Edith Cavell

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Edith Louisa Cavell ['kævl] (* 4. Dezember 1865 in Swardeston, einem Dorf bei Norwich, Vereinigtes Königreich; † 12. Oktober 1915 in Brüssel) war eine in Belgien seit längerem tätige englische Krankenschwester, die während der deutschen Besatzung Belgiens im Ersten Weltkrieg wegen Fluchthilfe für alliierte Soldaten nach einem Kriegsgerichtsurteil durch Erschießen hingerichtet wurde. Sie wird in England als Märtyrerin und Heldin verehrt.

Edith Cavell

Bildung und Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Edith Cavells Vater war Pfarrer in Swardeston. Ediths Mutter hieß Louisa Sophia. Cavell hatte 3 jüngere Geschwister. Sie besuchte die Grundschule In Swardeston. Weiterführende Schulen folgten in Norwiche und in Peterborough. Dort machte sie ein Ausbildung zur Lehrerin für untere Klassen. Dabei brachte sie es zu guten Kenntnissen der französische Sprache. 1890 nahm sie eine Stellung bei einer Familie als Gouvernante und Lehrerin für deren Kindern an. Dort blieb sie 5 Jahre. Sie lernte fließend französisch zu sprechen. Nach Groß-Britannien zurückgekehrt macht sie ab 1896 im „London Hospital“ eine Ausbildung zur Krankenschwester. 1898 beendete sie die Ausbildung und arbeitete an verschiedenen Krankenhäusern. 1903 wurde sie stellvertretende Oberin. 1907 fragte der führende Chirurg Belgiens, Antoine Depage, bei Cavell an, ob sie Oberin der in Gründung befindlichen Schwesternschule „L'École Belge d’Infirmières Diplômées“ (the Berkendael surgical institute) werden wolle. Depage beabsichtigte, mit dieser Schule in Belgien ein nichtkirchliches professionelles Krankenpflegesystem einzuführen, das auf den Ideen von Florence Nightingale basierte. Die Schule sollte ein Lehrkrankenhaus sein, in dem durch Depage und andere Ärzte auch operiert werden sollte. Cavell akzeptierte und zog im August 1907 nach Brüssel.[1]

Deutsche Besetzung Belgiens und Cavells Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, befand sich Cavell in Großbritannien. Sie schaffte es am Vortag der Invasion Belgiens durch Deutschland, am 3. August 1914, nach Brüssel zu ihrem Krankenhaus zurückzukehren. Am Abend dieses Tages erklärte das Vereinigte Königreich, das ein Verteidigungsbündnis mit Belgien hatte, Deutschland den Krieg. Das Krankenhaus wurde dem Belgischem Rotem Kreuz unterstellt, dessen Direktor Antoine Depage war. Das Krankenhaus sollte deutsche und alliierte Verletzte versorgen. Anfangs wurde auch Soldaten durchmarschierender deutscher Truppen medizinisch versorgt. Dann errichteten die Deutschen eigene Lazarette, in dem sie u.a. dafür Gebäude beschlagnahmten. Später lieh Cavell ihr Personal auch an andere Krankenhäuser aus. Das Hospital von Cavell blieb größtenteils ungenutzt. Die Abwehrmaßnahmen der Alliierten kamen für Belgien zu spät. Die alliierten Truppen wurden in Belgien geschlagen und mussten sich zurückziehen. Im Herbst 1914 war Cavell eine der ganz wenigen britischen Personen in der Stadt. Durch die Niederlage und den Rüclzug der französischen und britischen Truppen gelang es einer ganzen Anzahl von britische, französischen und niederländischen Soldaten nicht rechtzeitig aus Belgien fortzukommen. Das waren vor allem auch die Verwundeten, die nicht selbst gehen konnten und meist ihre Einheiten verloren hatten. Viele Belgier halfen diesen armen Menschen, obwohl der deutsche Militärgouverneur solche Hilfe auf Plakaten in der ganzen Stadt zur schweren Straftat erklärt hatte. Am 1. November 1914 brachte der belgischer Mineningenieur Herman Capiau zwei, als belgische Arbeiter getarnte, verwundete britische Soldaten zu Cavell. Er überbrachte die Bitte von Marie Depage, der Frau von Antoine, beide verwundete Männer zu pflegen. Cavell ließ beide Männer 18 Tage lang in ihrem Hospital behandeln und organisierte anschließend ihre Flucht ins neutrale Holland, von wo aus sie England reisen sollten. [2] Die Anfragen und Bitten um Hilfe häuften sich, so dass Cavell ihre Hilfe ausweitete und schließlich eine der Hauptorganisatoren für Fluchthilfe in Brüssel wurde.[3] Cavell war Teil eines spontan gebildeten Widerstandsnetzwerkes aus allen Bevölkerungsschichten geworden, die diesen versprengten und teilweise verwundeten Soldaten zur Flucht außer Landes verhalfen. Eng war Cavell mit dem adligen Diplomaten Réginald de Croÿ und seiner Schwester Marie verbunden, sowie Louise Thuliez und Philippe Baucq, einem Brüsseler Architekt und Verteiler der Untergrundblattes La Libre Belgique. Cavell beteiligte sich an dieser Hilfe von November 1914 bis zum Juli 1915. Mehr als 200 Männern war bereits die Flucht über die Grenze gelungen, als Cavell und andere der Gruppe am 5. August 1915 von Deutschen verhaftet wurden.[4]

Prozess und Hinrichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sie wurde gemeinsam mit 34 weiteren Personen wegen eines „Verbrechens zum Schaden für die deutschen Streitkräfte“ insbesondere der Verletzung des § 90 Absatz 1 Satz 3 des Reichsstrafgesetzbuches (RStGB) „Zuführung von Mannschaften an den Feind“ angeklagt und, trotz eines hervorragenden Plädoyers ihres Brüsseler Anwalts Sadi Kirschen[5], zum Tode verurteilt.[6] Das Todesurteil ist von Moritz von Bissing, dem deutschen Generalgouverneur in Belgien, unterzeichnet worden.

Eine Aussetzung des Urteils oder eine Begnadigung, für die sich der amerikanische und der spanische Botschafter einsetzten, wurde abgelehnt. Auch der Papst bemühte sich um eine Begnadigung. Am 12. Oktober 1915 wurde sie gemeinsam mit dem Belgier Philippe Baucq durch Erschießung hingerichtet. Gottfried Benn war bei dem Prozess und in seiner Funktion als Arzt bei der Hinrichtung anwesend.

In der Nacht vor der Exekution hatte Cavell mit dem anglikanischen Geistlichen Rev. Gahan gesprochen, dem es erlaubt worden war, sie zu besuchen. Ihm sagte sie in ihren letzte Stunden unter anderem folgendes:

„I am thankful to have had these ten weeks of quiet to get ready. Now I have had them and have been kindly treated here. I expected my sentence and I believe it was just. Standing as I do in view of God and Eternity, I realise that patriotism is not enough, I must have no hatred or bitterness towards anyone.“

laut Rev. Phillip McFadyen und Rev. David Chamberlin: Edith Cavell 1865-1915 – A Norfolk Heroine. 1985, 1997- 2015.[3])

Diese Worte stehen auf dem Denkmal auf dem Londoner St. Martin's Place in der Nähe des Trafalgar Square.

Cavells Hinrichtung als Thema in der Weltpresse und der Propaganda[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hinrichtung erregte weltweit Aufsehen und nahm die Weltöffentlichkeit zusätzlich gegen die Deutschen ein. Schon in der Anfangszeit des Krieges war diese durch Massaker an Menschen und Zerstörung von Orten, die durch die Propaganda im Ersten Weltkrieg unter dem Namen Rape of Belgium bekannt wurden, beeinflusst.[7] Edith Cavell wurde in Großbritannien als Märtyrerin angesehen. Die Krankenschwester „symbolisierte die Selbstlosigkeit einer Frau in den Kriegszeiten“ und die Briten konnten sich so mit den „Opfern der Invasion identifizieren.“[8] Die Hinrichtung Cavells und die anderen Grausamkeiten der Deutschen wie z.B. beim Massaker von Dinant wurden auch in der internationalen Presse ausgiebig abgehandelt. Die Deutschen, die mit einer öffentlichen Empörung nicht gerechnet hatten, waren nur schlecht in der Lage publizistisch gegenzusteuern. General Traugott von Sauberzweig, 1915 Generalgouverneur in Brüssel, kam im Zusammenhang mit der Hinrichtung zu einer für ihn unangenehmen Bekanntheit.[9] Er wurde aufgrund des Falls Cavell abgelöst.[10] Zu jenen, die unter seinem nun folgenden Zorn zu leiden hatten, befand sich auch Herbert Hoover mit seiner Kommission für das Belgische Hilfswerk, da Sauberzweig kurz davor stand, die Hilfeleistung dieser Organisation zu untersagen.[11]

Rückblickend wurde von deutscher Seite zugegeben, dass die Hinrichtung zwar rechtmäßig, aber ein schwerer politischer Fehler gewesen sei.[12] Der Rechtshistoriker Andreas Toppe führte im Jahr 2008 aus, dass die Verurteilung nach den Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung zweifelhaft war. Zwar seien ihre Handlungen gewiss strafwürdig gewesen, aber er wunderte sich, dass Cavell „ohne irgendeine Anführung einer Bestimmung des Strafgesetzbuches des Todes für würdig befunden wurde“. Auch sah der § 90 Absatz 3 RStGB als Höchststrafe lebenslanges Gefängnis und keine Todesstrafe vor, so dass seiner Ansicht nach mit diesem Todesurteil der „internationale Rechtsgrundsatz nullum crimen sine lege“ verletzt worden sei.[6] Die amerikanische Professorin für deutsche Geschichte an der Cornell University Isabel V. Hull hielt dagegen die Verurteilung zum Tode 2014 für „dumm aber nicht gesetzwidrig“.[13] Möglicherweise beeinflusste die internationale Kritik auch die Entscheidung von Bissings, am 5. April 1916 das Todesurteil gegen die französische Spionin Louise de Bettignies in eine lebenslängliche Freiheitsstrafe mit Zwangsarbeit umzuwandeln.[14] Im Januar 1916 ordnete Kaiser Wilhelm II. an, zukünftig die Todesstrafe gegenüber Frauen nicht ohne seine ausdrückliche Bestätigung zu vollstrecken.[15]

In einzelnen jüngeren britischen Büchern über Geheimdienste und in Zeitungsartikeln wird die These vertreten, Cavells Netzwerk von Helfern seien britische Spione gewesen.[16][17] Nach Angaben von Stella Rimington, der ehemaligen Direktorin des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5, informierten die geflüchteten Soldaten den britischen Geheimdienst über deutsche Graben-Stellungen, Munitionslager und Flugzeugpositionen. Entsprechende Mitteilungen wurden in der Kleidung eingenäht oder in Schuhen verborgen nach England übermittelt. Inwieweit dies mit Wissen Cavells geschah, ist nicht bekannt.[18]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1919 wurde Cavells Leichnam exhumiert und nach London überführt. In Anwesenheit von König Georg V. fand in der Westminster Abbey ein Gedenkgottesdienst statt, bevor der Leichnam mit einem Sonderzug nach Norwich überführt und dort außerhalb der Kathedrale beigesetzt wurde. Noch heute findet alljährlich ein Gottesdienst am Grab von Cavell statt.

  • London, Denkmal für Edith Cavell in der Nähe des Trafalgar Square
  • Gent, Gedenktafel für Edith Cavell in der Koningin Elisabethlaan, an dem Haus, in dem sie sich im April 1915 versteckt hielt (Englische Aufschrift: „Miss Edith Cavell, the glorious victim of German barbarity was secretly harboured in this house in April 1915“)

Nach Edith Cavell sind unter anderem benannt:

Verfilmungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Edith Cavell in der Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Fall Edith Cavell wird von Arnold Zweig in seinem Roman Junge Frau von 1914 erwähnt (Aufbau-Verlag, Berlin 1963. S. 195 ff.).
  • Edith Cavell findet auch Erwähnung bei Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen. Erster Teil: Bürger und Soldaten 1918. Fischer, Frankfurt am Main 2008, S. 261ff. ISBN 978-3-10-015554-2.
  • Thomas Mann schildert die Verhaftung und Hinrichtung in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen von 1917.
  • Gottfried Benn: Wie Miss Cavell erschossen wurde, in: Gesammelte Werke, Band IV. Wiesbaden 1961, S. 194–201
  • T. H. White erwähnt sie im 7. Kapitel seines Romans Das Buch Merlin und bezieht sich dabei auf ihre letzten Worte:

„If Miss Edith Cavell had been an ant, they would have had to write on her pedestal: Smell is not enough.“

„Wenn Miss Edith Cavell […] eine Ameise gewesen wäre, hätte man auf ihr Denkmal schreiben müssen: Geruch genügt nicht.“

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Edith Cavell – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Diana Souhami: Edith Cavell. Quercus, London 2010, ISBN 978-1-8491-6359-0. S. 99ff.
  2. Diana Souhami: Edith Cavell. Quercus, London 2010, S. 182ff.
  3. Diana Souhami: Edith Cavell. Quercus, London 2010, S. 185.
  4. Gerhard Hirschfeld (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Schöningh, Paderborn 2003, ISBN 3-506-73913-1, S. 408f.
  5. Antonius Lux (Hrsg.): Große Frauen der Weltgeschichte. Tausend Biographien in Wort und Bild. Sebastian Lux Verlag, München 1963, S. 101.
  6. a b Andreas Toppe: Militär und Kriegsvölkerrecht. Rechtsnorm, Fachdiskurs und Kriegspraxis in Deutschland 1899–1940. Oldenbourg Verlag, München 2007, ISBN 3486582062, S. 126f.
  7. Daniel-Marc Segesser: Recht oder Rache durch Recht? Die Ahndung von Kriegsverbrechen in der internationalen wissenschaftlichen Debatte 1872–1945. Schöningh Verlag, Paderborn 2010, ISBN 978-3-506-76399-0, S. 184.
  8. John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstrittene Wahrheit. Hamburg 2004, ISBN 3-930908-94-8, S.458.
  9. Gen. Sauberzweig Dead. Was Military Governor of Brussels When Edith Cavell Was Executed, The New York Times, 19. April 1920 [1]
  10. Cavell Case Causes Official's Removal, The New York Times, 2. November 1915 [2]en
  11. Herbert Hoover: Memoiren (Bd. 1). Jahre der Abenteuer 1874–1920, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1951
  12. Martin Schramm: Das Deutschlandbild in der britischen Presse 1912–1919. Akademie Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-05-004422-4, S. 392.
  13. Isabel V. Hull: A Scrap of Paper: Breaking and Making of International Law during the Great War. Cornell University Press, Ithaca 2014, ISBN 9780801452734, S. 104, 105
  14. Louise de Bettignies (französisch)
  15. Isabel V. Hull: A Scrap of Paper: Breaking and Making of International Law during the Great War S. 108, 109; Cornell University Press, Ithaca und London 2014, ISBN 978-0-8014-5273-4
  16. Nicholas Rankin: A genius for deception. How cunning helped the British win two world wars. Oxford University Press, London 2009, ISBN 019538704X, Kapitel 3
  17. Sherri Greene Ottis: Silent heroes. Downed airmen and the French underground. University Press of Kentucky, 2001, ISBN 0-8131-2186-8, S. 6.
  18. Anita Singh: Revealed: New evidence that executed wartime Nurse Edith Cavells Network was spying. The Daily Telegraph vom 12 September 2015.
    Richard Norton-Taylor: Edith Cavell, shot by Germans during WWI, celebrated 100 years on. The Guardian vom 12. Oktober 2015.