Digitalität

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Der Begriff Digitalität ist eine Wortschöpfung aus Digital und Materialität/Realität. Digitalität wurde in geisteswissenschaftlichen Kontexten entwickelt und geht vor allem auf die Arbeiten von Manuel Castells zurück.[1] Digitalität meint vornehmlich die Vernetzung von "digitalen" und "analogen" Wirklichkeiten. Das Verständnis von Analog und Digital wird dabei ausdifferenziert. „Analog“ wird hier genutzt als Statthalter für Begriffe wie „offline“ oder „Realität“ aber auch als Synonym für „das Alte“ (was vom Digitalen verstanden als „das Neue“ abgelöst wird). Es geht darum klarzustellen, dass Digitalität als digital-analoge Vernetzung verstanden, mehr meint als nur technische Entwicklung und auch keine Abgrenzung im Sinne der Verdrängung „alter“ Techniken durch „neue“, im Sinne von „digitaler“, Technik. Wenn Probleme, Gefahren und Risiken technischer Entwicklungen (als Digitale Disruption, Transformation etc) beschrieben werden, bietet die Perspektive von Digitalität mit der Suche nach digital-analoger Balance einen Ausweg.

Damit eröffnet Digitalität im Gegensatz zu Digitalisierung (siehe auch digitale Transformation) eine nicht technikfixierte Perspektive auf Veränderungsprozesse des 21. Jahrhunderts. Somit werden Aspekte des "Sozialen" in den Veränderungs-Diskurs getragen, der Lebenswelten (und damit Arbeits-, Bildungs- und Freizeitwelt) und Handlungssysteme (Politik, Wirtschaft, Gesellschaft) beeinflusst.

Digitalität im englischsprachigen Raum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das englische Pendant „digitality“ meint „the quality of being digital“.[2][3]

Es sind damit also die Bedingungen gemeint, unter denen der Mensch in einer digitalen Kultur lebt, und leitet sich von Nicholas Negropontes Buch Being Digital ab. In Analogie zur Begrifflichkeit wie modernity (Moderne) und post-modernity (Post-Moderne).

In diesem Verständnis entwickelt sich im Zuge der digitalen Veränderungen eine neue Form von Kultur.

Digitalität im deutschsprachigen Raum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Digitalität als Technik – Technologieverständnis in den Geisteswissenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Digitalität wird unter technischen Gesichtspunkten verstanden als „Darstellung von Information durch Zeichenfolgen, wobei die benutzten Zeichen aus einem vereinbarten Zeichenvorrat stammen. Eine besondere Form der digitalen Darstellung ist die binäre Darstellung von Information, bei welcher der benutzte Zeichenvorrat nur zwei Zeichen umfasst, meist als 0 und 1 dargestellt (Bit)“. Diese Definition findet sich auf der Webseite des Wirtschaftslexikons24.

Digitalität ist demnach meist an die elektronische Übertragbarkeit von Signalen gekoppelt und basiert auf Code.[4] In diesem Sinne wird auch von Heilmann Digitalität „als eine historisch verortbare, technische Implementierung des allgemeinen Prinzips der Taktilität [nach McLuhan] verstanden. (…) (A)ls apparative Positivierung der paradigmatisch-syntagmatischen Logik des Symbolischen ist Digitalität eine Technik der Artikulation.“[5] Eine andere Perspektive bezeichnet „Digitalität (...), als ein Medium“ im Sinne von Niklas Luhmann.[6]

Dieses sehr technische Verständnis von Digitalität wird insbesondere in den Geisteswissenschaften in verschiedenen Kontexten aufgegriffen.

Bittner untersucht in seinem Buch „Digitalität, Sprache, Kommunikation“[7] aus sprachwissenschaftlicher Perspektive das Verhältnis von Sprache, Kommunikation und den digitalen Medien. Dieses Verständnis von Digitalität ist von einer Trennung von digital und analog geprägt.[8]

Eine ähnliche Sichtweise verfolgt die DFG-geförderte Symposienreihe „Digitalität in den Geisteswissenschaften“.[9][10]

Ihren Ansatz formuliert die Reihe wie folgt: „Die Verwendung digitaler Verfahren und Technologien in der geisteswissenschaftlichen Forschungspraxis nimmt zu. Eine umfassende Reflexion dieses Prozesses ist nötig und sie steht noch aus. Es ist anzunehmen, dass Digitalität die Untersuchungsgegenstände in den Geisteswissenschaften, ihre Epistemologien und die Prämissen ihrer Erkenntnisansprüche, das disziplinäre Selbstverständnis der geisteswissenschaftlichen Fächer, wie auch deren Forschungspraktiken verändert.“[9]

Auch hier ist der Digitalitäts-Begriff gekennzeichnet durch eine Abgrenzung analog und digital: "Während die Arbeit am und mit dem Digitalen von einem Teil der Forschungsgemeinschaft häufig als fruchtbar in Bezug auf neue Einsichten für viele Wissensbereiche in den Geisteswissenschaften gesehen und als Möglichkeit der Erneuerung (wenn nicht gar als einzige Überlebenschance) der klassischen Geisteswissenschaften ausgewiesen wird, stellen viele Forscher*innen auch skeptische Fragen. Legen sich die Geisteswissenschaften mit der Digitalisierung nur ein effizienteres Instrumentarium zu oder tauschen sie ihre epistemischen Ideale gegen jene aus den natur- und sozialwissenschaftlichen Fächern ein? Wie verändert sich das geisteswissenschaftliche Rollenverständnis unter den Vorzeichen von Open Access, interaktiver Textproduktion, Wikipedia und digitalen Archiven? Letztlich also: Wie verändert Digitalität unsere Forschung? Wie verändern digitale Technologien die geisteswissenschaftliche Forschung und ihre Gegenstände? Findet letztlich nur eine Erweiterung statt oder verändern sich die Geisteswissenschaften im Kern? Wie muss das Verhältnis digitaler Methoden zu den klassischen hermeneutischen Ansätzen gedacht werden? Welche Auswirkungen ergeben sich für den wissenschaftlichen Nachwuchs und dessen Förderung? Diesen und weiteren Fragen widmet sich die Symposienreihe „Digitalität in den Geisteswissenschaften“."[11][12]

Die digitale Forschungsinfrastruktur DARIAH-DE ist ein Anwendungsbeispiel wie Digitalität wissenschaftlich nutz- und greifbar gemacht werden soll.[13]

Ein weiteres Beispiel für dieses technische Verständnis von Digitalität als „digital humanities“ ist das Mainzer Zentrum für Digitalität in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Hier verbinden sich sechsMainzer Wissenschaftsorganisationen verbunden, um sich gemeinsam der Forschung und Vermittlung im Bereich der Digitalen Geistes- und Kulturwissenschaften (Digital Humanities) zu widmen.[14]

Kultur der Digitalität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Felix Stalder beschreibt aus einer vor allem kulturwissenschaftlichen Perspektive in seinem Buch "Kultur der Digitalität"[15] Digitalität als einen Dreiklang aus Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität.

„Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität sind die charakteristischen Formen der Kultur der Digitalität, in der sich immer mehr Menschen, auf immer mehr Feldern und mithilfe immer komplexerer Technologien an der Verhandlung von sozialer Bedeutung beteiligen (müssen). Sie reagieren so auf die Herausforderungen einer chaotischen, überbordenden Informationssphäre und tragen zu deren weiterer Ausbreitung bei. Dies bringt alte kulturelle Ordnungen zum Einsturz und Neue sind bereits deutlich auszumachen. Felix Stalder beleuchtet die historischen Wurzeln wie auch die politischen Konsequenzen dieser Entwicklung. Die Zukunft, so sein Fazit, ist offen. Unser Handeln bestimmt, ob wir in einer postdemokratischen Welt der Überwachung und der Wissensmonopole oder in einer Kultur der Commons und der Partizipation leben werden.“[16]

Stalder beschreibt Digitalität als

"jenes Set von Relationen,das heute Basis der Infrastruktur digitaler Netzwerke in Produktion, Nutzung und Transformation materieller und immaterieller Güter sowie in der Konstitution und Koordination persönlichen une kollektiven Handelns realisiert wird. Damit soll weniger die Dominant einer bestimmten Klasse technologischer Artefakte, etwa Computer, ins Zentrum gerückt werden, und noch viel weniger das "Digitale" vom "Analogen", das "Immaterielle" vom "Materiellen" abgegrenzt werden" [17]

Digitalität und nicht "Digitalisierung" - drei Prämissen von Digitalität[18][Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

André Schier betrachtet Digitalität von einer politikwissenschaftlichen Perspektive und verknüpft diesen mit medien-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Gesichtspunkten. Unter dem Titel: "Identitäten in Digitalität vom „digital lifestyle“ zu „design your life“. Generation und politische Kultur im Zeichen gewandelter Lebenswelten in Deutschland im Digitalitäts-Diskurs in Werbung" hat er Veränderungen im Diskurs über Digitalität und die Auswirkungen auf Identitäten in diesem Digitalitäts-Diskurs untersucht.

Die Vernetzung technisch-digital-virtueller mit organisch-analog-realen Lebenswelten steht im Zentrum der Idee, die hinter der Wortkreation Digitalität steckt.[19] Somit wird der Digitalitäts-Begriff darf nicht zu technisch gedacht werden. In diesem Verständnis von Digitalität ist das Internet auch kein Medium, sondern ein Ort. In diesem gehen Menschen sozialen Handlungen nach: „Ich bilde mich, ich arbeite, ich gehe einkaufen, ich treffe mich mit Freunden, ich entfalte meine künstlerisch-kreativen Fähigkeiten, ich nehme an einer Demonstration teil“ – digital wie analog.

In diesen digital-analogen Selbstverständlichkeiten ergeben sich folgende Prämissen:

Digitalitäts-Prämisse 1: Digital-analoge Vernetzung ist alltäglich geworden und führt zu neuen Unübersichtlichkeiten: Strukturen und soziale Zusammenhänge in Lebenswelt und Handlungssystem verflüchtigen sich und werden unklar.

Digitalitäts-Prämisse 2: Digital-analoge Vernetzung ist mehr als nur (technische) Mediennutzung und -handeln. Digitallität greift in die sozio-politischen Rahmenbedinungen von Handlungssystemen und Lebenswelt ein.

Digitalitäts-Prämisse 3: Digital-analoge Vernetzung verändert das Verständnis von Identitätsbildung. (Waren-)Ästhetische Logiken, die durch Medien und Werbung formatiert sind, bestimmen das Zurschaustellen und den "Kampf" um Aufmerksamkeit.

Unter dem Einfluss dieser digital-analogen Vernetzungsprozesse befinden sich Individuen und Kollektive zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einem Experimentierstadium und diskursiven Aushandlungsprozessen über den "richtigen" Umgang mit technischen Innovationen und digital-analogen Balance.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Manuel Castells: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft Das Informationszeitalter. Wirtschaft. Gesellschaft. Kultur. 2. Auflage. Band 1. Suhrkamp Verlag, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-658-11322-3.
  2. Definition | digitality defined. In: www.yourdictionary.com. Abgerufen am 22. September 2016.
  3. dictionary Digitality – definition and meaning
  4. Wann ist Digitalität? In: www.uebertext.org. Abgerufen am 22. September 2016.
  5. Aktuelles Heft | Zeitschrift für Medienwissenschaft. In: www.zfmedienwissenschaft.de. Abgerufen am 22. September 2016.
  6. Digitalität als Mythologem der Moderne / ePub | Ripperger & Kremers Verlag. In: verlag-ripperger-kremers.de. Abgerufen am 22. September 2016.
  7. Digitalität, Sprache, Kommunikation. Eine Untersuchung zur Medialität von digitalen Kommunikationsformen und Textsorten und deren varietätenlinguistischer Modellierung – LINSE – Linguistik-Server Essen. In: www.linse.uni-due.de. Abgerufen am 22. September 2016.
  8. Johannes Bittner: digitalitaet.net » Startseite. In: www.digitalitaet.net. Abgerufen am 22. September 2016.
  9. a b Home - Digitalität in den Geisteswissenschaften. In: Digitalität in den Geisteswissenschaften. Abgerufen am 22. September 2016.
  10. Hypotheses | Platform for academic blogs in the humanities and social sciences. In: hypotheses.org. Abgerufen am 22. September 2016.
  11. Digitalität - Digitalität in den Geisteswissenschaften. Abgerufen am 22. September 2016.
  12. Home. Abgerufen am 22. September 2016.
  13. DARIAH-DE – Digitalität in den Geistes- und Kulturwissenschaften: Sonderheft der Zeitschrift „Bibliothek – Forschung und Praxis“ | DHd-Blog. In: dhd-blog.org. Abgerufen am 22. September 2016.
  14. Zentrum für Digitalität : Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz. In: www.adwmainz.de. Abgerufen am 22. September 2016.
  15. Felix Stalder: Kultur der Digitalität. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.
  16. n.n. -- notes & nodes on society, technology and the space of the possible, by felix stalder. In: felix.openflows.com. Abgerufen am 22. September 2016.
  17. Felix Stalder: Kultur der Digitalität. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, S. 18.
  18. André Schier: Identitäten in Digitalität vom digital lifestyle zu design your life. Generation und politische Kultur im Zeichen gewandelter Lebenswelten in Deutschland im Digitalitäts-Diskurs in Werbung. Abgerufen im 6. April 2018.
  19. André Schier: Identitäten in Digitalität vom digital lifestyle zu design your life. Generation und politische Kultur im Zeichen gewandelter Lebenswelten in Deutschland im Digitalitäts-Diskurs in Werbung. André Schier, abgerufen im 22. September 2016.