Bremer Eiswette

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Eiswette 2008
Der Schneider auf der gefrorenen Weser (1862)

Die Eiswette (Plattdeutsch Ieswett) ist ein in Bremen jährlich am 6. Januar, dem Dreikönigstag, Schlag 12 Uhr am Punkendeich (Osterdeich in der Nähe vom Sielwall) stattfindender Brauch, der auf das Jahr 1829 zurückgeht. Es geht um die Wette, of de Werser geiht or steiht (Plattdeutsch für ‚ob die Weser geht oder steht‘).

Geschichte der Eiswette[Bearbeiten]

Nach dem Vorbild englischer Herrenclubs wurde auch in geselligen Kaufmannszirkeln Bremens gern um alles mögliche gewettet. Bei einer dieser Zusammenkünfte am 8. November 1828[1] wurde von 18 Herren (davon 13 Kaufleuten) gewettet, ob die Weser am 1. Januar offen oder gefroren sei.[2] Wettpreis war ein gemeinschaftliches Kohlessen. Seitdem wurde die Eiswette nahezu jährlich wiederholt und mit einem Festessen, das von Kartenspiel, vergnüglichen Reden und Belustigungen begleitet war, eingelöst. Ab 1851 tafelte man in den Räumen der Union von 1801, einem Club junger Kaufleute, seit 1881 in der Gesellschaft Museum, nach 1912 in Hillmanns Hotel und ab 1929 meist in der Glocke. Ab 1862 nahmen auch auswärtige Gäste häufiger teil.

Seit 1883, dem Jahr, in dem die Realisierung der von Ludwig Franzius begonnenen Weserkorrektion einsetzte, und die Weser nur noch höchst selten zufrieren sollte, wurde der Wettausgang durch das Los herbeigeführt. Um die Jahrhundertwende war die Zahl der Eiswettgenossen auf etwa 90 angewachsen.

Im Jubiläumsjahr 1928 entstand der Brauch, am Dreikönigstag (6. Januar) um 12 Uhr die noch heute übliche „Probe“ am Osterdeich von einem „Schneider“ mit Bügeleisen und Elle zu praktizieren[3], begleitet von den Königen aus dem Morgenland und dem ebenfalls altertümlich kostümierten notarius publicus. Beim Eiswettfest des gleichen Jahres wurde auch eine andere traditionsbildende Neuerung begründet: die Spendensammlung zugunsten der DGzRS, die bescheiden begonnen, in den Folgejahren stetig anwuchs. Die über viele Jahre hinweg „zivile, sehr private und ganz unmilitärische Gesellschaft“ näherte sich in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg deutlicher einer nationalkonservativen Ausrichtung. Senatoren und hohe Militärs wurden eingeladen, die Reden wurden politischer, die Kapelle des Bremer Reichswehrbataillons spielte, Prominenz aus Stahlhelm und Freikorps traten als republikfeindliche Redner auf. Nach 1933 nutzten die Nationalsozialisten die Eiswette als Forum ihrer Einflussnahme auf die Kaufmannschaft – ohne deren Gegenwehr. Vielmehr erweiterte sich die Teilnehmerzahl bis 1939 auf rund 500. Die Eiswette war eine NS-konforme Veranstaltung geworden.

1949 fand das Fest im Rathaus, 1952 erstmals wieder in der Glocke statt. Zu den bis heute gepflegten Traditionen gehören die Eiswettprobe in der beschriebenen Form, erweitert dadurch, dass der Schneider anschließend die Weser auf einem Seenotkreuzer überquert. Elemente der gegenwärtigen Eiswettfeste sind neben einer Reihe anderer Regularien das Kohl-und-Pinkel-Essen an großen runden Tischen („Eisschollen“), eine üblicherweise von einem Ehrengast gehaltene Rede auf Bremen und Deutschland, kabarettistische Einlagen und die Sammlung für die DGzRS. 2012 kamen 403.000 Euro zusammen. Wegen dieses Gesellschaftszwecks ist die Eiswette als gemeinnützig anerkannt; sie ist rechtsfähig, aber kein eingetragener Verein und nicht buchhaltungspflichtig. Das Verfahren der Selbstergänzung ihrer Mitgliederschaft ist öffentlich nicht bekannt. Frauen sind bis heute nicht zugelassen. Im Juni 2013 verabschiedete das Landesparlament, die Bremische Bürgerschaft, mit deutlicher Mehrheit eine Forderung, künftig auch Frauen zuzulassen.[4] Selbst die Medien sind von der Eiswettfeier weitgehend ausgeschlossen. So wurde die Eiswettgenossenschaft als eine von elitärem Selbstverständnis geprägte, auf Exklusivität bedachte Institution beschrieben (Frommann).

Ein Seenotkreuzer der DGzRS (die ihren Sitz in Bremen hat) trug den Namen Eiswette. Nach der Außerdienststellung Ende 2008 wurde bei der Eiswette 2009 erneut ein Seenotkreuzer auf den Namen Eiswette getauft. Seit 2007 ist Eiswette als Wortmarke gesetzlich geschützt.[5]

Präsidenten der Bremer Eiswette[Bearbeiten]

  • 1829–1837 kein gewählter Präsident
  • 1838–1858 Hermann Runge
  • 1859–1871 Christian Eduard Krummacher
  • 1872 Fest ohne Präsidenten
  • 1873–1882 Friedrich Reck
  • 1883–1892 Daniel Georg Volkmann
  • 1893–1897 Wilhelm Frahm
  • 1898–1913 Konsul Gerhard Friedrich Vietsch
  • 1914–1923 keine Eiswette
  • 1924–1927 Franz Funck
  • 1928–1932 Hans Wagenführ
  • 1933–1939 Hugo Gebert
  • 1940–1948 keine Eiswette
  • 1949–1950 Richard Ahlers
  • 1951–1967 Georg Borttscheller
  • 1968–1970 Karl Löbe
  • 1971–1975 Klaus Gätjen
  • 1976–1978 Helmut Schläfereit

Nachahmer[Bearbeiten]

In jüngerer Zeit fand die Bremer Eiswette Nachahmer auf anderen Gewässern:

  • Seit 1976 wird in Clüversborstel (Gemeinde Reeßum) zwischen Weihnachten und Neujahr die Eiswette durchgeführt. Hierfür testet nicht ein Schneider, sondern Cord Schlobohm, ob die Wieste geiht oder steiht. Da ihm kein Schiff der DGzRS zur Verfügung steht, geht er zu Fuß durch den kleinen Fluss.
  • Seit 1993 wird am ersten Sonntag im Jahr in Hohnstorf der Zustand der Elbe überprüft.[6]
  • Seit 1997 findet in Braunschweig eine Eiswette auf einem Seitenarm der Oker statt. Trotz nur kniehohen Wassers sind Rettungsschwimmer der DLRG vor Ort.[7]
  • Seit 1998 findet im Januar eines jeden Jahres in Hage eine Eiswette statt, in der es darum geht, ob der Bürgermeister des Fleckens Hage trockenen Fußes den Graben der Burg Berum überschreiten kann.[8]
  • Die 1999 ins Leben gerufene „Schilsker Eiswette“ auf dem Obersee in Bielefeld-Schildesche wurde Anfang Februar 2012 zum 14. Mal durchgeführt.[9]
  • Seit 2001 findet alljährlich am ersten Sonntag im Januar auf dem Dümmer eine „Eiswette“ statt.[10]
  • Am 21. Februar 2009 wurde erstmals die Wolfenbütteler Eiswette am Stadtgraben durchgeführt.[11]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Geschichte (HTML) Eiswette von 1829. Abgerufen am 18. Januar 2014.
  2.  Herbert Schwarzwälder: Das Große Bremen-Lexikon. Edition Temmen, Bremen 2003, ISBN 3-86108-693-X, S. 226, Bd. 1 (A–K).
  3. Vom Auftreten des Schneiders ist zuvor nur ganz vereinzelt (1863, 1868, 1869) die Rede.
  4. Radio Bremen http://www.radiobremen.de/politik/nachrichten/frauenbeimschaffermahl100.html
  5. Frommann, S. 112, Anm. 5
  6. 16. Eiswette: „Hohnstorf ist überall“ (Memento vom 14. Januar 2005 im Internet Archive)
  7. Katja Dartsch: Museums-Chefin gewinnt die Eiswette. In: braunschweiger-zeitung.de, 5. Februar 2012
  8. Hager Eiswette 2006
  9. Thomas Güntter, Barbara Franke: Der Bilderbuch-Obersee. In: nw-news.de, 6. Februar 2012
  10. 10 Jahre Eiswette Dümmer See
  11. 1. Wolfenbütteler Eiswette

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl Löbe: 150 Jahre Eiswette von 1829 in Bremen. Döll, Bremen 1979 (feuilletonistisch geschriebene, aber faktenreiche Darstellung)
  • Rüdiger Hofmann: 175 Jahre Eiswette von 1829 in Bremen. Bremer Landesbank, Bremen 2004.
  • Arndt Frommann: Die Eiswette von 1829 in Bremen zwischen den Weltkriegen. Vom Biedermeier zur Haupt- und Staatsaktion. In: Arbeiterbewegung und Sozialgeschichte, Heft 26, 2012, S. 79–114

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Eiswette – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

53.0686527777788.8219166666667Koordinaten: 53° 4′ 7,2″ N, 8° 49′ 18,9″ O