Johannes Heimrath

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Johannes Heimrath

Johannes Heimrath (* 25. Juni 1953 in Gosheim) ist ein deutscher Öko-Pionier[1], Publizist, Unternehmer[2], Musiker und Umweltaktivist.

Musiker, Komponist und Instrumentenbauer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit 17 Jahren war Johannes Heimrath Bundespreisträger von Jugend musiziert. Er studierte Komposition, Musikethnologie und Aufführungspraxis Alter Musik am Mozarteum in Salzburg und gehörte zu den Wiederentdeckern der Renaissancelaute. Zusammen mit seinem Kollegen Michael Korth gründete er das Ensemble Bärengässlin, das sich von 1975 bis 1985 vor allem der Rekonstruktion und Aufführungspraxis der deutschen mittelalterlichen Lieddichtung widmete. Heimrath ist Mitglied des 1978 gegründeten „Now!-Ensembles“ für zeitgenössische Musik.[3] 2005 gründete er die Gong-Manufaktur Sona, in der er Gongs in Weiterentwicklung der von Michail M. Paiste begründeten Bauweise herstellt. Die Sona Gongmanufaktur ist heute eine der weltweit führenden Gongwerkstätten.[4]

Soziale Bewegungen, Lebensgemeinschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1976 lebt er in einer von ihm mitbegründeten intentionalen Gemeinschaft, zunächst in der Nähe von Wolfratshausen in Bayern, um gemeinschaftliches Leben und Arbeiten auf Grundlage von öko-sozialen Leitlinien zu praktizieren.[3][5] Von 1992 bis 1997 lebte der Kern der Gemeinschaft in der Schweiz. 1997 ließ sich die Gemeinschaft in dem Dörfchen Klein Jasedow im Lassaner Winkel nieder.[6] Aus der Gemeinschaft ging die Stiftung Zukunftswerk Klein Jasedow hervor. 2004 erschien die erste von zahlreichen TV-Ausstrahlungen und Kinovorführungen des 90-minütigen Dokumentarfilms Die Siedler über das Projekt der Lebensgemeinschaft in Klein Jasedow.

Publizistische Tätigkeit, Zeitschrift Oya und Drachen Verlag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johannes Heimrath gründete 1991 den Drachen Verlag, welcher sich den Themen Freiheit, Naturphilosophie und kreativer Therapie widmet.[7] Als Publizist gab er von 2010 bis 2020 die unter einer Creative-Commons-Lizenz erscheinende Zeitschrift Oya – enkeltauglich leben heraus. Das genossenschaftlich organisierte Magazin bietet ein Forum für ökologische und soziale Bewegungen, die den gesellschaftlichen Wandel hin zu einer lebensfördernden Gesellschaft vorantreiben. Im Rahmen der Buchreihe thinkOya brachte er unter anderem das Buch „Haben Bäume Rechte?“ (Christopher D. Stone) heraus,[8] um die Bewegung zur Anerkennung von Persönlichkeitsrechten der Natur zu unterstützen.

Regionalentwicklung und Kommunalpolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Regionalentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johannes Heimrath ist beratend in der Regionalentwicklung tätig und fördert insbesondere Wandlungsprozesse in Kommunen. So begleitete er 2007 die sorbische Gemeinde Nebelschütz und die 2010 nordsächsische Gemeinde Langenreichenbach bei der Bewerbung zum Europäischen Dorfpreis.[9] Beide Gemeinden wurden mit einem Preis ausgezeichnet. Er beriet außerdem die Initiativgruppe „Serbski Sejm“zur Gründung einer demokratisch legitimierten sorbischen Volksvertretung.[10] Seit der Konstituierung des Serbski Sejm im Jahr 2018 ist Heimrath Prozessbegleiter dieses Parlaments.[11]

Kommunalpolitisches Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1999 bis 2009 war Heimrath stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Pulow. Seit der Fusion der Gemeinde mit der Stadt Lassan im Jahr 2009 war er bis 2019 Mitglied des Lassaner Stadtrats.[12] Johannes Heimrath gehört keiner Partei an. Bei den Kommunalwahlen 2009 und 2014 kandidierte er für die „Bürgerliste Lassaner Winkel“. Seit 2019 ist er Vorsitzender des Bauausschusses der Stadt Lassan.[3]

Zivilgesellschaftliches Engagement, Bildungsfreiheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johannes Heimrath engagiert sich für Bildungsfreiheit. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher zum Thema. In den Jahren 1987 bis 1989 begleitete er den damals neunjährigen Tilmann Holsten erfolgreich in einem Verfahren wegen Schulverweigerung. Das am 7. September 1989 vom Amtsgericht Wolfratshausen erlassene Urteil (Az.: 2 OWi 46 Js 32069/88) ist der bis heute einzige rechtswirksame Freispruch wegen Schulverweigerung in Deutschland. Der urteilende Richter Eckermann begründete sein Urteil mit einem Zitat aus der Bayerischen Verfassung: »Gesunde Kinder sind das köstlichste Gut eines Volkes« (Art. 125, Abs. 1, S. 1).[13] 1991 verfasste Johannes Heimrath Eine Petition für Freiheit und Selbstbestimmung im Bildungswesen,[14] die an die Petitionsausschüsse der Landtage und die Mitglieder des Deutschen Bundestags versendet wurde. Er war Mitinitiator der Temenos Lerngruppe und des daraus hervorgegangenen Modellprojekts Temenos Kindergarten e. V. in Wolfratshausen (seit 2015 in Gelting[15]) und trug im Jahr 2017 zur Gründung der Kleinen Dorfschule Lassaner Winkel, einer freien demokratischen Schule mit öko-sozialem Schwerpunkt, bei. 1999 initiierte Heimrath den botanischen Duft- und Tastgarten Papendorf für sehbehinderte Menschen, der seit 2018 zugleich als ökologischer Lernort für Kinder fungiert (Naturkindergarten Lassaner Winkel).

Im Jahr 1997 gründete sich der Verein Akademie der Heilenden Künste e.V., deren Präsident Johannes Heimrath seitdem ist. Die Akademie ist Trägerin von Bildungs-, Natur- und Umweltprojekten; sie ist staatlich anerkannte Stätte der Erwachsenenbildung und freie Trägerin der Jugendhilfe. Im Jahr 2018 wurde die Akademie in Schwerin als Bildungszentrum für Nachhaltigkeit zertifiziert.[16] Damit wurde sie Teil des von der UNESCO ausgezeichneten Netzwerks „Norddeutsch und Nachhaltig Mecklenburg-Vorpommern“.

Unter der Trägerschaft des Vereins initiierte Heimrath 2014 das dreijährige Erasmus+-Projekt „Learning Communities in Rural Europe“. Ziel des Projekts, an dem sich neben Deutschland auch Orte aus Großbritannien, Österreich, der Tschechischen Republik und Rumänien beteiligt haben, war die Erarbeitung von Leitlinien und Konzepten zur Errichtung öko-sozialer Lernorte in ländlichen Regionen Europas.[17]

Im Jahr 2005 wurde der Europäischen Akademie der Heilenden Künste für ihr öko-soziales Engagement der Bundespreis „Bürger initiieren Nachhaltigkeit“ des Nachhaltigkeitsrats der deutschen Bundesregierung verliehen.[16] 2006 erhielt sie den „Freiherr-vom-Stein-Preis“ der Alfred-Toepfer-Stiftung und der Humboldt-Universität Berlin für innovatives öko-soziales Engagement.[16]

2010 erhielt Johannes Heimrath eine Auszeichnung als „Mutmacher der Nation“ in Mecklenburg-Vorpommern.[3]

Ökologisches Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heimrath setzt sich für die Umweltbewegung mit Fokus auf eine ökologische Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft ein. 1980 gründete er mit „Natur ins Haus“ den ersten Naturkost-Heimservice in Deutschland sowie 1986 in Egling das erste moderne Bio-Fachgeschäft auf dem Land „Naturhaus im Bachhuber“.[3] Nach dem Umzug der Gemeinschaft nach Mecklenburg-Vorpommern initiierte er den Aufbau einer Produktionsfirma für Bio-Kräutertees, die sich im Jahr 2001 als Kräutergarten Pommerland eG gründete. Bis zum Jahr 2005 war er Aufsichtsrat der Genossenschaft.

Von 1998 bis 2010 veranstaltete Johannes Heimrath Konferenzen zur „Renaissance einer Region“, woraus sich nachhaltige ökonomische Initiativen in der Region um Lassan ergaben.[3] Dazu zählt unter anderem das ökologisch ausgerichtete Tourismus-Netzwerk „Kräuter, Kunst und Himmelsaugen“, welches zu den Preisträgern des Wettbewerbs „LandArt – Beste Netzwerke für Landurlaub“ des Tourismusverbands Mecklenburg-Vorpommern gehört.[18]

Seit dem Jahr 2014 führt Johannes Heimrath als Haupterwerbslandwirt den ökologischen „Allmendhof Klein Jasedow“.[3] Dort erprobt er klimagerechte, enkeltaugliche Anbaumethoden im Rahmen einer Baumfeldwirtschaft (Agroforstsystem).

Bürgerinitiative „Landwende“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2001 rief Johannes Heimrath in Folge eines Herbizidunfalls[19] die Bürgerinitiative Landwende ins Leben, die sich für eine „enkeltaugliche“, giftfreie, vielfältige und bäuerliche Landwirtschaft einsetzt.[20] Im Rahmen der Bürgerinitiative initiierte er die Kampagne Ackergifte? Nein danke!, die ein Verbot sämtlicher Pestizide und insbesondere des Totalherbizids Glyphosat fordert, und die Aktion Urinale 2015, die die bislang weltweit umfassendste Datenerhebung zur Belastung der Bevölkerung mit Glyphosat vornahm.[21][22]

Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemeinsam mit dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Basic AG Stephan Paulke und der Schweisfurth Stiftung initiierte Johannes Heimrath im November 2017 das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, ein Zusammenschluss von Bio-Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich unter anderem gegen den Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden einsetzen.[23] Seit der Gründung des Vereins im Mai 2018 ist Heimrath Mitglied des Vorstands. Unter seiner Leitung beauftragte das Bündnis 2019 gemeinsam mit dem Umweltinstitut München das Institut TIEM Integrierte Umweltüberwachung mit der Durchführung der Studie „Pestizid-Belastung der Luft“.[24] Die Studie wurde 2021 im Fachmagazin Environmental Science Europe publiziert und ist das bisher umfassendste deutschlandweite Monitoring des Ferntransports von Pestizid-Wirkstoffen über die Luft.

Buchveröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ein Dorf wird wachgeküsst. Abgerufen am 22. Dezember 2021 (deutsch).
  2. Margit Snedker: Johannes Heimrath. In: Berufswege. Abgerufen am 19. Januar 2022 (deutsch).
  3. a b c d e f g Lebensbogen – Johannes Heimrath. Abgerufen am 22. Dezember 2021 (deutsch).
  4. Buying a Gong. Abgerufen am 22. Dezember 2021.
  5. Imagine – Johannes Heimrath und Heini Staudinger – CHANGE DAILY Folge 62. In: Filming for Change. 8. September 2020, abgerufen am 19. Januar 2022 (deutsch).
  6. FLORIAN ZIMMER-AMRHEIN: Raum für Einsteiger. In: Die Tageszeitung: taz. 28. Dezember 2013, ISSN 0931-9085, S. 13 (taz.de [abgerufen am 22. Dezember 2021]).
  7. Drachenverlag: Über uns. Abgerufen am 22. Dezember 2021.
  8. think-OYA: Bücher > Haben Bäume Rechte? Abgerufen am 22. Dezember 2021.
  9. Lebensbogen – Johannes Heimrath. Abgerufen am 22. Dezember 2021 (deutsch).
  10. Johannes Heimrath: Bericht über Fachkonferenz am 17. Mai 2012. (Nicht mehr online verfügbar.) Serbski Sejm, 30. November 2012, archiviert vom Original am 25. März 2016; abgerufen am 23. März 2016.
  11. Ausschüsse - Serbski sejm. Abgerufen am 22. Dezember 2021.
  12. Lassan: Bürgermeister und Stadtvertretung. In: Website des Amts am Peenestrom. Abgerufen am 31. Januar 2019.
  13. Johannes Heimrath: Tilmann geht nicht zur Schule. Eine erfolgreiche Schulverweigerung. Drachen Verlag, Klein Jasedow 2013, ISBN 978-3-927369-67-2, S. 175.
  14. Johannes Heimrath: Petition für Freiheit und Selbstbestimmung im Bildungswesen, 18. September 1991 (aktualisiert und autorisiert 2008).
  15. Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 14./15. Juli 2012 (Memento des Originals vom 25. März 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/temenos-kiga.de über den Temenos Kindergarten e. V.
  16. a b c Auszeichnungen. In: Europäische Akademie der Heilenden Künste. Abgerufen am 22. Dezember 2021 (deutsch).
  17. LEARNING COMMUNITIES – IN RURAL EUROPE. Abgerufen am 22. Dezember 2021 (deutsch).
  18. Preisträger-Netzwerke im Projekt LandArt. In: Touristiker-Branchentreff. 6. September 2012, abgerufen am 22. Dezember 2021.
  19. Jeffrey Arlo Brown: Musik im Nirgendwo. 15. Januar 2020, abgerufen am 22. Dezember 2021 (deutsch).
  20. Website der BI Landwende.
  21. Beitrag auf heute.de, ZDF, 4. März 2016. (Memento vom 16. März 2016 im Internet Archive)
  22. Martin Mair: Glyphosat: Gift oder nützliches Mittel?, Audiobeitrag, MDR, ARD Berlin, Tagesschau.de, 4. März 2016, 14 Uhr 10.
  23. Biounternehmer sind keine Träumer. Interview mit Johannes Heimrath. In: taz. 14. Februar 2018, abgerufen am 31. Januar 2019.
  24. Studien. In: Enkeltauglich Bio. Abgerufen am 22. Dezember 2021 (deutsch).