Inge Brandenburg

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Inge Brandenburg (* 18. Februar 1929 in Leipzig; † 23. Februar 1999 in München; eigentlich Ingeborg Brandenburg) war eine deutsche Jazzsängerin und Theaterschauspielerin. Sie wird oft als beste deutsche Jazzsängerin der 1960er Jahre bezeichnet.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inge Brandenburg wurde als eines von sechs Kindern in eine zerrüttete Familie hineingeboren, in der Gewalt und Streit herrschten. Ihre Eltern verlor sie jugendlich durch die Nationalsozialisten: Der Vater, Kommunist und im ersten Weltkrieg Kriegsdienstverweigerer, wurde 1939 im KZ Mauthausen inhaftiert,[1] wo er später ums Leben kam,[A 1] (1940[2] oder 1941[3]) die Mutter wurde als „Asoziale“ im KZ Ravensbrück interniert und kam dort 1945 kurz vor Kriegsende um.[3][A 2][2][A 3][4] Die Geschwister wurden voneinander getrennt und in verschiedenen Kinderheimen untergebracht,[1] wodurch Inge Brandenburg den Großteil ihrer Jugend in Heimen in Dessau[3] und Bernburg zubrachte.[4]

Unmittelbar nach Kriegsende flüchtete sie in die amerikanische Zone nach Hof, wo sie als Herumtreiberin mehrere Monate inhaftiert wurde.[1] Danach verschlug es sie nach Augsburg. Dort arbeitete sie in einer Bäckerei, begann das Klavierspiel zu erlernen und kam in den GI-Clubs der Stadt das erste Mal mit Jazz in Kontakt. Sie bewarb sich erfolgreich auf ein Zeitungsinserat eines Tanzorchesters, das eine Sängerin suchte und tingelte nach ihrem Umzug nach Frankfurt am Main[4] mit jenem durch deutsche Nachtclubs und Tanzlokale. Als Autodidaktin entwickelte sie sich zunehmend zu einer hervorragenden Jazz-Interpretin und unternahm – nach einem Engagement in Libyen – schließlich eine achtmonatige Tourneereise nach Schweden, die von Erfolg gekrönt war (ursprünglich geplant waren nur vier Wochen).[4] Zurück in Deutschland kam der Durchbruch 1958 auf dem Deutschen Jazzfestival; auch die Kritiker prophezeiten ihr eine große Zukunft. Sie erhielt ihren ersten Plattenvertrag und sang, des dunklen Timbres ihrer Stimme und ihres hervorragenden Timings wegen geschätzt, bald mit der ersten Garde der Jazzer.[1]

Beim Festival Européen du Jazz in Antibes 1960 wurde sie als „beste europäische Jazzsängerin“ ausgezeichnet. Die Zusammenarbeit mit Hans Koller, Albert Mangelsdorff, Emil Mangelsdorff, Helmut Brandt und den Orchestern von Kurt Edelhagen und Erwin Lehn festigten ihren Ruf als die beste westdeutsche Jazzsängerin; sie sang vor allem im Swing-Idiom und Blues-Stücke. Ihre Interpretation von Lover Man machte sie angeblich 1960 „zur Legende“: „Unbeeindruckt von den damals schon vorliegenden überwältigenden Vokal-Aufnahmen, sang sich die junge Deutsche mit individueller Phrasierung und seelenvoller dunkler Stimme die Seele aus dem Leib.“[5]

Anfang der 1960er Jahre wurde Inge Brandenburg von dem AFN-Moderator Charlie Hickman gemanagt, der ihr die ersten Fernsehauftritte verschaffte, unter anderem mit Ted Heath (1962). Sie tourte 1965 mit der Gunter Hampel Group und interpretierte Ornette-Coleman-Stücke wie Lonely Woman. 1968 ging sie mit dem Trio von Wolfgang Dauner auf Tournee. Plattenfirmen veröffentlichten einige Aufnahmen mit ihr, wollten aber lieber (besser verkäufliche) schlagerartige Stücke aufnehmen, wozu sie nicht bereit war. Nach ihrem vergeblichen Versuch, die Label vor Gericht dazu zu zwingen, wie ursprünglich vereinbart, Jazzaufnahmen mit ihr zu veröffentlichen, war sie in der Branche „verbrannt“.[4] Auch ihres Alkoholkonsums und ihrer reizbaren Art wegen galt sie zunehmend als schwierig, wodurch sie nur noch wenige Engagements erhielt, so dass sie später überwiegend Theater spielte.[1] 1976 sang sie noch einmal auf einem Jazzfestival in Würzburg, 1974 und 1976 im Sinkkasten in Frankfurt am Main, 1985 in der Brotfabrik in Frankfurt am Main, oder in Omnibus (Würzburg) und im Sudhaus in Stuttgart mit dem Peter Mayer Quartett und Jan Jankeje. Danach zog sie sich aufgrund der schwierigen ökonomischen Situation aus dem Musikmarkt komplett zurück.

Nach dem Karriereende rutschte Brandenburg in tiefere Alkoholprobleme ab, hinzu kamen Probleme mit ihren Stimmbändern. 1990 unterzog sie sich einer Operation der Stimmbänder. Mitte der Neunzigerjahre versuchte sie ein Comeback – unterstützt von Gerry Hayes und Charly Antolini, mit den Trios der Pianisten Walter Lang bzw. Heinz Frommeyer, welches jedoch misslang. Verarmt starb sie 1999 im Schwabinger Krankenhaus.[3] Ihr Grab befindet sich auf dem Münchner Nordfriedhof.[6]

Diskographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Singles[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1960: „Das gibt es nur einmal“ / „Es ist doch immer wieder schön“ (Decca)
  • 1960: „Bye Bye Benjamino“ / „Harrys kleiner Ballsalon“ (Decca)
  • 1960: „Sieben Tage, sieben Nächte“ / „Goody Goody“ (Decca)
  • 1961: „Gauner sind sie alle“ / „Weil ich Angst hab vor dir“ (Polydor)
  • 1962: „Südlich von Hawaii“ („Flaschenpost“) / „Um Mitternacht“ (Polydor)
  • 1962: „Tiger Twist“ / „Amateur d'amour“ (CBS)
  • 1965: „Hey Baby“ / „Morgen nehme ich dein Foto von der Wand“ (Inge & Fats; CBS)
  • 1965: „Ruh dich mal aus bei mir“ / „Du lässt mich nicht los“ (Inge & Fats; CBS)
  • 1967: „Ich liebe ihn“ / „Ein Mann ist ein Mann“ (CBS)
  • 1970: „Ihr Verlorenen“ / „Das Lied Vom Kürbis“ (Schwann)
  • 1970: „Ich tue meinen Mund auf“ / „Ein anderes Osterlied“ (Schwann)

EPs und LP[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Posthum als CD erschienen:

  • 2006: It's Alright With Me (Sonorama, Reissue des CBS-Albums von 1965)
  • 2011: Why Don't You Take All Of Me (Bear Family Records, alle Singles, B-Seiten und EPs 1960-1967)
  • 2011: Sing! Inge, Sing! (Silver Spot, vorwiegend unveröffentlichte Rundfunkaufnahmen aus den Jahren 1959-1971 mit dem hr-Jazzensemble, dem Orchester Kurt Edelhagen, der Helmut Brandt Combo, dem Orchester Erwin Lehn u. a.)[7]
  • 2014: Don't Blame Me (Sonorama, vorwiegend unveröffentlichte Liveaufnahmen aus den Jahren 1958–1962 mit dem Rolf Lüttgens Trio, dem RIAS Tanzorchester unter Werner Müller und Dieter von Goetze Trio)
  • 2015: Easy Street (Bear Family Records, alle Rundfunkaufnahmen mit dem hr-Jazzensemble, aufgenommen von 1959 bis 1961)[8][A 4][9][10]

Dokumentation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 16. Juni 2011 wurde der zweistündige Dokumentarfilm Sing! Inge, Sing! – der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg von Marc Boettcher uraufgeführt. Im Oktober 2011 startete der mit dem „Prädikat Wertvoll“ ausgezeichnete Film im Kino, im Mai 2012 erschien der Film außerdem auf DVD. Die Audio-CD zum Film mit 22 von Inge Brandenburg gesungenen Jazz-Titeln wurde am 15. Februar 2012 auf der Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik gewürdigt.

Am 5. Dezember 2012 wurde auf ARTE TV eine 52-minütige Kurzfassung des Kinofilms unter dem Titel Die Deutsche Lady Jazz (La lady allemande du Jazz) erstmals im deutschen und französischen Fernsehen ausgestrahlt. Diese TV-Fassung wurde am 29. Januar 2013 für den Grimme-Preis 2013 im Bereich Information und Kultur nominiert.[11]

Im Oktober 2016 erschien Boettchers gleichnamige Buchbiographie Sing! Inge, Sing! anlässlich der Frankfurter Buchmesse.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Singen bedeutet für mich alles! Inge Brandenburg im Gespräch. In: Gunna Wendt (Hrsg.): Die Jazz-Frauen. Luchterhand, Hamburg 1992, ISBN 3-630-71082-4.
  • Marc Boettcher: Sing! Inge, Sing! Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg. Parthas Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-86964-113-3.

Lexikalische Einträge

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die genauen Umstände seines Todes, der nach einem elektrischen Stromschlag eingetreten sein soll, sind nicht bekannt, als Todesjahr ist sowohl 1940 als auch 1941 überliefert.
  2. Auch zu Umständen und Ort des Todes der Mutter gibt es unterschiedliche Angaben. Einer Quelle nach starb sie im KZ Ravensbrück, während einer anderen zufolge sich die Spur während ihrer Verlegung von dort ins KZ Dachau verliert.
  3. Laut einem Artikel im Berliner Tagesspiegel wurde sie erschossen.
  4. Maßgeblicher Initiator der Wiederveröffentlichung der Archiv-Aufnahmen war der Musiker und Journalist Jürgen Schwab, der darüber auch eine Folge der Radiosendung „JazzFacts“ vom 2. Juni 2015 moderierte, deren Mitschnitt als MP3-Datei online (ca. 32 Minuten, ca. 58 MB) verfügbar ist.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Langinhalt (aus dem Presseheft). Auf inge-brandenburg.de, abgerufen am 13. März 2017
  2. a b Das tragische Leben der Inge Brandenburg. Am 27. Mai 2015 auf hr-online.de, abgerufen am 27. März 2017.
  3. a b c d Marcus A. Woelfle: STAR AUF ZEIT. Nachruf auf Inge Brandenburg (1929–1999). In: Jazz-Zeitung. April 1999, 1999 ([1] [abgerufen am 13. März 2017]).
  4. a b c d e Christian Schröder: Zeig mir, was Liebe ist. Am 25. Oktober 2011 auf tagesspiegel.de, abgerufen am 13. März 2017.
  5. Marcus A. Woelfle in H. J. Schaal: Jazz-Standards Kassel 2001, S. 295f.
  6. Klaus Nerger: Musiker XLIV – Inge(borg) Brandenburg. 2000 auf knerger.de, abgerufen am 13. März 2017
  7. Frank Bongers: Inge Brandenburg - "Sing! Inge, sing!". Am 6. November 2011 auf jazzdimensions.de, abgerufen am 13. März 2017
  8. Frank Becker: Eine würdige Erinnerung: Inge Brandenburg „Easy Street“ – Das wenige, das blieb. Am 17. Mai 2015 auf musenblaetter.de, abgerufen am 13. März 2017
  9. Bislang unveröffentlichte Songs von Inge Brandenburg mit dem hr-Jazzensemble. Am 7. Mai 2015 auf hr-online.de, abgerufen am 13. März 2017
  10. Frühstart mit Inge: Unveröffentlichte Songs von Inge Brandenburg mit dem hr-Jazzensemble. Am 2. Juni 2015 auf hr-online.de, abgerufen am 13. März 2017
  11. 49. Grimme-Preis 2013: Nominierungen – Wettbewerb Information & Kultur/Spezial. Auf grimme-preis.de, abgerufen am 13. März 2017