Kathedrale von Saint-Denis

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Westfassade mit Dreiportalanlage

Die Kathedrale von Saint-Denis (französisch Basilique de Saint Denis) ist eine ehemalige Abteikirche in der Stadt Saint-Denis nördlich von Paris.

Sie gilt kunsthistorisch als einer der Gründungsbauten der Gotik, da in dem 1140 unter Abt Suger begonnenen Umgangschor die ersten spitzbogigen Kreuzrippengewölbe ausgeführt wurden.

Die Kirche ist dem heiligen Dionysius geweiht, dem Schutzpatron und ersten Bischof von Paris. Seit 564 n. Chr. diente sie den fränkischen Königen als Grablege. Vom Ende des 10. Jahrhunderts bis 1830 wurden fast alle französischen Könige und viele Königinnen dort beerdigt. Im Zuge der Französischen Revolution kam es 1793–1794 zur Plünderung der Königsgräber. Dabei wurden auch die Skulpturen der Kirche schwer beschädigt.

Seit 1862 wird Saint-Denis als Monument historique klassifiziert. Sie wurde 1966 zur Kathedrale des Bistums Saint-Denis erhoben und hat den Rang einer Basilica minor[1].

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mittelschiff

Im 4. Jahrhundert entstand über dem Grab des heiligen Dionysius von Paris eine Grabkapelle. Der Legende nach war Dionysius in der Zeit der Christenverfolgungen um 249 auf dem Montmartre enthauptet worden. Er hatte seinen Kopf aufgenommen und war bis zu dem Standort der heutigen Kirche gewandert, wo er tot umfiel und bestattet wurde. Ein Kloster ist um 625 nachgewiesen, welchem die Merowinger ihre ganze Aufmerksamkeit widmeten, insbesondere Chlothar I. (König des gesamten Frankenreiches von 558–561), der seine Gattin Arnegunde († um 565) dort aufwändig bestatten ließ, Chlothar II. (König der Franken von 584–629) und Dagobert I. (König von 629–638). Letzterer beschenkte das Kloster so reich – unter anderem ließ er einen kostbaren neuen Schrein für die Reliquien schaffen – dass er von den Mönchen späterer Zeiten als Klostergründer angesehen wurde. Vor allem aber brach er mit der Tradition und bestimmte nicht die bisherige königliche Nekropole, die Abtei Saint-Vincent-Sainte-Croix (künftig Abtei Saint-Germain-des-Prés) zu seinem Bestattungsort, sondern die Abtei St-Denis. Seine Witwe Nanthild und sein Sohn Chlodwig II. († 657) und ebenso der Hausmeier Karl Martell († 741) taten es ihm gleich. Letzterer wollte damit seine Macht demonstrieren.

Der erste Karolinger, Karl Martells Sohn Pippin der Jüngere (König von 751–768) begann mit dem Bau eines neuen Altarraumes (um 750–775). Dies gestattete es den Pilgern, die Gräber der Heiligen zu umrunden. Pippin konnte sich Dank der Unterstützung des einflussreichen Abtes Fulrad von St-Denis, der sich in Rom für ihn eingesetzt hatte, im Chor der Abteikirche von Papst Stephan II. zum König krönen lassen. An der Kirche wurde er auch bestattet, bevor die von ihm begonnenen Arbeiten unter Karl dem Großen vollendet wurden. Dessen neue Hauptstadt wurde Aachen, die Abtei verlor ihren Einfluss und erst Karl der Kahle († 877) fand seine letzte Ruhestätte wieder in St-Denis.

Mit der Machtergreifung des Begründers der Dynastie der Kapetinger, Hugo Capet (König von Frankreich von 987–996), festigte St-Denis endgültig seine Rolle als Grablege der französischen Herrscher, die – mit Ausnahme von Philipp I., Ludwig VII., Ludwig XI., Karl X. und Ludwig Philipp I. sowie der Napoleoniden – alle dort bestattet wurden.

In der Zeit der Französischen Revolution wurden die Königsgrabmale schwer in Mitleidenschaft gezogen. Auf einen entsprechenden Beschluss des Nationalkonvents hin wurden während des Ersten Koalitionskrieges viele Gräber geöffnet und geplündert. Unter anderem geschah dies, um aus den Bleisärgen Material zur Munitionsherstellung zu gewinnen.

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Baugeschichte von Saint-Denis lässt sich in drei Hauptphasen gliedern: Den karolingischen Bau, den Bau der Frühgotik und die Erweiterungen des Style Rayonnant.

Die heutige Kirche erhebt sich an der Stelle mehrerer wenig bekannter Vorgängerbauten. Bereits im 4. Jahrhundert entsteht über dem Grab des heiligen Dionysius von Paris eine Grabkapelle. Laut dem Zeugnis des Gregor von Tours (538–594) lässt die heilige Genoveva die Grabkapelle im Jahr 475 durch eine größere Kirche ersetzen, welche ab 564 n. Chr. den fränkischen Königen als Grablege dient. Ein Kloster, das sich bedingt durch die günstige Lage im fruchtbaren Pariser Becken und an der alten Handelsstraße von Paris nach Rouen rasch entwickelt, ist um 625 nachgewiesen. König Pippin der Jüngere beginnt um 750–775 mit dem Bau eines neuen Altarraumes, der es den Pilgern gestattet die Gräber der Heiligen zu umrunden.

Ihr heutiges gotisches Erscheinungsbild verdankt die Kirche einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des 12. Jahrhunderts, Abt Suger (1081–1151). Unter dessen Leitung beginnt der Neubau von Saint-Denis mit der Grundsteinlegung der Westfassade am 9. Juni 1137. 1140 wird der Chor begonnen; er enthält die ersten spitzbogigen Kreuzrippengewölbe. Am 9. Juni desselben Jahres findet die Weihe der Westanlage statt.

Ab 1231 unternimmt die Abtei den Neubau des Langhauses und der oberen Chorgeschosse. Der Architekt ist unbekannt, er wird als Saint-Denis-Meister bezeichnet. Der frühgotische Chor wird nach dreijähriger Bauzeit vollendet und am 11. Juni 1144 geweiht. Das alte Langhaus bleibt als Bausubstanz bestehen. Nach dem Tod Sugers 1151 tritt ein Stillstand in der Bautätigkeit ein, sodass das Langhaus erst von 1231–1281 im hochgotischen Stil errichtet wird. 1219 wird der nördliche Turm des Westwerkes, nach Vorbild von St-Etienne in Caen, errichtet. Dieser wird jedoch 1837 und 1840 von Blitzschlägen getroffen und daraufhin abgetragen. Von 1231–1245 wird auch der Chor erneuert: Die Pfeiler des Binnenchores werden ausgetauscht und im Obergaden werden Maßwerkfenster eingesetzt. Des Weiteren wird das Triforium durchlichtet und das Querhaus auf fünf Schiffe erweitert. Zusätzlich erhält es je ein Rosenfenster im Süden und im Norden (1236–1238).

1771 werden die Gewändefiguren in Saint-Denis herausgerissen; Während der Französischen Revolution 1793 kommt es zur Plünderung der Gräber, wobei weitere Skulpturen der Kirche schwer beschädigt werden. Auch die Fenster der Kirche werden 1793 weitgehend zerstört. Eugène Viollet-le-Duc restauriert einige davon 1848, Bruchteile und vollständige Fenster finden sich in Kirchen und Sammlungen in ganz Europa. Die Restaurierungen von 1839/40, die nach dem Geschmack und dem Kenntnisstand der Zeit vorgenommen werden, verfälschen das ursprüngliche Bild der ganzen Anlage. Nur die formale Aufteilung der Flächen ist original.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fassade[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die hl. Dreifaltigkeit, Detail der Archivolten des Mittelportales, um 1150/1840

Die Grundsteinlegung der Westfassade fand am 9. Juni 1137 unter Leitung des Abtes Suger statt und ihre Weihe am 9. Juni 1140.

Sie ist vertikal durch Strebepfeiler dreigeteilt. Horizontal sind die Bereiche der Seitenportale in vier Abschnitte eingeteilt. Ganz unten befinden sich die Portale, darüber ein vorgeblendetes Triforium, das nur in der Mitte von einem Rundbogenfenster durchbrochen wird. Darauf folgt nochmals ein höheres Blendtriforium, das wiederum an den Seiten Rundbogenfenster besitzt. Ganz oben befinden sich jeweils vier figürliche Reliefs. Den Abschluss bildet ein Zinnenkranz, der sich über die komplette Fassade hinweg zieht.

Gewändefiguren an den Westportalen (zerstört), Kupferstich von 1733

Über der südlichen Portalseite schließt sich ein zweigeschossiger Turm mit zwei und drei Schallfenstern an. Das Mittelportal ist das höchste Portal der Fassade. Über ihm befinden sich, wie in den Seitenzonen, ein großes vorgeblendetes Triforium mit einem Rundbogenfenster in der Mitte und Schrifttafeln unter den beiden Seitenbögen. Darüber ziert eine Fensterrose mit integrierter Uhr. An den Seitenportalen zeigen Figurenplastiken die Könige Israels. Ihre Tympana waren ursprünglich mit Mosaiken geschmückt. Heute enthalten sie Reliefs von 1840.

Das Tympanon des Mittelportals zeigt Jesus thronend als Richter des Jüngsten Gerichts. 1839/40 wurden sämtliche Köpfe, mehrere Engel, die Teufelsgruppen, Inschriften und Leidenswerkzeuge erneuert, wie auch die Archivolten. Weniger gut erhalten sind die Türpfosten der Seitenportale, mit Tierkreis- und Monatsdarstellungen, und des Mittelportals mit Reliefs der klugen und törichten Jungfrauen.

Die Gewändefiguren, die ersten bekannten gotischen Säulenfiguren, sind 1771 herausgerissen worden. Sie stellten 20 Könige und Propheten des Alten Testamentes dar. Stiche von Montfaucon (1733) geben einen Eindruck vom ehemaligen Bestand. Weitere Zerstörungen erfolgten während der Französischen Revolution.

Der erste gotische Chor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Chorumgang
Die Chorfenster

Anhand einer Grundrisszeichnung des Chores von St-Denis lässt sich ein entscheidendes Prinzip des gotischen Raumes zeigen, wie er hier 1140 zum ersten Mal auftritt. Der Chor hat einen sog. Chorumgang und einen Kapellenkranz. Zwischen den Kapellen stehen die Strebepfeiler, die das Gewölbe nach außen abstützen. Sowohl der Chorumgang als auch der Kapellenkranz sind in einzelne Kompartimente geteilt, die jedes für sich ein unregelmäßiges Kreuzrippengewölbe haben. Entscheidend ist dabei, dass die Gewölbe von Chorumgang und Kapellenkranz zu einem einheitlichen Raum verbunden sind, was mit den romanischen Gewölben nicht ermöglicht werden konnte. Diese Gewölbeform wird daher als eins der Hauptkennzeichen der gotischen Architektur angesehen.

Im Nachhinein ist es recht schwierig zu verstehen, welche Revolution diese Neuerung von 1140 in der sakralen Baukunst ausgelöst hat. Erst durch die Erfindung und geniale Verbindung neuer Bauformen und Bautechniken, wie Spitzbogen, Kreuzrippengewölbe, Bündel- und Strebepfeiler, war es technisch möglich, die erwünschte Durchlichtung des Innenraums mit Hilfe größerer Fenster und den Wunsch nach höheren Wänden, Türmen etc. in der Praxis zu verwirklichen. Der Druck des Gewölbes, der Gewölbeschub, wurde nicht mehr allein von den massiven Säulen und Wänden aufgefangen, sondern über das Pfeilersystem nach außen abgeleitet. Gleichzeitig konnte das Gewicht eines Gewölbes durch die Skelettbauweise der Spitzbogentechnik wesentlich verringert werden. Die Fenster konnte man fast beliebig vergrößern und verbreitern, ohne dass die Tragkraft und Stabilität der Mauer Schaden genommen hätte.

Wie das Kreuzrippengewölbe im Einzelnen funktioniert hat, ist in der Wissenschaft umstritten, bzw. nicht plausibel geklärt. Durch die Bombenschäden des Zweiten Weltkrieges ergaben sich häufig Situationen, die man experimentell nicht herbeiführen kann: Man konnte in vielen Kirchen prüfen, wie die Gewölbe die Schäden überstanden hatten und es ergaben sich paradoxerweise zwei unterschiedliche Varianten: Es gab Kreuzrippen-Gewölbe, bei denen die Rippen abgefallen waren, die aber trotzdem stabil blieben, gleichsam als Kreuzgratgewölbe. Andererseits gab es Fälle, bei denen nur die Rippen stehen geblieben sind, die Gewölbewangen jedoch heruntergefallen waren. Angesichts dessen könnte man annehmen, dass es sich hier um zwei verschiedene Gewölbeformen handelt, die lediglich kombiniert worden sind.

Nach heutigem Wissensstand nimmt man an, dass die Rippen das Tragverhalten des Kreuzgewölbes objektiv nicht wesentlich verbessern. Es bleibt aber immer noch die Frage, ob die Rippengewölbe in St-Denis 1140 in erster Linie aus ästhetischen Gründen gebaut wurden, oder um die Konstruktion der Gewölbe zu vereinfachen, also nur bautechnisch interessant waren.

Eine Hypothese ist, dass bei einem Kreuzrippengewölbe die lastenden Kräfte des Steingewölbes auf die Rippen konzentriert werden, die das Gewicht im Innenraum an die Pfeiler – und außen an das Strebewerk weitergeben, so dass insgesamt das entsteht, was die Kunstwissenschaft ein lineares Stützsystem nennt: ein System, bei dem die lastenden Kräfte entlang von Linien abgeleitet werden – über die Rippen auf die Pfeiler innen und außen.

Entscheidend für die Weiterentwicklung der gotischen Architektur ist, dass in den Kreuzrippen zwei unterschiedliche Prinzipien vereint werden: Sie haben eine bestimmte Funktion und sie drücken diese auch deutlich aus, unterstrichen durch eine farbliche Gestaltung bzw. Betonung der Kraftlinien.

Durch das Triforium und den Lichtgaden einfallendes Licht
Triforium

Der hochgotische Umbau und das durchlichtete Triforium (1231–1281)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1231 unternahm die Abtei den Neubau des Langhauses und der oberen Chorgeschosse. Der Architekt ist unbekannt, er wird als Saint-Denis-Meister bezeichnet.[2]

Nachdem bereits der frühgotische Chor bezüglich des Lichteinfalls revolutionär war, gibt es im hochgotischen Neubau von St-Denis eine weitere architektonische Neuerung von großer Bedeutung: das sogenannte durchlichtete Triforium. Die Entwicklung verlief folgendermaßen: Der frühgotische Chor wurde in nur dreijähriger Bauzeit vollendet und am 11. Juni 1144 geweiht. Dagegen blieb das alte Langhaus bestehen. Nach dem Tod Sugers 1151 trat ein Stillstand in der Bautätigkeit ein, so dass das Langhaus erst einhundert Jahre später in Angriff genommen wurden. Von 1231–1281 wurde es errichtet und stellt nun eines der schönsten Beispiele der Hochgotik dar.

Auch im Langhaus erfüllt intensives Licht den knapp 30 Meter hohen Raum. Und für diesen Eindruck von großer Bedeutung ist neben der oberen Fensterzone das durchlichtete Triforium, das 1231 hier zum ersten Mal – zusammen mit Amiens – auftritt.[3] Der Begriff „Triforium“ kommt aus dem Altfranzösischen und bedeutet eigentlich „durchbrochene Arbeit“. Es dient als Laufgang in der Mauer zwischen dem unteren Arkadengeschoss und dem oberen Lichtgaden.

Nach einem langen Entwicklungsgang hat die Hochgotik eine raffinierte Idee entwickelt. Lange Zeit hatte das Triforium keine Fenster nach außen, nur Bogenöffnungen nach innen zum Hauptschiff hin, weil an der Außenseite das Dach des Seitenschiffes anlehnte. Jetzt, um 1231, kam man auf die Idee, aus dem traditionellen Pultdach des Seitenschiffes ein Satteldach zu machen, dessen Innenseite zur Hauptschiffmauer hin gesenkt ist und das dadurch auch in dieser Zone den Durchtritt von Licht ermöglichte.

Die Lichtregie, die die Baumeister der Gotik virtuos beherrschten, zielte nicht in erster Linie auf die Helligkeit im Kirchenraum, die immer abhängig ist vom Sonnenstand und vom Wetter; als Symbol für die Ewigkeit also ungeeignet. Es kam ihnen vielmehr auf die magische Wirkung des farbigen Lichtes an, auf das überirdische Erscheinungsbild einer durchleuchteten Wand, auf ein überirdisch wirkendes Licht als Symbol für das Himmlische Jerusalem und das Paradies.[4]

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Grablege der französischen Könige[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grabmal von Dagobert I., 13. Jahrhundert
Grabmal von Ludwig XII. und Anne de Bretagne, Gemälde von 1867
Grabmal von Ludwig XII. und Anne de Bretagne
Grabmäler in Saint-Denis
Doppelgrabmal von Ludwig XVI. und Marie-Antoinette
La violation des caveaux des rois dans la basilique de Saint-Denis (Gemälde von Hubert Robert, zwischen 1793 und 1808)

St-Denis war seit dem Ende des 10. Jahrhunderts, genauer seit Hugo Capet, die Grabstätte fast aller französischen Könige und auch vieler Königinnen. Während der Französischen Revolution wurden auf Beschluss der Nationalversammlung im Jahr 1793 die Gräber geöffnet, um an die Bleisärge für die Kriegsführung zu kommen. Die Gebeine der rund 160 dort beigesetzten Mitglieder des französischen Herrscherhauses wurden entweder gestohlen oder außerhalb der Kirche in einem Massengrab bestattet. Die Sarkophage wurden unter Leitung des Kunsthistorikers und Archäologen Alexandre Lenoir für das Musée des monuments français sichergestellt.[5] Unter Napoleon Bonaparte begann der Umbau eines Teils der Krypta als kaiserliche Grablege, doch kam es nicht zu Bestattungen. Nach Wiedereinsetzung der Bourbonen unter Ludwig XVIII. wurden die Grabmäler, soweit sie noch auffindbar waren, wieder errichtet, und die wiedergefundenen Gebeine 1817 wieder in die Kirche gebracht. Allerdings war es nicht mehr möglich festzustellen, von welchen Personen die Gebeine noch vorhanden waren bzw. die vorhandenen zu identifizieren. So wurden sie gesammelt in zwei gemauerten Ossarien in einem Seitenraum der Krypta beigesetzt. Somit sind alle im Kirchenraum und in der Krypta sichtbaren Grabstätten – abgesehen von fünf Ausnahmen – leer: die Grabstätte von Ludwig XVIII. selbst und von vier Personen, die 1817 von anderswo überführt wurden: Ludwig VII. von Notre-Dame-de-Barbeau bei Fontainebleau, Louise von Lothringen vom Convent des Capucines St-Honoré und Ludwig XVI. und Marie Antoinette vom Friedhof de la Madeleine in Paris.

Name Todes­datum Verhältnis zum französischen Königshaus/ Anmerkungen
Arnegunde um 565 Gemahlin von König Chlothar I.
Landregesile 631 Bruder von Königin Nanthilde
Dagobert I. 638/39
Nanthilde 642 Gemahlin von König Dagobert I.
Chlodwig II. 657
Chlodwig III. 694
Dagobert III. 715/16
Karl Martell 741 Hausmeier der Karolinger
Pippin der Jüngere 768
Bertrada die Jüngere 783 Gemahlin von König Pippin dem Jüngeren
Irmentrud 869 Gemahlin von König Karl II.
Karl II., der Kahle 877
Ludwig III. 882
Karlmann 884
Odo von Paris 898
Hugo der Große, Herzog von Burgund und Aquitanien 956
Hugo Capet 996
Robert II., der Fromme 1031
Konstanze von Provence 1034 Gemahlin von König Robert II.
Heinrich I. 1060
Ludwig VI., der Dicke 1137
Philipp II. August 1223
Ludwig VIII. 1226
Jean Tristand, Graf von Nevers 1270 Sohn von König Ludwig IX.
Ludwig IX., der Heilige 1270 Teilbestattungen in Saint-Denis, Tunis und Palermo (letztere Ende 19. Jahrhundert umgebettet nach Karthago, Mitte 20. Jahrhundert in die Sainte-Chapelle in Paris)
Margarete von Frankreich 1271 Gemahlin von Herzog Johann I. von Brabant
Isabella von Aragón 1271 Gemahlin von König Philipp III.
Alphonse, Graf von Poitiers 1271 Sohn von König Ludwig VIII.
Prinz Ludwig 1276 Sohn von König Philipp III.
Philipp III. 1285
Prinzessin Blanca 1294 Tochter von König Philipp III.
Margarete von Provence 1295 Gemahlin von König Ludwig IX.
Philipp IV. 1314
Ludwig X. 1316
Johann I. 1316
Philipp V. 1322
Klementine von Ungarn 1328 Gemahlin von König Ludwig X., Grabmal ursprünglich im Jakobinerkloster.
Prinzessin Marie 1341 Tochter von König Karl IV.
Karl II., Graf von Alençon 1346 Bruder von König Philipp VI.; Grab im 19. Jahrhundert umgebettet
Johanna von Burgund 1348/49 erste Gemahlin von König Philipp VI.
Johanna II. von Navarra 1349 Gemahlin von König Philipp III. von Navarra
Philipp VI. 1350
Johanna von Boulogne 1360 Gemahlin von König Johann II.
Johann II. 1364
Johanna von Evreux 1371 Gemahlin von König Karl IV.
Johanna von Valois, Königin von Navarra 1373 Tochter von König Johann II.
Johanna von Bourbon 1378 Gemahlin von König Karl V.
Isabelle von Valois 1378 Tochter von König Karl V.
Karl V. 1380
Margarethe, Gräfin von Flandern 1382 Tochter von König Philipp V.
Prinzessin Blanche, Herzogin von Orléans 1392 Tochter von König Karl IV.
Blanche von Navarra 1398 zweite Gemahlin von König Philipp VI.
Karl VI. 1422
Isabeau 1435 Gemahlin von König Karl VI.
Karl VII. 1461
Marie d’Anjou 1463 Gemahlin von König Karl VII.
Karl VIII. 1498
Anne de Bretagne 1514 Gemahlin von König Karl VIII. und von König Ludwig XII.
Ludwig XII. 1515
Claude von Valois 1524 Gemahlin von König Franz I.
Louise, Prinzessin von Savoyen 1531 Mutter von König Franz I.
Dauphin François 1536 Sohn von König Franz I.
Karl, Herzog von Orléans 1545 Sohn von König Franz I.
Franz I. 1547
Heinrich II. 1559
Franz II. 1560
Karl IX. 1574
Marie Elisabeth von Valois 1578 Tochter von König Karl IX.
François, Herzog von Anjou 1584 Sohn von König Heinrich II.
Katharina von Medici 1589 Gemahlin von König Heinrich II.
Heinrich III. 1589
Luise von Lothringen-Vaudémont 1601 Gemahlin von König Heinrich III.
Heinrich IV. 1610
Nicolas, Herzog von Orléans 1611 Sohn von König Heinrich IV.
Margarete von Valois 1615 erste Gemahlin von König Heinrich IV.
Marie, Herzogin von Montpensier 1627 erste Gemahlin von Herzog Jean Baptiste Gaston von Anjou
Maria von Medici 1642 zweite Gemahlin von König Heinrich IV.
Ludwig XIII. 1643
Jean Baptiste Gaston, Herzog von Anjou und Orléans 1660 Sohn von König Heinrich IV.
Prinzessin Anna Elisabeth 1662 Tochter von König Ludwig XIV.
Prinzessin Marie Anne 1664 Tochter von König Ludwig XIV.
Anna von Österreich 1666 Gemahlin von König Ludwig XIII.
Henrietta Maria von Frankreich 1669 Gemahlin von König Karl I. von England
Henriette Anna von England 1670 erste Gemahlin von Philipp I., Herzog von Orléans
Prinz Philippe Charles 1671 Sohn von König Ludwig XIV.
Prinzessin Marie Thérèse 1672 Tochter von König Ludwig XIV.
Margarete von Lothringen 1672 zweite Gemahlin von Herzog Jean Baptiste Gaston von Anjou
Prinz Louis François 1672 Sohn von König Ludwig XIV.
Maria Theresia von Spanien 1683 erste Gemahlin von König Ludwig XIV.
Maria Anna von Bayern 1690 erste Gemahlin von Ludwig, Dauphin von Frankreich
Philipp I., Herzog von Orléans 1701 Sohn von König Ludwig XIII.
Louis, Herzog der Bretagne 1705 Bruder von König Ludwig XV.
Ludwig, Dauphin 1711 Sohn von König Ludwig XIV.
Maria Adelaide von Savoyen 1712 Gemahlin von Louis, Herzog von Burgund
Ludwig, Herzog von Burgund 1712 Sohn von Dauphin Ludwig
Louis, Herzog der Bretagne 1712 Sohn von Herzog Ludwig von Burgund
Charles, Herzog von Berry 1714 Sohn von Dauphin Ludwig
Ludwig XIV. 1715
Marie Louise Élisabeth de Bourbon-Orléans 1719 Gemahlin von Charles, Herzog von Berry
Elisabeth Charlotte von der Pfalz (Liselotte von der Pfalz) 1722 zweite Gemahlin von Philipp I., Herzog von Orléans
Prinzessin Marie Louise 1733 Tochter von König Ludwig XV.
Philippe Louis, Herzog von Anjou 1733 Sohn von König Ludwig XV.
Prinzessin Thérèse Félicité 1744 Tochter von König Ludwig XV.
Prinzessin Marie Thérèse 1748 Schwester von König Ludwig XVI.
Prinzessin Marie Thérèse 1752 Tochter von König Ludwig XV.
eine unbenannte Prinzessin 1752 Schwester von König Ludwig XVI.
Xavier Marie, Herzog von Aquitanien 1754 Bruder von König Ludwig XVI.
Prinzessin Marie Zéphyrine 1755 Schwester von König Ludwig XVI.
Louise Elisabeth, Herzogin von Parma 1759 Tochter von König Ludwig XV.
Louis Joseph, Herzog von Burgund 1761 Bruder von König Ludwig XVI.
Maria Leszczyńska 1768 Gemahlin von König Ludwig XV.
Ludwig XV. 1774
Prinzessin Sophie Philippine 1782 Tochter von König Ludwig XV.
Prinzessin Marie Thérèse 1783 Tochter von König Karl X.
Prinzessin Sophie 1783 Tochter von König Karl X.
Prinzessin Sophie Hélène Beatrice von Frankreich 1787 Tochter von König Ludwig XVI.
Prinzessin Louise Marie 1787 Tochter von König Ludwig XV.
Prinz Ludwig 1789 Sohn von König Ludwig XVI.
Marie Antoinette von Österreich 1793 Gemahlin von König Ludwig XVI.
Ludwig XVII. 1795
Prinzessin Victoire Louise 1799 Tochter von König Ludwig XV.
Prinzessin Marie Adelaide 1800 Tochter von König Ludwig XV.
Prinzessin Louise Isabelle von Artois 1817 Tochter von Karl Ferdinand, Herzog von Berry
Ludwig Joseph von Bourbon, Prince de Condé 1818 Urenkel von König Ludwig XIV.
Prinz Ludwig von Artois 1818 Sohn von Karl Ferdinand, Herzog von Berry
Karl Ferdinand, Herzog von Berry 1820 Sohn von König Karl X.
Ludwig XVIII. 1824
Ludwig Heinrich Joseph von Bourbon, Prince de Condé 1830 Sohn von Ludwig Joseph von Bourbon

Ludwig der Heilige verweigerte Ingeborg von Dänemark, der Ehefrau Philipp Augusts eine Bestattung in Saint-Denis. Philipp I. (Frankreich) wurde nach eigenem Willen 1108 nicht in Saint-Denis sondern im Kloster von Saint-Benoît-sur-Loire bestattet. Das Grab ist noch heute in seinem Ursprung erhalten, da das Kloster während der französischen Revolution nicht geplündert wurde. Es ist das einzige noch existierende ursprüngliche Königsgrab eines Königs von Frankreich.

Weitere in der Basilika bestattete Personen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Cavaillé-Coll-Orgel von 1841

Die Orgel auf der Westempore wurde von Aristide Cavaillé-Coll im Alter von 23 Jahren erbaut und am 21. September 1841 eingeweiht. Er ging als Sieger aus einem Wettbewerb gegen Érard, Dallery, Abbey und Callinet hervor. Es ist seine erste Großorgel und die erste Orgel, bei der er die Barkermaschine einsetzte. Im Positif finden sich erstmals doppelte Ventilkästen. Die Flûte traversière harmonique und die flûte octaviante harmonique des zweiten Manuals sind die ersten gebauten überblasenden Register. Das Pedal war als ravalement bis zum F1 ausgebaut, bis Charles Mutin dies 1901 beseitigte. Die Orgel ist fast vollständig im Originalzustand erhalten und zählt zu den bedeutendsten Instrumenten Frankreichs. 1983 bis 1987 erfolgte die Restaurierung der Orgel durch Gonzalez (Mechanik) sowie Boisseaux/Cattiaux (Pfeifenwerk); weitere Maßnahmen an Mechanik, Barkermaschine des Pedals, Balganlage und Disposition folgten zwischen 1988 und 1999 durch Bernard Dargassies. Sie hat 69 Register auf drei Manualen und Pedal bei folgender Disposition:

I Positif C–f3
Bourdon 16′
Principal 8′
Bourdon 8′
Flûte harmonique 8′
Prestant 4′
Bourdon 4′
Flûte octaviante 4′
Nazard 22/3
Doublette 2′
Octavin 2′
Tierce 13/5
Fourniture IV
Cymbale IV
Trompette 8′
Cromorne 8′
Hautbois 8′
Clairon 4′
II Grand Orgue C–f3
Montre (ab c0) 32′
Montre 16′
Bourdon 16′
Montre 8′
Bourdon 8′
Flûte traversière (ab c1) 8′
Flûte cônique (ab c1) 8′
Viole 8′
Prestant 4′
Flûte octaviante 4′
Nazard 22/3
Doublette 2′
Grosse Fourniture III
Grosse Cymbale III
Fourniture III
Cymbale III
1ère Trompette 8′
2ème Trompette 8′
Cor anglais 8′
Clairon 4′
II Bombardes C–f3
Bourdon 16′
Bourdon 8′
Flûte harmonique 8′
Flûte octaviante 4′
Nazard 22/3
Doublette 2′
Cornet V (ab c1)
Bombarde 16′
1ère Trompette 8′
2ème Trompette 8′
1er Clairon 4′
2ème Clairon 4′

III Récit-Echo Expressif
(schwellbar)
C–f3
Bourdon 8′
Flûte harmonique 8′
Flûte octaviante 4′
Nazard 22/3
Octavin 2′
Trompette 8′
Voix humaine 8′
Clairon 4′
Tremblant
Pédale F1–f0
Flûte 32′
Flûte 16′
Flûte 8′
Violoncelle 8′
Flûte 4′
Quinte 51/3
Tierce 13/5
Contrebombarde 32′
Bombarde 16′
Trompette 8′
Basson 8′
Clairon 4′
  • Koppeln: Tirasse Grand-Orgue, Copula Positif/II, Copula Récit/II.
  • Spielhilfen: Pédales de combinaison, Anches Pédale, Anches Positif, Appel Grand-Orgue/II, Appel Bombarde/II.

Die Titularorganisten der Basilika waren:

Äbte von Saint-Denis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abbatiat Name Todes­datum Anmerkungen
um 627 Dodon
632 Chunauld
Aigulphe
647 Wandebercht
678 Charderic
690 Chainon
709 Dalfinus
710-716 Chillardus
717 Turnoaldus Bischof von Paris, „custos“ von St-Denis
Hugo I.
723 ? Berthoaldus
726 Godobaldus
Amalbertus
750-784 Fulrad
784-793 Maginaire
793 Fardulf
805-814 Waldo von Reichenau
814-840 Hilduin
Ludwig 867 Enkel Karls des Großen, Erzkanzler (Rorgoniden)
867 Karl der Kahle
878-886 Gauzlin 886 Halbbruder Ludwigs, Erzkanzler (Rorgoniden)
Ebalus 2. Oktober 892 Sohn des Herzogs Ranulf I. von Aquitanien (Ramnulfiden)
893 Odo II. von Paris
903 Robert I. 923 Kapetinger
923 Hugo II.
956 Hugo III.
Goslin II.
Gérard
980 Robert II.
994 Odilon
998 Vivien
1049–1062 Hugo IV.
1067 Raynier
1071 Wilhelm I.
1075–1095 Ivo I.
1099–1122 Adam
1122–1151 Suger 1151
1151–1162 Odo II. von Deuil 1162
1162–1169 Odo III. de Taverny
1169 Ivo II.
1173–1186 Wilhelm II. von Mire
1189 Hugues de Juilly 1197 1186 Prior, (Todesdatum siehe Stammliste der Montmorency)
1197 Hugo VI. du Milan
1204 Heinrich I. Troon
1221–1229 Pierre d'Auteuil
1229–1245 Odo IV. de Clément
um 1248 ? Guillaume III. de Macouris Charta von 1248
1254–1258 Heinrich II. Mallet
1258–1286 Matthäus von Vendôme (Mathieu de Vendôme) 1286 Initiator der Grandes Chroniques de France, Gründer des Collège des Charités Saint-Denis (vor 1270) in Paris
1286 Renaud de Giffard
1304–1325 Gilles de Pontoise Erzkaplan Philipps IV.
1326 Guy I. de Châtres près d'Arpajon
1343 Gilles II. Rigaut
1351 Gauthier II. de Pontoise
1354 Robert III. de Fontenay
1363–1393 Guy II. de Monceaux
1393–1398 Philippe de Villette
1418 Jean 1. de Borbon
1431 Guillaume IV. Farréchal
1442 Philippe II. de Gamaches
1464 Jean II. Geoffroy Bischof von Arras, Kardinal
1474 Jean III. de Villiers Bischof von Lombez, Kardinal
1499 Antoine de la Haye
1505 Pierre II. de Gouffier
1517 Eymard de Gouffier
1519–1545 Jean d'Orimont
1529 Louis I. de Lorraine-Guise Kardinal von Bourbon
1557 Charles de Lorraine-Guise Kardinal von Lothringen
1574 Louis II. de Lorraine-Guise Kardinal von Guise
1589 Charles III. Kardinal von Vendôme
1594 Louis III. de Lorraine-Guise
1622 Henri II. de Lorraine
1642 Armand de Bourbon Prince de Conti
1654 Jules Mazarin
1662 – ? Jean-François Paul de Gondi 1679

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Saint-Denis als erster Bau der Gotik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

St-Denis gilt traditionellerweise als Gründungsbau der Gotik. Hier tritt zwar zum ersten Mal der sichtbare Teil der Außenmauer hinter vorgelagerten Dekorationen zurück, diese Tendenzen zeigten sich aber auch schon in der Spätphase der Romanik. Deshalb werden diese Baubestandteile der Kathedrale zum Teil in der Forschung noch nicht als gotisch angesehen. Umstritten ist auch mit welcher Kirche die Gotik begann. Mögliche Optionen wären St-Denis, St-Martin-des-Champs und St-Etienne in Sens.

Das Licht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch das neue gotische Stützsystem ergaben sich auch in Bodenhöhe große Fenster. Die Innensäulen des Chores sind so angeordnet, dass sie das Licht möglichst ungehindert einströmen lassen und sich auf den Mittelpunkt des Chores ausrichten, wo der Altar steht. Hier war das Zentrum der christlichen Liturgie und hier konzentrierte sich auch das einströmende Licht, Symbol für die erwartete Wiederkunft Christi. Das Licht galt in der damaligen Theologie als die unmittelbare Erscheinung des Göttlichen – daher auch die reichhaltige Verwendung von lichtbrechenden Edelsteinen bei den liturgischen Gerätschaften. In der gotischen Architektur wird das Licht zum wesentlichen Konstruktionsprinzip der ganzen Kathedrale. Es kommt nicht später hinzu, es bestimmt die Konzeption des Bauwerks von vornherein. Das gotische Fenster ersetzt das romanische Fenster und zugleich die romanische Wand.

Technische Erfindungen spielen ebenfalls eine Rolle: Im 10. Jahrhundert hatte man die Technik erfunden, Glasteile in Bleistege zu fassen. Dadurch wurde das Gewicht geringer, die dünnen Bleiruten konnten beliebig gebogen werden und erlaubten eine freiere Gestaltung der Glasfenster.

Die Zahlenverhältnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zahlenverhältnisse repräsentieren die göttliche Ordnung. Das Langhaus ist unterteilt in eine gleichförmige Abfolge von Jochen mit jeweils einem Kreuzrippengewölbe. Zu jedem Mittelschifffeld gehören ein südliches und ein nördliches Seitenschifffeld. Die Maßeinheit für den gesamten Bau ist das Vierungsquadrat im Seitenverhältnis von 1:1. Jeweils zwei Mittelschiffjoche bilden ein Vierungsquadrat, jedes Mittelschiffjoch ist doppelt so groß wie ein Seitenschiffjoch, beide stehen also im Verhältnis 1:2. Auch im Wandaufbau lassen sich solche einfachen geometrischen Verhältnisse nachweisen. Das Quadrat mit seinem vollkommenen Zahlenverhältnis von 1:1 war im 12. Jahrhundert das geometrische Abbild der Gottheit.[6]

Solche geometrischen Maßverhältnisse wurden ganz allgemein als solche Abbilder des Gottesreiches auf Erden angesehen, wie man es sich damals vorstellte. Nicht umsonst waren im frühen Mittelalter die Baumeister meistens Theologen, die bautechnisch wenig gebildet waren. Das änderte sich erst ab ca. 1250, als geschulte Fachleute die Bauführung übernahmen.

Im Bauhüttenbuch des picardischen Architekten Villard de Honnecourt von 1225–1235 sind geometrische Maßverhältnisse als Grundlage der Konstruktion gotischer Kathedralen niedergelegt. Man stellte sich die göttliche Schöpfung nach den Verhältnissen der Geometrie vor und der mittelalterliche Architekt unterwarf sich diesem Prinzip seines vermeintlichen göttlichen Lehrmeisters.

In Villards Musterbuch werden nicht nur die geometrischen Regeln der gotischen Architektur dargelegt, sondern auch die Ästhetik der ‚musikalischen‘ Verhältnisse, die den Intervallen der vollkommenen Akkorde entsprechen.

„So verhalten sich die Länge der Kirche zum Querhaus wie die Quinte (2:3). Die Oktave (1:2) bestimmt das Verhältnis zwischen Haupt- und Seitenschiff, Länge und Breite des Querhauses und des Aufrisses. Das Verhältnis 3:4 im Chor lässt die Quarte anklingen, das Verhältnis 4:5 von Hauptschiff und Seitenschiffen zusammengenommen entspricht der Terz, während die Vierung, ästhetisch das Zentrum der Kirche, auf dem Verhältnis des Einklangs, 1:1, beruht, dem vollkommensten der Akkorde.“[7]

Die Zahlenverhältnisse von 1:1, der Oktave 1:2, der Quinte 2:3 und der Quarte 3:4 bestimmten den Aufbau der Kathedrale innen und außen und waren auch die Grundlage der damaligen Musik. In solchen Verhältnissen sah man die geordnete göttliche Welt realisiert. Der heilige Augustin stellte Musik und Architektur als „Schwestern der Zahl“ zusammen über die anderen Künste.[8]

Diaphane Struktur der Kathedrale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans Jantzen hat 1927 für dieses Phänomen den in der Kunstgeschichte bekannt gewordenen Begriff einer „diaphanen Struktur“ geprägt.[9] Er verwies darauf, dass es in der gotischen Lichtführung und auch in der Konstruktion der Wand darauf ankam, gleichsam zwei Schichten hintereinander zu setzen: eine sehr plastisch geformte, bedeutungsgeladene vordere Schicht und eine optische Raumschale dahinter, die wie eine Grundfläche wirkte, vor der die vordere Schicht sich abhebt. Und diesem Prinzip entsprachen auch die immer größer werdenden Fenster. Bei ihnen war das „Durchscheinende“ allein schon durch das Licht gegeben, bei der Wand musste dieser Effekt durch die Raumschale dahinter erst konstruiert werden.

Jantzen sieht „das Verhältnis der körperplastisch geformten Wand zu den dahinterliegenden Raumteilen als Verhältnis zwischen Körper und Grund. Das heißt: die Wand als Begrenzung des gesamten Langhausinnern ist nicht ohne den Raumgrund faßbar […] Der Raumgrund selbst zeigt sich als optische Zone, die der Wand gleichsam hinterlegt ist. Im Terminus ‚Hinterlegung‘ spricht sich der Charakter der Bezogenheit vom Wandkörper zum Raumgrund aus. So will also der Begriff der diaphanen Struktur besagen, dass verschiedenartige Raumteile, die hinter dem Wandkörper (als Grenze des Hochschiffs) liegen, in ihrer Funktion als pure optische Erscheinung in die Stilbildung der Hochschiffwand eingreifen.“

Nach seiner Theorie ist das Mittelschiff in seiner ganzen Höhe von einer Raumschale mit verschiedener Tiefenschichtung umgeben, bei basilikalem Querschnitt in jedem Geschoss anders, doch werde jeweils das Prinzip der Zweischaligkeit gewahrt.

Es ging nicht um Helligkeit allein, sondern darum, eine gestaltete Fläche durchscheinend zu machen. Und genau dieser Funktion dienen nach Jantzens Auffassung auch das Triforium und die Empore. Beide sorgen dafür, dass sich ein Zwei-Schalen-System in der gotischen Mauer entwickelt. Eine vordere Wand wird wie ein Dia auf dem Hintergrund einer hinteren Raumschale transparent gemacht. Das Prinzip dieses „Diaphanen“ ist aus dem Kern des kultischen Vorgangs selbst zu deuten, der sich in der Kathedrale während des Gottesdienstes abspielt. In einem Paradox wird der Raum zum Symbol eines raumlosen, eines geistigen Zustandes.

Mit dem durchlichteten Triforium konnte endlich fast die gesamte Außenwand des Raumes gleichsam in Licht und Farbe aufgelöst werden. Es entstand dadurch eine ausdrucksstarke, expressive durchleuchtete Bildwand – denn zwischen das obere Fenstergeschoss und das untere Arkadengeschoss, das von den Seitenschiffwänden her Licht einströmen ließ, kam jetzt als letztes, als drittes Glied das durchlichtete Triforium. Die gotische Tendenz zur Auflösung der Mauer und ihre Verwandlung in einen Lichtträger haben hier einen ersten Höhepunkt gefunden. Die Fenster der Kirche wurden allerdings 1793 weitgehend zerstört. Einige davon wurden 1848 von Viollet-le-Duc restauriert, Bruchteile und vollständige Fenster finden sich in Kirchen und Sammlungen in ganz Europa.[10]

Die trägen Mauermassen der Romanik sind belebt worden, die Spannung des Raumes gesteigert und der gesamte Bau in ein System intensiver Bildwelten verwandelt..[11]

Deutungen der Fassade[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Portal gleicht einer großen Toreinfahrt. Diese wird als symbolischer Eingang in das himmlische Jerusalem gedeutet, welches die Kathedrale repräsentieren soll. Der Torcharakter des Portals wird unterstützt durch das Motiv des Jüngsten Gerichts im Tympanon des Mittelportals. „Die Portale großer Kirchen dienten im Mittelalter als Gerichtsstätte, deswegen wurden die Bogenfelder oft mit Darstellungen des Jüngsten Gerichtes geschmückt […] Aber auch die Deutung der Kirche als Abbild des Himmlischen Jerusalem erfordert das Durchschreiten des göttlichen Gerichts.“ [12] Aus diesem Grund sollen auch die Figurenplastiken an den Portalseiten die Könige Israels darstellen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Abt Suger von Saint-Denis: Ausgewählte Schriften. (Ordinatio, De consecratione, De administratione). Herausgegeben von Andreas Speer und Günther Binding unter Mitarbeit von Gabriele Annas, Susanne Linscheid-Burdich und Martin Pickavé. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000, ISBN 3-534-11320-9.
  • Günther Binding: Was ist Gotik? Eine Analyse der gotischen Kirchen in Frankreich, England und Deutschland 1140–1350. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000, ISBN 3-534-14076-1.
  • Julian Blunk: Das Taktieren mit den Toten. Die französischen Königsgrabmäler in der Frühen Neuzeit (= Studien zur Kunst. Band 22). Böhlau, Köln u. a. 2011, ISBN 978-3-412-20626-0 (Zugleich: Dresden, Technische Universität, Dissertation, 2008).
  • Sumner McK. Crosby: The Plan of the Western Bays of Suger’s New Church at St. Denis. In: Journal of the Society of Architectural Historians, Vol. 27, No. 1, März 1968, S. 39–43
  • Gudrun Gersmann: Saint-Denis und der Totenkult der Restauration.Von der Rückeroberung eines königlichen Erinnerungsortes. In: Eva Dewes, Sandra Duhem (Hrsg.): Kulturelles Gedächtnis und interkulturelle Rezeption im europäischen Kontext (= Vice Versa. Band 1). Akademie Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-05-004132-3, S. 139–158.
  • Louis Grodecki: Les Vitraux de Saint-Denis. Étude sur le vitrail au XIIe siècle … Arts et métiers graphiques. Paris 1976, ISBN 2-222-01941-9.
  • Rolf Große: Saint-Denis zwischen Adel und König. Die Zeit vor Suger (1053–1122) (= Beihefte der Francia. Nr. 57). Thorbecke, Stuttgart 2002, ISBN 3-7995-7451-4 (Zugleich: Heidelberg, Universität, Habilitations-Schrift, 2001), Online.
  • Paula Lieber Gerson: The West Facade of Saint-Denis: An Iconographic Study. (Dissertation, Columbia University, 1970)
  • Émile Mâle: Die Gotik. Die französische Kathedrale als Gesamtkunstwerk. 2. Auflage. Sonderausgabe. Belser, Stuttgart u. a. 1994, ISBN 3-7630-2308-9.
  • Jan van der Meulen, Andreas Speer: Die Fränkische Königsabtei Saint-Denis. Ostanlage und Kultgeschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988, ISBN 3-534-03029-X.
  • Anne Prache (Hrsg.): Saint-Denis la basilique et le trésor (= Dossiers d'Archéologie. Nr. 261, ISSN 0184-7538). Editions Faton, Dijon 2001.
  • Andreas Speer: Abt Sugers Schriften zur fränkischen Königsabtei Saint-Denis. In: Abt Suger von Saint-Denis: Ausgewählte Schriften. (Ordinatio, De consecratione, De administratione). Herausgegeben von Andreas Speer und Günther Binding unter Mitarbeit von Gabriele Annas, Susanne Linscheid-Burdich und Martin Pickavé. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000, ISBN 3-534-11320-9, S. 13–66.
  • Ruth Wessel: Die Sainte-Chapelle in Frankreich. Genese, Funktion und Wandel eines sakralen Raumtyps. Düsseldorf 2003 (Düsseldorf, Heinrich-Heine-Universität, Dissertation, 2003).
  • Dethard von Winterfeld: Gedanken zu Sugers Bau in Saint-Denis. In: Dethard von Winterfeld: Meisterwerke mittelalterlicher Architektur. Beiträge und Biographie eines Bauforschers. Festgabe für Dethard von Winterfeld zum 65. Geburtstag. Herausgegeben von Ute Engel, Kai Kappel und Claudia Annette Meier. Schnell + Steiner, Regensburg 2003, ISBN 3-7954-1531-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Basilika von Saint-Denis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Basilicas of France.
  2. Diese Benennung stammt von Robert Branner: St. Louis and the Court Style in gothic architecture (= Studies in Architecture. Band 7). Zwemmer, London 1965. Verschiedene Vorschläge zur Identifizierung des Meisters mit namentlich bekannten Architekten liegen vor, unter anderem genannt wird Jean de Chelles, der Architekt der Nordquerhausfassade von Notre-Dame in Paris. Dafür argumentiert Michel Bouttier: La reconstruction de l'abbatiale de Saint-Denis au XIIIe siècle. In: Bulletin Monumental. Band 145, 1987, ISSN 0007-4730, S. 357–386, hier S. 382; ebenso Heinz Gaiser: Die Meisterfrage: Wer ist der geniale Schöpfer des Neubaus der Abteikirche St. Denis bei Paris? (Online-Publikation der Karlsruhe Universitätsbibliothek). Gegen diese Identifizierung wendet sich Robert Suckale: Neue Literatur über die Abteikirche von Saint-Denis. In: Kunstchronik. Band 43, 1990, ISSN 0023-5474, S. 62–80, hier S. 76.
  3. Otto von Simson: Die gotische Kathedrale. Beiträge zu ihrer Entstehung und Bedeutung. 3., gegenüber der 2. unveränderte Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1979, ISBN 3-534-04306-5, S. 132: erst seit 1260.
  4. Otto von Simson: Die gotische Kathedrale. Beiträge zu ihrer Entstehung und Bedeutung. 3., gegenüber der 2. unveränderte Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1979, ISBN 3-534-04306-5, S. 14.
  5. Audioguide in der Kathedrale
  6. Otto von Simson: Die gotische Kathedrale. Beiträge zu ihrer Entstehung und Bedeutung. 3., gegenüber der 2. unveränderte Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1979, ISBN 3-534-04306-5, S. 77.
  7. Otto von Simson: Die gotische Kathedrale. Beiträge zu ihrer Entstehung und Bedeutung. 3., gegenüber der 2. unveränderte Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1979, ISBN 3-534-04306-5, S. 276–279.
  8. Christopher Brooke: Die Kathedrale in der mittelalterlichen Gesellschaft. In: Wim Swaan: Die großen Kathedralen. DuMont, Köln 1969, S. 51.
  9. Hans Jantzen: Über den gotischen Kirchenraum und andere Aufsätze. Mann, Berlin 1951, S. 7–20.
  10. Lawrence Lee, George Seddon, Francis Stephens: Die Welt der Glasfenster. Zwölf Jahrhunderte abendländischer Glasmalerei in über 500 Farbbildern. Farbbilder von Sonia Halliday und Laura Lushington. Herder, Freiburg (Breisgau) u. a. 1977, S. 68.
  11. Nikolaus Pevsner: Europäische Architektur von den Anfängen bis zur Gegenwart. 3. Auflage der Studienausgabe. Prestel, München 1973, ISBN 3-7913-0137-3, S. 145.
  12. Günther Binding: Architektonische Formenlehre. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1980, ISBN 3-534-07861-6, S. 101. Deswegen wurden sie auch mit erhöhenden Baugliedern wie Säulen, Giebeln und Portallöwen besetzt.

Koordinaten: 48° 56′ 8″ N, 2° 21′ 35″ O