Ignaz von Döllinger

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Theologen. Für den Mediziner, siehe Ignaz Döllinger.
Ignaz Joseph Döllinger, ca. 1860
Ignaz von Döllinger, Porträt von Franz von Lenbach
Grab von Ignaz von Döllinger auf dem Alten Südlichen Friedhof in München. Die Büste, die in das Grabmal integriert ist stammt von Adolf von Hildebrand.

Johann Joseph Ignaz, seit 1868 Ritter von Döllinger (* 28. Februar 1799 in Bamberg; † 10. Januar 1890 in München), war ein deutscher katholischer Theologe und Kirchenhistoriker, sowie einer der geistigen Väter der altkatholischen Kirche.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Döllingers Vater war der Mediziner Professor Ignaz Döllinger. Im Jahre 1822 wurde Döllinger zum Priester geweiht, 1826 von König Ludwig I. von Bayern an die Universität München berufen. Dort trat er zunächst als entschiedener Gegner des Protestantismus und der Aufklärung hervor. Schon früh machte er sich als Kirchenhistoriker einen Namen und schuf mit seiner zweibändigen Geschichte der christlichen Kirche (1833/36)[1] und seinem Lehrbuch der Kirchengeschichte (1836/38)[2] auf Jahrzehnte hinaus Standardwerke der katholischen Kirchengeschichtsschreibung in Deutschland und Österreich. 1837–1847 war er neben seiner Professur für Kirchengeschichte und Kirchenrecht als Oberbibliothekar (d. h. Direktor) der Universitätsbibliothek München tätig. 1847 wurde er für zwei Jahre strafversetzt, weil er in die Proteste katholischer Studenten gegen die Affäre des Königs mit Lola Montez verwickelt war.[3]

Politischer Ziehvater Döllingers wurde der ehemalige Jakobiner Josef von Görres, dessen Kreis er sich anschloss. 1848 wurde er in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Ende desselben Jahres stellte er der Bischofskonferenz sein Konzept einer deutschen Nationalkirche vor, die einen eigenen Primas und eine gewisse Autonomie haben sollte. In Rom wurde ihm daher fälschlicherweise unterstellt, er folge dem „Geist der Neuerungen, der Demokratie und der allgemeinen Revolution“. Zusammen mit Theodor zu Stolberg war er 1849 führend an der Gründung des als Missionswerk für Deutschland konzipierten Bonifatiusvereins beteiligt.

Zu Döllingers Schülern gehörten unter anderem Wilhelm von Ketteler und der Kölner Sozialreformer Adolph Kolping, der nach seinem Studium in München (1840–1842) den Rest seines Lebens in Briefkontakt zu Döllinger stand; ferner der spätere Professor und Ehrendoktor der altkatholischen Fakultät in Bern Franz Hirschwälder.

Vor und während des Ersten Vatikanums war Döllinger einer der katholischen Hauptgegner und schärfsten deutschsprachigen Agitatoren gegen die von Pius IX. durchgesetzten Papstdogmen. Entscheidend für seinen Widerstand war das Dogma der Unfehlbarkeit des Papsttums, das Döllinger aus historisch-theologischen Gründen strikt ablehnte. Außerdem setzte er sich weiter für die Trennung von Staat und Kirche ein.

Eine jahrzehntelange Freundschaft verband Ignaz Döllinger mit seinem Lieblingsschüler Lord Acton (1834–1902), einem englischen Historiker und liberalen Katholiken. Durch ihn war er über das Erste Vatikanum bestens informiert und versuchte durch Aufsehen erregend scharfe Kommentare in der Augsburger Allgemeinen Zeitung die Proklamation der Dogmen der päpstlichen Unfehlbarkeit und des päpstlichen Jurisdiktionsprimats zu verhindern.

Obwohl Döllingers Aktivitäten im Kreis der Unfehlbarkeitskritiker zusammen mit Johann Friedrich von Schulte, Franz Heinrich Reusch und dem späteren Bischof Joseph Hubert Reinkens den Anstoß zur Gründung der Altkatholischen Kirche in Deutschland gegeben hatten, wehrte er sich lange gegen das Schisma mit Rom, wofür besonders Schulte ihn kritisierte. Seine scharfen Attacken gegen das Unfehlbarkeitsdogma beendete Döllinger aber auch nach dem Konzil nicht, worauf der Erzbischof von München und Freising, Gregor von Scherr, noch im Jahre 1871 mit der Verhängung der Exkommunikation reagierte. An das mit der Exkommunikation durch die offizielle Kirchenleitung verbundene Verbot der Ausübung des priesterlichen Dienstes hat sich Döllinger zeitlebens gehalten, obwohl er die Kirchenstrafe als ungerecht empfand.[4] Damit war die akademische Karriere des 72-Jährigen jedoch keineswegs beendet: 1872 wurde er Rektor der Universität München, und 1873 berief ihn König Ludwig II. von Bayern auf das Präsidium der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Als sich im Gefolge des Berliner Antisemitismusstreits 1880/81 in ganz Deutschland rasant eine aggressive, antijüdische Stimmung ausbreitete, deren Kerngedanke die Vorstellung war, Juden seien ein in Deutschland nicht integrierbarer Fremdkörper, hielt Döllinger am 25. Juli 1881 anlässlich einer Festsitzung der Münchner Akademie zum Geburtstag König Ludwig II. von Bayern eine viel beachtete Rede, in der er zunächst die Geschichte der Juden in Europa rekapitulierte, die er im Wesentlichen als eine Geschichte aufeinander folgender Verfolgungen zeichnete, und anschließend die Verwurzelung der deutschen Juden in der abendländischen Kultur unterstrich und auf die generell sehr starke deutsche Prägung jüdischen Denkens hinwies: Heute sei „Deutschland der Träger und Nährvater des geistigen Lebens im Judenthum“. Seine Einlassung gipfelte in dem Appell, Hass und Verachtung gegenüber anderen Völkern aus dem politischen Denken zu verbannen.[5]

Die Grabstätte von Ignaz von Döllinger befindet sich auf dem Alten Südlichen Friedhof in München (Mauer Links Platz 241 bei Gräberfeld 11) Standort

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ignaz von Döllinger wird von der altkatholischen Kirche als ihr geistiger Vater betrachtet. Das spannungsreiche Verhältnis Döllingers zu der zunächst nur als informelle Notgemeinschaft etablierten altkatholischen Kirche wird besonders an der Frage des priesterlichen Zölibats festgemacht, für dessen Beibehaltung sich Döllinger vehement einsetzte und unter anderem dadurch in einen stetig verschärften Gegensatz zu maßgeblichen Reformkräften innerhalb der altkatholischen Bewegung um den Laien Friedrich von Schulte geriet, der Döllinger vorwarf, durch seine Einstellung besonders in Bayern die altkatholische Bewegung gehemmt und beschädigt zu haben.[4] Die 1878 nach kontroverser Diskussion während der 1870er Jahre durch die deutsche Synode der Altkatholiken beschlossene allgemeine Dispensierung der Priester von der Zölibatspflicht markiert in dieser Hinsicht einen Tiefpunkt in der Beziehung Döllingers (und anderer führender Altkatholiken, die ähnlich wie er dachten, darunter viele Priester) zur altkatholischen Gemeinschaft.[6]

Der Wandlungsprozess Döllingers vom Katholiken zu einem „Altkatholiken“, der der altkatholischen Kirche jedoch nicht formal beitrat, lässt sich auch in seinem Verhältnis zu Luther nachweisen. Die Radikalität der Ablehnung Luthers, die sich in Döllingers Schriften der 1840er und 1850er Jahre zeigt, findet sich bereits Anfang der 1860er Jahre nicht mehr. Die Ablehnung der Papstdogmen mag ein Grund für die Wandlung seines Urteils sein. Die Schriften Döllingers aus den früheren Jahren hatten auch einigen Einfluss auf die ultramontane Geschichtsschreibung, gerade was die Bewertung Luthers und der Reformation betrifft, und zeigten ihre Langzeitwirkung z. B. bei Johannes Janssen, Ludwig von Pastor, Hartmann Grisar und Heinrich Denifle. Döllingers eigene Bewertung Luthers findet sich in ihrer Endgestalt zusammengefasst in seinem 1893 im damals führenden deutschsprachigen katholischen Kirchenlexikon Wetzer und Welte’s erschienenen Lexikonartikel.[7]

Ignaz von Döllinger war bereits seit den 1860er Jahren öffentlich für Einigungsbestrebungen der getrennten christlichen Konfessionen eingetreten.[8] Im Bestreben um die Überwindung der Kirchenspaltung initiierte er die Bonner Unionskonferenzen 1874 und 1875. Auch in den späten Jahren seines Lebens setzte er sich für die Wiedervereinigung der Christen als kirchliches Ideal ein. Döllinger gilt daher als Vordenker der Ökumene.

Die Bewertung Döllingers in der Kirchengeschichtsschreibung ist auch heute noch teilweise von konfessionellen Standpunkten geprägt: Während die altkatholische Bewegung Ignaz von Döllinger die Bedeutung eines Spiritus rector und „Kirchenvaters“ zumisst, wird in der römisch-katholischen Literatur oft betont, er habe letztlich nicht mit dem Weg der Altkatholiken übereinstimmen können und sich dieser Kirche nie angeschlossen. Döllingerbild und Beurteilung in der römisch-katholischen Theologie haben sich in den letzten Jahrzehnten allerdings deutlich gewandelt. An die Stelle der früher scharf und polemisch artikulierten Ablehnung Döllingers als Exkommuniziertem und Unfehlbarkeitsgegner ist vielfach das Verständnis getreten, Döllinger als Wegbereiter heutiger katholischer Theologie zu begreifen und nicht nur als Gegner des Ersten Vatikanischen Konzils wahrzunehmen. In diesem Punkt zeigen sich Übereinstimmungen zu altkatholischen Sichtweisen, die seine Bedeutung ebenfalls nicht nur auf die Gegnerschaft zum Unfehlbarkeitsdogma beschränken wollen.[6]

Anders als seine theologische Rolle ist Döllingers Bedeutung als Kirchenhistoriker über Konfessions- und Fachgrenzen hinaus weithin anerkannt und seit langem unstrittig.[9]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Döllinger erhielt 1853 den Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst.[10] 1868 wurde er mit dem Ritterkreuz des Verdienstordens der Bayerischen Krone beliehen und damit in den persönlichen Ritterstand erhoben. 1872 erhielt Döllinger das Großkomturkreuz dieses Ordens.[11]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Geschichte der christlichen Kirche (2 Bde., 1833/36)
  • Die Reformation (3 Bde., 1846-48)
  • Christentum und Kirche ... (1860)
  • Kirche und Kirchen, Papsttum und Kirchenstaat (1861)
  • Die Papstfabeln des Mittelalters (1863)
  • Die Juden in Europa (1881)
  • Geschichte der Moralstreitigkeiten in der röm.-kath. Kirche seit dem 16. Jh. (2 Bde., 1889; mit F. H. Reusch)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedrich Wilhelm Bautz: Döllinger, Johann Joseph Ignaz von. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 1, Bautz, Hamm 1975. 2., unveränderte Auflage Hamm 1990, ISBN 3-88309-013-1, Sp. 1344–1347.
  • Georg Schwaiger, Ignaz von Döllinger. Antrittsvorlesung (= Münchener Universitätsreden, Neue Folge, Heft 37), München 1964.
  • Franz Xaver Bischof: Theologie und Geschichte. Ignaz von Döllinger (1799–1890) in der zweiten Hälfte seines Lebens (= Münchener kirchenhistorische Studien. Bd. 9). Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1997, ISBN 3-17-014845-1 (zugleich: München, Univ., Habil.-Schr., 1995).
  • Georg Denzler, Ernst Ludwig Grasmück (Hrsg.): Geschichtlichkeit und Glaube. Zum 100. Todestag Ignaz von Döllingers (1799–1890). Erich Wewel Verlag, München 1990, ISBN 3-87904-173-3.
  • Johann Finsterhölzl: Ignaz von Döllinger (= Wegbereiter heutiger Theologie. Bd. 3). Styria, Graz u. a. 1969.
  • J. Friedrich: Döllinger, Johann Josef Ignaz. In: Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche (RE). 3. Auflage. Band 4, Hinrichs, Leipzig 1898, S. 724–733.
  • Johann Friedrich: Döllinger, Johann Joseph Ignaz von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 48, Duncker & Humblot, Leipzig 1904, S. 1–19.
  • Horst Fuhrmann: Ignaz von Döllinger. Ein exkommunizierter Theologe als Akademiepräsident und Historiker. Hirzel, Stuttgart u. a. 1999, ISBN 3-7776-0996-X (Sitzungsberichte der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Philologisch-Historische Klasse. Bd. 137, H. 1).
  • Luise von Kobell: Ignaz von Döllinger. Erinnerungen. Beck, München 1891.
  • Werner Küppers: Döllinger, Ignaz von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 4, Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. 21–25 (Digitalisat).
  • Stefan Leonhardt: „Zwei schlechthin unausgleichbare Auffassungen des Mittelpunktes der christlichen Religion“. Ignaz Döllingers Auseinandersetzung mit der Reformation, ihrer Lehre und deren Folgen in seiner ersten Schaffensperiode (= Göttinger Beiträge zur Theologie. Bd. 1). 2. Auflage. Edition Ruprecht, Göttingen 2008, ISBN 978-3-7675-7096-2 (zugleich: Tübingen, Univ., Diss., 2002).
  • Peter Neuner: Döllinger als Theologe der Ökumene (= Beiträge zur ökumenischen Theologie. Bd. 19). Schöningh, Paderborn u. a. 1979, ISBN 3-506-70769-8, (Zugleich: München, Univ., Habil.-Schr., 1978).
  • Elisabeth Bach, Angela Berlis, Siegfried Thuringer (Hrsg.): Ignaz von Döllinger. Zum 125. Todestag – Spurensuche / Schlaglichter auf ein außergewöhnliches Leben. Alt-Katholische Bistumsverlag, Bonn 2015, ISBN 978-3-934610-88-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Ignaz von Döllinger – Quellen und Volltexte
 Commons: Ignaz von Döllinger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Erschienen in Landshut und Wien, Band 1, 1. Abt. in der Google-Buchsuche.
  2. Erschienen in Regensburg, Band 2, 1. Abt. in der Google-Buchsuche.
  3. Luise Büchner: Deutsche Geschichte von 1815 bis 1870. Zwanzig Vorträge, gehalten in dem Alice-Lyceum zu Darmstadt. Theodor Thomas, Leipzig 1875. 13. Vorlesung. S. 333 ff., zitiert in Spuren von Lola Montez in der deutschen Literatur. In: FemBio. Frauen-Biographieforschung, abgerufen am 1. Juli 2016.
  4. a b Manfred Backhausen: Reformgegner in der frühen Alt-Katholischen Kirche: Der Fall des Bochumer Pfarrers Hoffmann im Jahre 1907. (PDF; 36 KB) Onlinepublikation, 2007, S. 1/5.
  5. Robert Schlickewitz: Eine judenfreundliche Stimme aus Bayern: Ignaz v. Döllinger (1881). In: haGalil vom 6. Mai 2009 (abgerufen am 24. Juni 2016).
  6. a b Angela Berlis: Seelensorge verträgt keine Teilung. Ignaz von Döllinger und die Frage des Zölibats. (PDF; 304 KB) In: Annali di studi religiosi 6 (2005), S. 249–281 (hier: S. 250 f.).
  7. Ignaz v. Döllinger: Art. Luther, Martin, in: Franz Kaulen u. a. (Hrsg.): Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon oder Encyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hülfswissenschaften, Band 8, 2. Aufl., Herdersche Verlagshandlung, Freiburg im Breisgau 1893, Sp. 308–347.
  8. Christian Oeyen: Döllinger und die Bonner Unionskonferenzen 1874–1875. In: Internationale Kirchliche Zeitschrift: neue Folge der Revue internationale de théologie. 90/2000, S. 176–185 (hier: S. 176 f.).
  9. Vgl. für viele: Horst Fuhrmann: Ignaz von Döllinger: Ein exkommunizierter Theologe als Akademiepräsident und Historiker. Leipzig 1999.
  10. Hans Körner: Der Bayerische Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst und seine Mitglieder. In: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte. Bd. 47 (1984), S. 299-398. (Digitalisat)
  11. Hof- und Staats-Handbuch des Königreichs Bayern 1888. R. Oldenbourg Verlag. München 1888. S. 20.