Hessischer Kratzputz

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Hessischer Kratzputz ist die Bezeichnung für eine künstlerische, verzierende Verputztechnik, die vor allem in Teilen Hessens und angrenzenden Gebieten bekannt ist. Sie wurde dort für die bildmäßige Gestaltung der Gefache von Fachwerkhäusern verwendet. 2016 wurde der Hessische Kratzputz in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.[1]

Darstellung verschiedener Kratzputz-Techniken und eines Fachwerk-Lehmgefachs im Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Kratzputz steht neben der hier beschriebenen Kunstform auch für gewöhnliche, rau abgezogene Putzflächen. Wohl um diese Doppelbedeutung zu vermeiden, verwendet die UNESCO-Kommission den Begriff des Hessischen Kratzputzes.

Technik und Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der mit Kratzputz 1875 und 1909 geschmückte Schartenhof in Biedenkopf-Eckelshausen. Das Haus stammt aus dem 17. Jahrhundert.
Haus mit Kratzputz-Giebelseite in Cölbe bei Marburg

Ursprünglich bestanden die Ausfachungen von Fachwerkbauten aus einem Geflecht dünner Hölzer (Flechtwerkwand), die beiderseits mit Lehm, dem zur Vermeidung von Rissen etwas Stroh zugesetzt wurde, beworfen wurden. Um die Beständigkeit gegenüber Witterungseinflüssen zu erhöhen, wurde darauf eine Kalkputzschicht von 1,5 bis 2 cm Stärke aufgetragen. Der Oberputz wurde dann mit unterschiedlichen Werkzeugen aufgekratzt und dabei Motive eingearbeitet.

Zu den umgebenden Hölzern hin wurde in der Regel ein Streifen des noch feuchten Putzes glatt gestrichen und angedrückt, um die Dichtigkeit zum Holz hin zu erhöhen und gleichzeitig einen umlaufenden Rand auszubilden, der die ornamentierte Fläche umrahmt.

Zur Herstellung wurden verschiedene Werkzeuge benutzt: Schaber, Messer, Stempel oder Nagelbretter. In einem zweiten Arbeitsgang wurden die ausgekratzten, tiefer liegenden Flächen mit Kalkfarbe (heute oft Silikatfarbe) ausgemalt. Als man später dazu überging, die Gefache mit Ziegelsteinen auszumauern, wurde statt dem Lehmputz meist auch der Unterputz mit Kalk angemischt. Der gelegentlich verwendete Kalkzementputz besitzt eine höhere Festigkeit, bindet aber häufig zu schnell ab und kann aufgrund der geringen Wasseraufnahmefähigkeit und Elastizität die angrenzenden Fachwerkhölzer schädigen, insbesondere an der Wetterseite.

Die Technik ähnelt dem Sgraffito. Im Unterschied zu diesem ist der verwendete Putz jedoch nicht durchgefärbt. Farblich abgesetzt wird die Struktur stattdessen durch einen gesonderten Farbauftrag. Außerdem wird hier die obere Putzschicht nicht unbedingt ganz durchstoßen, denn es kommt nicht darauf an, die dahinter liegende Schicht sichtbar zu machen.

Es gibt erhaltene und datierte Beispiele des Hessischen Kratzputzes aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Bildsprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bildsprache des Hessischen Kratzputzes ist meist ornamental, es kommen aber auch bildhafte Blumenmotive oder Figuren vor. Manchmal werden Schutzsymbole gezeigt. In der Regel haben die Bilder in den Gefachen keinen besonderen Bezug zueinander, jedes Gefach trägt sein individuelles Bild. Lediglich Darstellungen der vier Jahreszeiten trifft man da und dort an. Musterbücher wurden üblicherweise nicht verwendet. Es gibt im Verbreitungsgebiet etliche Häuser, bei denen jedes einzelne Gefach mit Hessischem Kratzputz versehen ist.

Es gibt Beispiele, bei denen Hessischer Kratzputz einem Grisaille ähnlich sieht – wenn als Farbe z. B. Grau verwendet wurde.

Verbreitungsgebiet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Solcherart verzierte Fachwerkhäuser sind in Hessen vor allem in der Schwalm, im Marburger Land und im Hessischen Hinterland, aber auch in Franken und Thüringen anzutreffen. Zahlreiche besonders schöne Beispiele finden sich im heutigen Landkreis Marburg-Biedenkopf, u. a. in Dautphetal-Holzhausen.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Hessischer Kratzputz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Deutsche UNESCO-Kommission: Hessischer Kratzputz, abgerufen am 6. Februar 2017