Karl Ludwig Schweisfurth

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Karl Ludwig Schweisfurth (* 30. Juli 1930 in Herten) ist ein deutscher Unternehmer und ein Pionier auf dem Gebiet der ökologischen Lebensmittelherstellung.

Biografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Erfahrungen als Praktikant in den großen Schlachthöfen der USA setzte Schweisfurth in der Industrialisierung der heimischen Fleischverarbeitung um. So entwickelte er aus einem kleinen Familienbetrieb das größte fleischverarbeitende Unternehmen Europas: Herta in Herten (heute zum Nestlé-Konzern gehörend). 25.000 Schweine und 5.000 Rinder wurden damals wöchentlich verarbeitet. 1972 entwickelte der Architekt Werner Ruhnau das Großraumbüro der Firma Herta in dem er Kunstwerke in die Gestaltung mit einbezog. Es wurden unter anderem Werke von Daniel Spoerri, Hugo Kükelhaus, Christo und die Installation Mit(H)ropa von Wolf Vostell von Schweisfurth angekauft und im Großraumbüro ausgestellt.[1]

Als feststand, dass nach einem Rückzug von Karl Ludwig Schweisfurth weder seine beiden Söhne noch seine Tochter das Unternehmen weiterführen wollten, verkaufte er sein Unternehmen 1984 an den Nestlé-Konzern.

Unmittelbar nach dem Verkauf begann Karl Ludwig Schweisfurth, auf dem Gut Herrmannsdorf bei Glonn (Landkreis Ebersberg) südöstlich von München, Schweine nach den Grundsätzen der ökologischen Landwirtschaft zu halten. Aus dieser Zeit stammt sein Zitat: „Mir war schlagartig klar, dass Fleisch von derart gequälten Tieren keine lebensfördernde Nahrung für uns Menschen sein kann.“

Konzeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Schweisfurths neuer Konzeption verbinden sich Prinzipien der nachhaltigen ökologischen Landwirtschaft mit tierethischen Prinzipien.[2] Zum theoretischen Fundament gehören außerdem ernährungswissenschaftliche und gastrosophische Aspekte.[3] Nicht zuletzt hat die Neuorientierung Schweisfurths auch einen arbeitsethischen Charakter, da klassische Arbeits- und Lebensformen in Landwirtschaft und Lebensmittelhandwerk wiederbelebt und aufgewertet werden.

Hermannsdorfer Landwerkstätten und Läden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die aus der Neuorientierung Schweisfurts entstandenen Herrmannsdorfer Landwerkstätten mit Stallungen, Schlachtung/Fleischerei, Bäckerei, Molkerei/Käserei, Brauerei, Hofladen, Biergarten und Gasthof gelten heute als Pionierbetrieb der natürlichen, artgerechten und nachhaltigen Lebensmittelherstellung im großen Maßstab, sie verbinden einen voll-biologischen Betrieb (inklusive eigener Biogasanlage und eigener Kläranlage) mit dem Ziel der Wirtschaftlichkeit (Vertriebsnetz und eigene Geschäfte sowie Marktbetriebe) und ideellem/künstlerischem Anspruch (zahlreiche Kunstwerke im und um den Hof, regelmäßige Hofmärkte mit künstlerischem Begleitprogramm). 2008 wurden die Herrmannsdorfer Landwerkstätten mit dem Bio-Handelspreis, einer „Selly“ ausgezeichnet. Der Betrieb wird mittlerweile von seinem Sohn Karl Schweisfurth geleitet, während Karls Zwillingsbruder Georg zu den Gründern der Basic AG gehört.

In und um München betreiben die Herrmannsdorfer Landwerkstätten zwölf eigene Herrmannsdorfer Läden, in denen neben den eigenen Erzeugnissen ein Basissortiment ökologischer Lebensmittel vertrieben wird, außerdem liefern sie ihre Produkte an verschiedene Bioläden deutschlandweit. Die Belieferung der Basic AG wurde, wegen des Einstiegs der Schwarz-Gruppe in diese Bio-Supermarktkette, im September 2007 eingestellt.[4][5]

Schweisfurth-Stiftung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Schweisfurth Stiftung

Die von Karl Ludwig Schweisfurth gegründete Schweisfurth Stiftung setzt sich für die Erforschung von gesunder und naturgemäßer Ernährung ein und vergab zwischen 1991 und 2002 zusammen mit der Internationalen Gesellschaft für Nutztierhaltung (IGN) den Schweisfurth-Forschungspreis für artgemäße Nutztierhaltung.[6]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Herten, der Heimatstadt von Karl Ludwig Schweisfurth, wurde 2010 Kritik darüber laut, dass das Vermögen der Familie Schweisfurth auch durch Ausnutzung von Zwangsarbeitern im Dritten Reich „erwirtschaftet“ wurde.[7] 115 durch das Arbeitsamt zugewiesene Zwangsarbeiter wurden beschäftigt und auf dem Firmengelände der Firma Schweisfurth untergebracht.[8]

2016 kam es zu Vorwürfen gegenüber Schweisfurth, seine Betriebe setzten Antibiotika ein, die Haltungsformen der Schweine seien kritisch zu sehen.[9] Schweisfurth begründete den Einsatz der Antibiotika als notwendig, wenn alternative Heilmittel versagten. Der Einsatz entspreche strengen Vorgaben. Die frühere Haltung der Muttersauen in Kastenstände sei eine Folge der Abwägung gewesen, bei der der Schutz der Ferkel im Vordergrund gestanden habe, die so nicht erdrückt werden konnten. [10]

Preise und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1999: B.A.U.M. Umweltpreis
  • 2005: Bayerische Staatsmedaille
  • 2014: Bayerischer Naturschutzpreis, die höchste Naturschutzauszeichnung Bayerns[11]. Der Preis wurde vom Bund Naturschutz in Bayern für die "Fortentwicklung des ökologischen Landbaus, für eine artgerechte Tierhaltung, die Erhaltung ganzheitlicher Lebensmittelqualität und die Förderung einer tragfähigen Agrarkultur" verliehen.
  • 2015/2016: National Champion beim European Business Award und Ruban d’Honneur in der Kategorie Environmental & Corporate Sustainability für die Hermannsdorfer Werkstätten

Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • mit Bertram Verhaag: Ehrfurcht vor dem Leben … lasst uns über das Töten reden. 35 Min., DVD. (Abstract)
  • Karl Götze, Theo Driessen van der Lieck, Werner Rudolf Vogt: KLS...auf dem Wege,...auf der Suche. Gestaltung Wolf Vostell, Herta KG Karl Schweisfurth / Sala Druck, 1980 (ohne ISBN)
  • mit Günter Altner, Hans-Jürgen Kaufmann: Schlacht-Fest? Ehrfurcht vor dem Leben. Den Tieren die Würde zurückgeben. (Abstract)
  • Ich liebe Hand-Werk. Die Welt begreifen mit Hand, Herz und Kopf.[13]
  • Auf der Suche nach einer neuen Miteinander-Kultur (Natur + Menschen miteinander) für das Überleben auf unserem erschöpften Planeten Erde, Hugendubel, München 1995, ISBN 3-89631-142-5.
  • Das Buch vom guten Fleisch. Hermannsdörfer Landwerkstätten, Glonn 1998 (Erstausgabe DNB 970403909); Sandmann, München 2004, ISBN 978-3-89883-099-7.
  • Wenn’s um die Wurst geht. Autobiographie. Bertelsmann, München 1999, ISBN 3-570-50001-2.
  • Tierisch Gut. Westend, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-938060-31-5.
  • mit Claus-Peter Lieckfeld: Der Metzger, der kein Fleisch mehr isst. Oekom, München 2014, ISBN 978-3-86581-470-8.

Fernsehdokumentation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Mann mit dem Schinken am Hut ZDF 37 Grad Reportage, Deutschland 1995,30 Min., Buch und Regie: Sibylle Trost, Produktion: ZDF, Erstausstrahlung: 10. Juni 1997.
  • Vom Wurstbaron zum Biobauern : Die zwei Leben des Karl Ludwig Schweisfurth, von Meike Hemschemeier, 45 ́Min., Arte/WDR 2003.
  • Deutschland, deine Erben - Geschenktes Geld: Lust oder Last? Die Samstags-Dokumentation Süddeutsche Zeitung TV, Deutschland, 2011, 120 Min., mit Wolfgang Grupp, Stephanie von Pfuel, Karl Ludwig Schweisfurth und Albrecht von Weech, Produktion: VOX, Erstausstrahlung: 20. August 2011.
  • Vom Fleischfabrikanten zum Biobauern, Planet Wissen, Erstausstrahlung WDR 14. April 2015. Online WDR(abgerufen 3. August 2015), Online Planet-Wissen (abgerufen 3. August 2015)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Karl Götze, Theo Driessen van der Lieck, Werner Rudolf Vogt: KLS...auf dem Wege,...auf der Suche. Herta KG Karl Schweisfurth / Sala Druck, 1980
  2. Schweisfurth Stiftung. Abgerufen am 22. Januar 2017.
  3. interact!multimedia: Zentrum für Gastrosophie. Das Zentrum für Gastrosophie wurde im September 2008 an der ... Abgerufen am 22. Januar 2017.
  4. Lidl steigt ein - Herrmannsdorfer steigt aus. Pressemitteilung der Herrmannsdorfer Landwerkstätten zum Thema Lidl und Basic vom 6. August 2007. (PDF; 98 kB)
  5. Karl Ludwig Schweisfurth: Lidl bei Basic, Billigheimer bei Bio? Stellungnahme (PDF; 141 kB)
  6. Schweisfurth-Forschungspreis für artgemäße Nutztierhaltung
  7. Gedenkplatte neu verlegt. In: Hertener Allgemeine. 7. Mai 2010.
  8. Hans-Heinrich Holland: Materialien zur Geschichte der Zwangsarbeiter in Herten. 2. ergänzte und erweiterte Auflage. Herten 2002 http://www.vvn-bda-re.de/pdf/Zwangsarbeiter.pdf
  9. Carolin Fries: Regionale Lebensmittel: Wer hinter den Herrmannsdorfer Landwerkstätten steckt. In: sueddeutsche.de. ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 22. Januar 2017]).
  10. Christian Sebald: München: Herrmannsdorfer Landwerkstätten: Kritik an der Tierhaltung. In: sueddeutsche.de. ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 22. Januar 2017]).
  11. Bayerischer Naturschutzpreis für Karl Ludwig Schweisfurth. In: bund-naturschutz.de. BUND Naturschutz in Bayern e.V., abgerufen am 15. April 2015.
  12. Kösener Corpslisten 1996, 62, 102
  13. Info