Kirill Semjonowitsch Serebrennikow

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Kirill Serebrennikow

Kirill Semjonowitsch Serebrennikow (russisch Кирилл Семёнович Серебренников; * 7. September 1969 in Rostow am Don, Sowjetunion) ist ein russischer Theater-, Opern- und Filmregisseur.

Biographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Serebrennikow erhielt schon zu Schulzeiten eine Auszeichnung für die erste Amateur-Theateraufführung, die er in der Schule erarbeitet hatte. Im Jahr 1992 schloss er ein Physikstudium an der Staatlichen Universität in Rostow ab. Mehrere Jahre fungierte er als Direktor des Amateurtheaters. 1990 wurde die Bühne in eine professionelle umgewandelt. Seit 1998 arbeitet er auch für den Film. Zur Zeit lebt und arbeitet er in Moskau und inszeniert am Moskauer Künstlertheater.

2010 war Serebrennikow Regisseur des Stücks Die toten Seelen (von Nikolai Gogol) am Lettischen Nationaltheater. Die als „Künstlernacht“ bezeichnete Aufführung wurde als beste Aufführung des Jahres prämiert. In diesem Schauspiel wurden alle Rollen von neun männlichen Schauspielern gespielt, Serebrennikow erhielt positive Bewertungen von den Kritikern. 2012 inszenierte der Regisseur Georg Büchners Woyzeck.

Serebrennikow hat auch Opern-Inszenierungen für das Mariinsky-Theater und das Bolschoi-Theater erarbeitet, war dort auch Regisseur und Ausstatter eines Balletts. Darüber hinaus hat er an der Komischen Oper Berlin und der Stuttgarter Oper inszeniert. Seit 2008 ist er Professor der Moskauer Theaterschule, wo er eine Klasse mit Schauspielern und Regisseuren hat. Seine Produktionen wurden bei den Wiener Festwochen und dem Festival von Avignon präsentiert. Seine Filme wurden auf dem Filmfestival Cannes, dem Locarno Film Festival, dem Filmfestival Rom und dem Internationalen Filmfestival Warschau gezeigt, wo sein Film Yuri’s Day (Originaltitel: Yurev den) den Grand Prix erhielt.

2012 wurde er zum künstlerischen Leiter des Gogol-Centers ernannt. Serebrennikows Absicht, das Leben von Pjotr Iljitsch Tschaikowski zu verfilmen, ist im Herbst 2013 gescheitert, denn Serebrennikow konnte keine ausreichende Finanzierung für die Dreharbeiten auf die Beine stellen. Außerdem forderte der russische Kulturminister Wladimir Medinski, das Privatleben des Komponisten und seine „angebliche Homosexualität“ außen vor zu lassen.[1] Laut dem staatlichen Kinofonds habe das Projekt einfach kein kommerzielles Potential. Das Vorhaben verlor auch andere Sponsoren, die sich an einem „skandalösen“ Film nicht beteiligen wollten. Bisher bleibt unklar, ob und wann die Dreharbeiten anfangen.[2]

2017 erarbeitete er am Bolschoi-Theater gemeinsam mit dem Choreographen Juri Possochow ein Ballett über die Persönlichkeit von Rudolf Nurejew.[3] Die Premiere musste wegen Protesten der Russisch-orthodoxen Kirche verschoben werden; sie kam im Dezember 2017 zustande, allerdings ohne Serebrennikow, der zu diesem Zeitpunkt bereits unter Hausarrest stand.[4]

2018 kam sein Spielfilm Leto (Sommer) über den Beginn der Karriere des Rockmusikers und Dichters Wiktor Zoi in die Kinos. Bei den Filmfestspielen von Cannes wurde er für den Soundtrack ausgezeichnet.[5] Ende 2018 wurde sein Revolutionsstück „Barokko“ in Moskau uraufgeführt.[6]

Vorwurf der Veruntreuung von Staatsgeldern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 2017 wurden die Wohnungen von Serebrennikow und die Einrichtungen des Gogol-Centers von den Strafverfolgungsbehörden im Zusammenhang mit angeblichen Veruntreuungen im siebten Studio, der gemeinnützigen Organisation von Serebrennikow, durchsucht. Unter anderem haben Wladimir Urin und Jewgeni Mironow in einem offenen Brief, der Wladimir Putin überreicht wurde, ihre Unterstützung für Serebrennikow ausgesprochen. Im Juni 2017 rief Serebrennikow gar das Publikum auf zu bestätigen, dass es das Stück Ein Sommernachtstraum gesehen hatte; dies, um dem Irrsinn ein Ende zu bereiten, nachdem ein staatliches Komitee ihm vorgeworfen hatte, den für diese Produktion bewilligten Beitrag im Umfang von 68 Millionen Rubel unterschlagen zu haben.[7][8]

Serebrennikow wurde am 22. August 2017 in Russland festgenommen, nachdem zuvor bereits sein Pass eingezogen worden war.[9]

Eine von Thomas Ostermeier und Marius von Mayenburg initiierte und an Bundeskanzlerin Angela Merkel adressierte Protesterklärung, in der diese die Rücknahme der Maßnahmen gegen Serebrennikow fordern, wurde von vielen Kulturschaffenden unterzeichnet. Unter den mit Serebrennikow solidarischen Künstlern befinden sich neben der Hollywood-Schauspielerin Cate Blanchett, dem Regisseur Volker Schlöndorff und dem russisch-deutschen Pianisten Igor Levit auch die österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek[10] sowie die deutsche Schauspielerin Nina Hoss. Die Initiatoren riefen Bürger auf, die Erklärung zu unterschreiben.[11]

Leonid Nikitinsky interpretierte im Oktober 2017 Äußerungen Putins als Hinweis, dass in diesem Falle wohl ein Exempel statuiert werden solle.[12] Marius Ivaškevičius berichtete Anfang Dezember 2017 von der offensichtlich wegen Serebrennikows Abführung zum Verhör um Monate verspäteten Premiere von Serebrennikows "Nurejew" am Bolschoi-Theater sowie von der Zwischenverhandlung vor Gericht. Wenige Tage vor der Berufungsverhandlung starb Serebrennikows Mutter. Serebrennikow wurde es nur erlaubt, die Urne mit ihrer Asche zu sehen.[13]

Für eine im 2016 vereinbarte Regie von Mozarts Così fan tutte am Zürcher Opernhaus fungierte der Regieassistent Jewgeni Kulagin als Mittelsmann zwischen Zürich und dem Regiekonzept von Serebrennikow. Aufgrund von Videoaufzeichnungen verfasste Serebrennikow seine Rückmeldungen.[14]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Homophobie in Russland: Kreml will Tschaikowsky-Film zensieren. Spiegel-Online. 19. September 2013. Abgerufen am 19. Oktober 2013.
  2. Bernd Großheim: Debatte über Filmprojekt zu Tschaikowsky: Russlands Angst vor dem “Skandalösen”. tagesschau.de. 1. Oktober 2013. Archiviert vom Original am 4. Oktober 2013. Abgerufen am 19. Oktober 2013.
  3. Bolschoi-Chef verteidigt Absetzung von „Nurejew“-Ballett. der Standard.at. 11. Juli 2017. Abgerufen am 22. August 2017.
  4. Skandal-Premiere "Nurejew" im Bolschoi-Theater in Moskau Deutsche Welle, 9. Dezember 2017.
  5. Cannes 2018: Leto récompensé pour sa musique par le prix Cannes Soundtrack allocine.fr, 19. Mai 2018.
  6. Kerstin Holm, Lasst Polizisten singen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Mai 2019, S. 9.
  7. Regisseur Serebrennikow bittet Publikum um Hilfe gegen Behörden, aargauerzeitung, 22. Juni 2017
  8. Mit Cate Blanchett und Nina Hoss gegen Putins Justiz, SPON, 27. August 2017
  9. Leiter des Gogol-Theaters festgenommen In: Zeit Online, 22. August 2017. Abgerufen am 23. August 2017.
  10. Elfriede Jelinek unterzeichnete Petition für Serebrennikow
  11. Online-Petition Abgerufen am 4. September 2017.
  12. Leonid Nikitinsky: Mit Putin unterwegs, Nowaja Gaseta , 31. Oktober 2017
  13. FAZ.net 7. April 2018: Moskaus Glanz und Schrecken, FAZ, 7. April 2018
  14. «Wir können Serebrennikow jetzt nicht hängenlassen», NZZ, 2. November 2018
  15. derStandard.at: Europäischer Theaterpreis an Isabelle Huppert und Jeremy Irons. Artikel vom 27. Oktober 2017, abgerufen am 29. November 2017.