Der goldene Handschuh

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Wohnhaus Fritz Honkas in der Zeißstraße 74

Der goldene Handschuh ist der siebte Roman des Schriftstellers Heinz Strunk und behandelt Abschnitte aus dem Leben des Hamburger Serienmörders Fritz Honka, die sich hauptsächlich um Alkoholexzesse, Sex, soziale Verwahrlosung und daraus resultierende Gewaltverbrechen drehen.[1] Der Tatsachenroman, welcher überwiegend aus der Täterperspektive[2] geschrieben ist, erschien 2016 und wurde im selben Jahr mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet, einer der angesehensten und am höchsten dotierten literarischen Auszeichnungen Deutschlands.[3]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das stark regionalbezogene Buch besteht aus drei Teilen: Teil 1 – Ich lernte auf St. Pauli eine ältere Frau kennen, Teil 2 – City Nord und Teil 3 – Dies ist kein Alptraum, dies ist ein Todeskampf. Die Milieustudie, die ihr Zentrum in der Kneipe „Zum goldenen Handschuh“, einer Art „Vorhöllen-Kneipe“[2] hat, behandelt die Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka in den 1970er Jahren. Die Geschichte handelt von seinen Jahren in Hamburg, seiner Begegnung mit Gerda Bräuer, bis hin zu seinem zunehmenden Wahnsinn und den Morden an drei weiteren Frauen, die an der Nachkriegsgesellschaft zerbrochen waren. Honka ist dabei von einem starken Hass auf Frauen, ständiger sexueller Geilheit und Sentimentalität getrieben.[4] „Wenn die hinfällt, lass ich sie einfach liegen“.[4] Sex hat für ihn nur noch die Bedeutung, andere „kaputt zu machen so wie man ihn damals kaputt gemacht hatte.“[4] Mit den körperlich und geistig heruntergekommenen[5], alten und zahnlosen Prostituierten trinkt er sich regelmäßig in die Besinnungslosigkeit[6] und gleitet dabei in eine Welt ab, die von destruktiven Phantasien geprägt ist. Ein zweiter Erzählstrang beschreibt in Episoden das Schicksal der fiktiven Hamburger Reederfamilie von Dohren, welche sich während der Zeit des Dritten Reiches an jüdischem Besitztum bereichert hat und seitdem von den Hamburger Eliten gemieden wird. Die Überschneidung mit der Biografie Honkas ergibt sich daraus, dass Mitglieder der Dohren-Familie ebenfalls den „Goldenen Handschuh“ aufsuchen.[2]

Als Motto ist dem Buch eine beinahe ganzseitige autobiografische Reflexion des Knabenmörders Jürgen Bartsch aus seinem Briefwechsel mit Paul Moor vorangestellt.

Ansicht der Zeißstraße

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Handlung setzt im Jahr 1971 mit den ersten Leichenfunden auf dem Gelände der ehemaligen Holsatia-Schokoladenfabrik in Hamburg-Altona ein. Die Tote wird als Gertraud B. identifiziert und der Verdacht fällt zunächst auf ihren ehemaligen Freund Winfried Schuldig, der aufgrund ihrer Aussage zu einer Haftstrafe verurteilt wird. Die Polizei kann dem gewalttätigen Arbeiter die Tat jedoch nicht nachweisen. Kapitel 1 beginnt im Februar 1974 in Honkas Stammkneipe „Zum goldenen Handschuh“ am Hamburger Berg, in der der alkoholabhängige Gelegenheitsarbeiter Honka, der dort von allen Fiete genannt wird, täglich große Mengen „Fako“ (Fanta-Korn) trinkt und seine Frauenbekanntschaften macht. Er nimmt die obdachlose Gerda zu sich nach Hause in die Zeißstraße in Hamburg-Ottensen[7] mit.

Zur gleichen Zeit in der Elbchaussee nimmt die Familie Dohren das Abendessen ein. Während sich der Senior und der Junior mit den Geschäften ihrer Reederei beschäftigen, hat der pubertierende Enkel, der am Noonan-Syndrom erkrankt ist, mit seiner aufkeimenden Sexualität zu kämpfen. Aufgrund seines abstoßenden Äußeren fällt ihm der Kontakt zu gleichaltrigen Mädchen schwer.

Honka beschließt mit Gerda für ein paar Tage zusammenzuleben, was jedoch aufgrund des exzessiven Trinkens der beiden zu einem gewalttätigen Dauerrausch ausartet. Es kommt zu einvernehmlichen Sex gegen Logis. Honka nimmt ihr den Ausweis ab und schließt sie in seiner verkommenen Mansardenwohnung ein. Auch seine Alkoholvorräte muss er zur Sicherheit wegschließen. Gerda beschließt in einem nüchternen Moment, Honka den Haushalt zu führen. Zur Belohnung betrinken sich die beiden abermals im „Goldenen Handschuh“. Immer wieder kommt es zu Abstürzen. Insgeheim führt Honka eine Kosten-Nutzen-Rechnung über seinen weiblichen Gast und ist über ihren unkontrollierten Alkoholkonsum verärgert. Er schlägt und misshandelt sie. Dabei zerbricht ihr Gebiss. Honka hat der Frau ihre letzte Würde genommen.

Eingang zum Elbschlosskeller, gegenüber vom Goldenen Handschuh

Karl von Lützow, wohlhabender Inhaber einer Kieler Anwaltskanzlei und Schwiegersohn der von Dohren-Familie, ist ebenfalls schwer alkoholkrank, suizidgefährdet und füllt die Leere in seinem Leben durch wahllose Sexabenteuer mit wenig attraktiven Frauen. Nicht perfekte Schönheit zieht ihn an, sondern Frauen mit körperlichen Gebrechen, die er beherrschen kann. Immer wieder zwingt er Frauen zu demütigenden SM-Praktiken, bei denen er ihnen Gewalt antut und sie beinahe tötet.

In der Zeißstraße will sich Gerda erkenntlich zeigen und für einen Besuch von Fritz' Bruder „Siggi“ kochen. Die Bewirtung wird ein voller Erfolg für Gerda und die drei betrinken sich anschließend mit billigem Schnaps, der bei allen Beteiligten zu einem totalen „Filmriss“ führt. Fritz Honka legt Gerda eine handschriftliche Erklärung vor, in der sie mit ihrer Unterschrift bestätigt, von nun an keinen freien Willen mehr zu besitzen, sich ihm vollkommen zu unterwerfen und ihm ihre Tochter Rosi (zu der sie allerdings keinen Kontakt mehr hat) zuführen wird. Honka rechtfertigt dies mit „zu viel Freiheit bekommt dem Menschen nicht“.[8] Gerda ist zunächst dankbar, wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben und nimmt dafür auch in Kauf, dass Honka an ihr erniedrigende Sexualpraktiken durchführt. Die beiden zieht es immer wieder in ihre Stammkneipe am Hamburger Berg, wo sie ihre Freizeit verbringen, die von einer Atmosphäre aus Suff und körperlicher Gewalt geprägt ist. Im „Goldenen Handschuh“ kommt es eines Tages zu einer brutalen Kneipenschlägerei, da bedingt durch einen Orkan weniger Prostituierte unterwegs waren und eine größere Gruppe englischer Matrosen ihren Geschlechtstrieb nicht abreagieren konnten. Der „Triebstau“ der Männer entlädt sich in roher Gewalt. Die Polizei muss mehrere Verhaftungen vornehmen. Fritz Honka erleidet einen neuen Arbeitsunfall und lässt Gerda für sich anschaffen. Sie nimmt im „Elbschlosskeller“ Kontakt mit älteren Freiern auf und nimmt sie mit in die Zeißstraße. Honkas Wohnung verwandelt sich in ein Bordell. Eines Tages verliert sich ihre Spur.

Kapitel 2 beginnt damit, wie WH3 seiner attraktiven Mitschülerin Petra Schulz Avancen macht. Er, der ständig onaniert[9] und immer noch über keinerlei praktische sexuelle Erfahrung verfügt, will sie verführen. Um als Mann zu reifen, treibt er sich in St. Pauli herum, und es verschlägt ihn in den „Goldenen Handschuh“.

Das ehemalige Shell-Haus am Überseering 35 in der City Nord

Honkas trostloses Leben erfährt währenddessen eine unerwartete Wendung. Er erhält bei der Firma Shell eine Anstellung als Wachmann im Bürogebäude der City Nord. Damit verbessert sich sein sozialer Status grundlegend. Er hat jetzt Geld, ein geregeltes Leben und eine Uniform, mit der er angeben kann. Fritz reduziert seinen Alkoholkonsum daher drastisch, um die Anforderungen, die an ihn gestellt werden, auch erfüllen zu können. Er gewöhnt sich an das normale Leben eines Arbeitnehmers und tut Dinge, die er davor nie getan hatte. So nimmt er zum Beispiel an einer Hafenrundfahrt teil und besucht Hagenbecks Tierpark. Während seiner Arbeit verliebt er sich in die verheiratete Putzfrau Helga Denningsen. Er lernt auch ihren Mann Erich kennen und die Drei feiern im Shell-Bürogebäude am Kapstadtring einen feuchtfröhlichen Geburtstag. Fritz, der sich nicht mehr an seine Vorsätze halten kann, ist völlig betrunken und erzählt Episoden aus seiner Lebensgeschichte. Von seiner Flucht 1952 aus der DDR oder wie er im Westen in Hamburg-Billwerder eine Anstellung auf dem Hof des Bauern Frerk findet. Der Landwirt quält und misshandelt den Flüchtling. Eines Tages hält es Fritz nicht mehr aus und er flieht mit Frerks Fahrrad. Der Bauer erwischt ihn mit seinem Traktor und verletzt ihn schwer. Hilflos überlässt er Fritz im Straßengraben seinem Schicksal. Fritz wird gefunden und überlebt im Krankenhaus. Sein Gesicht, seine Nase und seine Zähne werden jedoch für immer deformiert bleiben. Fritz beginnt eine starke Eifersucht auf Erich Denningsen zu entwickeln, da er Helga für sich ganz allein beansprucht. Seine Hassgefühle entwickeln sich sogar bis zu Mordphantasien gegenüber seinem Nebenbuhler. Fritz ist wieder einmal stark betrunken und wird Helga gegenüber zudringlich. Doch sie kann sich noch im letzten Moment von ihm befreien.

Nach Helgas Zurückweisung verfällt Honka sofort wieder in alte Verhaltensmuster. Er trinkt wieder täglich und unkontrolliert. Dabei überschreitet sein Hass auf Frauen[9] alle Grenzen.

In Kapitel 3 ist Honkas Leben wieder einmal am Tiefpunkt angekommen. Er gibt eines Großteils seines Lohns für Alkohol und Prostituierte aus. Außerdem nehmen seine Gewaltphantasien bedrohliche Ausmaße an. Er erinnert sich wieder an traumatische Ereignisse kurz nach seiner Flucht in die BRD. Wie er in einem Obdachlosenasyl dazu gezwungen wurde, so lange Wermut zu trinken, bis er davon abhängig wurde und wie er von einem Mann vergewaltigt wurde. Honka will Rache nehmen, für all das, was man ihm angetan hatte. Seine Einsamkeit in der Zeißstraße verbringt er mit einer Plastikpuppe. Im „Goldenen Handschuh“ macht er gelegentlich neue Frauenbekanntschaften. Die einzigen Frauen, die sich mit ihm noch abgeben, sind alte und verwahrloste Prostituierte, die für Alkohol bereit sind, mit ihm Sex zu haben. Der „Goldenen Handschuh“ ist erneut Schauplatz menschlicher Dramen und beschleunigt Honkas Abwärtsstrudel. Eine Frau stirbt auf der Toilette und im Gastraum kommt es wieder einmal zu einer brutalen Schlägerei. „Gewalt ist wie ein Brand, denkt Fiete, du kannst ihn nicht bändigen, wenn er ausgebrochen ist“.[10] Honka nimmt Inge und Herta mit nach Hause, um ihnen Gewalt anzutun und sie mit Gegenständen wie Kochlöffeln, Knackwürsten und Bananen zu penetrieren. Nachdem die Frauen seine Wohnung betreten, beschweren sie sich über den unerträglichen Gestank. In Wahrheit kommt der Leichengeruch vom Holzverschlag in seiner übermäßig beheizten Wohnung, hinter dem er menschliche Gliedmaßen früherer Taten aufbewahrt. Honka beruhigt sie mit der Erklärung, dass unter ihm griechische Gastarbeiter wohnen, die fremdartige Gerichte, wie stark knoblauchgewürztes Hammelfleisch, kochen. Herta kann ihm entkommen und flieht durch das Toilettenfenster. Das Schicksal Inges ist nicht bekannt.

Honka nimmt abermals eine alkoholkranke Frau, Anna, mit nach Hause. Sie weiß, dass sie sterben muss und trinkt pausenlos, so dass sie ins Delirium abgleitet. Fritz will ihrem erbärmlichen Dahinvegetieren ein Ende setzen und erwürgt die Frau. Frieda und Ruth werden seine letzten Opfer, die in seiner Wohnung sterben müssen.

Im Postskriptum wird in Originalzitaten vom Wohnungsbrand und von der Entdeckung der Leichen am 17. Juli 1975 in der Zeißstraße Nr. 74 berichtet, unter verminderter Schuldfähigkeit die Urteilsverkündung am 20. Dezember 1976 vor dem Hamburger Landgericht, seine letzten Jahre unter dem Namen Peter Jensen in einem Alten- und Pflegeheim in Scharbeutz an der Ostsee und schließlich die Todesnachricht des Fritz Honka nach einer Herz-Lungen-Erkrankung am 19. Oktober 1998.

Schauplatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Titelgebender Schauplatz des Romans ist die Hamburger Traditionskneipe Zum Goldenen Handschuh auf dem Hamburger Berg Nr. 2 in Hamburg-St. Pauli, die im Jahr 1962 vom Profiboxer Herbert Nürnberg gegründet wurde. Gegenüber vom „Goldenen Handschuh“ befindet sich das Lokal „Elbschlosskeller“, welches von Honka ebenfalls frequentiert wurde. Nürnbergs Kneipe hat ganzjährig und nahezu rund um die Uhr geöffnet und sein Publikum kommt überwiegend aus dem Bereich der Randständigen der Gesellschaft („Laufsteg der Entstellten“[9]). Der „Goldene Handschuh“ bietet ein spezielles Soziotop aus „Originalen“ vom Kiez, Rockern, Hafenarbeitern und Schauerleuten, alternden Prostituierten und Gewohnheitstrinkern.

„Manche sitzen zwanzig, dreißig Stunden hier. Einmal hing einer zwei Tage und zwei Nächte bewegungslos auf seinem Hocker, der war schon tot, wegen des Schichtwechsels hat aber keiner was gemerkt. Gesunder Schlaf dachten die Leute. In der dritten Nacht war jemand gestürzt und hatte im Fallen den Toten mitgerissen, sonst wäre es wohl erst aufgefallen, wenn ihn die Ratten angenagt hätten.“

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh, Rowohlt-Verlag, 2016, S. 17

Recherchearbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Strunk erhielt im Hamburger Staatsarchiv Einsicht in die Prozessakte Honka, welche der Öffentlichkeit bislang verschlossen war.[2] Nach Angaben des Autors hat die Entstehung der ersten Fassung von insgesamt 18 Fassungen ein halbes Jahr in Anspruch genommen. Das Lektorat dauerte noch einmal ein Jahr. Dabei wurde das Volumen des Manuskriptes von 600 auf 250 Seiten verdichtet.[11]

Charaktere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fritz „Fiete“ Honka: Hilfsarbeiter und später Wachmann, tragische Hauptfigur
  • „Siggi“ Honka: sein einziger in Hamburg lebender Bruder, kümmert sich um Fritz
  • Gerda Voss: Gelegenheitsprostituierte, lebt eine Zeitlang mit Honka zusammen und verschwindet schließlich spurlos[12]
  • Gertraud B. (48): Gelegenheitsprostituierte, Honkas erstes Mordopfer
  • Anna B.: Gelegenheitsprostituierte, Honkas zweites Mordopfer
  • Frieda R.: Gelegenheitsprostituierte, Honkas drittes Mordopfer
  • Ruth S.: Gelegenheitsprostituierte, Honkas viertes Mordopfer
  • Herbert Nürnberg: ehemaliger Profiboxer und Wirt im „Goldenen Handschuh“
  • Anus“ alias Arno: Tresenbedienung im „Goldenen Handschuh“
  • Helmut Berger alias „Leiche“, die „Schimmligen“, die „Säberalmas“, „Soldaten-Norbert“, „Doornkaat-Willy“, „Fanta-Rolf“, „Taxi-Dieter“, „Tampon-Günther“, Gisela von der Heilsarmee: Stammgäste im „Goldenen Handschuh“
  • Helga Denningsen: Putzfrau und Arbeitskollegin, Fritz' Objekt der Begierde
  • WH1: Wilhelm Heinrich von Dohren, Patriarch einer hanseatischen Reederfamilie
  • WH2: Wilhelm Heinrich von Dohren, sein beziehungsgestörter Sohn, WH 1 ist randvoll mit Hass, und zwar bis obenhin, mehr geht nicht.[9]
  • WH3: Wilhelm Heinrich von Dohren (17), sein pubertierender Enkel
  • Margit von Dohren: Ehefrau von WH2
  • Karl von Lützow: Bruder von Margit von Dohren, Inhaber einer Anwaltskanzlei, leidet unter Satyriasis
  • Petra Schulz: Mitschülerin von WH3, WH3s Objekt der Begierde

Die Figuren in Strunks Roman zeichnen sich durch Alkoholismus, mangelnde Bildung und fehlenden Respekt gegen sich und andere aus.[13] Ihre Hauptfixierung ist auf „unpersönlichen Geschlechtsverkehr“[13] ausgerichtet. Für den kleinwüchsigen und durch Misshandlungen entstellten Honka[13] war es von großer Bedeutung, sich die Frauen auszusuchen, die aufgrund ihrer prekären finanziellen Situation, fortgeschrittenem Alkoholismus und mangelnder Körperhygiene noch weit unter ihm standen, um ein Überlegenheitsgefühl[13] zu empfinden. Parallel dazu steht die Geschichte der Familie von Dohren, gewissermaßen als Kontrastpunkt seines „Sozialpanoramas der 1970er Jahre“[13]. Moralisch gesehen, stehen sie genauso weit unten da, wie die gescheiterten Existenzen vom Hamburger Berg. Der Geldadel hat ganz ähnliche Probleme mit Sex und Alkoholkonsum. Allerdings auf einem anderen Niveau. Nach Aussage von Strunk im Tagesspiegel, wäre eine nur auf die Figur des Fritz Honka konzentrierte Geschichte, „des Schlechten zu viel gewesen“.[14] Honka, WH3 und Karl von Lützow sind drei Männerschicksale, drei Verlierer und drei tickende Zeitbomben in der Erzählung.[15]

Sprachstil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Drei Uhr morgens an einem eisigen Tag im Februar 1974, der kleine, schiefe Mann mit dem eingedrückten Gesicht und den riesigen Händen sitzt seit zwölf Stunden auf seinem Stammplatz an der kurzen Seite des L-förmigen Tresens und redet auf den Nebenmann ein: «Ich kannte da ma eine, die hab ich geliebt. Irgendwann war sie weg. Das ganze parfümierte Fleisch, da denk ich noch mein Leben dran. Der Leberfleck und alles … aber wenn die ein so sieht wie jetzt grad, so tief kann eine ja nich sinken, dass ihr das egal ist …».“

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh, Rowohlt-Verlag, 2016, S. 15

Strunks Buch bedient sich häufig derbster Gossenausdrücke wie „Bitte wässern Sie Ihren Aal nicht in der Dame“[9], „Ich könnte Fotzen fressen wie Kartoffelsalat. Ich werde den Sack erst auswringen und dann reinstopfen. […] Ich werde ihr in den Arsch pissen. Den vorderen Teil kannst du haben“.[16], dem originalgetreuen Wortschatz der damaligen Zeit, wie zum Beispiel Ausdrücke wie „nicht ganz schussecht“, „Thööölke!“[17] oder „Braunschen Röhre“ für Cola[4] beziehungsweise komplett neuen Wortschöpfungen über den Alkoholkonsum in verschiedenen Stufen wie „Schmiersuff“, „Vernichtungstrinken“, „Verblendschnäpse“, oder „Stützbier“.[2]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Der goldene Handschuh“ hat überwiegend positive Kritiken erhalten. Der Roman, welcher tragikomische Züge enthält[9] und die expliziten Tötungsakte[9] nach einer ausgiebigen Schilderung des Verlierens, des Hässlichen und der Selbstdemütigung erst gegen Ende der Geschichte erzählt, will mehr als nur eine „Freakshow“ sein. „So lässt Strunk nach der Vorstellung des Randpersonals seinen Erzähler selbst vom Tresen des Handschuhs aufstehen und ins Zentrum der Geschichte wandern“.[2] Er habe es meisterhaft verstanden, eine Geschichte in einem schwierigen Milieu wie St. Pauli anzusiedeln, ohne dabei in Sozialkitsch abzurutschen.[18] Einprägsam sei vor allem die „verstörend, mitfühlende Sprache“, der Strunk sich bediene.[2] Zu seinen Hauptaussagen gehöre, dass „Verkommenheit keine Frage des sozialen Status“ sei,[2] sondern dass sie nicht nur in der Unterschicht ansässig ist, sondern in anderer Erscheinungsform auch bei den Eliten, die hier von der Familie von Dohren verkörpert werden, auftrete. Ein Alleinstellungsmerkmal der Figuren Strunks in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sei ihr Selbsthass.[9] „Verlangen sei ein Feuer des Bösen“[4], so heißt es in Strunks Roman als Weltbild und dies gelte sowohl für das armselige Leben des Hilfsarbeiters Honka wie auch für die noble Familie der von Dohren.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Textausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heinz Strunk: „Der goldene Handschuh“, Druckfrisch, Neue Bücher mit Denis Scheck, Das Erste. 3. April 2016
  2. a b c d e f g h Eine Zumutung – aber eine dringend nötige, Spiegel Online Kultur, 26. Februar 2016.
  3. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/der-goldene-handschuh-wilhelm-raabe-preis-fuer-heinz-strunk-a-1113243.html.
  4. a b c d e Neuer Solange es solche Menschen gibt, Frankfurter Allgemeine Feuilleton, 17. Februar 2016.
  5. Wenn man Heinz Strunk beim Sichärgern zuschaut, Die Welt, 20. Februar 2016.
  6. Im schwarzen Loch menschlichen Elends, Süddeutsche Zeitung, 25. Februar 2016.
  7. damaliges Arbeiterviertel, Stadtteil im Bezirk Altona
  8. Heinz Strunk: Der goldene Handschuh, Rowohlt-Verlag, 2016, S. 87
  9. a b c d e f g h „Der goldene Handschuh“: Es war einmal Fritz Honka, Hamburger Abendblatt, 25. Februar 2016
  10. Heinz Strunk: Der goldene Handschuh, Rowohlt-Verlag, 2016, S. 197
  11. Wenn man Heinz Strunk beim Sichärgern zuschaut, Die Welt, 20. Februar 2016
  12. Buch über Serienmörder Fritz Honka „Für ihn gab es keine Hoffnung“, Frankfurter Neue Presse, 26. Februar 2016
  13. a b c d e Exzess an „F“-Wörtern: Heinz Strunk über Fritz Honka, Hamburger Abendblatt, 24. Februar 2016
  14. Schmiersuff, Druckbetankung, Vernichtungstrinken. Neuer Roman von Heinz Strunk Honka und der Handschuh. Der Tagesspiegel, 25. Februar 2016
  15. Buchrevier, Die Poesie des kleinen Mannes, 26. März 2016
  16. Soldaten-Norbert im Gespräch mit WH3 an der Theke des „Goldenen Handschuh“. Heinz Strunk: Der goldene Handschuh, Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2016, S. 175
  17. aus der ZDF-Quizsendung Der Große Preis mit Wim Thoelke, „Wum & Wendolin“
  18. Heinz Strunk: „Der Schmiersuff ist das Schrecklichste“, Zeit-Online, 3. März 2016
  19. Heinz Strunk: Der goldene Handschuh
  20. https://www.rowohlt.de/news/heinz-strunk-auf-der-shortlist-hubert-fichte-preis-2016.html
  21. Festeinband, kein Taschenbuch