Jeffrey Herf

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Jeffrey Charles Herf (* 24. April 1947) ist Historiker und Hochschullehrer an der Universität Maryland, spezialisiert auf die Geistes- und Kulturgeschichte im Europa des 20. Jahrhunderts, besonders auf Deutschland.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herfs Vater emigrierte 1937 aus Deutschland[1] und gehörte dem Reformjudentum an. Jeffrey graduierte zum B.A. 1969 an der University of Wisconsin-Madison und erhielt den Ph. D. in Soziologie im Jahr 1980 auf der Brandeis University in Massachusetts. Bevor er Professor an der Universität Maryland wurde, lehrte er an der Ohio University in Athens, Ohio. Er hat Aufsätze für Die Zeit, The New Republic und Partisan Review verfasst.

Der Begriff „reaktionärer Modernismus“ (1986) zeigt die zwei Seiten der deutschen Kulturszene in der Weimarer Republik auf, die rückwärtsgerichtete nationale Romantik und das Sicheinlassen auf moderne Ausdrucksmittel, was in der NS-Kultur auch weitergeführt worden ist. Ähnliches meinte der zeitgenössische Begriff Konservative Revolution.

Sein Buch (1991) zur Nachrüstungsdebatte in den 1980ern vertritt die Auffassung, die Sowjetunion habe einen aggressiven Willen zur Verschiebung der Machtverhältnisse gezeigt. Die westdeutsche Linke habe nicht nach deren Absichten gefragt und den antitotalitären Konsens verlassen, während die CDU unter Helmut Kohl zu den Intellektuellen zurückgefunden habe, die westliche Werte verteidigten. Dies zeigt er u. a. an dem Streit im Jahr 1983 zwischen Joschka Fischer und Heiner Geißler über die Verantwortung des Pazifismus der 1930er Jahre für die erfolgreiche NS-Außenpolitik auf. (Vgl. auch den deutschsprachigen Aufsatz 1992).

Sein Werk Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland (1997) zeigt vor allem den Antisemitismus in der frühen DDR am Fall Paul Merker auf.[2] Es gewann den Ernst-Fraenkel-Preis der Wiener Library in London und den George-Lewis-Beer-Preis der American Historical Association.

Herf war Fellow an der Harvard University, der University of Chicago, dem Institute for Advanced Study in Princeton, am Deutschen Historischen Institut Washington, am Jitzchak Rabin Zentrum für Israel Studies in Tel Aviv, am Woodrow Wilson International Center for Scholars in Washington, DC. Im Herbst 2007 war Jeffrey Herf Fellow an der American Academy in Berlin.

Positionen zum Thema Islam und Faschismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herf benutzt seit 2009 den Begriff Islamfaschismus. Richard Wolin wirft ihm deswegen Missbrauch der Geschichte vor. In seinem Buch Nazi Propaganda für the Arab World untersucht Herf die Schriften Said Qutbs aus den späten 1940er und 1950er Jahren, eines ägyptischen Theologen, der heute als al-Qaidas geistiger Ahne gilt. Herf sieht ihn als Bindeglied zwischen der Nazi-Husseini-Kriegspropaganda und dem islamistischen Antisemitismus der Gegenwart.

In einem Interview mit der Berliner Wochenzeitung jungle world berichtete Herf im Juli 2010 über eine Konferenz „Arabische Antworten auf Faschismus und Nationalsozialismus“ in Tel Aviv im Mai 2010. Darin äußerte er die Auffassung, dass manche Wissenschaftler einen islamistischen Antisemitismus seit den 1920er-Jahren nicht untersuchen und daher auch nicht erkennen wollen.[3]

„Einigen Historikern der Region fällt es anscheinend schwer anzuerkennen, dass Antisemitismus außerhalb Europas zutage treten kann, oder dass der Islamismus im gleichen Verhältnis zum Islam steht wie der Nationalsozialismus zum Christentum. Keiner von den beiden war eine einfache Verlängerung der vorhergehenden religiösen Tradition, aber keiner hätte ohne deren Radikalisierung und selektive Interpretation entstehen können. Den Historikern, die noch von Edward Said und der Dritten Welt fasziniert sind, fällt es schwer, sich vorzustellen, wie Robert Wistrich unlängst dargelegt hat, dass sich der Schwerpunkt des globalen Antisemitismus von Europa in die arabische Welt und den Iran verlagert hat.“ […] „Wie Bernard Lewis feststellte, wurden Juden so lange toleriert, wie sie ihren zweitklassigen dhimmi-Status akzeptierten. Die Existenz einer jüdischen Souveränität in der Form des Staates Israel war deswegen für einige Muslime, die glaubten, der angemessene Status für Juden sei der von Untergebenen, eine unerträgliche Beleidigung.“

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufsätze und Buchbeiträge (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Joerg Gehrke: Bericht von der Jahresauftaktveranstaltung mit Jeffrey Herf. In: DIG Berlin und Brandenburg. 17. Januar 2020, abgerufen am 7. Februar 2021 (deutsch).
  2. Dt. Fassung mit Lit.liste; in der engl. Fass. Lit. nur in den Anm.- Dt. Fassung ohne die s/w Archiv-Fotos der engl. Ausgabe
  3. Jeffrey Herf im Gespräch über islamistische Formen des Antisemitismus, in: Jungle World, Nr. 28, 15. Juli 2010.
  4. von TLV-01: Collaboration between Nazis and Arabs/Islamists. In: haGalil. 1. Juli 2010, abgerufen am 7. Februar 2021 (deutsch).