Gretel Bergmann

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Gretel Bergmann (später Margaret Bergmann-Lambert; * 12. April 1914 in Laupheim) ist eine ehemalige deutsche Leichtathletin jüdischer Herkunft. Kurz vor den Olympischen Sommerspielen 1936 stand sie als Hochspringerin in der deutschen Jahresbestenliste auf dem 2. Platz, wurde aber vom NS-Regime nicht für die Spiele nominiert, sondern aus augenscheinlich antisemitischen Gründen an der Teilnahme gehindert.[1] Seit 1942 ist sie amerikanische Staatsbürgerin. Sie hat mehrere deutsche, britische und amerikanische Leichtathletik-Titel inne.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenktafel im Haus Rudolstädter Straße 77, in Berlin-Wilmersdorf

Ihr Vater war ein Fabrikant aus der oberschwäbischen Kleinstadt Laupheim (Bergmann (Unternehmen)), sie wuchs in einer jüdischen Familie auf.[2] Gretel Bergmann begann ihre Karriere in ihrem Heimatort Laupheim. 1930 trat sie für den Ulmer Fußball-Verein 1894 (UFV) an und erreichte als 16-Jährige bei den Süddeutschen Meisterschaften im Hochsprung mit 1,47 m den 2. Platz.[3] Im folgenden Jahr stellte sie beim selben Wettbewerb mit einer übersprungenen Höhe von 1,51 m einen süddeutschen Rekord auf. Im April 1933 wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus ihrem Sportverein ausgeschlossen. Daraufhin verließ sie Deutschland und nahm am 30. Juni 1934 an den offenen britischen Meisterschaften teil. Dabei gewann sie den Hochsprung mit 1,55 m.[4]

Die Nationalsozialisten zwangen Gretel Bergmann danach zur Rückkehr und zum Training für die Olympischen Spiele in Berlin, indem sie ihrer in Deutschland verbliebenen Familie mit Repressalien drohten. Hintergrund war das Ziel der Nationalsozialisten, Deutschland als weltoffenes und tolerantes Land zu präsentieren. Entscheidend dürfte auch gewesen sein, dass die Amerikaner die Teilnahme deutscher Juden forderten, da sie andernfalls die Spiele boykottiert hätten.[5] Ohne geeignete Trainingsmöglichkeit sah ihre Lage in Wettkampfhinsicht aussichtslos aus, da es gleichwertige Traininingsmöglichkeiten für Juden im NS-Deutschland nicht mehr gab. Obwohl sie ins Olympia-Team sollte, durfte sie in keinem Verein starten[6]. Sie war stundenlang unterwegs um in Stuttgart auf einem Sportplatz zu üben. Schließlich nahm sie an der württembergischen Meisterschaft teil und gewann diese[7] Ende Juni 1936; dabei stellte sie den deutschen Rekord (1,60 m) ein.[8] Dieser Rekord wurde erst 2009 vom DLV offiziell anerkannt[9], allerdings war Bergmann gleich anschließend in der Tagespresse als Olympiahoffnung[10] sowie Mitfavoritin bei der Deutschen Meisterschaft hervorgehoben worden.[11]

Die Chance, ihre Leistung bei der DM am 12./13. Juli in Eichkamp bei Berlin zu bestätigen, erhielt sie jedoch nicht. In der Fachpresse fehlte ihr Name schon in der Vorschau.[12] Auch im Wettkampfbericht eine Woche später wurde auf Bergmanns Abwesenheit nicht eingegangen (es gewann Dora Ratjen vor Elfriede Kaun).[13]

Kurz vor Beginn der olympischen Wettkämpfe teilte ihr (G. B.) der Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten mit, sie werde nicht berücksichtigt, weil ihr Leistungsstand nicht ausreichend sei.[14] Nominiert wurden Ratjen und Kaun, die ebenfalls schon 1,60 m übersprungen hatten; der dritte Startplatz blieb unbesetzt. Um einen öffentlichen Skandal während der Olympischen Spiele zu verhindern, wurde ihr Heimtrainer für die Dauer der Spiele in „Schutzhaft“ genommen.[15]

Im folgenden Jahr war Bergmanns Leistung aus der Weltbestenliste in Deutschland bereits getilgt.[16] Sie wanderte in die Vereinigten Staaten aus. Mit Gelegenheitsarbeiten verdiente sie sich ihren Unterhalt. 1937 heiratete sie den aus Deutschland stammenden Arzt Bruno Lambert, der mit ihrer finanziellen Unterstützung aus Deutschland ausgewandert war. Mit ihm lebte sie über 75 Jahre zusammen, bis er im November 2013 im Alter von 103 Jahren starb. Er war auch Sportler, kam 1938 in die USA nach, aus seiner Familie überlebte niemand den Holocaust. Auch Bergmanns Familie blieb nicht von NS-Verfolgung unberührt. Ihr Vater hatte sechs Wochen in einem NS-Lager verbracht und litt sein Leben lang an den gesundheitlichen Folgeschäden.[17]

Margaret Bergmann-Lambert gewann auch in den USA die nationalen Meisterschaften im Hochsprung (1937, 1938) und im Kugelstoßen (1937). Mit dem Kriegsbeginn 1939 war ihre sportliche Karriere beendet und sie widmete sich ihrer Familie und der Kindererziehung.[18] 1942 nahm sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Sie lebt im Stadtteil Jamaica in New York.

Im Jahr 1980 wurde Margaret Bergmann-Lambert in die International Jewish Sports Hall of Fame[19] aufgenommen, 1995 erfolgte die Aufnahme in die US-amerikanische National Jewish Sports Hall of Fame and Museum.[20] 1999 erhielt sie den Georg von Opel-Preis, 2012 wurde sie in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen,[21] außerdem wurden Sportstätten in Berlin und Laupheim und eine Schule im Hamburger Stadtteil Neuallermöhe nach ihr benannt. 2014 erhielt sie die Staufermedaille in Gold und die Bürgermedaille der Stadt Laupheim. Im Olympiapark Berlin wurde im August 2014 der bislang unbenannte Weg an der ehemaligen Dienstvilla des Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten als „Gretel-Bergmann-Weg“ eingeweiht. Die französisch-deutsche Hochspringerin, Marie-Laurence Jungfleisch gratulierte im Namen des gesamten Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), am Tage ihrer erneuten Deutschen Hallen-Meisterschaft 2014, Bergmann zum 100. Geburtstag.[22]

Biografischer Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gretel-Bergmann-Stadion in Laupheim 2015

Im August 2008 wurde ihr Leben von der Gemini Film für das Kino verfilmt. Der Film lief am 10. September 2009 in den deutschen Kinos unter dem Titel Berlin 36 an. Die Regie führte Kaspar Heidelbach, die Rolle der Gretel Bergmann spielte Karoline Herfurth. Darin wird auch im Rahmen künstlerischer Freiheit unter anderem eine Beziehung zu einer „Marie Ketteler“ (reale Olympiateilnehmerin: Dora Ratjen) aus dem Olympiakader dargestellt, die nach den Unterlagen so nicht stattgefunden hat.[23] Im ARD-Dokudrama „Der Traum von Olympia – Die Nazispiele von 1936“ (2016) steht wiederum Gretel Bergmann im Mittelpunkt, diesmal dargestellt von Sandra von Ruffin.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gretel Bergmann: „Ich war die große jüdische Hoffnung.“ Erinnerungen einer außergewöhnlichen Sportlerin. Hrsg. v. Haus der Geschichte Baden-Württemberg. G. Braun Buchverlag, Karlsruhe 2003, ISBN 3-7650-9056-5.
  • Berno Bahro, Jutta Braun: Berlin ’36: Die unglaubliche Geschichte einer jüdischen Sportlerin im „Dritten Reich“. Berlin 2009, ISBN 978-3-86650-037-2.
  • Berno Bahro, Jutta Braun, Hans Joachim Teichler (Hrsg.): Vergessene Rekorde. Jüdische Leichtathletinnen vor und nach 1933. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2010, ISBN 978-3-86650-038-9.
  • Klaus Brinkbäumer: The German Mädel. In: Der Spiegel. Nr. 35, 2009, S. 112 (online).
  • Klaus Brinkbäumer: „Ich wollte zeigen, dass ein jüdisches Mädchen die Deutschen besiegen kann.“ auf: Spiegel online. 25. August 2009. (Interview)
  • Christian Frietsch: Hitlers Angst vor dem jüdischen Gold. Der Fall Bergmann, die verhinderte Olympiasiegerin. Nomos, Baden-Baden 2013, ISBN 978-3-8487-0349-4.
  • Gretel Bergmann. „Ich war die große jüdische Hoffnung“. Erinnerungen einer außergewöhnlichen Sportlerin. Hrsg. v. Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Übersetzt aus dem Englischen von Irmgard Hölscher. 392 S. mit 65 meist farbigen Abb., Broschur. 2. erweiterte Auflage Verlag Regionalkultur 2015 ISBN 978-3-89735-908-6

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Radio[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karin Sommer: Die gestohlene Medaille. Die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann und die Olympischen Spiele von 1936. Radiosendung vom 19. März 1994, Bayerischer Rundfunk
  • Natalja Kurz: Der Samstagabend aus dem Land: Deutschland verdient meinen Hass nicht mehr. Feature (59 min) vom 6. März 2004, Südwestrundfunk (SWR2)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jutta Braun: Gretel Bergmann. In: Berno Bahro, Jutta Braun, Hans Joachim Teichler (Hrsg.): Vergessene Rekorde – jüdische Athletinnen vor und nach 1933. vbb, Berlin 2009, S. 96.
  2. http://www.taz.de/!136631/
  3. Berliner Volkszeitung vom 22. Juli 1930, Seite 1
  4. Jutta Braun: Gretel Bergmann. In: Berno Bahro, Jutta Braun, Hans Joachim Teichler (Hrsg.): Vergessene Rekorde – jüdische Athletinnen vor und nach 1933. vbb, Berlin 2009, S. 92.
  5. Tagesschaubericht zur Rückkehr (Memento vom 26. August 2009 im Internet Archive)
  6. Zum Olympiakurs für Leichtathleten ab 12. Oktober 1934 seien „sechs Mitglieder des Sportbundes des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten einberufen“ worden, darunter Bergmann „von der Sportgruppe Laupheim“, so die Neue Freie Presse (Wien) am 19. Oktober 1934, Seite 10
  7. http://www.deutschlandfunk.de/juedische-olympia-hoffnung.1346.de.html?dram:article_id=195094
  8. Wiener Sport-Tagblatt vom 4. Juli 1936, Seite 6
  9. DLV erkennt Bergmann-Rekord nach 73 Jahren an. auf: Spiegel online. 23. November 2009.
  10. Ratjen sprang wieder 1,57 1/2 Meter hoch, wobei sie übertrumpft wurde von der Stuttgarterin Bergmann mit 1,60 Meter. Wenn es keine Eintagsleistung bleibt, ist hier knapp vor Toresschluss noch eine olympische Hoffnung auferstanden.“ Hamburger Anzeiger vom 7. Juli 1936, Seite 7, in einem Gesamt-Rückblick auf alle Gaumeisterschaften (Rathjen war Bremerin, startete nicht in Stuttgart)
  11. „Ratjen (Bremen), Bergmann (Stuttgart), Hagemann (Hamburg) und Kaun (Kiel) machen den Hochsprung unter sich aus“. Hamburger Anzeiger vom 10. Juli 1936, Seite 11
  12. Der Leichtathlet Nr. 27 vom 7. Juli 1936 nennt unter der Überschrift „Neue Meisterin erwartet“ die Namen von 11 Teilnehmerinnen (es waren dann 12), begründet Bergmanns Fehlen aber nicht.
  13. a.a.O., Nr. 28 vom 14. Juli 1936, Seite 23
  14. Jutta Braun: Gretel Bergmann. In: Berno Bahro, Jutta Braun, Hans Joachim Teichler (Hrsg.): Vergessene Rekorde – jüdische Athletinnen vor und nach 1933. vbb, Berlin 2009, S. 96.
  15. Arnd Krüger: Die Olympischen Spiele von 1936 und die Weltmeinung. Bartels & Wernitz, Berlin 1973, ISBN 3-87039-925-2.
  16. siehe Der Leichtathlet Nr. 8 vom 25. Februar 1937, Seite 5. Mit ihren 1,60 m hätte sie gemeinsam mit Kaun auf dem 2. Platz erscheinen müssen, ihr Name fehlt jedoch ganz.
  17. http://www.taz.de/!136631/
  18. http://www.fr-online.de/panorama/gretel-bergmann-die-versoehnliche,1472782,2843966.html
  19. Gretel Bergmann. in der International Jewish Sports Hall of Fame
  20. Margaret Lambert. in der National Jewish Sports Hall of Fame
  21. Hall of Fame: Die guten Geister. auf: faz.net, 29. Mai 2012.
  22. http://www.leichtathletik.de/tv/video-detail/video-detail/detail/marie-laurence-jungfleisch-gratuliert-gretel-bergmann/
  23. Stefan Berg: Olympia 1936. Spiegel-online-Artikel zum Film (Zitate: „Für Forscher und Journalisten, die dem Fall Bergmann und damit auch dem Fall Ratjen nachgegangen sind, ist die Geschichte, wie sie der Kinofilm jetzt aufbereitet hat, von den Fakten nicht gedeckt.“ Der Potsdamer Historiker Berno Bahro, der für das Buch zum Film verantwortlich ist, spricht von „deutlichen Abweichungen zwischen Realität und Darstellung.“)