, wie sich daraus ergibt, dass Tiberius persönlich die Donauquellen aufsuchte, der Hauptstoß seiner Armee war aber zweifellos nach Osten und Nordosten gerichtet. Am 1. August – dieses Datum geht aus einer Angabe des Horaz hervor – fand ein ‚grave proelium’, ein schweres Gefecht statt, in dem Tiberius die Vindeliker besiegte.“[10]

Keltische Besiedlung in den Alpen und am Hochrhein

Nach der Vereinigung der Heere und der Erkundung der Quelle der Donau wurde im westlichen Abschnitt die Hochrheinlinie als vorläufige Grenze eingerichtet. Als eine der Basen diente dort das ab 15 v. Chr. nachgewiesene Römerlager Dangstetten (bis 9 v. Chr.). In diesen Zeitraum fällt auch die Zerstörung des nahe gelegenen, keltischen Oppidum in Altenburg-Rheinau.

Unterworfen wurden von Tiberius und Drusus unter anderen die Breonen, Genaunen, Focunaten und Ambisonten. Das Tropaeum Alpium, ein Siegesdenkmal, kann hinsichtlich der Reihenfolge der Alpeneroberung nur unzureichend interpretiert werden, doch bietet es wertvolle Hinweise auf die Völker in den Alpen und die Teilstämme der Helvetier, Raeter und Vindeliker.

„14 v. Chr. folgte schließlich die Unterwerfung der Ligurer in den Seealpen.“[11]

Nach dem Feldzug: Helvetien ist Gallien zugeschlagen, Raetien und Vindelicien sind als Militärbezirk eingerichtet.

Die Straßenverbindungen über die Alpen und im Vorland wurden ausgebaut, die Anlage von Stützpunkten und zivilen Siedlungen forciert, das Vorfeld nördlich des Hochrheins und zur Donau hin wurde gesichert, doch da sich dort „keine feindlichen Völker befanden, konnte das Gebiet bereits unter [Kaiser] Tiberius von Legionstruppen geräumt werden.“[10] „Um eventuellen Unruhen vorzubeugen, hoben römische Offiziere aus der Jugend des unterworfenen Volkes Hilfstruppen (auxilia) aus; sie entfernten diese Raeter- und Vindelikerkohorten aus ihrer Heimat und verschickten sie an den Rhein.“[12]

Über den Alpenfeldzug berichten Cassius Dio (Römische Geschichte 54, 22) und Strabon (Geographika 4, 6, 6–9 und 7, 1, 5). Eine Ergänzung der Kenntnisse bieten archäologische Funde im Römerlager Dangstetten.

Weitere Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im darauf weiter im Norden folgenden Krieg um Germanien 12–9 v. Chr. schoben die Römer die Grenze entlang des Main und bis zur Weser vor.

„Bis in spättiberische-claudische Zeit blieben Raetien, Vindelicien und die Vallis Poenina (Wallis) dem germanisch-gallischen Kommando (Provinz Belgica) unterstellt und wurden von einem kaiserlichen Praefecten verwaltet, dann erhielten sie unter dem zusammenfassenden Namen Raetia Provinzstatus mit einem in der neu gegründeten Hauptstadt Augusta Vindelicum (Augsburg) residierenden propraetorischen Legaten an der Spitze. Erst unter Marcus Aurelius wurde Raetien wieder Sitz einer Legion, der Legio III Italica in Castra Regina.“[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karl Christ: Geschichte der römischen Kaiserzeit, Verlag C.H. Beck, München 1995. ISBN 3-406-36316-4.
  • Marcus Junkelmann: Die Legionen des Augustus. Der römische Soldat im archäologischen Experiment, (Kulturgeschichte der Antiken Welt. Bd. 33). Philipp von Zabern, Mainz 1986, ISBN 3-8053-0886-8.
  • Jürg Rageth: Weitere frührömische Militaria und andere Funde aus dem Oberhalbstein GR – Belege für den Alpenfeldzug. In: Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte 88, 2005.
  • Katrin Roth-Rubi u. a.: Neue Sicht auf die "Walenseetürme". Vollständige Fundvorlage und historische Interpretation. In: Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte 87, 2004.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zitate im Abschnitt: Karl Christ: Geschichte der römischen Kaiserzeit, Verlag C.H. Beck, München 1995, S. 120-124. ISBN 3-406-36316-4.
  2. Marcus Junkelmann: Die Legionen des Augustus, Kulturgeschichte der antiken Welt, Band 33, Verlag Philipp von Zabern, Mainz am Rhein 1986, S. 80. ISBN 3-8053-0886-8.
  3. Christ: Kaiserzeit, 1995, S. 125.
  4. Marcus Junkelmann: Die Legionen des Augustus, Band 33, Verlag Philipp von Zabern, Mainz am Rhein 1986, S. 81.
  5. In der jüngeren archäologischen Forschung wird nach einer erneuten Auswertung vorhandener Funde davon ausgegangen, dass das Alpenvorland bis zum Hochrhein ab ca. 40 v. Chr. stützpunktartig römisch besetzt wurde (Auswertungen vor allem in Vindonissa, und auch dem heutigen Konstanz) und die römischen Heere nach den Kämpfen während der Überquerung der Alpen sich danach beim Marsch an Hochrhein und Donau bereits auf ein ‚logistisches Netzwerk‘ stützen konnten. Mit dieser (Neu-)Auswertung archäologischen Materials wurde die langfristig angelegte Planung des Alpenfeldzuges bestätigt: (Stefanie Martin-Kilcher: Archäologische Spuren der römischen Okkupation zwischen Alpen und Hochrhein, S. 235 in: Lehmann/Wiegels (Hrsg.): Über die Alpen und über den Rhein, Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Band 37, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2015. ISBN 978-3-11-035447-8.)
  6. Junkelmann: Die Legionen des Augustus, 1986, S. 63 und 70. Der widerstandslose Anschluss ist auch bestätigt in: Karl-Wilhelm Welwei: Römische Weltherrschaftsideologie und augusteische Germanienpolitik. In: Gymnasium 93, 1986, S. 118–138.
  7. Junkelmann: Die Legionen des Augustus, 1986, S. 70 und 81. Zum Vorgang siehe auch: Franz Schön: Der Beginn der römischen Herrschaft in Raetien. Sigmaringen 1986, S. 36–38.: Publius Silius Nerva drang in das von der Mella durchflossene heutige Val Trompia, in dem die Trumpilini lebten, und in das Tal des Oglio, das heutige Val Camonica, das von den Camunni bewohnt wurde, vor. Die besiegten Völker wurden der nächstgelegenen römischen Stadt attribuiert, d. h., sie wurden mit dem Bürgerrecht zweiten Ranges dort angegliedert („finitimis attributi municipiis“, Plinius 3, 20, 24).
  8. Marcus Junkelmann: Die Legionen des Augustus, S. 81.
  9. Christ: Geschichte der römischen Kaiserzeit, 1995, S. 126.
  10. a b Junkelmann: Die Legionen des Augustus, 1986, S. 70 f.
  11. Junkelmann: Die Legionen des Augustus, 1986, S. 81.
  12. Philipp Filtzinger: Die römische Besetzung Baden-Württembergs, in: Die Römer in Baden-Württemberg, Konrad-Theiss-Verlag, Stuttgart und Aalen 1976 (und spätere Auflagen), S. 32. ISBN 3-8062-0133-1.
  13. Marcus Junkelmann: Die Legionen des Augustus. Der römische Soldat im archäologischen Experiment. Mainz 1986, S. 71.