Islam in Österreich

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Die Situation des Islams in Österreich ist insofern in Westeuropa einzigartig, als dass er den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts genießt und schon 1912 als Religionsgesellschaft anerkannt wurde[1].

Geschichte der Muslime in Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bosnischer Infanterist im k.&k.-Heer Österreich-Ungarns 1897

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Arabischen Angaben zufolge sollen im Zuge der ungarischen Landnahme bereits im 10. Jahrhundert wolgabulgarische und baschkirische Muslime ins Burgenland gekommen sein. Im 11. und 12. Jahrhundert siedelte Ungarn im Burgenland als Grenzwächter des Gyepűsystems auch Petschenegen an, unter denen sich eine muslimische Minderheit befand.[2] Heute allerdings ist das Burgenland jenes Bundesland mit dem geringsten Bevölkerungsanteil an Muslimen.

Erste Muslime erreichten das übrige Österreich ab 1476. Türkische und bosnische Akıncı überfielen und plünderten als Vorhut der osmanischen Truppen auch nach einer osmanischen Niederlage bei Villach 1492 (Maximilian gegen Mihaloğlu) fast jährlich Ober- und Niederösterreich, die Steiermark, Kärnten und Krain.[3] Gegen die türkischen Osmanen verbündeten sich die Habsburger mit den persischen Safawiden.[4] Mit den osmanischen Niederlagen vor Wien 1529 und schließlich 1683 scheiterte die Eroberung Österreichs, und die von osmanischen Belagerern voreilig geplante Verteilung der besten österreichischen Ländereien und Lehen wurde hinfällig.[5]

In der k.u.k.-Monarchie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem ungünstigen Frieden von Belgrad mit dem Osmanischen Reich (1739) hatte Österreich zwischenzeitlich ein Bündnis mit den Osmanen und der polnisch-litauischen Konföderation von Bar gegen Russland geschlossen (1770), dann aber mit Russland den Griechischen Plan zur Aufteilung des Osmanischen Reiches vereinbart und an einem erneuten Krieg teilgenommen. Nach dem Frieden von Sistowa (1791) stieg Österreich endgültig aus den Türkenkriegen aus. Dass die kulturelle und wirtschaftliche Verbindung zum Osmanischen Reich auch nach Österreichs Ausstieg aus den Türkenkriegen nicht abriss, ist nicht zuletzt das Verdienst der sephardischen jüdischen Gemeinde in Wien, die bereits 1736 gegründet wurde und Ende des 19. Jahrhunderts den Türkischen Tempel errichtete. Zudem hatten Österreich und das Osmanische Reich weiterhin eine gemeinsame Grenze, die auf österreichischer Seite durch ein ausgedehntes militärisches Sperrgebiet gesichert wurde, über die aber auch ein reger Grenzhandel erfolgte.

Ab 1878 stand das okkupierte Bosnien-Herzegowina drei Jahrzehnte faktisch unter österreichisch-ungarischer Herrschaft, ehe es 1908 annektiert und somit für die nächsten zehn Jahre auch formal ein Teil der Habsburgermonarchie wurde. In Bosnien waren rund 600.000 Muslime ansässig, im Kernland der Monarchie 1281 Muslime (davon 889 in Wien).[6] Bereits vor 1878 waren auch einzelne Österreicher zum Islam konvertiert (z.B. Franz von Werner).

1912 wurde das Islamgesetz[7] erlassen, welches den Islam nach der hanafitischen Rechtsschule (im Gesetz: „nach hanafitischen Ritus“) als Religionsgesellschaft anerkannte und den Muslimen Selbstbestimmung zusicherte. Da nun auch bosniakische Einheiten für die Habsburgermonarchie fochten, waren innerhalb der k.-u.-k.-Armee auch Imame zur Betreuung muslimischer (bosnischer) Soldaten tätig.

Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der Zeit der ersten Republik dürften nur einige hundert, kaum organisierte Muslime in Österreich gelebt haben. Bis 1939 bestand in Wien der sogenannte „Islamische Kulturbund“, während des Zweiten Weltkriegs eine im Vereinsregister eingetragene „Islamische Gemeinschaft zu Wien“. 1951 entstand der „Verein der Muslims Österreichs“, der sich ausschließlich religiösen, kulturellen, sozialen und karitativen Aufgaben widmete. In der Zeit vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1960 kamen zahlreiche Muslime als Gastarbeiter und Flüchtlinge nach Österreich. 1964 hielten sich geschätzte 8.000 Personen islamischen Glaubens in Österreich auf.[8]

Ab 1971 bemühte sich der 1963 gegründete Verein Moslemischer Sozialdienst um die Reaktivierung des Gesetzes und 1979 wurde der Antrag auf Gründung der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), der eine Verfassung einschloß, eingebracht und bewilligt. 1979 wurde die 1977 fertiggestellte erste repräsentative Moschee Österreichs in Floridsdorf (Wien) eröffnet, die größtenteils vom saudi-arabischen König Faisal ibn Abd al-Aziz finanziert wurde.

Seit 1983 wird in Österreich Islamunterricht für alle muslimischen Schüler durch die IGGiÖ abgehalten, in den letzten zehn Jahren entstanden auch islamische Kindergärten und Schulen, die nach dem österreichischen Lehrplan unterrichten und zusätzlichen Religionsunterricht auf freiwilliger Basis anbieten.

Ab 2009 wurde der Alleinvertretungsanspruch der IGGiÖ offen in Frage gestellt. Mehrere schiitische und alevitische Vereine bemühten sich um eine Anerkennung als eingetragene Religionsgemeinschaft, was die Republik zunächst ablehnte. Im Dezember 2010 urteilte der Verfassungsgerichtshof, dass es mehrere islamische Religionsgemeinschaften geben dürfe.[9] Daraufhin wurde die Islamische Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich zunächst als Bekenntnisgemeinschaft und 2013 als Religionsgesellschaft anerkannt.[10] Die Islamische-Schiitische Glaubensgemeinschaft in Österreich wurde im März 2013 als Bekenntnisgemeinschaft anerkannt und verklagte die IGGiÖ im Juni 2014 auf Unterlassung von Äußerungen, dass sie alle Muslime vertrete.[11]

2008 stellten Muslime 40 Prozent des österreichischen Gardebataillons

Anfang Juni 2009 waren mehr als 800 Soldaten der Garde des Österreichischen Bundesheeres Muslime, in der Wiener Maria-Theresien-Kaserne gibt es für sie seit 2004 einen eigenen Gebetsraum.[12] (Bereits Anfang Februar 2008 waren über 40 Prozent des Gardebataillons Muslime).[13]

Im Jahr 2012 feierte die IGGiÖ das 100-jährige Jubiläum des Islamgesetzes in Österreich. Diesem 1912 verfassten und als einzigartig in Europa geltenden Gesetz zur rechtlichen Anerkennung des Islam in Österreich widmeten 2012 viele (vor allem muslimische) Verbände ein besonderes Programm.[14] Ein Höhepunkt war ein Festakt im Wiener Rathaus; ein anderer eine große offizielle Feier im Islamischen Zentrum Wien.

Am 30. März 2015 wurde das Islamgesetz 2015 erlassen (BGBl. I Nr. 39/2015). Mit seinem Inkrafttreten tritt das Islamgesetz von 1912 außer Kraft. Das Gesetz legt unter anderem fest, dass islamische Glaubensgemeinschaften nicht mehr dauerhaft aus dem Ausland finanziert werden dürfen (§ 6 Abs. 2).[15] Während der Präsident der IGGiÖ, Fuat Sanac, das Gesetz begrüßte, wurde es innerhalb der Glaubensgemeinschaft kritisiert.[16] Für die religiöse Betreuung kommen nur Personen in Betracht, die aufgrund ihrer Ausbildung und ihres Lebensmittelpunktes in Österreich fachlich und persönlich dafür geeignet sind (§ 11 Abs. 2). Ab 2016 sieht der Bund bis zu sechs Stellen Lehrpersonal für die theologische Forschung und Lehre und für die wissenschaftliche Heranbildung des geistlichen Nachwuchses islamischer Religionsgesellschaften an der Universität Wien vor (§ 24 Abs. 1).

Demografische Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Muslime in Österreich[17][18]
Jahr Ges.-Bev. Muslime Anteil
1971 7.491.526 22.267 0,3 %
1981 7.555.338 76.939 1,0 %
1991 7.795.786 158.776 2,0 %
2001 8.032.926 338.988 4,2 %
2009 8.355.260 515.914 6,2 %
2016 8.700.000 700.000 8,0 %

Die Zahl der Muslime erhöhte sich stark zwischen 1971 (ca. 23.000 Personen, 0,3 % Bevölkerungsanteil, 16.423 türkische Staatsbürger) und 1981 (76.939 Muslime, ca. 1 % Bevölkerungsanteil, erste Muslime gesondert erfassende Volkszählung).[19]

1991 hatte die Volkszählung 158.776 Muslime (2 % an der Gesamtbevölkerung) ausgewiesen, bei der Volkszählung im Jahr 2001 wurden 338.998 Muslime in Österreich registriert.[20]

2001 war die weiterhin größte Gruppe unter den in Österreich lebenden Muslime jene mit türkischer Staatsbürgerschaft (123.000), gefolgt von den Österreichern (96.000, 28 Prozent), Bosniern (64.628), Jugoslawen (ex-jugoslawische Serben, Kroaten und Slowenen 21.594), Mazedoniern (10.969) und Iranern (3.774). Die meisten arabischen Muslime kommen aus Ägypten (3.541) und Tunesien (1.065).[21]

Nach Schätzung der Islamischen Glaubensgemeinschaft – nach 2001 wurde die Religionszugehörigkeit in Österreich nicht mehr amtlich-statistisch erfasst, und die islamischen Glaubensgemeinschaften haben keine exakten Daten aller Gruppen – leben 2006 zwischen 390.000 und 400.000 Muslime (Bevölkerungsanteil von 4,9 %) in Österreich. Der Fischer Weltalmanach ging 2009 von zumindest 4,2 % Muslimen aus.[22]

Nach übereinstimmenden Schätzungen von Innenministerium und Österreichischem Integrationsfonds lebten Anfang 2017 rund 700.000 Moslems in Österreich. Die Zahl stieg vor allem durch Migranten, Geburten sowie Flüchtlinge aus dem arabischen Raum stark.[23]

Das Vienna Institute of Demography der Österreichischen Akademie der Wissenschaften entwarf 2017 verschiedene Szenarien für den zukünftigen Anteil der Religionen in Österreich. Für das Jahr 2046 wurde je nach Szenario ein Bevölkerungsanteil von 12 bis 21 % Muslimen errechnet, jener der Angehörigen der römisch-katholischen Kirche würde von 75 % im Jahr 2001 auf unter 50 % sinken und jener der Menschen ohne Religionsbekenntnis auf bis zu 28 % steigen[24].

Einstellungen der Muslime[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 2006 wurde die sogenannte „Prokop-Studie“[25], benannt nach der damaligen Innenministerin Liese Prokop, veröffentlicht. Bei der Präsentation sagte Prokop, dass 45 Prozent der Muslime in Österreich „integrationsunwillig“ seien, was nach Meinung der Gesellschaft für Soziologie (ÖGS) allerdings durch die Studie nicht gedeckt war.[26]

2007 rief der Wiener Imam Adnan Ibrahim zum Dschihad gegen Israel und die USA auf. Laut Wiener Zeitung befassten sich rund 90 Prozent seiner Freitagsgebete mit politischen Themen. Auch soll der Imam, der an der Islamischen Religionspädagogischen Akademie (IRPA) angehende Islamlehrer ausbildete, beim Freitagsgebet Papst Benedikt XVI. den Tod gewünscht haben.[27] Die deutsche Islamexpertin Hildegard Becker meinte, der in der Öffentlichkeit als liberal geltende Wiener Imam habe auf Deutsch zum Dialog aufgerufen, auf Arabisch jedoch den Dschihad gepredigt.[28]

Der auf der Internetseite der Österreichischen Professoren-Union (ÖPU) veröffentlichte „Lehrplan Islamischer Religionsunterricht“ für 2007/2008 („Vor allem hat der islamische Religionsunterricht die Aufgabe, den Schülern die islamische Geschichte und die Begegnung mit der prophetischen Überlieferung zu vermitteln“) sieht als Lehrinhalte unter anderem „die Grundsätze der islamischen Rechts- und Gesellschaftsordnung“ und „Merkmale der islamischen Gesetzgebung“ vor.[29] Dies hat in einigen Medien des Landes zum Verdacht „schariatischer“ Unterrichtsinhalte und zu teilweise heftiger Kritik geführt.[30]

34,6 % der österreichischen Muslime haben laut einer wissenschaftlichen Studie 2017 „hochfundamentalistische“ Einstellungen.[31] Ein am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) 2013 durchgeführte Six Country Immigrant Integration Comparative Survey ergab, dass 73.1 % der Muslime in Österreich die Regeln des Korans für wichtiger halten als die österreichischen Gesetze. 70.8 % gaben an, keine Homosexuelle in ihrem Freundeskreis zu dulden. 64,1 % der Muslime in Österreich waren der Meinung, den Juden wäre nicht zu trauen.[32]

Die Ideologie der Millî Görüş-nahen Moscheen, deren Koordination von der Islamischen Föderation (IFW) wahrgenommen wird, ist „islamistisch im Sinne einer Islamisierung sämtlicher Lebensbereiche.“[33][34][35][36]

Die Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) lehnt die Evolutionslehre ab. Die IGGiÖ würde sich, laut deren Präsident Ibrahim Olgun, nie für „falsche Entwicklungen wie die Evolutionstheorie“ aussprechen. Die Evolutionstheorie von Darwin sei „nur eine Theorie“.[37]

2017 warnte eine Studie der George Washington Universität vor Aktivitäten der islamistischen Muslimbruderschaft in Österreich. Der Muslimbruderschaft nahestehende Personen und Organisationen haben Schlüsselpositionen für das Leben von muslimischen Zuwandern in Österreich übernommen. Auch bei der Aufnahme der in Österreich ankommenden Asylsuchenden aus mehrheitlich muslimischen Ländern spiele die Muslimbrudertschaft eine zentrale Rolle. Die IRPA, die zur Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) gehört und für die Ausbildung von islamischen Religionslehrern verantwortlich ist, stehe aufgrund verschiedener Verbindungen zur Muslimbruderschaft „zweifellos unter deren Einfluss“.[38] Laut Extremismus-Forschers Lorenzo G. Vidino stehen die Werte der Muslimbruderschaft in Widerspruch zu den rechtsstaatlichen Werten Österreichs. Sie ziele auf eine „Spaltung der Gesellschaft und eine Stärkung des Einflusses des politischen Islam ab.“[39]

Islamische Organisationen in Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jenseits der IGGiÖ als Körperschaft öffentlichen Rechts findet das eigentliche religiöse Leben vorwiegend in den ca. 250 Gebetsstätten[40] der Moscheevereine statt, die meist entlang ethnischer Linie organisiert sind. Die türkischen Verbände sind in ihrer Mehrheit Ableger der gesamteuropäischen Organisationen, die ihren Sitz in Deutschland haben.[41]

Türkisches Kulturzentrum „Rappgasse“ in Wien-Floridsdorf der ATIB Union
  • Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich war bis 2010 die offizielle Vertretung aller Muslime und ist eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Führende Funktionäre der IGGiÖ haben sich in der Initiative Muslimischer Österreicher [42] (IMÖ) zusammengeschlossen. Die von der IGGiÖ angestellten Islamlehrer sind teils Mitglieder im Muslimischen Lehrerverein (MLV).[43]
  • Der Jugendrat der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (JIGGiÖ), ist die offizielle, einzige und nationale Jugendorganisation der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich und vertritt diese in ihren Jugendangelegenheiten. Sie wird vom gewählten Jugendreferenten im Obersten Rat der IGGiÖ geleitet, welcher zugleich der Vorsitzende des Jugendrates der IGGiÖ ist[44].
  • Die Liga Kultur organisiert arabischsprachige Muslime, die der Muslimbruderschaft nahestehen. Laut Handbuch des politischen Islam[47] ist sie Gründungsmitglied der „Föderation islamischer Organisationen in Europa“ FIOE, einem von Organisationen der Muslimbruderschaft getragenen Dachverband. Die Liga Kultur verfügt über mehrere Funktionäre über Einfluss auf die IGGiÖ.
  • Die Türkisch-islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich (ATİB)[48] ist nach eigener Angabe mit 75.000 Mitgliedern mit Abstand der größte Verband von Muslimen in Österreich und verwaltet ca. 60 Gebetsstätten. Die ATIB steht der türkischen Behörde für Religionsangelegenheiten (Diyanet) nahe, der Vorsitzende der ATIB ist Botschaftsrat an der türkischen Botschaft und die Imame an den ATIB-Moscheen werden von der türkischen Regierung ausgebildet und bezahlt. Nach Angaben ihres Vorsitzenden Harun Özdemirci im Jahr 2007 ist die ATIB kein Mitglied der IGGiÖ. Die ATIB steht der IGGiÖ kritisch gegenüber, da diese nur eine kleine Minderheit der Muslime in Österreich vertrete.[49] Allerdings ist die ATIB Mitglied im Beirat der IGGiÖ.[50]
  • Islamische Föderation Wien (IFW) ist eine der größten islamischen Vereinigungen in Österreich mit 32[51] bis über 60 Moscheen.[52] Sie wurde 1988 als Dachverband gegründet und gehört zur Millî-Görüş-Bewegung, die der fundamentalistischen Saadet Partisi Necmattin Erbakans nahesteht. Sie arbeitet mit der IGGiÖ zusammen.[53] Niederösterreichische Mitglieder der Islamischen Föderation prägen auch die Landtagsliste „Liste für unser Niederösterreich“ (LNÖ) und die Arbeiterkammerliste Perspektive.[54] Ein wichtiger Mitgliedsverein ist die Islamische Föderation Wien [55] (IFW), die auch die Publikation Dewa [56] herausgibt. Es gibt auch eine Frauenabteilung der IFW, eine Jugendföderation[57] und die ihr nahestehende Interkulturelle Studentenvereinigung (ISV).[58]
  • Die türkisch geprägte Union islamischer Kulturzentren (UIKZ)[59] wurde 1980 gegründet und verfügt über 34 Gemeinden.[60] Sie ist von einer eher mystischen Auslegung des Islam geprägt und ist eng verbunden mit dem VIKZ in Deutschland. Die Organisation tritt im Westen Österreichs unter dem in Deutschland üblichen Namen VIKZ auf[47]. Sie gilt als religiöse Lernbewegung in der Tradition von Süleyman Hilmi Tunahan. Schwerpunkt der Verbandsarbeit in Österreich ist die religiösen Erziehungstätigkeit, wobei die klassische Ausbildung, also die Beherrschung der arabischen Sprache und eine fundierte islamischen Theologie, eine zentrale Rolle einnimmt.
  • Die Ülkücüler bzw. die Dachorganisation der Türkischen Kultur- und Sportgemeinschaft in Österreich (ADÜTF) steht an sich der rechtsextremen Türkischen Partei MHP nahe, deren Jugendorganisation „Graue Wölfe“ in den 1970er- und 1980er-Jahren für Anschläge auf Kurden, Linke und Demokraten verantwortlich war. In Österreich organisiert die Dachorganisation jedoch eine Reihe von Gebetsstätten und gehört zu den großen islamischen Dachverbänden.
  • Die Avusturya Nizam-e Âlem sind ein kleiner Dachverband mit Gruppen in Wien und Vorarlberg. Nizam-e Âlem stehen einer islamistischen Abspaltung der MHP, der Büyük Birlik Partisi (BBP) nahe.[47]
  • Die Kaplancılar verfügen über keine offizielle Organisation mehr, jedoch über eine Gruppe von Anhängern in Vorarlberg.[47]
  • Der Dachverband der Bosniaken in Österreich [61] verwaltet 23 Gebetsstätten in Österreich.
  • Die Aleviten, nach eigenen Angaben in Österreich 60.000 Menschen, nehmen an den Aktivitäten der islamischen Glaubensgemeinschaft nicht teil, da sie mit der sunnitischen Glaubensgemeinschaft große Differenzen haben.[62] Der Status als eigenständige Glaubensgemeinschaft wird ihnen in der Türkei verwehrt.
    • Ende 2010 wurde die Islamische Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IAGÖ) als Bekenntnisgemeinschaft anerkannt. Sie sieht sich als eine Richtung des Islam und vertritt etwa 7.000 Menschen.[62]
    • Die verbliebene Föderation der Aleviten Gemeinden in Österreich (AABF) sieht sich gegenüber dem Islam als eigenständig. Ihr in den Lehren fast wortgleicher Antrag wurde wegen leicht späterer Einbringung abgewiesen. Sie vertritt nun etwa 5.000 Menschen.[62]
    • Seit August 2013 ist die Alt-Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich (AAGÖ) als eigenständige religiöse Bekenntnisgemeinschaft anerkannt. Dabei handelt es sich um PKK-nahe Aleviten aus Dersim, die sich als eigenständige, vorislamische Glaubensgemeinschaft verstehen.
  • Schiiten Vereinigung Ahl-ul Bayt – Die Schiiten, deren Anteil auf 3 bis 10 % der Muslime geschätzt wird[63], fühlen sich durch die Glaubensgemeinschaft nicht angemessen vertreten. Nach sehr scharfer öffentlicher Kritik[64] wurde klargestellt, dass schiitische Religionslehrer im Dienste der IGGiÖ unterrichten und auch schiitische Schüler regelmäßig den an öffentlichen Schulen angebotenen Religionsunterricht besuchen. Allerdings gibt es auch eine Reihe von Abmeldungen schiitischer Kinder vom Religionsunterricht und Beschwerden über antischiitische Hetze durch sunnitische Religionslehrer.
  • Seit März 2013 ist die Islamische-Schiitische Glaubensgemeinschaft in Österreich (Schia) als eigenständige religiöse Bekenntnisgemeinschaft anerkannt. Dabei handelt es sich um eine an der traditionellen Hawza 'Ilmiyya in Najaf orientierte schiitische Glaubensgemeinschaft, die sich im Gegensatz zur Schiiten Vereinigung Ahl-ul Bayt vom Iran distanziert.
  • Die Ahmadiyya Muslim Gemeinde zählt in Österreich weniger als 100 Mitglieder, verfügt in Wien aber über einen Gebetsraum. Sie sind nicht in der offiziellen IGGiÖ vertreten und werden von Imam Munir Ahmed Munwar betreut.

Moscheen und islamische Gebetsräume[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Moscheen und islamische Gebetsräume in Österreich

In Österreich bestehen derzeit mehr als 200 Gebetsräume und Moscheen. In der Regel handelt es sich dabei um einfache Gebetsräume, die in Wohnungen oder ehemaligen Lager- bzw. Fabrikhallen untergebracht sind. Derzeit existieren drei Moscheen in Österreich mit Minaretten.

Die Länder Kärnten[65] und Vorarlberg[66][67] versuchen durch Gesetzesänderungen 2008 den Bau von Moscheen einzuschränken oder zu verhindern.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Elisabeth Dörler: Verständigung leben und lernen am Beispiel von türkischen Muslimen und Vorarlberger Christen. Verlag Die Quelle, Feldkirch 2003, ISBN 3-85241-006-1.
  • Dunja Larise / Thomas Schmidinger (Hrsg.): Zwischen Gottesstaat und Demokratie. Handbuch des politischen Islam. Deuticke, Wien 2008, ISBN 978-3-552-06083-8.
  • Eva Pentz / Georg Prack / Thomas Schmidinger / Thomas Wittek: „Dies ist kein Gottesstaat!“ Terrorismus und Rechtsstaat am Beispiel des Prozesses gegen Mohamed M. und Mona S.. Passagen, Wien 2008, ISBN 978-3-85165-872-9.
  • Thomas Schmidinger: Islam in Österreich – zwischen Repräsentation und Integration (PDF; 591 kB). In: Khol / Ofner / Karner / Halper (Hrsg.:) Österreichisches Jahrbuch für Politik 2007. Böhlau, Wien 2008, ISBN 978-3-205-78082-3, S. 235–254
  • Maja Sticker: Sondermodell Österreich? Die islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ). Drava, Klagenfurt 2008, ISBN 978-3-85435-548-9.
  • Anna Strobl: Islam in Österreich: eine religionssoziologische Untersuchung. Lang, Frankfurt 1997, ISBN 3-631-31613-5.
  • Anna Strobl: Einzigartiger rechtlicher Status – Die Muslime in Österreich. In: Herder Korrespondenz 2006/4, S. 200–204.
  • Nikola Ornig: Die Zweite Generation und der Islam in Österreich. Eine Analyse von Chancen und Grenzen des Pluralismus von Religionen und Ethnie. Grazer Universitätsverlag, Graz 2006, ISBN 3-7011-0070-5.
  • Lise J. Abid: Muslims in Austria: Integration through Participation in Austrian Society, Journal of Muslim Minority Affairs, 26, Nr. 2, 2006, S. 263–278, doi:10.1080/13602000600937770.
  • Sabine Kroissenbrunner: Islam and Muslim Immigrants in Austria: Socio-Political Networks and Muslim Leadership of Turkish Immigrants, Immigrants and Minorities, 22, Nr. 2, 2003, S. 188–207, doi:10.1080/0261928042000244826.
  • Susanne Heine, Rüdiger Lohlker, Richard Potz: Muslime in Österreich. Geschichte – Lebenswelt – Religion, Tyrolia Verlag, Innsbruck 2012, ISBN 3702230254.
  • Amena Shakir, Gernot Galib Stanfel, Martin M. Weinberger (Hrsg.): Ostarrichislam. Fragmente achthundertjähriger gemeinsamer Geschichte. Al-Hamra-Verlag, Wien 2012, ISBN 978-3-7003-1851-4.
  • Josef Peter Schuller: Die verborgene Moschee. Zur Sichtbarkeit muslimischer Gebetsräume in Wien, hrsg. Ulrike Bechmann / Wolfram Reiss: Anwendungsorientierte Religionswissenschaft, Beiträge zu gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen, Band 4, Tectum, Marburg 2013, ISBN 978-3-8288-3177-3
  • Thomas Schönberger: Der Islam im öffentlichen Bewusstsein. Ein empirisches Lagebild aus einer Kleinstadt in Österreich, hrsg. Ulrike Bechmann / Wolfram Reiss: Anwendungsorientierte Religionswissenschaft, Beiträge zu gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen, Tectum, Marburg 2013, ISBN 978-3-8288-2855-1
  • Wolfram Reiss: Gutachten über die im islamischen Religionsunterricht in Österreich verwendeten Bücher. Hg. vom Bundesministerium für Inneres der Republik Österreich, Wien 2012.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Islam in Österreich – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Islamgesetz von 1912 (Deutsch, Englisch, Französisch) Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich. 31. Oktober 2003. Abgerufen am 28. Dezember 2010.
  2. Encyclopaedia of Islam: Bd. V 1010b (Magyaren) und Bd. VIII 289a (Petschenegen)
  3. David Nicolle: Die Osmanen - 600 Jahre islamisches Weltreich, S. 112f. Wien 2008
  4. Encyclopaedia Iranica: Artikel über Austria
  5. Burchard Brentjes: Chane, Sultane, Emire, Seite 98f. Leipzig 1974
  6. „Islam in der österreichischen Gesellschaft“ IGGiÖ Referat zur Historikertagung 2003
  7. Gesetz vom 15. Juli 1912, betreffend die Anerkennung der Anhänger des Islam als Religionsgesellschaft, RGBl. Nr 159/1912
  8. Dr. Martina Schmied: „Islam in Österreich“ (PDF; 117 kB)
  9. Michael Weiß: Österreichs Aleviten sind selbstständig. 17. Dezember 2010; abgerufen am 26. September 2014.
  10. BGBl. II Nr. 133/2013: Verordnung der Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur betreffend die Anerkennung der Anhänger der Islamischen Alevitischen Glaubensgemeinschaft als Religionsgesellschaft
  11. Ö: Schiiten fechten Vertretungsanspruch der IGGiÖ an. 25. Juni 2014; abgerufen am 26. September 2014.
  12. Ein Hauch von Fremdenlegion, ZiB 2 vom 5. Juni 2009, 22:00 Uhr bei 3sat und ORF 2, Redakteur: Markus Müller (transcript, gif, ondemand.orf.at)
  13. : Für Allah, Volk und Vaterland
  14. Zekirija Sejdini: Die Errungenschaften von 1912 sind weiterzuschreiben (german) IGGiÖ. 8. Juni 2012. Abgerufen am 19. Juni 2012.
  15. sueddeutsche.de: Wie Österreichs Islamgesetz die deutsche Debatte befruchtet
  16. Islamgesetz: Glaubensgemeinschaft stimmt trotz Bedenken zu. In: derStandard.at. 16. Februar 2015; abgerufen am 25. Februar 2015.
  17. Österreichischer Integrationsfonds: PDF (abgerufen am 17. Dezember 2011)
  18. Zahl der Muslime in Österreich seit 2001 verdoppelt. In: diepresse.com. 4. August 2017; abgerufen am 21. August 2017.
  19. „Bis zu 400.000 Muslime in Österreich“, ORF News vom 15. Mai 2006 mit Grafik
  20. Dr. Martina Schmied: Islam in Österreich (pdf, bmlv.gv.at; 117 kB)
  21. Bis zu 400.000 Muslime in Österreich, ORF News vom 15. Mai 2006
  22. Fischer Weltalmanach, Seite 359. Frankfurt/Main 2008
  23. Zahl der Muslime in Österreich wächst rapide
  24. Anne Goujon, Sandra Jurasszovich, Michaela Potančoková: Demographie und Religion in Österreich, Szenarien 2016 - 2046, Volume: 2017, pages 15-20
  25. Mathias Rohe: "Perspektiven und Herausforderungen in der Integration muslimischer MitbürgerInnen in Österreich", Mai 2006
  26. Soziologen kritisieren Moslem-Studie scharf. In: sciencev1.orf.at. ORF, 24. Mai 2006; abgerufen am 20. Juni 2017.
  27. Der Islam in Österreich, oe1.ORF, 2007
  28. Wiener Zeitung: Weitere Aufrufe zum Dschihad, 23. Jänner 2007 (abgerufen am 7. November 2013)
  29. „Lehrplan Islamischer Religionsunterricht“
  30. Vgl. Andreas Unterberger: Scharia in Österreich: Einige aktuelle Zitate aus dem Islam-Unterricht in unseren Schulen. In: wienerzeitung.at. 26. Oktober 2007; abgerufen am 1. Oktober 2017.
  31. Ednan Aslan, Jonas Kolb, Erol Yildiz: Muslimische Diversität. Ein Kompass zur religiösen Alltagspraxis in Österreich, Springer VS, 2017
  32. Religious fundamentalism and out-group hostility among Muslims and Christians in Western Europe Ruud Koopmans, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), abgerufen am 14. Juni 2017
  33. Hayrettin Aydin, Dirk Halm, Faruk Şen: „Euro-Islam“: Das neue Islamverständnis der Muslime in der Migration. In: renner-institut.at. Mai 2003, archiviert vom Original am 25. August 2003; abgerufen am 2. Oktober 2017 (PDF; 356 KB).
  34. Einzigartiger rechtlicher Status. Die Muslime in Österreich., aus: Herder Korrespondenz, 2006/4, S. 200–2004, abgerufen am 30. September 2017
  35. Resul Ekrem Gönültas und die Milli Görüs derstandard.at, abgerufen am 30. September 2017
  36. Resul Ekrem Gönültas: Der Sieg gehört mir profil.at, abgerufen am 30. September 2017
  37. Muslime-Chef Olgun lehnt nach Protest die Evolutionsthe­o­rie doch ab kurier.at, abgerufen am 1. Oktober 2017
  38. „The Muslim Brotherhood in Austria“. Studie warnt vor Einfluss der Muslimbruderschaft in Österreich diepresse.com, abgerufen am 20. September 2017
  39. Studie warnt vor Einfluss der Muslimbruderschaft in Österreich diepresse.com, abgerufen am 20. September 2017
  40. IGGiÖ Überblick Gebetsräume und Moscheen in Österreich
  41. Markus Müller, oe1.ORF, 2007
  42. Initiative Muslimischer Österreicher
  43. Muslimischen Lehrerverein
  44. Facebook, JIGGiÖ, Abgerufen am 19. Juni 2012
  45. "Über uns", Abgerufen am 19. Juni 2012
  46. „Österreich ist eine gute Basis für Muslimbrüder“. In: kurier.at. 11. November 2014; abgerufen am 11. Oktober 2017.
  47. a b c d Dunja Larise, Thomas Schmidinger: Zwischen Gottesstaat und Demokratie - Handbuch des politischen Islam. Zsolnay/Deuticke. Wien 2008. ISBN 3-552-06083-9
  48. Türkisch-islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich (ATİB)
  49. „Wer hat das Sagen?“ oe1.ORF, Markus Müller, 2007
  50. IGGiÖ-Beirat, Abgerufen am 19. Juni 2012
  51. SPÖ-Polemik bei Koran-Wettsingen im Austria Center Von Stefan Beig, Wiener Zeitung vom 2. November 2007 (abgerufen am 11. November 2013)
  52. Al-Rawi im Wiener Landtag, 8. Sitzung vom 26. Jänner 2007, Wörtliches Protokoll
  53. Elisabeth Dörler „Eine Begräbnisstätte für Muslime und Musliminnen in Vorarlberg“ okay-Studien Nr. 2, Oktober 2004, S.11
  54. Perspektive
  55. Islamische Föderation Wien
  56. Monatliche Zeitung Dewa von der Islamischen Föderation Wien
  57. Jugendföderation (JUWA)
  58. Interkulturelle Studentenvereinigung (ISV)
  59. Union islamischer Kulturzentren in Österreich, Avusturya İslam Kültür Merkezleri Birliği
  60. Euro-Islam - Das neue Islamverständnis der Muslime in der Migration Hayrettin Aydin / Dirk Halm / Faruk Şen, Essen, Mai 2003
  61. Dachverband der Bosniaken in Österreich
  62. a b c Orientierung (Fernsehsendung), ORF2, 23. Jänner 2011, 12:30
  63. Fast eine für alle, Datum 10/06
  64. SCIRI, Salem Hassan durch einen Vertreter der SCIRI, welche nicht für die schiitischen Muslime spricht, Datum 2007
  65. Kärntner Ortsbildpflegegesetz: Eine „Ortsbildpflege-Sonderkommission“ (§ 12a) muss bei Vorhaben, „die wegen ihrer außergewöhnlichen Architektur oder Größe (Höhe) von der örtlichen Bautradition wesentlich abweichen“ (§ 13 Abs. 3 Kärntner Bauordnung 1996) Gutachten erstatten, ob diese der „Schaffung und Pflege eines erhaltenswerten Ortsbildes unter Bedachtnahme auf die örtliche Bautradition“ (§ 1 Kärntner Ortsbildpflegegesetz) zuwiderlaufen
  66. Vorarlberg verhindert Minarette per Gesetz Der Standard Online, 9. April 2008
  67. Änderungen am Vorarlberger Baugesetz und Raumplanungsgesetz (LGBL Nr. 34/2008) am 19. Juni 2008