Ludwig XVIII.

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Ludwig XVIII. im Krönungsornat, gemalt 1822 von Robert Lefèvre

Ludwig XVIII. (Louis XVIII Stanislas Xavier; * 17. November 1755 in Versailles; † 16. September 1824 in Paris) war von 1814 bis

1824 König von Frankreich und Navarra. Er war Graf von Provence (1755), Herzog von Anjou, Graf von Maine, Perche und Senonches sowie Pair von Frankreich (1771), Herzog von Alençon sowie Pair von Frankreich (1774), Herzog von Brunoy sowie Pair von Frankreich (1775). Er entstammte der Bourbonen-Dynastie.

Zur Zeit seines Großvaters Ludwig XV. hatte er keinen und zur Zeit seines Bruders Ludwig XVI. nur einen sehr begrenzten politischen Einfluss. Erst kurz vor der Französischen Revolution erhielt er eine gewisse politische Funktion. Im Exil schloss er sich den royalistischen Exilanten an, stand aber dort lange im Schatten seines jüngeren Bruders, des späteren Karl X. Nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. erklärte er sich als nunmehriges Familienoberhaupt zum Regenten für seinen Neffen Ludwig XVII. und nach dessen Tod beanspruchte er den Königstitel. Tatsächlich war seine Chance, das Amt auch ausüben zu können, gering, solange sich Napoleon Bonaparte an der Macht halten konnte. Nachdem dieser 1814 von den Alliierten gestürzt worden war, kam es unter Ludwig zur Restauration der Monarchie. Diese war aber nicht absolut, sondern konstitutionell. Als Napoleon 1815 noch einmal zur Herrschaft der Hundert Tage an die Macht zurückkehrte, musste Ludwig erneut fliehen. Erst nachdem Napoleon endgültig besiegt war, konnte er zurückkehren.

Persönlich war er eher gemäßigt und setzte auf vergleichsweise liberale Minister. Ihm gelang es aber nicht, die Ultraroyalisten im Zaum zu halten, und es kam zum Weißen Terror, Racheakten an Republikanern und Bonapartisten. Am Ende musste er als Folge der Mehrheitsverhältnisse im Parlament auch ein ultraroyalistisches Ministerium ernennen – diese Politik setzte sein Bruder und Nachfolger Karl X. 1824–1830 fort.

Signatur von Ludwig XVIII. (18. Juli 1815)

Leben bis zum Herrschaftsantritt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Herzog von Berry (rechts) und der Graf der Provence (Ludwig XVIII.) (links) als Kinder (Gemälde von 1757 von François-Hubert Drouais)

Louis Stanislas Xavier wurde als vierter Sohn des Dauphins Ludwig Ferdinand (1729–1765) und dessen Gemahlin Maria Josepha von Sachsen und als jüngerer Bruder des späteren Ludwig XVI. geboren. Ein anderer Bruder war der Graf von Artois, der spätere Karl X.

Seine Geburt war schwierig und er hatte gesundheitliche Probleme, so dass man zeitweise mit seinem baldigen Tod rechnete. Auch weil es der Tradition des Königshauses entsprach, erhielt er zunächst nur eine Nottaufe; die eigentliche Taufe erfolgte erst im Alter von sechs Jahren. Sein zweiter Taufname Stanislas verweist auf seinen Taufpaten und Großvater Stanislaus I. Leszczyński, Herzog von Lothringen und ehemaliger polnischer König. Den Namen des Heiligen Xavier erhielt er, weil dieser in der Familie der Mutter stark verehrt wurde.[1]

Unmittelbar nach seiner Geburt wurde er, wie auch seine Geschwister, der Obhut einer Gouvernante überlassen. Zu dieser hatte er vor allem nach dem Tod der Eltern eine enge Beziehung. Zusammen mit den Brüdern wurde er ab dem siebten Lebensjahr unter der Verantwortung des Duc de Vauguyon und der Beteiligung des Bischofs von Limoges erzogen. Dabei erwies sich Ludwig als der begabteste der Brüder. Die religiösen Unterweisungen zeigten Wirkung, und Ludwig war zeit seines Lebens praktizierender, möglicherweise auch gläubiger, Katholik.[2]

Maria Josepha von Savoyen (Gemälde von Jean-Baptiste Gautier d'Agoty um 1775)

Er wurde 1771 mit Maria Josepha von Savoyen, Tochter des nachmaligen Königs Viktor Amadeus III. von Sardinien-Piemont, vermählt. Der Hintergrund war ein breites Eheabkommen zwischen den beiden Häusern. Seine Ehefrau war wenig anziehend. Er behandelte sie aber mit Respekt und Liebenswürdigkeit. Die Ehe blieb kinderlos. Dies verschlechterte sein Ansehen am Hof und belastete die Ehe. Ludwig hatte eine Favoritin, ob diese aber auch seine Mätresse war, ist unbekannt.

In dieser Zeit begann er auch offiziell am höfischen Leben in Versailles teilzunehmen. Er selbst verfügte seit 1771 über einen eigenen Hofstaat, der 390 Personen umfasste. Dieser war damit auch für die damalige Zeit ungewöhnlich groß.[3]

Politischen Einfluss hatte er zur Zeit seines Großvaters Ludwig XV. nicht. Neben Müßiggang und Lektüre (er besaß eine große Bibliothek mit 11.000 Bänden) beschäftigte er sich mit Finanzgeschäften. Er beteiligte sich am Überseehandel, an Manufakturen und an Grundstücksspekulationen. Als leidenschaftlicher Esser war er schon in jungen Jahren sehr beleibt. Bereits 1777 sagte man über ihn, dick wie eine Tonne zu sein. Daher musste er auch auf die Jagd weitgehend verzichten.[4]

Unter Ludwig XVI.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Graf der Provence während der Herrschaft Ludwigs XVI. um 1778

Nach dem Tod des Großvaters und der Thronbesteigung Ludwigs XVI. wurde er am Hof nach alter Tradition als Monsieur und seine Ehefrau als Madame bezeichnet. Entgegen seinen Erwartungen wurde er nicht in den Ministerrat berufen. Er spielte aber eine gewisse Rolle bei der Frage der erneuten Zulassung der Parlemente und erwies sich dabei als ausgesprochen konservativer Fürsprecher des Adels. Dadurch kam es zum Konflikt mit dem König und Ludwig spielte zunächst keine nennenswerte politische Rolle mehr.

Dies änderte sich erst in den Jahren vor Ausbruch der Revolution. Er wurde 1787 Mitvorsitzender einer ersten Notabelnversammlung, zeigte sich dabei aber als politisch unerfahren. Auch an der zweiten Versammlung Ende 1788 saß er einem der Ausschüsse vor und zeigte sich jetzt sicherer. Nur sein Ausschuss trat für eine Stärkung des Dritten Standes in den Generalständen ein. Dies vergrößerte sein Ansehen in der Öffentlichkeit. Während des Exils hat er sich von der damaligen Haltung jedoch distanziert.[5]

Nach dem Beginn der Revolution zog der König seine beiden Brüder zu politischen Beratungen hinzu. Dabei vertrat Ludwig vermittelnde und gemäßigte Positionen.[6] Nach dem Sturm auf die Bastille ging er nicht wie der Graf von Artois ins Exil, sondern folgte Ludwig XVI. nach Paris. Dabei ging er teilweise eigene politische Wege und verhielt sich zeitweise unloyal gegenüber seinem Bruder.[7] Er nahm an verschiedenen Intrigen teil. Er plante zusammen mit Mirabeau die Flucht des Königs. Außerdem beteiligte er sich an einem Mordkomplott gegen La Fayette und andere. Er distanzierte sich schließlich von den Plänen. Um sich zu verteidigen, trat er sogar in einer Versammlung von Pariser Revolutionsbefürwortern auf, bezeichnete sich als Citoyen und Anhänger der Revolution. Die Affäre hat Ludwigs Ruf nachhaltig beschädigt.[8]

Exil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als 1791 die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Befürwortern der Revolution und dem Königshaus zunahmen, gelang es ihm im Gegensatz zum König ins Ausland zu fliehen. Er ging in die Österreichischen Niederlande und dann nach Koblenz. Dort schloss er sich den gegenrevolutionären Exilanten unter der Führung seines Bruders, des Comte d'Artois, an. Im Jahr 1792 nahm er auf Seiten der Exilanten am Ersten Koalitionskrieg gegen die Revolution teil. Die von ihm geführte Truppe spielte indes militärisch keine nennenswerte Rolle. Trotz seines höheren Ranges blieb sein Einfluss hinter dem des jüngeren Bruders zurück. Wenig Rücksicht nahmen die Brüder bei ihren Äußerungen auf das Schicksal Ludwigs XVI.[9]

Exilwohnsitz Hartwell House von 1808 bis 1814

Mit dem Vormarsch der Revolutionsarmee ging er mit den übrigen Exilanten nach Hamm. Das Leben dort gestaltete sich deutlich einfacher als in Koblenz. Dort erfuhren die Brüder 1793 von der Hinrichtung Ludwigs XVI. Als ältester lebender Bruder proklamierte er den Sohn des Königs zum neuen König Ludwig XVII. Sich selbst ernannte er zum Regenten Frankreichs. Die folgenden Jahre waren von Isolation, Geldnot und der demütigenden Notwendigkeit bestimmt, bei verschiedenen Regierungen um Aufnahme und Hilfe zu bitten. Dies musste Ludwig selbst am Hof seines Schwiegervaters Viktor Amadeus III. in Turin erleben.[10]

Nach dem Tod Ludwig XVII. im Jahr 1795 ließ er sich in Verona von einigen wenigen Anhängern als Ludwig XVIII. zum König proklamieren. Seither verstand er sich selbst nicht mehr als Privatperson, sondern ganz als König. Er legte sich ein größeres Gefolge zu, verfügte sogar über zwei Minister und stand nunmehr auch im Mittelpunkt der Familie. In verschiedenen Erklärungen schlug er in den folgenden Jahren gemäßigte Töne an. Er erkannte die materiellen und rechtlichen Ergebnisse der Revolution weitgehend an und sprach nicht mehr von Vergeltung.[10]

Durch den Siegeszug Napoleons musste er wiederholt seinen Aufenthaltsort wechseln. Ein Angebot Napoleons, ihm ein Territorium zu überlassen, lehnte er als unehrenhaft ab.[11] Zwischen dem 24. August 1796 und dem 10. Februar 1798 lebte er etwa in Blankenburg, das zum Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel gehörte. Später ging er nach Kurland (Jelgava, deutsch: Mitau), wo er unter dem Schutz des russischen Zaren stand. Zwischenzeitlich musste er nach Warschau umsiedeln, bevor ihm Zar Alexander 1805 erneut die Rückkehr nach Kurland gestattete[12]. Schließlich lebte er seit 1807 im englischen Hartwell House in Aylesbury bei Oxford. Dort lebte er, da es ihm von den Engländern untersagt war, den Königstitel zu führen, als Comte de Lille. Trotzdem gelang es ihm nach dem Tod seiner Frau Maria Josepha von Savoyen 1810, bei der britischen Regierung durchzusetzen, dass seine Frau mit einem königlichen Zeremoniell zu Grabe getragen wurde. Er selbst wurde immer beleibter und war zeitweise so stark an Gicht erkrankt, dass er auf einen Rollstuhl angewiesen war.[13]

Ludwig XVIII. als König[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Restauration (1814-1815)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allegorische Darstellung: Rückkehr der Monarchie (um 1814)
Hauptartikel: Restauration (Frankreich)

Mit dem Vordringen der antinapoleonischen Allianz begann die politische Bedeutung Ludwigs zu steigen. Nach zwei Jahrzehnten der Koalitionskriege empfand die französische Bevölkerung zuletzt Abneigung für Napoleons Kaiserreich. Die Wiederherstellung eines französischen Königreiches nährte aus ihrer Sicht zumindest Friedenshoffnungen.[14] Diesen Erwartungen kam Ludwig mit einer Erklärung vom 1. Februar 1813 entgegen. Darin bekräftigte er, die seit der Revolution entstandenen Verwaltungs- und Justizstrukturen nicht ändern zu wollen. Auch versprach er auf politische Verfolgungsmaßnahmen zu verzichten. Die Einheit des Landes, Frieden und Glück, so behauptete die Deklaration, seien seine Regierungsziele.[15] Die Erklärung wurde wahrscheinlich mit britischer Unterstützung nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Kontinentaleuropa verbreitet . Seit Januar 1814 begannen unter Berufung auf den „Willen der Nation“ konkrete Vorbereitungen für eine Rückkehr nach Frankreich.

Politische Rahmenbedingung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abdankung Napoleons: Abschied von der kaiserlichen Garde vor Schloss Fontainebleau

Am 31. März 1814 besetzten die Alliierten (Preußen, Österreich, Russland, Württemberg und Bayern) die französische Hauptstadt Paris, Napoleon zog sich in das Schloss von Fontainebleau zurück.Die Absetzung Napoleons I. war nach den Regeln der Zeit ein ungewöhnlicher Vorgang. Für gewöhnlich musste nach einem Krieg der unterlegene Staat zwar Territorium abtreten und für finanzielle Entschädigungen der Siegermächte aufkommen. Äußerstenfalls wurde der besiegte Monarch dazu gezwungen, zu Gunsten eines Sohnes abzudanken- was Napoleon auch vorschlug. Als Erbe der Französischen Revolution war Napoleon jedoch nicht durch dynastische Erbfolge auf den französischen Thron gelangt.[16] Aus diesem Grund konnte er von den alteingesessenen Monarchien nicht in seinem alten herrschaftlichen Status bestätigt werden. Dem Zeitgeist folgend konnte ein Herrscher aber auch nur "rechtmäßig" abgesetzt werden, wenn die staatlichen Institutionen diesem ihre Anerkennung aufkündigten. Der Senat hatte Napoleon mit einem Erlass vom 18. Mai 1804 zum Kaiser berufen.[17] Somit konnte auch nur der Senat Napoleon wieder absetzen und die Einsetzung des neuen Königs als Willensakt der französischen Nation darstellen. Auf diese Weise sollte auf den späteren König kein Makel einer "ausländischen" Fremdeinsetzung haften, die die innere Ordnung angesichts des aufkeimenden Nationalismus hätte gefährden können.

Die Alliierten erkannten darüber hinaus, das eine vollständige Restauration bzw. Wiederherstellung der politischen Zustände von vor der Französischen Revolution nicht möglich war. Die gesellschaftlichen Umwälzungen zwischen 1789 und 1814 waren dafür in Frankreich zu tiefgreifend.[18] Daher ließen die Alliierten zu, dass der Senat in wenigen Tagen eine Verfassung ausarbeitete. Der Monarch sollte die Revolution also beenden, indem er teilweise legitimierte, was die Revolution geschaffen hatte: Grundlegende Freiheitsrechte wie Religionsfreiheit und Gleichheit vor dem Gesetz sollten dauerhaft festgeschrieben werden. Ein Zweikammernparlament sollte eingerichtet werden. Die Verfassung basierte auf der Verfassung der konstitutionellen Monarchie der Jahre 1791/92. Das zukünftige französische Königreich sollte sich damit in eine doppelte Tradition stellen; eine monarchisch-legitimistische und eine verfassungsrechtlich-revolutionäre. Es war als Verknüpfung von Ancien Regime, der vorrevolutionäre Königsherrschaft, und den Errungenschaften der Revolution konzipiert.

Wahl zum "König der Franzosen"[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Säule Ludwigs XVIII.: in Calais erbaut, um an die Rückkehr des Königs nach Frankreich im Jahr 1814 zu erinnern

Charles-Maurice de Talleyrand, der ehemalige Außenminister Napoleons, hatte sowohl maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidungen des Senates als auch auf die Monarchen und ihre Minister. Talleyrand war es, der sie davon überzeugte, dass nur Louis Stanislas Xavier als jüngerer Bruder Ludwigs XVI. dem Kriterium einer dynastisch-legitimen Anknüpfung an das Ancien Regime entsprechen konnte. Am 7. April 1814 proklamierte der Senat Louis Stanislas Xavier zum "König der Franzosen".[19] Talleyrand machte allerdings zur Bedingung, dass Ludwig einen Eid auf die ihm vorgelegten Verfassungsentwurf ablegen müsse. Der neue König verlor jedoch vorerst kein Wort zur Verfassungsfrage.

Rückkehr nach Frankreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 11. April 1814 dankte Kaiser Napoleon I. im Vertrag von Fontainebleau bedingungslos ab. Damit war seiner Ambition, auf den französischen Thron zurückzukehren aber keineswegs der Boden entzogen worden. In dem Vertrag von Fontainebleau übertrug der russische Zar Napoleon die Mittelmeerinsel Elba. Bonaparte sollte dort seinen kaiserlichen Titel weiterführen und ein Kontingent von 600 Mann seiner Garde behalten dürfen.[20] Von Elba bzw. Napoleons Exilsitz aus sollte noch eine große Bedrohung für Ludwigs Königsherrschaft ausgehen. Während Napoleon am 20. April 1814 das Schloss von Fontainebleau verließ, um nach Elba zu reisen, brach Ludwig wegen Gichtleiden erst am selben Tag Richtung Frankreich auf. Er fuhr zunächst nach London, wo ihn eine jubelnde Menge begrüßte. Am 23. April 1814 reiste er nach Dover, um am 24. April 1814 in Calais sein Königreich Frankreich zu betreten. Da er in den meisten Städten bejubelt wurde, war es völlig unvorstellbar geworden, ihn ins Exil zurückzuschicken, wenn er den Eid auf die Senatsverfassung verweigern sollte.[21]

Verfassungsfrage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verfassungsurkunde: Original der Charte constitutionnelle von 1814
König Ludwig XVIII.

In der Erklärung von Saint-Ouen vom 2. Mai 1814 betonte Ludwig, dass er grundsätzlich der Senatsverfassung zustimme. Schon um diese Aussage nicht in Frage zu stellen, war ihm daran gelegen, die an der Senatsverfassung vorzunehmenden Änderungen herunterzuspielen. Die Änderung der Senatsverfassung seien, so die Erklärung von Saint-Ouen, nur notwendig, da viele "Artikel von Übereilung geprägt" seien. Mit dieser versöhnlich wirkenden Formulierung wurde verschleiert, dass Ludwig die Verfassung kraft eigener Autorität gewähren lassen wollte. Damit unterstrich Ludwig, dass er die französische Krone nicht als Werk der Volkssouveränität empfangen wolle, sondern diese als monarchischen Gnadenakt erlassen wird. Statt des Titels "König der Franzosen" nannte er sich "Ludwig, von Gottes Gnaden König von Frankreich und Navarra", womit er seine Legitimation traditionell auf dem Gottesgnadentum abstützte.[21] Seiner Auffassung nach war die Monarchie in Frankreich niemals rechtsgültig abgeschafft worden und konnte insofern vom Senat gar nicht neu vergeben werden. Ludwig legte Wert darauf, dass er jetzt im 19. Jahr seiner Regierung stehen würde.

Am 22. Mai 1814 berief der König eine Kommission ein, die die Senatsverfassung zur sogenannten Charte constitutionnelle umformte. Viele Artikel, besonders diejenigen, die die Errungenschaften von Revolution und Kaiserreich garantierten, wurden wörtlich von der Senatsverfassung übernommen. Die Charte constitutionnelle wurde am 4. Juni 1814 verkündet. Die Legislative bzw. gesetzgebende Gewalt sollte demnach aus einem Parlament mit zwei Kammern bestehen, dem Oberhaus (französisch: Chambre des Pairs), besetzt mit Angehörigen des Hochadels, die der König zu nominieren hatte und dem Unterhaus mit Abgeordneten, die nach einem hohen Zensuswahlrecht gewählt wurden. Das politische System repräsentierte jedoch nur einen Bruchteil der Bevölkerung: Das aktive Wahlrecht hatten nur Bürger inne, die über 300 Franc direkte Steuern zahlten und das 30. Lebensjahr überschritten hatten. Von 26 Millionen Einwohnern waren somit nur 90 000 tatsächlich wahlberechtigt. [22]

Sturz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das politische Klima im nachnapoleonischen Frankreich wurde in vielerlei Hinsicht vergiftet. Während der Französischen Revolution hatte der Staat den Besitz von Adel und Klerus beschlagnahmt und verkauft.[23] Nun verlangte der nach Frankreich zurückkehrende Adel und Klerus seine Landgüter zurück. Die Kirche denunzierte Regierungsbeamte hinsichtlich ihrer revolutionären Vergangenheit, oft mit der Folge, dass sie ihre Posten verloren. Die 500 000 Mann starke Armee wurde halbiert. Selbst hochdekorierte und erfahrene Offiziere Napoleons wurden durch adelige Immigranten ersetzt. Vielfach wurde den Soldaten der Sold gekürzt. Zudem ließ Ludwig trotz schlecht ausgefallener Ernten die Steuern erhöhen. Er versäumte es auf die Widerstände in Bürokratie und vor allem der Armee zu reagieren. Vor diesem Hintergrund gelang es Napoleon nach seiner Rückkehr von Elba, rasch Anhang zu finden.

Die Nachricht von Napoleons Landung an der  Côte d’Azur erreichte den König um 4 Tage verspätet am 5. März 1815. Ludwig XVIII. unterschätzte die Situation: Er versprach ein Kopfgeld auf Napoleon und erteilte General Michel Ney den Auftrag, Napoleon gefangen zu nehmen. Ney war ursprünglich durch Napoleon in den höchsten Offiziersrang aufgestiegen. Ney war inzwischen zwar in den Dienst Ludwigs XVIII. gewechselt, doch unumstritten blieb seine Ernennung durch den König nicht. Ney behauptete gegenüber Ludwig, dass er ihm Napoleon in einem "eisernen Käfig" nach Paris bringen werde.[24] Tatsächlich aber wechselten nach nur wenigen Tagen Neys Regimenter die Seiten und rückten auf Paris vor. Am 16. März 1815 begab sich Ludwig XVIII. zur Abgeordnetenkammer ins Palais Bourbon, wo er eine emotionale Rede hielt, in der als Verteidiger von Freiheit, Frieden, der Verfassung und der französischen Nation auftrat.[25] Er behauptete sogar an der Spitze seiner Armee lieber sterben zu wollen als aus Paris zu fliehen. In der Rede heißt es wörtlich:

„Ich habe mein Vaterland wiedergesehen; ich habe es mit den auswärtigen Mächten ausgesöhnt, die (...) treu an den Verträgen festhalten werden, die uns den Frieden wiedergebracht haben. Ich habe für das Glück meines Volkes gearbeitet; ich habe die anrührendsten Zeichen seiner Liebe erhalten und empfange sie weiterhin alle Tage; könnte ich meine Karriere im Alter von sechzig Jahren besser beenden, als für die Verteidigung zu sterben?“

Obwohl längst nicht alle Offiziere zu Napoleon überliefen, verlor Ludwig die Nerven. Am 19. März 1815 verließ der König, ohne seine Minister zu benachrichtigen und entgegen seinem Versprechen, fluchtartig Paris. Ohne das ein einziger Schuss fiel, konnte Napoleon einen Tag später in Paris einziehen und in der Herrschaft der hundert Tage erneut die Macht übernehmen. Ludwig ging erneut ins Exil, diesmal nach Gent. Im Westen Frankreichs probten jedoch schon im Mai 1815 Royalisten bzw. Anhänger des Königs einen offenen Aufstand gegen die Soldatenrekrutierungen Napoleons.[26] Die Kämpfe banden reguläre Truppen, die Napoleon bei seinem Feldzug gegen die Alliierten im heutigen Belgien fehlten. Am 18. Juni 1815 wurde Napoleon in der Schlacht bei Waterloo endgültig von Preußen und Briten besiegt.

Zweite Restauration (1815–1824)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Englische Karikatur Ludwigs XVIII. auf die Intervention in Spanien (1823)

Nach der endgültigen Niederlage Napoleons kehrte er zurück. Es war neben Talleyrand ausgerechnet der ehemalige Revolutionär Joseph Fouché, dem er die erneute Thronbesteigung verdankte.[27]

Nach 1815 haben die Anwesenheit und das Verhalten von Besatzungstruppen sowie die Einflussnahme des Auslandes auf die französische Politik dem Ansehen des Königs geschadet. Er vermochte es auch nicht, den Einfluss der extremen Royalisten zu begrenzen. Um der Reaktion vorzubeugen, bildete er ein Kabinett unter der Leitung Talleyrands mit Fouché als Polizeiminister. Dies löste massive negative Reaktionen der Royalisten aus.[28]

Ludwig XVIII. mit Krücken

Diese erzielten bei den Wahlen von 1815 einen großen Erfolg. Entgegen den früheren Versprechungen Ludwigs kam es zur teilweise gewalttätigen Verfolgung von ehemaligen Revolutionären und Anhängern Napoleons. Prominente napoleonische Generale wurden vor Gericht gestellt und zu Haftstrafen oder, wie bei Michel Ney der Fall, sogar zum Tode verurteilt. Zahlreiche Beamte wurden entlassen. Fouché wurde zum Rücktritt und ins Exil gezwungen. Schließlich verlor auch Talleyrand am 19. September sein Amt. Ludwig XVIII. sah sich dem Weißen Terror machtlos gegenüber, in dem fanatische Royalisten hunderte Revolutionsanhänger und Protestanten ermordeten. Außerdem verschärften sich die politischen Konflikte zwischen Liberalen und Royalisten. Der König bildete eine gemäßigte Regierung unter Richelieu. Vor diesem Hintergrund schlossen sich die Royalisten enger zusammen und entwickelten ein festes rückwärtsgewandtes Programm. Ihre Hoffnungen richteten sich auf den Grafen von Artois, der mit der Nationalgarde auch über konkrete Machtmittel verfügte und sich immer weiter von seinem Bruder entfernte. Ludwig selbst setzte weiterhin auf politischen Ausgleich, wünschte Ruhe und ein Ende der Parteikämpfe. Er achtete die Verfassung und überließ das politische Tagesgeschäft seiner Regierung.[29]

Der König löste das Parlament auf, weil der Gegensatz zwischen gemäßigter Regierung und radikal royalistischem Parlament unüberbrückbar war und setzte Neuwahlen an. Auch durch gezielte Einflussnahme kam, wie von Ludwig gewollt, eine gemäßigte Mehrheit zu Stande. Aus den Gemäßigten entwickelte sich allmählich eine konstitutionelle Partei. In der Folge wurde eine Integrationspolitik betrieben, die vor allem dem Bürgertum entgegenkam.[30]

Grab von Ludwig XVIII. in Saint-Denis

Nachdem 1820 der Duc de Berry durch ein Attentat getötet worden war, brachte die royalistische Presse den liberalen führenden Minister Elie Decazes mit dem Mord in Verbindung. Dies führte zu dessen Rücktritt. In der Folge kam es zu politischen Gewaltakten, in deren Verlauf wichtige Teile der vorangegangenen Liberalisierungspolitik beseitigt wurden. So wurde die Zensur wieder eingeführt und eine Wahlrechtsänderung durchgeführt, die vor allem die Reichen begünstigte. Hinter der Regierung von Jean-Baptiste de Villèle standen die Royalisten, die im Parlament eine Mehrheit hatten. Es kam zu weiteren Eingriffen in die Pressefreiheit und das Hochschulwesen. In der Außenpolitik kam es 1823 zur militärischen Intervention in Spanien, um dort das absolutistische Regime aufrechtzuerhalten. Im Jahr 1824 konnten die Royalisten erneut die Wahlen gewinnen und setzten sofort ein neues Wahlgesetz durch.

Ludwig XVIII. litt in den letzten Jahren zunehmend an Altersschwäche und hatte sich aus dem öffentlichen Leben bereits weitgehend zurückgezogen. Er verstarb am 16. September 1824 in Paris. Seine sterblichen Überreste wurden in der Kathedrale von Saint-Denis beigesetzt. Seine Nachfolge trat sein Bruder, der Graf von Artois, als Karl X. an.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans-Ulrich Thamer: Ludwig XVIII. (1814–1824). In: Die französischen Könige und Kaiser der Neuzeit 1498-1870. München 1994, S. 367–388.
  • Klaus Malettke: Die Bourbonen. Bd. 3.: Von Ludwig XVIII bis zu Louis Philippe 1814-1848. Stuttgart 2009, S. 1–78.
  • Wilhelm Bringmann: Louis XVIII. von Frankreich im Exil. Blankenburg 1796 – 1798. Lang, Frankfurt a.M. 1995, ISBN 3-631-48525-5.
  • Volker Sellin: Die geraubte Revolution. Der Sturz Napoleons und die Restauration in Europa. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-36251-X.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Klaus Malettke: Die Bourbonen. Bd. 3, S. 2.
  2. Klaus Malettke: Die Bourbonen. Bd. 3, S. 3.
  3. Klaus Malettke: Die Bourbonen. Bd. 3, S. 4.
  4. Hans-Ulrich Thamer: Ludwig XVIII. (1814–1824). S. 370.
  5. Klaus Malettke: Die Bourbonen. Bd. 3, S. 7 f.
  6. Klaus Malettke: Die Bourbonen. Bd. 3, S. 8.
  7. Klaus Malettke: Die Bourbonen. Bd. 3, S. 9.
  8. Hans-Ulrich Thamer: Ludwig XVIII. (1814–1824). S. 372.
  9. Hans-Ulrich Thamer: Ludwig XVIII. (1814-1824). S. 373.
  10. a b Hans-Ulrich Thamer: Ludwig XVIII. (1814–1824). S. 375.
  11. Hans-Ulrich Thamer: Ludwig XVIII. (1814–1824). S. 377.
  12. Moderne Biographien, oder kurze Nachrichten von dem Leben und den Thaten der berühmtesten Menschen, von Karl Reichard. Leipzig, 1811.
  13. Klaus Malettke: Die Bourbonen. Bd. 3, S. 28.
  14. die Französischen Könige und Kaiser der Neuzeit. ISBN 978-3-406-54740-9, S. 377.
  15. Klaus Malettke: Die Bourbonen. Band 3.
  16. Adam Zamoyski: Phantom des Terrors: Die Angst vor der Revolution und die Unterdrückung. ISBN 978-3-406-69766-1, S. 122.
  17. Munro Price: Napoleon: Der Untergang. S. 325.
  18. Königreich Württemberg: Monarchie und Moderne. S. 26.
  19. Hans-Ulrich Thamer: Die französischen Könige und Kaiser der Neuzeit. S. 378.
  20. Adam Zamoyski: 1815: Napoleons Sturz und der Wiener Kongress. ISBN 978-3-406-67123-4, S. 215.
  21. a b Volker Sellin: Das Jahrhundert der Restaurationen: 1814 bis 1906.
  22. Dieter Langewiesche: Europa zwischen Restauration und Revolution 1815-1849. S. 45.
  23. Adam Zamoyski: Phantome des Terrors: die Angst vor der Revolution und die Unterdrückung der Freiheit. ISBN 978-3-406-69766-1, S. 124.
  24. Volker Ullrich: Napoleon. S. 237.
  25. Klaus Malettke: Die Bourbonen. Band 3, S. 45.
  26. Hans-Ulrich Thamer: Die französischen Könige und Kaiser der Neuzeit. S. 381.
  27. Hans-Ulrich Thamer: Ludwig XVIII. (1814–1824). S. 381.
  28. Hans-Ulrich Thamer: Ludwig XVIII. (1814–1824). S. 382.
  29. Hans-Ulrich Thamer: Ludwig XVIII. (1814–1824). S. 383.
  30. Hans-Ulrich Thamer: Ludwig XVIII. (1814–1824). S. 384.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ludwig XVIII. – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien


Vorgänger Amt Nachfolger
(Wiedereinführung der Monarchie)
Restauration
France moderne.svg
König von Frankreich und Navarra

1814/15–1824
Karl X.
Napoleon I. Coat of arms of Andorra.svg
Kofürst von Andorra

1814/1815–1824
Karl X.
Ludwig XVII. France moderne.svg
Oberhaupt des Hauses Bourbon

1795–1824
Karl X.
Ludwig XVI. Grandes armes OSLJ.svg
Großmeister des Lazarusordens

1773–1814
Interregnum