Interessenkonflikt

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Der Interessenkonflikt (auch Interessenkollision) ist ein Konflikt, der durch das Zusammentreffen gegensätzlicher Interessen in einer Person entsteht, die ihren Ursprung im unterschiedlichen Status dieser Person haben.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einerseits hat die Person aus vertraglichen, gesetzlichen oder moralischen Gründen die Interessen eines Anderen zu wahren, andererseits ist sie zugleich Privatperson mit eigenen Interessen oder befindet sich in einem weiteren Verhältnis zur Wahrung von Fremdinteressen, aufgrund dessen sie kollidierende Fremdinteressen zu wahren hat.[1] „Interesse wahren“ heißt, dass die Person Entscheidungen treffen muss, um eigenes Interesse oder Fremdinteresse durchzusetzen.

Begriffsinhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein einheitliches Verständnis des Begriffs „Interessenkonflikt“ hat sich bisher noch nicht entwickelt.[2] Selbst das durch EU-Richtlinien kodifizierte Gesellschafts- und Kapitalmarktrecht, die umfangreiche Regelungen für den Umgang mit Interessenkonflikten enthalten, definieren den Begriff nicht. Auch als Rechtsbegriff kommt der Interessenkonflikt vor (etwa in § 1897 Abs. 5 BGB, § 27 KAGB, § 43a Abs. 4 BRAO oder § 53 WiPrO), die Gesetze vermeiden jedoch eine Legaldefinition. Definitionen scheitern auch daran, dass bereits das Homonym „Interesse“ (lateinisch inter esse, „dazwischen sein“, „dabei sein“) schwer fassbar ist.[3] Es kann als eine „positive Bezogenheit“ aufgefasst werden, die ein Rechtssubjekt zu bestimmten Rechtsobjekten oder Sachverhalten hat.[4] Auch die Verfolgung aller Ziele (persönliche Ziele, Unternehmensziele wie Sachziele oder Formalziele) gehört zum Interesse. Der intrapersonale Konflikt (lateinisch confligere, „zusammentreffen“) wiederum stellt sich als die Unvereinbarkeit widersprüchlicher Interessen dar (Zielkonflikt). Er kann aus organisatorischen oder ethischen - meist berufsethischen - Gründen nicht hingenommen werden, da er sich kontraproduktiv im Sinne höher angesehener Werte, Interessen oder Ziele auswirkt.

Eine häufig verwendete Definition des Interessenkonflikts geht zurück auf Dennis F. Thompson und wurde von diesem 1993 im New England Journal of Medicine veröffentlicht.

„A conflict of interest is a set of conditions in which professional judgment concerning a primary interest (such as a patient's welfare or the validity of research) tends to be unduly influenced by a secondary interest (such as financial gain).“

Dennis F. Thompson[5]

Wesentlich an der Definition ist, dass der Interessenkonflikt beginnt, wenn das Risiko der Beeinflussung besteht und nicht erst, wenn eine solche Beeinflussung tatsächlich auch stattgefunden hat.[6] Sekundäre Interessen müssen dabei nicht materieller oder speziell finanzieller Art sein, sie können auch nicht-materieller Art sein. Beispiele dafür sind der Wunsch, Freunde zu unterstützen oder das Streben nach Anerkennung.[7]

Auf der Grundlage der Definition von Thompson erarbeitete die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften eine eigene Definition: „Interessenkonflikte sind definiert als Gegebenheiten, die ein Risiko dafür schaffen, dass professionelles Urteilsvermögen oder Handeln, welches sich auf ein primäres Interesse bezieht, durch ein sekundäres Interesse unangemessen beeinflusst wird.“[8]

Die OECD hat 2006 den Interessenkonflikt für öffentliche Bedienstete wie folgt definiert: „Ein Interessenkonflikt ist ein Konflikt zwischen den Amtspflichten und den Privatinteressen eines öffentlichen Bediensteten, bei dem die Interessen, die ein öffentlicher Bediensteter in seiner Eigenschaft als Privatperson hat, die Wahrnehmung seiner amtlichen Pflichten und Verantwortlichkeiten auf unbillige Weise beeinflussen können“.[9] Diese Definition trifft auf alle Arbeitnehmer gegenüber ihren Arbeitgebern oder Dritten zu.

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Interessenkonflikte entstehen, wenn ein Bevollmächtigter, Funktionär, Gutachter, Repräsentant, Stellvertreter oder sonstiger Funktionsträger einerseits das Fremdinteresse seines Geschäftsherrn oder Auftraggebers wahrnimmt, andererseits jedoch gleichzeitig auch das Eigeninteresse als Privatperson verfolgt. Besitzt beispielsweise ein Finanzmarktteilnehmer mehrere Interessen, die ihn dazu bewegen könnten, Informationen zu missbrauchen oder zu unterschlagen, die für die Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte erforderlich sind, liegt eine Interessenkollision vor.[10]

Wer beispielsweise als Bankangestellter dienstlich kurserhebliche Informationen erhält und diese als Privatperson durch private Transaktionen ausnutzt, bevor diese Informationen öffentlich bekannt geworden sind, handelt als Insider. Ein Insidergeschäft liegt gemäß Art. 8 Absatz 1 Satz 1 Marktmissbrauchsverordnung (MMVO) vor, wenn jemand ein Finanzinstrument unter Nutzung einer Insiderinformation für eigene oder fremde Rechnung direkt oder indirekt erwirbt oder veräußert. Diese Insidergeschäfte sind gemäß § 119 Abs. 5 WpHG strafbar.

Ein Interessenkonflikt besteht auch dann, wenn ein Aufsichtsratsmitglied als Kreditnehmer notleidende Kredite bei jenem Kreditinstitut hat, bei dem er auch sein Aufsichtsratsmandat innehat. Ein Moral Hazard besteht darin, dass Mitarbeiter die von ihnen kontrollierten oder bearbeiteten Ressourcen oder Informationen zu ihrem persönlichen Nutzen und nicht zu dem des Unternehmens einsetzen.[11]

Ausgeprägte Interessenkonflikte gibt es auch in der Finanzberatung/Anlageberatung und Vermögensverwaltung. Berater erhalten Provisionen von Kreditinstituten und Produktanbietern, wenn sie ihren Kunden gewisse Finanzprodukte empfehlen. Hohe Kosten gehen stets zu Lasten der Rendite des Kunden – Finanzinstrumente mit hohen Bankgebühren lösen aber auch höhere Rückvergütungen aus. Der Interessenkonflikt wird verstärkt, weil die Provisionen versteckt als Innenprovisionen (auch nach der Einführung von Markets in Financial Instruments Directive) fließen. Die deutsche BaFin beispielsweise legt hierzu fest: „Bei etwaigen Interessenkonflikten müssen die Interessen des Wertpapierdienstleistungsunternehmens grundsätzlich hinter den Kundeninteressen zurückstehen.“[12]

Sonstige Gebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiele für weitere Interessenkonflikte:

Whistleblower gehen zusätzlich auch einen Gewissenskonflikt ein, wenn sie mit dem Dilemma des Geheimnisverrats (Staatsgeheimnis, Betriebs- und Geschäftsgeheimnis, Bankgeheimnis) und dem öffentlichen Interesse an der Veröffentlichung bestimmter Informationen konfrontiert werden. Die letztendlichen Ziele des Geheimnisverrats sind in der Unterbindung der als Missstand empfundenen Vorgänge und der Beendigung der beim Whistleblower bestehenden Interessenkonflikte zu sehen.[19]

Selbstkontrahieren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Insichgeschäft („Selbstkontrahieren“) ist gemäß § 181 BGB verboten, damit Interessenkollisionen eingeschränkt werden.[20] Charakteristisch ist eine Personenidentität, bei welcher der Vertreter die eine und der durch ihn vertretene Geschäftsherr die andere Partei des Geschäfts ist.[21] Allerdings sind die Begriffe Selbstkontrahieren und Interessenkonflikt nicht deckungsgleich, denn einerseits erzeugen nicht alle Insichgeschäfte einen Interessenkonflikt, andererseits können auch nicht selbst kontrahierte Geschäfte einen Interessenkonflikt auslösen.[22]

Vermeidung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Vermeidung von Interessenkonflikten ist zwischen persönlicher und organisatorischer Konfliktverhinderung zu unterscheiden. Die von potenziellen Interessenkonflikten betroffene Person wird sich rechtzeitig ihrem Dilemma des Konflikts bewusst und trifft entweder eine Entscheidung im Fremdinteresse oder im Eigeninteresse. Als Instrument zur Vermeidung der Interessenkonflikte im unternehmensinternen Bereich kommt primär eine konfliktverhütende betriebliche Organisation in Betracht.[23] Chinese Walls in Kreditinstituten sind beispielsweise die räumliche und organisatorische Trennung (Funktionstrennung) von Fremdemission und Wertpapieranalyse, Handel und Abwicklung, Marktfolge und Kundenmanagement. Diese so genannte Compliance-Organisation ist auch auf die Vermeidung bzw. Steuerung der bei der Erbringung von Wertpapierdienstleistungen, Handelsgeschäften oder Kreditgeschäften auftretenden Interessenkonflikte zwischen dem Unternehmen und seinen Kunden sowie zwischen den Kunden untereinander gerichtet.[24]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • David Klemperer: Was ist ein Interessenkonflikt und wie stellt man ihn fest? In: Klaus Lieb, David Klemperer, Wolf-Dieter Ludwig (Hrsg.): Interessenkonflikte in der Medizin. Hintergründe und Lösungsmöglichkeiten. Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011 doi:10.1007/978-3-642-19842-7_2

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Christoph Kumpan, Der Interessenkonflikt im deutschen Privatrecht, 2014, S. 27 f.
  2. Christoph Kumpan, Der Interessenkonflikt im deutschen Privatrecht, 2014, S. 11
  3. Christoph Kumpan, Der Interessenkonflikt im deutschen Privatrecht, 2014, S. 15
  4. Christoph Kumpan, Der Interessenkonflikt im deutschen Privatrecht, 2014, S. 56
  5. Dennis F. Thompson: Conflicts of Interest. In: New England Journal of Medicine. 330, 1994, S. 503–503, doi:10.1056/NEJM199402173300713.
  6. David Klemperer, Was ist ein Interessenkonflikt und wie stellt man ihn fest?, in: Klaus Lieb/David Klemperer/Wolf-Dieter Ludwig (Hrsg.), Interessenkonflikte in der Medizin. Hintergründe und Lösungsmöglichkeiten, 2011, S. 18
  7. David Klemperer, Was ist ein Interessenkonflikt und wie stellt man ihn fest?, in: Klaus Lieb/David Klemperer/Wolf-Dieter Ludwig (Hrsg.), Interessenkonflikte in der Medizin. Hintergründe und Lösungsmöglichkeiten, 2011, S. 17
  8. Empfehlungen der AWMF zum Umgang mit Interessenkonflikten bei Fachgesellschaften. Erarbeitet von einer Ad-hoc-Kommission der AWMF und verabschiedet vom Präsidium der AWMF am 23. April 2010.
  9. OECD, OECD-Leitlinien für die Behandlung von Interessenkonflikten im öffentlichen Dienst, 2006, S. 8
  10. Andrew Crockett/Trevor Harris/Frederic S. Mishkin/Eugene N. White, Conflicts of Interest in the Financial Services Industry, in: Geneva Reports of the World Economy vol. 5, 2004, S. 4
  11. Shyam Sunder, Politisch-ökonomische Betrachtungen zum Zusammenbruch der Rechnungslegung in den USA, in: Die Wirtschaftsprüfung, 2003, S. 145
  12. Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht vom 22. März 2016, Verhaltenspflichten
  13. Susanne Offermann-Burckard, Interessenkollision - Was jeder Anwalt wissen sollte, in: Anwaltsblatt 6/2008, S. 446 ff.
  14. G.A. Jelinek, S.L. Neate: The influence of the pharmaceutical industry in medicine. In: Journal of Law and Medicine. 17, Nr. 2, Oktober 2009, S. 216–23. PMID 19998591.
  15. B. Lo: Serving two masters--conflicts of interest in academic medicine. In: NEJM. 362, Nr. 8, Februar 2010, S. 669–71. doi:10.1056/NEJMp1000213. PMID 20181969.
  16. S.N. Young: Bias in the research literature and conflict of interest: an issue for publishers, editors, reviewers and authors, and it is not just about the money. In: J Psychiatry Neurosci. 34, Nr. 6, November 2009, S. 412–417. PMID 19949717. PMC 2783432 (freier Volltext).
  17. International Committee of Medical Journal Editors (icmje)
  18. World Association of Medical Editors (wame)
  19. Alexander Classen, Interessenvertretung in der Europäischen Union, 2014, S. 252
  20. Dieter Medicus, Bürgerliches Recht. Eine nach Anspruchsgrundlagen geordnete Darstellung zur Examensvorbereitung, 1968, 23., neu bearbeitete Auflage mit Jens Petersen, 2015, ISBN 978-3-8006-3908-3, Rnr. 112–113.
  21. Stephan Festner, Interessenkonflikte im deutschen und englischen Vertretungsrecht, 2006, S. 106
  22. Stephan Festner, Interessenkonflikte im deutschen und englischen Vertretungsrecht, 2006, S. 18
  23. Dieter Eisele, Insiderrecht und Compliance, in: WM 1993, S. 1021 ff.
  24. Ulrich L. Göres, Interessenkonflikte von Wertpapierdienstleistern und -analysten bei der Wertpapieranalyse, 2004, S. 83
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