Kriminalfall Susanna F.

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Im Kriminalfall Susanna F. wurde die 14-jährige Susanna Maria F. am 6. Juni 2018 in Wiesbaden-Erbenheim tot aufgefunden, nachdem sie zwei Wochen vorher von ihrer Mutter als vermisst gemeldet wurde. Die Polizei geht von einem Tötungsdelikt aus. Der tatverdächtige irakische Asylbewerber wurde festgenommen.

Ermittlungen

Tatumstände

Susanna F. wohnte in Mainz und besuchte die IGS Mainz-Bretzenheim, fehlte dort allerdings seit Februar 2018 öfters, nachdem sie eine Clique im 10 km entfernten Wiesbaden kennenlernte, zu der auch ein Bruder des Tatverdächtigen Kontakt hatte. Am Abend ihres Verschwindens wurde sie nahe der Flüchtlingsunterkunft gesehen, in der die Familie des Tatverdächtigen wohnte.

Nachdem Susanna F. am 22. Mai nicht nach Hause kam, meldete sie ihre Mutter am 23. Mai als vermisst. Einen Tag später erhielt Diana F. Whatsapp-Nachrichten vom Handy ihrer Tochter mit der Aufforderung, nicht nach ihr zu suchen. Die Mutter teilte den Behörden mit, dass dies nicht die Art ist, wie ihre Tochter schreibt. Wer der Verfasser der auf Deutsch verfassten Nachrichten ist, ist unklar. Zu diesem Zeitpunkt ging die Polizei nicht von einem Verbrechen aus.

Einen ersten Hinweis gab eine Bekannte von Susanna F., die am 29. Mai der Mutter mitteilte, dass der Leichnam an einem Bahngleis liege. Die Polizei überflog das Gebiet daraufhin, fand jedoch nichts. Ungeklärt ist, warum nach dem Hinweis, dass Susanna tot sei, bis zum Fund der Leiche mehr als eine Woche verging; die Polizei hat die Hinweisgeberin, die im Urlaub war, zunächst nicht befragt.[1] Der entscheidende Hinweis kam von einem 13-jährigen Asylbewerber, der in der gleichen Unterkunft wohnt wie der Tatverdächtige. Der Junge ging am 3. Juni zur Polizei und berichtete, dieser habe ihm von der Tat erzählt. Die Angaben waren diesmal konkreter.[2]

Am 6. Juni wurde der vergrabene Leichnam von Susanna F. neben Gleisen der Ländchesbahn in der Nähe der Flüchtlingsunterkunft im Südosten Wiesbadens gefunden. Das Mädchen wurde durch Gewalteinwirkung auf den Hals getötet. Zuvor wurde es laut der Polizei vergewaltigt.[3]

Flucht und Festnahme des Tatverdächtigen

Der Tatverdächtige, ein irakischer Staatsbürger, der im Herbst 2015 als Asylbewerber nach Deutschland kam, reiste mit den Eltern und fünf Geschwistern am 2. Juni mit Laissez-passer-Dokumenten über den Flughafen Düsseldorf nach Istanbul. Am Düsseldorfer Flughafen waren auf den Flugtickets andere Namen angegeben als auf den ebenfalls am Flughafen vorgelegten Aufenthaltspapieren für Deutschland. Das liegt daran, dass die Familie unter falschem Namen in Deutschland Asyl beantragt hatte. Für die Rückreise hatten die Familienmitglieder sich von dem irakischen Generalkonsulat in Frankfurt Passersatzpapiere auf ihre richtigen Namen ausstellen lassen.[4] Von Istanbul flog die Familie nach Erbil in den Irak und gelangte weiter in ihre Heimatstadt Zaxo in der Autonomen Region Kurdistan.[3][5] Dort verhafteten kurdische Sicherheitskräfte Ali B. am frühen Morgen des 8. Juni 2018. Am 9. Juni 2018 wurde er vom Flughafen Erbil aus unter Begleitung von Dieter Romann, dem Präsidenten des Bundespolizeipräsidiums, und Beamten der Bundespolizei nach Frankfurt zurückgeflogen und anschließend nach Wiesbaden überführt.[6]

Nach Angaben des Polizeichefs der Stadt Dohuk hat der Verdächtige ausgesagt, Sex von Susanna F. gefordert und sie wenig später erwürgt zu haben. Bei der Vernehmung in Deutschland gestand er die Tötung und bestritt die Vergewaltigung.[7] Ein Rechtsanwalt erstattete Strafanzeige gegen Bundespolizei-Chef Romann. Seiner Ansicht nach könnte Romann sich bei der Rückführung des Tatverdächtigen einer Freiheitsberaubung schuldig gemacht haben. Das Bundesinnenministerium stellte hingegen klar, dass der Tatverdächtige nach Deutschland abgeschoben und nicht ausgeliefert wurde.[8]

Tatverdächtiger

Beim Tatverdächtigen handelt es sich um einen 20-jährigen irakischen Staatsbürger, der sich gegenüber deutschen Behörden Ali B. nannte und der im Oktober 2015 als Teil einer zehnköpfigen Familie nach Deutschland einreiste.

Nach wahrheitswidrigen[9] Angaben reiste die Familie ohne Ausweisdokumente nach Deutschland ein und machte gegenüber den Behörden unvollständige Angaben zu den Namen;[10] Ali B.s vollständiger Name lautet Ali Bashar Ahmad Z. Bei seiner Altersangabe gegenüber den Behörden – Geburtsdatum 3.11.1997 statt 11.3.1997 – könne es sich nach Angaben der Staatsanwältin schlicht um einen Zahlendreher bei der Datenaufnahme aus der international häufig verwendeten Form 11/3/1997[11] handeln.[12] Tatsächlich wäre er zur Tatzeit bereits 21 Jahre alt gewesen und damit voll strafmündig.[13]

Die Familie stellte im September 2016 einen Asylantrag, der im Dezember 2016 für die Eltern und sieben ihrer Kinder, darunter Ali B., abgelehnt wurde. Gegen die Ablehnungen reichte die Familie im Januar 2017 Klage ein, über die das Verwaltungsgericht Wiesbaden bis zur Tat noch nicht entschieden hatte.

Reaktionen

Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, der Fall sei eine Aufforderung an alle, Integration ernst zu nehmen und für gemeinsame Werte einzustehen: „Wir können nur zusammenleben, wenn wir uns gemeinsam an unsere Gesetze halten“.[14] Bundesinnenminister Horst Seehofer sagte, ihm sei es mit Blick auf den Tatverdächtigen wichtig, dass sich aufgrund der internationalen Zusammenarbeit kein Krimineller – „egal an welcher Stelle der Welt“ – sicher fühlen könne.[15] Während einer Debatte zur Geschäftsordnung erhoben sich die Mitglieder der AfD-Bundestagsfraktion unter Leitung ihres Redners Thomas Seitz und legten eine Schweigeminute zum Gedenken ein. Von Politikern der anderen Fraktionen wurde der AfD daraufhin eine politische Instrumentalisierung der Tat wie auch des Opfers vorgeworfen.[16]

Der Fall, über den auch in ausländischen Medien berichtet wurde, hat die seit 2015 geführte politische Diskussion über die Flüchtlingspolitik der deutschen Bundesregierung und die Frage nach der Kriminalitätsrate unter Zuwanderern befeuert. Die anhängige Bremer BAMF-Affäre wurde in einen Kontext mit der Tötung von Susanna F. gebracht.[17]

Literatur

Einzelnachweise

  1. http://www.news.de/panorama/855698707/susanna-maria-f-14-vergewaltigt-ermordet-in-wiesbaden-14-jaehrige-beerdigt-verdaechtiger-ali-bashar-aelter-als-angenommen/1/
  2. Die Details des Unfassbaren im Fall Susanna: Der getürmte Ali B. hatte oft Ärger mit der Polizei. In: Allgemeine Zeitung (Mainz). 7. Juni 2018, abgerufen am 10. Juni 2018.
  3. a b Jean-Pierre Ziegler, Matthias Bartsch, Arno Frank: „Barzahlung, one way“. In: Spiegel Online. 7. Juni 2018, abgerufen am 8. Juni 2018.
  4. Die Welt, Tatverdächtiger im Fall Susanna ist bereits 21 Jahre alt, 12.06.2018
  5. Wolfgang Degen: Verwirrspiel mit krimineller Energie: Verschwinden des Irakers Ali B. im Fall Susanna wirft Fragen auf. In: Echo-Online. 8. Juni 2018, abgerufen am 9. Juni 2018.
  6. Ewald Hetrodt: Ali B. ist zurück in Deutschland. In: FAZ.net. 10. Juni 2018, abgerufen am 10. Juni 2018.
  7. Ali Bashar gesteht Tötung, bestreitet Vergewaltigung. In: faz.net. Abgerufen am 10. Juni 2018.
  8. FAZ.net, 12. Juni 2018
  9. ... Dazu legten sie, wie ein hochrangiger Mitarbeiter der irakischen Botschaft in Berlin gegenüber WELT bestätigte, „sowohl irakische, als auch deutsche Identitätsnachweise vor“.
  10. Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden geht nicht davon aus, dass Susannas mutmaßlicher Mörder Ali B. bei seinem Asylantrag bewusst seine Identität verschleiert hat. Aus den im irakischen Konsulat vorliegenden Papieren gehe hervor, dass sein Name vier Bestandteile habe, erläuterte Oberstaatsanwältin Christina Gräf am Dienstag in Wiesbaden. Bei den Behörden in Deutschland habe Ali B. davon dann zwei Bestandteile angegeben: Seinen Vornamen und den Namen seines Vaters. "Das spricht nicht dafür, dass bewusst falsche Personaldaten angegeben wurden"
  11. Photo
  12. Auch bei der Verwirrung um sein Alter könne es sich um ein Missverständnis gehandelt haben. Auf den irakischen Dokumenten sei der 11.3.1997 als Geburtsdatum vermerkt, bei der Übertragung ins Deutsche sei auf dem Asylantrag dann der 3.11.1997 daraus geworden. Es könne sich also schlicht um einen Zahlendreher handeln, so die Staatsanwältin. Denn ein nur wenige Monate jüngeres Alter habe Ali B. zum damaligen Zeitpunkt keine Vorteile gebracht.
  13. Die Welt, Tatverdächtiger im Fall Susanna ist bereits 21 Jahre alt, 12.06.2018
  14. Kanzlerin zum Mordfall Susanna: „Das unfassbare Leid bewegt jeden und erfasst auch mich“. In: Spiegel Online. 9. Juni 2018, abgerufen am 10. Juni 2018.
  15. Markus Decker, Jan Schumann: Mordfall Susanna: Fragen und Forderungen. In: Frankfurter Rundschau. 8. Juni 2018, abgerufen am 10. Juni 2018.
  16. AfD schweigt wegen Fall Susanna im Bundestag. www.stern.de, 8. Juni 2018
  17. A Girl’s Killing Shakes Germany’s Migration Debate. In: The New York Times. 8. Juni 2018, abgerufen am 10. Juni 2018.